«Der Wachstumszwang» und seine absurden Folgen
upg. In der heutigen Zeit, in der Wirtschaftswachstum in den USA, Japan und Europa fast nur noch mit zusätzlichen Schulden erreicht wird und Kriege das Problem verschärfen, gewinnt dieser Beitrag von Hanspeter Guggenbühl aus dem Jahr 2019 neue Aktualität.
In jungen Jahren forschte der Alte, der 2018 verstorbene Ökonom Hans Christoph Binswanger, noch nach Auswegen aus dem umweltschädigenden Wachstum der Wirtschaft. Er war von 1972 bis 1977 Co-Leiter einer interdisziplinären Arbeitsgruppe namens Nawu («Neue Analysen für Wachstum und Umwelt»), die sich folgende Frage stellte: «Wie ist es möglich, aus der Phase eines exponentiellen Wachstums ohne ökonomische Krisen in ein ökonomisch-ökologisches Gleichgewicht zu gelangen?»
Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit veröffentlichte die Arbeitsgruppe 1978 im «Nawu-Report: Wege aus der Wohlstandsfalle». Der Nawu-Report enthält Vorschläge für eine Ökologisierung der Wirtschaft sowie den Aufbau einer alternativen Gesellschaft, in der wesentliche Lebensbereiche aus der monetären Wirtschaft ausgegliedert und damit dem Wachstumsdrang entzogen werden. Umsonst: Seit der Veröffentlichung dieser Forschungsresultate im Jahr 1978 hat sich die Schweizer Wirtschaftsleistung real verdoppelt, jene der Welt vervielfacht. Auch die Plünderung der natürlichen Ressourcen wuchs weiter.
Gleiche Diagnose beider Binswanger
In späteren Jahren kapitulierte der alternde Ökonomie-Professor: «Die Wirtschaft ist zum Wachstum verurteilt», schrieb Hans Christoph Binswanger 1994. Und in seinem dicken Spätwerk «Die Wachstumsspirale» belegte er seine These mit Modellen und mathematischen Formeln.
Der Junge, Binswangers Sohn Mathias, kommt schon in mittleren Jahren zum gleichen Befund und packt ihn gleich in den Titel seines neuen, 2019 erschienenen Buchs: «Der Wachstumszwang». Im Untertitel wiederholt und ergänzt er seinen ernüchternden Befund: «Warum die Volkswirtschaft immer weiter wachsen muss, selbst wenn wir genug haben.» Mit den Worten «muss» und «Zwang» widerspricht er ebenfalls der weit verbreiteten Meinung, die real existierende Marktwirtschaft sei frei.
Die Versuche der beiden Binswanger, diesen Zwang zu überwinden, wirken harm- und zahnlos: Während Vater Hans Christoph vorschlug, Aktiengesellschaften durch Stiftungen zu ersetzen, setzt Sohn Mathias jetzt auf Genossenschaften. Damit lasse sich der Zwang zum Wachstum zwar etwas dämpfen, aber nicht beseitigen, denn, so lautet das ernüchternde Fazit im jüngsten Buch des damals 56-jährigen Professors für Volkswirtschaft: «Wir müssen wachsen, wenn wir nicht in eine Abwärtsspirale geraten wollen, in der die Wirtschaft bei steigender Arbeitslosigkeit immer mehr schrumpft. Genau das ist der Wachstumszwang!»
