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Hauptschlagader des Systems, wo Geld auf magische Weise transformiert wird: City of London © cc-by-sa-3 Diego Delso

«Kleptopia» entblösst globalen Finanzdschungel

Markus Mugglin /  Ein packend erzähltes Recherchebuch zeigt die globale Macht schmutzigen Geldes. Mittendrin: Eine Schweizer Bank.

Das Ende des Kalten Krieges brachte bekanntlich nicht das Ende der Geschichte, das der US-amerikanische Erfolgsautor Francis Fukuyama der Welt verheissen hatte. Doch es brachte hervor, was der britische Journalist der Financial Times und Erfolgsautor Tom Burgis in seinem neu auf Deutsch erschienenen Buch «Kleptopia» nennt. Denn: «Das Ende des Kalten Krieges hatte beispiellose Möglichkeiten geschaffen, sich in den Besitz des Vermögens ganzer Länder zu bringen. Von Budapest bis Beijing, von Almaty bis Abuja gab es in den 1990er Jahren einen heftigen Konkurrenzkampf hierum. Die nächste Aufgabe bestand dann darin, diesen gestohlenen Reichtum im Westen in Sicherheit zu bringen.»

Drehscheibe City of London

Das ist auch passiert. Die zu Geld gemachten Reichtümer wurden über den Gang an die Londoner Börse in den Westen exportiert – in das Finanzzentrum, das als grosse globale Drehscheibe funktioniert. Die City ist für Burgis die Hauptschlagader des Systems, wo mehr Geld als irgendwo sonst auf magische Weise transformiert und gewaschen wird. Mit schmutzigem Geld von korrupten Mächten könne dort alles gekauft werden – Lobbyisten, Häuser und auch die Beraterdienste des früheren Staatsmannes Tony Blair. Und über London hinaus sind mit dabei die vielen zumeist kleinen Offshore-Zentren unweit und fern von London.

Damit verbunden sieht Burgis den zweiten Zweck von Kleptopia: «Der Prozess, durch den man Macht in Geld verwandelt hatte, sollte nun Geld wieder in Macht verwandeln», wodurch eine weltweite Kleptokratie entstanden sei.

Weltweit und zugleich prominent besetzt ist die Gilde der Kleptokraten, die der Erfolgsautor Burgis im Polit-Thriller auftreten lässt: Donald Trump zählt er ebenso dazu wie auch Vladimir Putin und Xi Jinping – wenn auch meist über namentlich bekannte und weniger bekannte Mittelsmänner vertreten. Neben dem früheren britischen Premier Tony Blair auch den früheren französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, oder in Afrika den früheren zimbabwischen Langzeit-Herrscher Robert Mugabe und Joseph Kabila, den früheren Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo und viele andere weniger bekannte Personen, die es für das Funktionieren der Geldmaschinerie braucht.

Im Zentrum der aufwändigen und bis in letzte Details akribisch durchgeführten «Kleptopia»-Recherche(*) steht der Langzeitherrscher Kasachstans, Nursultan Nasarbajew. Er trat zwar 2019 nach fast 30 Jahren als Präsident des Landes ab. Als Vorsitzender der Partei Nur Otan, Chef des Sicherheitsrats und «Führer der Nation» hält er aber weiterhin die Fäden der Macht in seinen Händen.

Anhand des kasachischen Rohstoffkonzerns ENRC schildert Burgis, wie das funktioniert. Die Chefs des Konzerns sind ein dubioses Trio von Nasarbajews Gnaden. Aus der Hauptstadt Nur-Sultan ging ihr Unternehmen 2008 an die Londoner Börse. Dadurch ist ihr Geld plötzlich sauber und beginnt zu arbeiten. Von London aus fliesst es in Steueroasen und auch in Immobilien in den USA oder für Geschäfte im Zusammenhang mit Wahlen nach Zimbabwe. Und damit das funktioniert, müssen immer wieder mal Leute aus dem Weg geschafft werden – wie ehemalige Parteigänger, die sich politisch absetzen und deshalb verfolgt, bedroht oder gefangen genommen werden.

