Unep_save Maledives_sand mining

Sanddabau im Meer wie hier auf den Malediven verursacht oft grosse Sedimentwolken, die dem Meeresökosystem noch weit entfernt schaden können. © Unep/Save Maledives Campaign

Wie Sandabbau die Lebensgrundlagen aller zerstört

Daniela Gschweng /  Wenn fehlt, was scheinbar im Überfluss da ist, können die Konsequenzen gravierend sein. Das muss nicht nur Nigeria gerade erfahren.

Wenn Fasasi Adekunle vor Sonnenaufgang seine Netze auswirft, hofft er auf das Beste. Der Fischer aus Epe nahe der nigerianischen Stadt Lagos kennt die Lagune seit über 30 Jahren. Früher sei er am Abend hinausgefahren und am nächsten Vormittag mit vollen Netzen zurückgekehrt, erzählt er. Heute müsse er weiter hinausfahren – und komme oft fast ohne Fang zurück. In der Lagune gebe es kaum noch Fisch.

Auch die Nacht ist nicht mehr still. Noch vor Sonnenaufgang wird sie vom Brummen der Saugbagger dominiert. Sie holen Sand vom Grund der Lagune – eine gefragte Ressource für die Bauwirtschaft in Lagos. Die Metropole mit ihren rund 20 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern wächst rasant. Dafür braucht sie Beton, Strassen, Wohnraum und künstlich aufgeschüttetes Land. Und dafür braucht sie Sand.

Zuerst trifft es jene, die am Wasser leben

Die Folgen spüren zuerst jene, die direkt vom Wasser leben. Durch das Ausbaggern wird das Wasser trübe, Lebewesen, die Licht und sauberes Wasser brauchen, sterben ab. Das Meeresbett verändert sich, Lebensräume verschwinden. An manchen Stellen vor Lagos habe sich der Meeresboden durch Sandabbau bereits um mehrere Meter abgesenkt, berichtete der «Guardian». «Während Lagos immer grösser wird, wird unser Land weggewaschen», sagt Ogbemi Okuki aus Era Town. Eine Fischhändlerin berichtet, ihr Einkommen habe sich in den vergangenen fünf Jahren halbiert, weil die Fischer immer weniger fangen würden. Andere erzählen, ihre Häuser lägen nach jeder Monsunsaison näher am Wasser.

Was sich vor Lagos zeigt, ist Teil eines globalen Problems. Sand und Kies sind laut dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) die am stärksten genutzten Feststoffe der Welt. Rund 50 Milliarden Tonnen werden jedes Jahr aus Flüssen, von Küsten und vom Meeresboden geholt, nicht immer auf legalem Weg. Der globale Bedarf hat sich zwischen 2000 und 2020 verdreifacht. Treiber sind Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und wirtschaftliche Expansion. Der weltweite Sandmarkt hatte 2024 einen Wert von rund 569 Milliarden Dollar.

Ohne Sand wäre die Welt eine andere

Nichts ist aus dieser Sicht so grundlegend für unsere Zivilisation wie Beton. Drei wichtige Ressourcen finden darin zusammen: Süsswasser, Sand und Zement, dessen Herstellung das Klima stark belastet. Ohne Beton und damit ohne Sand sähe die Welt sicher anders aus.

Sand steckt in Glas, Mikrochips und sogar in Zahnpasta. Dennoch gilt er als billiger Rohstoff. Tatsächlich erfüllt Sand zentrale ökologische Funktionen. Er filtert Wasser, schützt Küsten vor Unwettern und Erosion und verhindert, dass Salzwasser ins Grundwasser eindringt. Viele Fischarten, Schildkröten, Vögel oder Krebse sind auf Sand als Lebensraum angewiesen. Geht Sand verloren, verschwinden nicht nur Strände, sondern ganze Ökosysteme.

Ökologische Schäden zeigen sich oft erst Jahrzehnte und Jahrhunderte später. Flussdeltas sinken ab, Küsten erodieren, Grundwasser versalzt, Fischbestände brechen ein. Ist der Sand einmal weg, kommt er nur sehr langsam zurück – wenn überhaupt. Weltweit werde mehr Sand verbraucht, als sich durch natürliche Erosion neu bilde, resümiert der Unep-Sand-Report 2026, der weltweit ein besseres Sandmanagement anmahnt.