Weder beim verstorbenen Vater noch beim quicklebendigen Sohn gibt es also eine neue Erkenntnis – oder gar grundlegende Alternativen zum heutigen Zwangs-Wirtschaftssystem. Trotzdem lohnt es sich, das Buch zu lesen, und zwar wegen des zweiten Teils, in dem Mathias Binswanger die Begleiterscheinungen und Konsequenzen der zum Wachstum verurteilten Wirtschaft beschreibt. Da entwickelt sich seine Analyse zur brillant formulierten Realsatire* über die Zwänge von Konsum und Produktion:
Die Satten zum Konsum zwingen
Einerseits stösst das Wachstum der Wirtschaft an die Grenze des Bedarfs. Für eine Gesellschaft, die genug hat, lohnt es sich nicht mehr, den Konsum weiter zu steigern. Um diese Grenze zu überwinden, muss die Wirtschaft also immer neue Bedürfnisse wecken. Wie das funktioniert, hat in den 1960er-Jahren schon Vance Packard in seinem Buch «Die geheimen Verführer» gezeigt. Mathias Binswanger aktualisiert diesen Mechanismus im Kapitel 8 unter dem Titel «Stetiges Wachstum des Konsums trotz Sättigung» an neueren Beispielen. Leseprobe:
«So wussten Menschen bis vor einigen Jahren noch nicht, dass sie das Bedürfnis haben, täglich Herzfrequenz, Tagesaktivitäten, verbrannte Kalorien und ihren Schlaf zu erfassen. Dank den Anstrengungen der Hersteller von Gesundheitsuhren wurde dieses Bedürfnis jedoch in ihnen ‚geweckt‘, und Gesundheitsuhren bzw. Fitness-Tracker werden heute in grossen Mengen verkauft.»
Weil es aber immer noch Menschen gibt, die dem Gewitter von Werbung und Marketing widerstehen und ihren Konsum nicht freiwillig steigern, muss man sie dazu zwingen. Dazu gehört die Strategie, die Gebrauchsdauer von Produkten oder Dienstleistungen künstlich zu verkürzen. Als Beispiel nennt der Autor die Strategie, Smartphones schneller als nötig zu Schrott reifen zu lassen, indem die Hersteller laufend neue Modelle und Software anbieten. «Um diesem Prozess etwas nachzuhelfen, wird dann nicht selten der Support für ältere Modelle und Versionen eingestellt.»
Neben der Privatwirtschaft sorgt aber auch der Staat für eine Zunahme von mehr oder weniger erwünschtem «Zwangskonsum». Dazu gehören zum Beispiel subventionierte Windkraftwerke oder Elektroautos, welche Landschaftsschützer, Velofahrer oder Stubenhocker mitfinanzieren müssen, obwohl sie die subventionierten Dinge gar nicht wollen oder brauchen können. Als gewichtiges Beispiel führt Binswanger die Prämien der obligatorischen Krankenkassenversicherung ins Feld, die zwangsweise und obendrein überdurchschnittlich wachsen, weil die «meritorischen Güter», also die von der Allgemeinheit zu finanzierenden (Gesundheits-)Leistungen, dem Markt weitgehend entzogen sind.
Wachstumszwang führt zu «Bullshit» (Munischeisse)
Einerseits treibt also der – mehr oder weniger freiwillig zunehmende – Konsum das Wachstum der Wirtschaft an. Andererseits resultiert das Wachstum aus der Effizienzsteigerung in der Produktion. Das begann mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und setzt sich heute mit der Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche fort. Diese Steigerung der Effizienz spart(e) Arbeit. Doch dank Ausweitung der Menge konnte die produzierende Wirtschaft das Arbeitsvolumen bisher trotzdem steigern und Arbeitslosigkeit in grösserem Umfang vermeiden. Möglich war das und wird künftig möglich sein, weil die Bürokratie weiter um sich greift und neue Arbeitsplätze schafft, analysiert Mathias Binswanger. Dazu eine weitere Leseprobe:
«Die negative Spirale von arbeitssparendem technischem Fortschritt und sinkender Beschäftigung würde schnell zu Arbeitslosigkeit und einem Rückgang des Konsums führen, wenn nicht an anderer Stelle neue Jobs entstünden. Und diese anderen Stellen sind heute zu einem erheblichen Teil einer wachsenden Bürokratie zu verdanken. Auf diese Weise wird Bürokratie zu einem ambivalenten Phänomen. Einerseits behindert diese Menschen und Wirtschaft in ihrer Entfaltung und macht das Leben insgesamt unattraktiver und komplizierter. Andererseits brauchen wir diese Bürokratie, damit noch ausreichend Menschen beschäftigt werden können, wenn es gleichzeitig immer weniger Menschen in der Produktion braucht.»
