Laur mit Cover

Die Autorin Franziska Laur schildert den Niedergang einer Schweizer Familiendynastie. © Dominik Plüss/Zytglogge

Geprägt für Generationen

Hans Steiger /  Ein facettenreiches Familien- und Zeitbild: erst aus Distanz, dann von ganz nah. Wer als Laur geboren wurde, war gezeichnet.

Vorab ist das spannende Buch von Franziska Laur die eindrückliche Geschichte einer Grossfamilie. Über mehrere Generationen hinweg dominierte ein Mann mit Macht sein privates Umfeld. Frauen spielten meist mit, Nachkommen entkamen dem Schatten nicht schadlos. Zugleich illustrieren die hier verknüpften (Über-)Lebensberichte mit vielen exemplarischen Episoden ein Jahrhundert schweizerischer Agrar-, Regional- und Landesgeschichte.

Fassade, Hinter- und Abgründe

Laur? Wer prägnante Figuren aus früheren Phasen der Schweizergeschichte im Hinterkopf hat, wird an Ernst Laur denken, der 1918 als «Bauerngeneral» gegen die Streikenden in den Städten hetzte. Wer die Aufbrüche von 1968 in Basel miterlebte, erinnert sich vielleicht an Andres und Christian Laur, die sich dort in Kämpfen um ein Jugendzentrum exponierten. Sie markieren die Maximaldistanz zum Urgrossvater.

Die in der Nordwestschweiz als Lokaljournalistin bekannte Franziska Laur stellt diese Brüder, von denen einer – nicht untypisch – in eine am Ende tödliche Drogenabhängigkeit geriet, mit viel Empathie vor. Aber im Zentrum steht Arnold, ihr Vater, der als ein ewiger «Grübler» bereits ziemlich weit weg vom ideologisch-martialisch auftretenden «General» war, wie sich der Direktor des Schweizerischen Bauernverbandes gern nennen liess. Für den Enkel war Buchhändler der passende Beruf, doch er blieb auch dort ohne Fortüne; sein ganzes Leben war ein Existenzkampf. Beim ersten Auftritt im Buch erscheint er als Kind in einem historischen Moment: Er ist dabei, als sein Vater an einem nebligen Tag im September zum Grenzschutz einrückt, 1939, «stramm neben der Mutter, die unglücklich aussah». Natürlich sei dabei «wieder so ein Heldensatz» gefallen, wie sich das für einen Laur gehörte: «Für unsere Schweiz fürchten wir vorläufig nichts und wenn es doch sein sollte, dann werden wir sterben, aber nicht die Schweiz.»

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Die Familie Laur in Effingen nach dem Krieg

Der klein gewachsene, aber mit seinem Rauschebart und Professorentitel «grosse» Laur hatte das Land noch vorab gegen Feinde im Inneren, die in den Städten herumpöbelnden Sozialisten, verteidigt. «Überhaupt ist alles unbäuerliche Wesen abzulehnen. Wir sollten die guten Eigenschaften und Sitten des Bauers entwickeln und veredeln», verkündete der über alle Generationen als «Papa» bezeichnete Ideologe in einer seiner flammenden Reden. Er kam damit den künftigen braunen Machthabern in Deutschland sehr nah. Der wegen Rauschgifthandel in Haft geratene Urenkel entnimmt 1979 dem «Spiegel», dass sich der familienintern verehrte Ahne auch auf einer Landwirtschaftsausstellung der deutschen Faschisten zuhause gefühlt hatte. «Als ich die Massen an Bauern so hereinstürmen sah, da sagte ich mir: Das ist Blut von unserem Blute!» So das dort kolportierte Laur-Zitat. Dem ausgescherten Familienspross war angesichts derart rassistischer Töne noch «der letzte Knastbruder hier drin» lieber.

Doch auch Abgründe im Privaten werden durch Blicke hinter die Fassaden mehr oder weniger nobler Häuser in Effingen, Brugg und Basel sichtbar. Ein unehelicher Sohn des Patriarchen zum Beispiel, von dem natürlich nichts bekannt werden sollte, wählte unter dramatischen Umständen den Ausweg nach Amerika; eine Laur-Tochter ist ihm gefolgt. Die detailreichen Berichte zeigen, wie Herr-Knecht-Verhältnisse funktionierten, wie der Umgang von Bäuerinnen mit Mägden war oder im dörflichen Umfeld auf Gutsherrenart protzig ländliche Familienfeste arrangiert wurden. Das ist zuweilen liebevoll ironisch, oft aber mit bissiger Schärfe geschildert. Ausgeblendet bleibt allerdings, dass neben der in Krisenzeiten privilegierten Grosslandwirtschaft ärmere Zweige existierten und es sogar Ansätze für politische Allianzen mit der Arbeiterbewegung gab. Männer wie Laur waren dagegen ideale Partner des urbanen Bürgertums.