«Sand wird manchmal als der unbesungene Held der Entwicklung bezeichnet, doch seine entscheidende Rolle für den Erhalt der natürlichen Ökosystemleistungen, auf die wir angewiesen sind, wird noch stärker übersehen», sagt Pascal Peduzzi, Leiter der Unep-Datenbank für globale Ressourceninformationen in Genf, die den Bericht erstellt hat.

Asien und Afrika leiden unter Sand-Raubbau

Besonders von den Auswirkungen des Raubbaus betroffen sind Südostasien sowie Teile West- und Nordafrikas. Länder wie die Malediven kämpfen gleich an mehreren Fronten gegen den Verlust ihrer Lebensgrundlage. Das Land liegt nur wenige Meter über dem Meer und ist bereits durch die Klimakrise bedroht. Extremwetter kann drastische Auswirkungen haben. Die Hauptstadt Malé aber wächst ständig, Lagunen werden mit Sand aus anderen Regionen aufgeschüttet. 2019 gingen dadurch rund 200 Hektaren Korallenriffe verloren – mit irreversiblen Schäden für die Meeresökologie.

Auch Indonesien zahlt einen hohen Preis. Das Land ist eine bevorzugte Sandquelle für die Bauwirtschaft im benachbarten Singapur. Nach mehreren Berichten hat Indonesien durch Sandabbau bereits mehr als 20 Inseln verloren. Die Fischbestände gingen drastisch zurück, tausende Fischerfamilien verloren ihre Existenzgrundlage. Von 2003 bis 2023 war der Export von Sand deshalb verboten.

Besonders begehrt ist Flusssand

Wüstensand ist für Beton unbrauchbar, weil die einzelnen Körner zu rund geschliffen sind und sich als Baustoff nicht eignen. Deshalb importieren selbst Wüstenländer grosse Mengen Sand. Besonders begehrt ist Flusssand, weil er weniger Salz enthält als Meeressand.

Länder mit grossen Flusssystemen wie Vietnam, Bangladesch oder Kambodscha verfügen damit zwar über eine wertvolle Ressource, kämpfen als Folge des oft rücksichtslosen oder illegalen Abbaus aber mit Erosion, versalztem Grundwasser und Schäden in der Landwirtschaft. In Indien kontrolliert die sogenannte Sand-Mafia den Markt mit brutalen Methoden.

Lagos mit seinen Sandbaggern vor der Stadt ist eher eine Ausnahme. Die Orte, von denen der Sand stammt, liegen häufig weit entfernt von den Städten, die den Sand verbrauchen. Gebäude wachsen in die Höhe, das ökologische Problem bleibt oft unsichtbar. Sichtbar sind die neue Strasse, das trockengelegte Feuchtgebiet oder die erweiterte Küstenlinie – nicht aber der zerstörte Fluss oder die erodierte Küste anderswo. Folgen habe die ökologische Zerstörung aber für alle. Kurzfristige wirtschaftliche Interessen überwögen langfristige ökologische Folgen, kritisiert Unep.

Jedes Körnchen zählt

Wie viel verwertbaren Meeres- und Flusssand es überhaupt gibt und welche ökologische Funktion er genau erfüllt, ist dabei weitgehend unbekannt. Vielerorts fehlen selbst grundlegende Daten: Wo wird wie viel Sand abgebaut? Wohin wird er transportiert? Welche Schäden entstehen?

Teilweise ist das nachvollziehbar. Um Sand zu gewinnen, braucht es vielerorts nicht mehr als einen Eimer und eine Schaufel. Allerdings werden fortlaufend Millionen Tonnen Sand aus Flüssen oder vor Küsten abgebaggert, legal wie illegal. An manchen Orten werden über Nacht ganze Strände geklaut.

Die Unep fordert deshalb ein grundlegendes Umdenken. Regierungen müssten Sand als strategische Ressource behandeln – ähnlich wie Wasser oder Energie. Dazu gehörten Umweltverträglichkeitsprüfungen, bevor Sand gewonnen wird, bessere Kontrollen, transparente Daten und der Kampf gegen kriminelle Strukturen. Der Sand, der dort bleibe, wo er ist, sei langfristig oft wertvoller als der, der in Beton verschwinde. Leider sei das häufig wenig sichtbar.

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