Mit dabei: Die Banca della Svizzera Italiana BSI

Über die Banca della Svizzera Italiana BSI spielt auch die Schweiz eine unrühmlich prominente Rolle. Bei ihr arbeitete ein gewisser Nigel Wilkins. Er war Chef der Compliance, sollte also darauf achten, dass alles ordnungsgemäss abgewickelt wird.  Später war er Mitarbeiter der Finanzaufsichtsbehörde der City of London. Nigel Wilkins ist der Held der Geschichte. Er wollte die Banken zwingen, sich an die Regeln zu halten, wurde aber daran gehindert das zu tun. Er wurde gefeuert statt gefeiert, weil er als «unfähig zum erforderlichen Respekt für die Vertraulichkeit von Informationen» angesehen wurde. Doch Wilkins hatte der BSI tausend Seiten Dokumente mit Korrespondenz, Verträgen und Kundenlisten entrissen, die den Stoff lieferten für die Geschichte, welche die Wirklichkeit als verrückter als jede Fiktion erscheinen lässt.

«Wie so viele der Abermilliarden Dollar, die die Banker der BSI im Lauf von 144 Jahren transferiert hatten, verschwand am Ende auch die Bank selbst.» Sie wurde ertappt, dass sie Amerikanern bei der Steuerhinterziehung geholfen hatte, dann dabei, wie sie Malaysiern geholfen hatte, die Staatskasse ihres Landes zu plündern.»

Das sei selbst den Schweizer Aufsichtsbehörden zu viel gewesen, kommentiert Burgis. Sie verfügte den Verkauf der Bank an die Privatbankengruppe EFG unter der Bedingung, dass die BSI in ihr aufging und ihr Name gelöscht wird. Doch das war erst neun Jahre später, nachdem ihr Compliance Chef Wilkins die Behörden der City of London über das Treiben der BSI-Banker ins Bild gesetzt hatte. Also verging ausreichend Zeit – so Burgis – um geheime Gelder andernorts verschwinden zu lassen.

So unbezwingbar, wie Burgis in «Kleptopia» die neue Macht der Kleptokraten erscheinen lässt, will er sie trotzdem nicht verstehen. Er setzt und hofft auf Ehrlichkeit, Transparenz, Aufdecken. Das mag illusorisch klingen. Immerhin gibt es die Papers zu «Pandora», «Panama», «Paradise» und Leaks zu den Bahamas und zu Luxemburg, die weltweit Schlagzeilen machten. Die Verschleierung und Vernebelung von Steuerhinterziehung, Geldwäscherei, Korruption, Gewinnverschiebungen in Steueroasen wird aufgedeckt – und zeitigt Folgen. Staatschefs wurden belangt und zu Fall gebracht. Ermittlungen erbrachten beträchtliche Steuern und Strafzahlungen. Und wie der Tagesanzeiger (12.11.2021) unter dem Titel «Folgen der Finanz-Datenlecks» soeben berichtet hat, nahmen in der Schweiz die Geldwäscherei-Verdachtsmeldungen seither sprunghaft zu und führten zu einer Vervielfachung den Strafverfahren.

(*) Zur Recherche schreibt der Autor im Eingangs-Kapitel «Eine Anmerkung zur Wahrheit»: «Allen hier vorkommenden Personen wurde vor der Veröffentlichung dieses Buches die Möglichkeit gegeben, die in ihm dargelegten Fakten zu überprüfen.» Nicht wenige antworteten nicht oder behaupteten, die Darstellung enthalte Irrtümer, allerdings ohne zu sagen, was nicht zutreffe. Wer wie reagiert oder nicht reagiert hat, ist im mehr als 70 Seiten langen Kapitel «Anmerkungen» nachzulesen.  

Tom Burgis: Kleptopia. Wie Geheimdienste, Banken und Konzerne mit schmutzigem Geld die Welt erobern, Westend-Verlag, 441 Seiten, CHF 31.90


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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7 Meinungen

  • am 16.11.2021 um 11:41 Uhr
    Permalink

    Ich habe dieses Buch auch gelesen.
    Es macht einem wütend.
    Besonders wenn man weiss, dass die Schweiz einer der grössten Handelspartner zur Kleptokratie Kasachstan ist. Wobei Kasachstan eigentlich «Nursultan Nasarbajevstan» heissen sollte. Zu dieser Erkenntnis kommt man zumindest, wenn man das Buch gelesen hat, denn Nusarbajev ist der Mann im Hintergrund, der den Staat besitzt. Sozusagen der Eigentümer.
    https://www.economiesuisse.ch/de/artikel/handelsbeziehungen-mit-kasachstan-vertieft
    Dieses Buch ist äusserst empfehlenswert.

    0
    • am 16.11.2021 um 22:27 Uhr
      Permalink

      Zu beachten ist ferner, dass ganz Europa für einige Jahrzehnte von kasachischem Erdgas abhängig sein wird.