Während andere Ökonomen die Ausweitung der Bürokratie primär beim Staat beobachten und kritisieren, ortet Binswanger diese auch bei privaten Unternehmen sowie beim «New Public Management» (NPM), das in den 1990er-Jahren eingeführt wurde, um die Effizienz staatlicher Tätigkeit mit modernen Managementmethoden zu steigern. Doch das Gegenteil geschah: Das NPM wurde «Ausgangspunkt für eine neue Controlling-, Evaluations- oder Optimierungsbürokratie», und diese beschränke sich «nicht auf die öffentliche Verwaltung», schreibt Binswanger und fährt fort: «Neben typisch bürokratischen Tätigkeiten wie Administration, Organisation, Überwachung, Kontrolle, Registrierung, Dokumentation, Evaluation oder Kodierung umfasst sie beispielsweise auch Zertifizierung, Akkreditierung sowie Beratung, Coaching oder Mentoring. An der Arbeit sind dabei fast ausnahmslos ausgebildete Spezialisten und Experten.»
In diesem Zusammenhang stützt sich Binswanger auf das Buch des Anthropologen David Graeber mit dem Titel «Bullshit-Jobs» und weist damit auf ein «zentrales Phänomen der gegenwärtigen Entwicklung von kapitalistischen Wirtschaften» hin: «Es gibt immer mehr Jobs, die unserer traditionellen Vorstellung einer sinnvollen Tätigkeit nicht mehr entsprechen.»
Entsprechend ernüchternd ist denn auch das Fazit, das Binswanger aus seiner vielfältigen Analyse zieht: «Der Wachstumszwang verhindert, dass eine höhere Arbeitsproduktivität in mehr Freizeit umgesetzt wird. Stattdessen braucht es in zunehmendem Ausmass eine Bürokratie, die in der Lage ist, Vollbeschäftigung weiterhin zu garantieren, selbst wenn es sich dabei um Bullshit-Jobs handelt.»
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* Realsatire: Die Unsitte, den Autor zu fragen, wie er über sein eigenes Werk urteilt, hat der Rezensent hier unterlassen. Er weiss darum nicht, ob Mathias Binswanger sein Buch «Der Wachstumszwang» (Wiley-VCH Verlag, 2019) selber als Satire versteht. Real ist sie allemal.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Vor etwa vier Jahrzehnten gab es im Kreis 3 in Zürich einen Laden «Honig und Nüsse». Betörend war der Geruch von Gewürzen, wenn man eintrat. Der schon alte Besitzer nahm sich immer Zeit zum Plaudern, und er konnte es partout nicht begreifen, dass wir immer zeitsparender produzieren, aber die Arbeitszeit nicht schrumpft und die Freizeit nicht wächst.
Wenn wir nicht endlich vom «Wachstumszwang» wegkommen, dann gibt es wenig Hoffnung für künftige Generationen, denn wir fahren die Erde, unseren Lebensraum, zu Schrott!
Bullshit-Geldsystem!
Leider bleiben die genannten Autoren mit Ihren Überlegungen nur bei Symptomen und an der Oberfläche und machen sich keine einzige Überlegung zu den global herrschenden Fiatgeld-Systemen.
Sobald Sie aber die ca. 90%-ige Geldschöpfung der Zentral- und Geschäftsbanken aus dem Nichts durch Kredit- bzw. Schuldvergabe und die dafür verlangten kumulierten Zinseszinsen in Ihre Betrachtungen einfliessen lassen würden, dann würde Ihnen schlagartig klar, woher der Wachstumszwang kommt: Die Zinseszinsen für das Fiat-Schuldgeld müssen nämlich bezahlt werden – und sei es am Schluss durch weitere Geldschöpfung aus dem Nichts der Zentralbanken zur Zinstilgung der global angehäuften Schulden, welche allen Menschen aufgenötigt werden, je mehr, umso besser.