O-Töne aus reichlichen Quellen

Kurz kommen ökologisch orientierte Alternativen in Sicht. Bircher-Benner etwa mit seinem Sanatorium in Zürich, oder Mina Hofstetter, die sich am Greifensee mit einem Bauern aus dem Laur-Umfeld der Biolandwirtschaft zugewandt hatte, mit Akzent auf Feld und Garten. «Macht dein Bruder immer noch dieses versponnene Zeugs», wurde die Verwandte beim Familientreffen gefragt. Als sie diesen in Schutz nahm, polterte Papa: «Erzähl Du mir nichts von Landwirtschaft, Mädchen. Die Tierhaltung ist die Seele des Bauernbetriebs.» Wer sie kritisiere, stelle das Ganze in Frage. Selbst die offizielle Agrarpolitik im Zweiten Weltkrieg verfolgte der Bauernpolitiker misstrauisch. Und wieder finden sich durchaus aktuelle Elemente. Der sogenannte «Plan Wahlen» propagierte damals eine eigentliche Anbauschlacht: Gemüse und Kartoffeln auch auf dazu nutzbaren Plätzen in Städten, auf dem flachen Land weniger Kühe, dafür mehr Getreide für die Menschen. Papa machte zwar «ein nettes Gesicht, wenn die Herren Agrarspezialisten in Effingen aufkreuzten», hinterher tönte es aber anders. Im letzten Krieg hätte sich die Politik nicht eingemischt, Bauern hatten das Sagen und «nicht schlecht verdient dabei». Eher verwunderlich fand Enkel Arnold beim Grübeln über solche Zusammenhänge, dass sein Grossvater für den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund war, obwohl er gelegentlich erklärte, «der Krieg schule die Menschen». Die «mächtige Friedensgöttin» in Genf sollte allerdings «weitleuchtend auf goldenem Stirnbande» das Schweizerkreuz tragen.

Bei alledem verwundern anfänglich die vielen, offenbar authentischen Zitate. Oft sind längere Passagen kursiv gedruckt, werden Quellen genannt. Aber nicht immer. Einem ersten Hinweis auf das Buch entnahm ich, dass die Autorin fast lebenslang Material für dieses Werk gesammelt habe und es nach der Pensionierung in einem halben Jahr fertigstellte. Immerhin fast vierhundert Seiten! Flüchtig gemacht wirkt es nicht. Mit der Zeit wird deutlich, wie üppig der Fundus war, aus dem sie im ersten Teil ihrer schonungslosen Chronik zum «Niedergang einer Schweizer Familiendynastie» schöpfen konnte. Der nach seinem berühmten Vater bekannteste Laur, der 1898 geborene Rudolf, war Archäologe von Beruf und hielt akribisch fest, was im und rund um ihr Stammhaus geschah. Zudem liegt über und von Ernst Laur selbst viel Schriftliches vor. Kreuz und quer geschriebene Briefe erhellen gelegentlich Schattenseiten. Die ideale Voraussetzung für ein farbiges Zeitbild.

Später tritt Franziska Laur als Ich-Erzählerin ins davor distanziert geschilderte Geschehen. Sehr persönlich, sehr offenherzig, ohne Peinlichkeiten fügt sie Elemente der eigenen, ab Geburt schwierigen Überlebensgeschichte ein. Sie zeigt ihren Vater als einen zwischen konträre Welten geratenen, nie festen Grund findenden Mann; ohne ihre Mutter wäre er untergegangen. Über die rebellischen Brüder schreibt sie voll Verständnis, obwohl ihr an deren Lebensart spürbar einiges fremd blieb. Bei der Abdankung des früh verstorbenen Andi besetzte die Familie den rechten Flügel der Kirche, dessen Freunde den linken, und als der Pfarrer die Trauerrede hielt, liessen letztere den Song von «Ton Steine Scherben» scheppern: «Macht kaputt, was euch kaputt macht …» Zudem stellten sie demonstrativ ein Bild vor die Blumengebinde. Da stand die über 80-jährige Grossmutter auf, ging mit ihrem Krückstock nach vorn und rückte es zur Seite. «Dann setzte sie sich wieder, aufrecht würdevoll.»

Frauenrollen subtil beschrieben

Ja, auch die Rollen starker, aber ins männerdominierte Umfeld eingepasster Frauen sind gut herausgearbeitet. Für den Zusammenhalt der gefeierten und gern gigantisch feiernden Grossfamilie waren sie die tragenden Kräfte. Und bei der Generation, die ausscherte, war anfangs einiges ähnlich. Mit ihren langen Haaren wirkten die jungen Männer zwar anders; Freundinnen kamen und gingen. Mit klirrenden Armbändern, batikbedruckten Röcken, oft «von zartem durchscheinendem Aussehen». Aber da war auch Ruth, die mit rauchiger Stimme schimpfte, in der Bewegung hätten wie überall Männer das Sagen. «Was stimmte.» Sie waren bei Vollversammlungen «stundenlang zu hören», verirrten sich in ausdauernden verbalen Spaziergängen, während sich Frauen, «wenn sie denn zu Wort kamen», kurz hielten, prägnanter waren. Wie in ihrer Familie! Sie schafften es nicht, sich von der Tradition frei zu machen und selbst in der Welt mitzureden, statt die Männer vorzuschieben.

Ein letztes Element, das hervorzuheben ist, sind die lokalhistorischen Impressionen, welche die Autorin als langjährige Journalistin im Raum Basel locker einstreut. Zumal bei der Reaktion auf die Rebellionen der Jugend wirkt das Vorgehen der Behörden für mich, der diese Zeiten in Zürich erlebte, vergleichsweise vernünftig.

Diese Rezension erschien mit allerlei aktuellen Kreuz- und Querbezügen als Politeratour-Beitrag im P.S.

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Cover Schatten der Ahnen
Franziska Laur: Die Schatten der Ahnen. Niedergang einer Schweizer Familiendynastie.
Zytglogge, Basel 2022, 376 Seiten, davon 11 Seiten mit dokumentarischen Schwarzweiss-Fotografien, 34 Franken

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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