Erntehelfer_Unterkunft

Mehrere Angestellte müssen sich ein Zimmer teilen. Der Vermieter kassiert dafür von jedem über 300 Franken im Monat. © RTS

Schockierende Arbeitsbedingungen in Schweizer Bauernbetrieben

Gabriel Tejedor, Linda Bourget, RTS /  Mieser Lohn, schäbige, überteuerte Unterkünfte: Ausländische Erntehelfer arbeiten in der Schweiz oft unter miserablen Bedingungen.

Sie sind ein unsichtbares, aber wichtiges Glied in der Schweizer Landwirtschaft: die ausländischen Arbeitskräfte, die oft von weit her kommen, um in der Hochsaison auf den Feldern und in den Obstplantagen zu arbeiten. Ihre Arbeitsbedingungen sind zum Teil schockierend.

«Es gibt Chefs, die zahlen 12 Franken pro Stunde, andere 13, 14 oder 15», erzählt ein Arbeiter, der aus Guinea-Bissau ins Wallis gekommen ist, anonym in der Sendung A Bon Entendeur des französischsprachigen Schweizer Radios und Fernsehens (RTS). «Es gibt viele Chefs, die weniger als 14 Franken pro Stunde zahlen.»

Mehrere dieser Arbeiter:innen berichten, dass sie 2500 Franken im Monat verdienen, bei einer Arbeitszeit von rund 50 Stunden pro Woche. «Manchmal müssen sie 14 Stunden am Stück arbeiten, und dann kann es sein, dass sie an einem Regentag ohne Arbeit sind und somit keinen Lohn erhalten», sagt Manuel Leite, ein ehemaliger Gewerkschafter, der sich für diese besonders vulnerable Bevölkerungsgruppe einsetzt.

«Im Allgemeinen sind unsere Arbeitsbedingungen in der Schweiz viel besser als das, was man hört», entgegnet hingegen Jimmy Mariéthoz, Direktor des Schweizer Obstverbands.

Der Schweizerische Bauernverband empfiehlt für diese Kategorie von Arbeiter:innen einen Monatslohn von 3320 Franken. Mariéthoz meint daher: «Die Arbeitsbedingungen sind relativ gut, vor allem was die Löhne angeht, verglichen mit dem, was sie für die gleiche Arbeit in ihrem Land verdienen würden.»

Laut Mariéthoz gibt es keine Rechtfertigung für diejenigen, die diese Mindestlöhne nicht zahlen können.

Grosse Unterschiede zwischen den Kantonen

Der Stundenlohn von Arbeiter:innen in der Landwirtschaft variiert stark von einem Kanton zum anderen. Im Wallis legt der Normalarbeitsvertrag den Lohn pro Arbeitsstunde für ungelernte und unerfahrene Arbeitskräfte auf 13,90 Franken brutto fest. Wenn beide Parteien damit einverstanden sind, ist es jedoch legal, die Arbeit niedriger zu entlöhnen.

In der Westschweiz ist der Stundensatz in Genf mit 17,10 Franken pro Stunde am höchsten. Dieses Niveau liegt jedoch weit unter dem Mindestlohn, der in diesem Kanton für alle anderen Branchen gilt und 23,27 Franken pro Stunde beträgt.

Prekäre Wohnsituation

Zu den niedrigen Löhnen kommt hinzu, dass die ausländischen Arbeitskräfte oft in schäbigen und teuren Unterkünften hausen müssen. Der Arbeiter Aurélien Rolaz erzählt, dass er in Gilly, oberhalb von Rolle (VD), 330 Franken pro Monat für ein Bett in einem Zimmer mit vier weiteren Betten und einer Gemeinschaftsküche bezahlt. Der Winzer, für den er arbeitet, findet hingegen, dass seine Arbeitskräfte gut untergebracht sind.

In der Tat ist die Situation in vielen Fällen noch schlimmer. «Ich zahle 400 Franken für ein Baustellenbett in einem Zimmer, das ich mit einem anderen teile», erzählt ein Saisonarbeiter, der im Wallis tätig ist.

«Auch die Wohnsituation ist prekär», bestätigt Manuel Leite. Jeder bezahle praktisch den Preis für das ganze Zimmer, auch wenn mehrere Personen darin lebten. «Der Vermieter kassiert also drei- bis viermal mehr Miete, als er sollte.»

Grosse Detailhändler tragen Mitverantwortung

Konfrontiert mit den Vorwürfen, weist der Walliser Staatsrat Christophe Darbellay die Verantwortung den grossen Einzelhandelsketten zu. Diese würden die Preise zu stark drücken. «Es ist klar, dass uns das als Menschen und vor allem als Konsumierende beschäftigen muss», so der Vorsteher des Wirtschaftsdepartements.

Es gebe eine starke Konkurrenz durch niedrige Preise im Ausland. «Dazu kommt, dass die Grossverteiler bei Früchten und Gemüse praktisch zwei Drittel der Marge selbst einstreichen.» Dafür, dass sie lediglich die Waren für den Verkauf in eine Auslage stellten, sei das sehr gut bezahlt.