      0
  • am 16.11.2021 um 13:08 Uhr
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    Vielleicht spricht hier mein Pessimismus, aber zu glauben das ein paar zusätzliche Strafverfahren und Leaks ernsthaft was ändern klingt ein bisschen naiv. Ich will damit nicht sagen dass man es nicht versuchen sollte oder zumindest einen Scheinwerfer darauf richten, aber dieses System lässt immer mal wieder jemanden über die Klippe springen, ab und zu auch «mittleres Management», um den Raubzug an der Bevölkerung am laufen zu halten.

    0
  • am 16.11.2021 um 16:05 Uhr
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    Wenn ich das lese stelle ich fest: Nie und nimmer nur die geringste Chance dass sich etwas ändert. Es ändert erst wenn die Menschheit auf diesem Planeten verschwunden ist. Das würde nichts machen.Hoffnung: Fauna und Flora überleben.

    0
  • am 17.11.2021 um 04:12 Uhr
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    Ich bin gegen Ende des 2. Weltkrieges zur Welt gekommen und habe nach Zeiten der Restriktionen und Rationierungen den euphorischen Aufschwung des «Deutschen Wirtschaftswunders» und des Kapitalismus erlebt. Auf Geheiss meines Vaters musste ich eine Banklehre durchlaufen, gegen meinen Wunsch und Willen. Dabei habe ich die Erkenntnis gewonnen, wie Banken sich mit dem Kapital ihrer Kunden bereichern, sie täuschen und ausnutzen. Da wurde mir klar, welche negativen, ja gerade lebensfeindlichen Systeme der Bereicherung und des grenzenlos geglaubten Wachstums der Finanzwelt zu Grunde liegen. Die Natur hat seit Millionen von Jahren Wege gefunden, sich ein Weiter- und Überleben zu sichern. Die Finanzwirtschaft tut genau das Gegenteil. Sie schaffte es, in nur hundert Jahren alle Grundlagen von Leben und Überleben bis hin zum Kollaps auszubeuten und zu zerstören. Finanzieller Profit wird über das Leben und das Überleben gestellt. Das ist doch einfach krank. Dass wir ausschliesslich von «derart erkrankten» Menschen der Wirtschaft, der Politik und der Religion geführt, geleitet, gezwungen werden, unser Leben nach ihrer abartigen Doktrin zu leben, darin sehe ich die grösste Gefahr für ein menschenwürdiges Leben. Ich träume von einer «Palastrevolution», wo dieses destruktive Diktat mit sozialen Aufständen niedergerungen wird. Wenn ich die Zeichen der Zeit analysiere, steuert unsere Zivilgesellschaft auf dieses Ziel hin. Ich würde mich freuen, diesen Umschwung noch erleben zu dürfen.

    1
    • am 17.11.2021 um 21:39 Uhr
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      @Felix von Wartburg
      Ich verstehe ihren Frust FvW. Jetzt wollen Sie die Revolution. Die will ich nicht.
      In der Schweiz sind wir gesegnet mit Vollbeschäftigung und vergleichsweise hohem Lebensstandard.
      Nirgends auf der Welt gibt es das.
      Kritik äussern ist gut – sogar notwendig. Und in der CH können wir das, ohne Angst eingelocht zu werden.
      Nun kommen Sie und rufen nach Revolution.
      Doch ein recht jugendlicher Gedanke für einen, der gegen die 80 zugeht, finde ich.
      Und danach?
      Wie stellen Sie sich das Danach vor, wenn die Revolution vorüber ist?
      Was wollen Sie dann verändern?
      Sagen Sie es mir, ich bin gespannt.
      (Sie lesen den Text eines 80-jährigen.)

      2
  • am 20.11.2021 um 05:34 Uhr
    Permalink

    Herr Wartburg, leider haben Sie das Geldsystem nicht begriffen! Die Liquidität für die Wirtschaft schöpfen die Geschäftsbanken, teilweise auch im Auftrage der Zentralbank (Eigengeschäfte als Pseudoliquidität für die Geschäftsbanken). Die Treuhandfunktion Geldschöpfung mit Verzinsung und Delkredererisiko über Wirtschaftsunternehmen (Bankensystem) ist ein vom Gesetzgeber legalisierter Fehler. Die Geldschöpfung ist mit dem Buchungssatz: Schuld/Investition an Leistungserbringung (Liquidität für den Leistungsaustausch) abgeschlossen, die Banken können entgegen der falschen Lehrmeinung der klassischen Ökonomie (wird heute noch gelehrt und geglaubt) (Zahler Dogma) kein Kundengeld verwenden! Würden die Menschen das Geldsystem begreifen und sich demnach nicht als Zahler wähnen, wir hätten zeitnah, eine Rebellion!

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