Die Lösung wäre ein nicht-inflationäres, weitgehend zinsfreies Geldsystem, bei dem Geld durch Arbeit und nicht durch Schulden entsteht, wie z.B. in der Humanen Marktwirtschaft von Peter Haisenko ausführlich beschrieben.
Ich bin beileibe kein Freund des heutigen Bankwesens. Man könnte es ohne Verluste für den Rest der Gesellschaft auf einen Viertel gesundschrumpfen.
Auch teile ich ihre Meinung, dass viel zu viel Geld ins System gepumpt wird. Aber daran hat die Politik eine wesentliche Mitschuld. Die Politik will ja Wachstum um jeden Preis, und das meint sie mit mehr Geld erreichen zu können. Weil das viele Geld aber mehrheitlich bei denen landet, die sowieso schon genug haben, fliesst es kaum in den Konsum, sondern wird mehrheitlich investiert, was Aktien- und Immobilienpreise in die Höhe treibt.
Das Bankensystem braucht tiefgreifende Veränderungen. Noch wichtiger scheint mir aber, dass die Wirtschaftspolitik von ihrem einen, einfältigen Ziel des ewigen Wachstums wegkommt.
Ohne ökonomische Krisen wird der Übergang in eine längerfristig tragbare Wirtschaftsform wohl tatsächlich nicht ablaufen. Früher oder später wird er trotzdem erfolgen. Die Phase exponentiellen Wachstums, so wie sich das die Mainstream-Ökonomen erträumen, haben wir jedenfalls schon verlassen.
Mit schablonenhaftem schwarz-weiss-denken wird man der Realität selten gerecht. Warum sollte automatisch eine «Abwärtsspirale» einsetzen, wenn es einmal nicht mehr exponentiell aufwärts geht? In der Geschichte der Menschheit ist jedenfalls der exponentielle Anstieg des BIP die grosse Ausnahme. Meist hat sich dieses «seitwärts» bewegt, wie die Ökonomen so schön sagen.
Dann haben Sie wohl einiges verpasst. Und prozentuales Wachstum ist immer exponentiell. Auch wenn der Prozentsatz sinkt.
Sind sie sicher, dass Sie ihren Kommentar an der richtigen Stelle plaziert haben???
Sind allenfalls Beispiele für neue Bedürfnisse einerseits und Bürokratie andererseits gefragt? Man lese den Beitrag von Marco Diener in diese Info-Sperber-Ausgabe mit dem Lead: «Die Vorschriften zu Herkunftsangaben von Lebensmitteln sind lasch. Industrie und Handel nützen das aus.» Also los, müsste man folgern, getrennte Warenflüsse und mehr Kontrolle fordern. Und schon haben wir wieder etwas Bürokratie-Wachstum, während die verarbeitenden Unternehmen ebenfalls kompliziertere Prozesse zu bewältigen haben. (Bio-Produkte sind u.a. aufgrund minutiöserer Warenflusskontrollen teurer, nicht weil man von Hand jäten muss.) Und ausserdem: Wer schon einmal die Verantwortung für die Führung einer Unternehmung hatte, weiss, dass wachsende Unternehmen betriebswirtschaftlich leichter zu führen sind als schrumpfende. Schwankende Auslastungen sind leichter aufzufangen, Investitionen leichter abzuschreiben. Die Wachstumsproblematik wird leider allzu oft verkürzt-moralisierend kritisiert.
Es ist schon grotesk, dass sich die Menschheit angeblich aus diesem selbst geschaffenen Gefängnis des ewigen Wachstums nicht befreien will und kann.
Persönlich glaube ich nicht an eine Abwärtsspirale, wenn man das Wachstum nicht ständig befeuern würde, z.B. durch die Geldschöpfung aus dem Nichts. Klar gäbe es ein paar Bremsspuren, aber wenn man die Abkühlung eben ankündigt (z.B. Suffizienz propagiert statt den Brand mit Benzin zu löschen), den Prozess vorbereitet, plant und steuert, so würden sich die negativen Folgen in Grenzen halten. Das Wirtschaftssystem würde sich «umgekehrt exponentiell»; also asymptotisch, einem neuen stabilen Zustand annähern.