Dieser Beitrag ist zuerst auf Swissinfo.ch erschienen.

Adaptiert aus dem Französischen: Sibilla Bondolfi


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Kuh

Landwirtschaft

Massentierhaltung? Bio? Gentechnisch? Zu teuer? Verarbeitende Industrie? Verbände? Lobbys?

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10 Meinungen

  • am 18.09.2022 um 11:29 Uhr
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    Gerne auch einmal ein Bericht über die prekären Arbeitsbedingungen im Grosseventbereich, da sieht es ähnlich aus.
    Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung

    0
  • am 18.09.2022 um 13:25 Uhr
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    «Unsere» übrig gebliebenen 30% Bauern, seit 1945, können nicht noch mehr bezahlen. Bekommen diese nämlich nur 5 Milliarden Subventionen jedes Jahr, von der arbeitenden Bevölkerung…
    Auch um wieder einen neuen Traktor – wie der Nebenbauer – zu bestellen, brauchen sie das wenige Geld, das ihnen zur Verfügung steht. Deren Diesel-Personenwagen müssen gelegentlich ins neueste Modell umgetauscht werden…
    Nachdem das Reservoir der Verdingkinder und der Fremdarbeiter versiegte, wir aber keine Farbigen zur Hand haben, müssen halt die Flüchtlinge sich als Sklaven verdingen…

    1
  • am 18.09.2022 um 14:35 Uhr
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    Na und? Die Schweiz hat auch die Konzernverantwortungsinitiative abgelehnt. Was interessieren uns andere, solange es uns gut geht und wir auf hohem Niveau klagen können! Einfach nur traurig!

    1
    • am 20.09.2022 um 11:36 Uhr
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      Wenn man im Grossverteiler Fr. 1.00 für einen Salat bezahlt, der gepflanzt, gehegt und geerntet werden muss. Was für ein Lohn liegt drinn? Liebe Konsumenten rechnet doch mal selbst !!!

      0
  • am 18.09.2022 um 21:33 Uhr
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    Schlimm, aber immer noch rosig verglichen mit den Bedingungen die in der gesegneten EU für Saisonarbeitskräfte herrschen. Da ist die Ausbeutung von rechtlosen, illegalen Migranten an der Tagesordnung. Ganze Regionen leben von Obst- und Gemüsemonokulturen, bei denen die Margen so gering sind, dass selbst Migranten eigentlich noch zu teuer sind, von der von späteren Generationen zu beseitigenden Umweltverschmutzung und horrenden Wasserverschwendung mal ganz zu schweigen. Obst- und Gemüseexport aus Portugal, Spanien, Italien oder Holland ist eigentlich nur Wasserexport. Schließlich besteht so eine Frucht hauptsächlich aus Wasser. Bewerkstelligt mit Dumpinglöhnen, Raubbau, Umweltzerstörung, Grundwasserabsenkung usw. Nur damit wir was Frisches auf dem Teller haben und irgendwo einer Geld verdient.

    0
  • am 19.09.2022 um 08:48 Uhr
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    Für mich wäre sehr wichtig zu wissen, welchen Stundenlohn der Bauer selber hat, von dem wir sprechen. Das vergleichend zu dem, was er zahlt. Nur dann kann ich mir wirklich ein Bild darüber machen, wovon wir hier sprechen und was zu tun wäre.

    3
    • am 19.09.2022 um 21:20 Uhr
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      Haben Sie schon einen Bauern getroffen, der im Stundenlohn arbeitet? Höchstens wenn er einen neuen Traktor für 150’000 Franken bestellt…!

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    • am 21.09.2022 um 02:06 Uhr
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      Die Monster Traktoren sind überall. Transportieren Lkw mässig aber ohne LSVA. Clever die Bauern eben

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  • am 19.09.2022 um 16:04 Uhr
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    Da Frage ich mich schon, wo sind die Kontrollen in unserem Lobbystaat,Kantone hin oder her..Es sieht so aus, dass der Arbeiter von Allen abgezockt wird und kontrolliert bis er im Sarg liegt. Was sich unsere Bauern erlaube können,geht schon lange auf keine Kuhhaut mehr! Und wir sollen glauben, dass diejenigen ihre Tiere gut behandeln, welche schon mit Angestellten so umgehen? Aber es es heisst ja, ist der Ruf mal ruiniert,dann lebt es sich ganz ungeniert!

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  • am 20.09.2022 um 13:56 Uhr
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    Viele Bauern können auch nicht mehr als 2500 Fr. pro Monat für sich selber aus dem Betrieb nehmen. (Ich habe Einsicht in viele Buchhaltungen von Bauern!) Lebensmittel haben keinen Wert ausser sie stehen verarbeitet im Lebensmittelregal. Die ausbezahlten Preise an die Bauern für die Rohstoffe müssen sich verdoppeln ansonsten werden solche miserablen Bedingungen noch viel mehr zu sehen sein.
    Die Bauern können auch nichts dafür, dass die Grosshändler nichts bezahlen für die Rohwaren und zusätzlich die Politiker in Bern, mit der katastrophalen Agrarpolitik die Landwirtschaft an die Wand fahren.

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