Der Begriff «Sorgerechtsstreit» vernebelt Gewalt
Im Sommer erschoss ein Mann in Deutschland in einer Mutter-Kind-Einrichtung sechs Sozialarbeiterinnen und -arbeiter. Seine Frau, die in der Einrichtung im niedersächsischen Stade gelebt hatte, blieb unverletzt.
Medien verharmlosen Gewalt
In den Medien war die Rede von «Sorgerechtsstreit», «Familientragödie», «Beziehungstat» und «privatem» Hintergrund. All diese Begriffe entlasten den Täter. Sie suggerieren, dass die Opfer mitschuldig an den Morden seien. Autorin Alexandra Zykunov schrieb im «Spiegel» (Bezahlschranke), die Polizei in Stade habe diese Begriffe in ihren Medienmitteilungen verwendet. Aufgabe der Medien wäre es gewesen, sie nicht einfach zu übernehmen und damit die Morde zu verharmlosen. Patriarchale Gewalt müsse man als solche benennen.
Zudem müsse man aufzeigen, dass Männer nach einer Trennung besonders oft Gewalt ausüben. Gefährdet seien nicht nur die Partnerin und die Kinder, sondern auch deren persönliches Umfeld, Anwältinnen und Sozialarbeitende. Es gehe um männliche Gewalt und nicht um einen «Sorgerechtsstreit» oder einen «privaten Hintergrund» in einem Einzelfall, so Zykunov. «Deutsche Medien müssen endlich aufhören, männliche Gewalt sprachlich zu verharmlosen.»
Kontrolle über Frau und Kinder
Sozialarbeiterin Leo Lührs schrieb auf Instagram: «Ich habe nicht wegen Beziehungs- oder Sorgerechtsstreitigkeiten eine Notfallpfeife am Schlüsselbund, sondern wegen patriarchaler Gewalt.» Familienrechtsanwältin Asha Hedayati sagte in einem Interview mit der «Zeit» (Bezahlschranke), dass viele Männer nach einer Trennung versuchen, ihre Macht und Kontrolle über Frau und Kinder mit Gewalt zurückzugewinnen. Statistisch sei die Trennungssituation einer der gefährlichsten Momente für eine Frau, da männliche Gewalt dann häufig eskaliere.
Vorbild Spanien
In Spanien hat ein Umdenken stattgefunden. Auslöser war der Mord an einer Frau, die ihrem Mann in einer TV-Sendung vorgeworfen hatte, sie jahrelang geschlagen zu haben. Mittlerweile ist jeder Frauenmord die erste ausführliche Meldung in den Hauptnachrichten des öffentlich-rechtlichen Senders TVE. In den Schlagzeilen ist von geschlechtsspezifischer Gewalt, Macho-Gewalt oder männlicher Gewalt die Rede und nicht verharmlosend von einem «Sorgerechtsstreit». Zykunov: «Geschlechtsspezifische Gewalt, patriarchale Gewalt, männliche Gewalt – diese Worte findet man in der deutschen Berichterstattung um Stade viel zu selten.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Dieser Artikel erschien zuerst auf frauensicht.ch.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Ein wenig erinnert mich das an den Betriff «Femizid», der in den Medien und auch von Frauenorganisationen oft gebraucht wird, aber den Mord an Frauen in sprachlicher Hinsicht in die Nähe von Unkrautvertilgung rückt. Viel weniger verharmlosend und antiseptisch wäre da ein Begriff wie «Frauenmord» oder «Partnerinnenmord». «Femizid» ist eine 1:1-Übersetzung aus dem englischen femicide, das dort eine gewisse Berechtigung hat als Gegensatz zu homicide; aber im Deutschen würde ein eigener Begriff eher der schrecklichen Wirklichkeit entsprechen.
Kenne die Statistiken nicht genau – gefühls- und erlebnis-mässig scheint es mir, dass die Sache der Frau sich eher rückwärts statt vorwärts entwickelt.
Wohl gibt es in der Politik, den Medien und auch in der Wirtschaft ein paar Frauen, welche es geschafft haben, die gläserne Decke zu durchbrechen.
Viele davon präsentieren sich so, dass sie bei den meisten Männern gut ankommen – in engen Kleidern, Bleistiftabsätzen, gut geschminkt etc.
Wir sind damals vor mehr als 50 Jahren höchstens in Ballerinas oder sonst guten Schuhen an Demonstrationen für Verbesserungen der Frauenrechte auf die Strasse gegangen.
Der Sechsfachmord von Stade wird hier fehlerhaft dargestellt: der Täter wollte nicht die Kindsmutter töten, um sich zu rächen, sondern diese sechs Staatsdiener des Eltern-Kind-Zentrums. Der Hintergrund ist die Inobhutnahme des Kindes, weil sowohl Vater als auch Mutter der Kindesmißhandlung verdächtig waren. Der Vater, per internationalem Haftbefehl wegen in der Türkei verübten Straftaten gesucht, hätte nie nach Deutschland einreisen dürfen; es ist bis heute ein Rätsel, wieso er überhaupt auf freiem Fuß sein konnte. Den Fluchtwagen fuhr eine in der Migrantenunterstützung tätige Dame, Schwiegermutter des niedersächsischen Landtagsabgeordneten Deniz Kurku, die vorher das Anliegen des Mörders im Streit mit dem Eltern-Kind-Zentrum unterstützte. Sowohl gegen diese Frau als auch gegen die Kindsmutter wird weiterhin wegen Beihilfe ermittelt; es gibt sehr viele Ungereimtheiten, die nicht aufgeklärt sind. Gerade dieser Fall dient dem Anliegen des Artikels leider gar nicht!