Selbst Banker sollten sich jetzt um die Biodiversität sorgen
Der Verlust der Artenvielfalt gilt als ökologische Katastrophe. Dass eine intakte Umwelt sich auch auf Finanzgeschäfte mit Staatsanleihen auswirkt, wird weitgehend übersehen. Eine internationale Gruppe von Forschenden hat nun gezeigt, wie sich Naturzerstörung in die Kreditwürdigkeit von Staaten einrechnen liesse.
Mindestens die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung hängt nach Schätzungen mehr oder weniger stark von der natürlichen Umwelt ab. Bei der Bewertung von Staaten spiele das bisher keine Rolle, schreiben die Autorinnen und Autoren. Dabei sei das Risiko einer zunehmend zerstörten Umwelt ein systemischer wirtschaftlicher Einfluss. Länder, die stark von der Natur abhängen, müssen demnach bald deutlich mehr für ihre Schulden bezahlen.
Biodiversität kommt in den Rating-Szenarien bisher nicht vor
Ratingagenturen stufen die Bonität von Staaten ein. Sie beurteilen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Land seine Schulden bedienen kann. Wird ein Land heruntergestuft, muss dessen Regierung höhere Zinsen für seine Schulden bezahlen. Biodiversitätsrisiken kommen in der Einstufung bisher nicht vor. Die Autorenschaft der Studie, die in der Fachzeitschrift «Nature Ecology & Evolution» erschienen ist, hält das für einen Fehler. Die Märkte bewerteten Staatsanleihen im Umfang von 83 Billionen Dollar womöglich falsch, schreiben sie.
Die Autorinnen und Autoren der Universitäten Sheffield, Sussex und London sowie der Edinburgh Business School erweiterten die Methodik der Ratingagentur S&P Global um Szenarien für drei sogenannte Ökosystemleistungen: Fischerei, natürliche Bestäubung und tropische Forstwirtschaft. Insgesamt untersuchten sie 23 Länder, in denen zusammen 5,5 Milliarden Menschen leben.
Das Basisszenario («Business as usual», BAU) rechnet damit, dass Lebensräume und natürliche Ressourcen in gleichbleibender Geschwindigkeit weiter zerstört werden. Dann läge die globale Wirtschaftsleistung, ausgedrückt als Bruttoinlandsprodukt (BIP), 2030 um 75 Milliarden Dollar tiefer als in einer Welt, in der dieser Verlust ausgeblendet wird, wie es derzeit der Fall ist. Das ist wohlgemerkt in vier Jahren.
Dramatischer ist das Szenario eines partiellen Ökosystemzusammenbruchs (Partial Ecosystem Collapse, PEC). Es unterstellt, dass die natürliche Bestäubung sowie die Ertragsmenge in der Meeresfischerei um je 90 Prozent einbrechen und 88 Prozent der tropischen Wälder zu Savanne werden. Die globale Wirtschaftsleistung läge jedes Jahr um 2 Billionen Dollar tiefer (gerechnet in Dollar von 2014).

Ein Preisschild für die Artenvielfalt
Die Folgen für die Bonität wären erheblich. Auf einer 20-stufigen Skala würde Indiens Kreditwürdigkeit um vier Stufen sinken, jene Chinas um 5,5 Stufen. Indien müsste für seine Schulden jährlich 49 Milliarden Dollar mehr Zinsen zahlen, für China wären es 70 Milliarden. Über alle 23 untersuchten Länder summieren sich die zusätzlichen Zinskosten auf bis zu 162 Milliarden Dollar pro Jahr.
Die Folgen des Artenschwundes träfen nicht alle Länder gleich. Besonders hart träfe es Länder, die stark von natürlichen Ressourcen abhängen. Angola, Bangladesch, die Demokratische Republik Kongo und Madagaskar könnten bis 2030 mehr als 15 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung einbüssen. In Südkorea, den USA, Kanada oder Polen wären die Auswirkungen dagegen gering.

Die 23 untersuchten Länder würden insgesamt mindestens 162 Milliarden Dollar mehr für ihre Schulden bezahlen. Diese Summe liege nahe an den 200 Milliarden Dollar, die das von 196 Ländern unterzeichnete Kunming–Montreal Global Biodiversity Framework (GBF) jährlich für den Naturschutz mobilisieren wolle. Die Studie bestätigt damit eine alte Erkenntnis: Naturschutz kostet weniger als eine zerstörte Umwelt.
Es kann auch Industrieländer treffen
«Jeder weiss, dass Diversität schön und wichtig ist. Aber die ökonomischen Folgen hat kaum einer bisher untersucht», fasst Mitautor Moritz Kraemer in einem Interview mit der «FAZ» zusammen. Kraemer ist Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und Senior Fellow am Centre for Sustainable Finance der SOAS (School of Oriental and African Studies, ein Teil der Universität London).
Der Nachhaltigkeits-Effekt werde in Ratings oft übersehen, erklärt er an einem Beispiel: Kurzfristig helfe die Rodung von Wäldern vielleicht der Wirtschaftsleistung, weil mehr Holz verkauft werde. Langfristig schade sie, denn Monokulturen seien anfälliger für Schädlinge. Die ökonomischen Folgen des Artenschwunds habe bisher kaum jemand untersucht.
Hinzu komme die Zeitspanne, auf die Kredite angelegt seien. Je länger ein Kredit läuft, desto grösser wird die Unsicherheit der Prognose, manche Staatsanleihen liefen aber 50 Jahre. Ratingagenturen gingen zudem oft von zyklischen Entwicklungen aus, etwa von Konjunktur- oder Rohstoffpreiszyklen. Nichtzyklische Einflüsse wie der Verlust intakter Natur, die Klimakrise oder der demografische Wandel gewännen aber an Gewicht.
Dass solche Risiken auch Industrieländer betreffen, das zeigte beispielsweise der vergangene Hitzesommer. Er brachte zahlreiche Hitzetote, Einbrüche in der Schifffahrt und Produktivitätsverluste. Das dämpfe das Wirtschaftswachstum. Deutschland sei bei der Anpassung an den Klimawandel im Rückstand, sagt der Experte. Vertreter:innen der deutschen Wirtschaft forderten unlängst bessere und verlässlichere Bedingungen für den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft. Der Sommer sei für viele Betriebe kein Wetterereignis, sondern ein Betriebsrisiko gewesen.
Folgen der Naturzerstörung für die Wirtschaft werden drastisch unterschätzt
Die Forschenden fordern die Regulierungsbehörden, Zentralbanken und Ratingagenturen auf, Natur- und Klimarisiken in ihre Risikobewertungen aufzunehmen. Die Finanzmärkte unterschätzen naturbezogene Risiken systematisch. Das habe Folgen für die öffentlichen Finanzen, für die Natur und für die Stabilität des Finanzsystems.
Die Zahlen sind Szenarien, keine Prognosen. Sie zeigen aber eindrücklich, wie teuer eine kaputte Umwelt werden kann. Steigen die Zinsen für Staatsschulden, steigen damit übrigens auch die Kosten für die Steuerzahlenden.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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