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Ein Mann steht auf einem Solardach in der Steiermark. © cc-by-sa KEM, 2017

Chance verpasst – Verbrauch fossiler Rohstoffe so hoch wie nie

Daniela Gschweng /  Die grüne Revolution nach Covid-19 blieb aus. Aber es gibt Hoffnung – eine wichtige Rolle dabei spielen Städte.

Nach den ersten Lockdowns versprachen Politiker weltweit, die Covid-Krise zu nutzen, um grüne Technologien nach vorne zu bringen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Zwei Jahre später ist klar: «Build Back Better» ist gescheitert. Aber nicht überall.

Das resümiert die Organisation REN21 (Renewable Energy Policy Network for the 21st Century), der mehr als 80 nationale und internationale Organisationen, Industrieverbände, Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und Hochschulen angehören, in ihrem Jahresbericht.  

Oder eher: in einem kleinen Buch zum Stand der Dinge bei nachhaltigen Energien. Die Arbeit, an der mehr als 650 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mitgewirkt haben, umfasst neben Datenauswertungen und internationaler Expertise viele Fallbeispiele und ist mehr als 300 Seiten lang.

Die guten Neuigkeiten in Kürze: 

  • Der Ausbau regenerativer Energiequellen wächst schnell. Noch nie gab es so viel Erneuerbare wie 2021.
  • Mehr als 10 Prozent des weltweiten Strombedarfs werden durch Solar- und Windkraft abgedeckt.
  • Im vergangenen Jahr wurden 366 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investiert, so viel wie nie zuvor.
  • Auch steigende Preise konnten das grüne Wachstum bisher nicht abbremsen.
  • Wind- und Wasserkraft, Geothermie und Bioenergien spielen eine wachsende Rolle in der öffentlichen Diskussion.
  • Nicht zuletzt aufgrund der russischen Invasion in die Ukraine streben viele Länder verstärkt nach Unabhängigkeit von Kohle, Öl und Gas.

Die schlechten Neuigkeiten:

  • Wir verbrauchen mehr fossile Rohstoffe als jemals zuvor.
  • Seit zehn Jahren stagniert der Anteil Erneuerbarer am Endenergieverbrauch weltweit.
  • «Build Back Better» ist fehlgeschlagen. Der 2021 global wieder steigende Energiebedarf wurde vor allem mit fossilen Rohstoffen aufgefangen, was zwei Milliarden Tonnen CO2-Emissionen (6 Prozent) zusätzlich bedeutete.
  • Öl und Gas dominieren weiter. Neben Fortschritten bei der Stromerzeugung hinkt vor allem der Transport- und Mobilitätssektor hinterher.
  • In fossile Rohstoffe wird weitaus mehr investiert als in Erneuerbare. 2020 wurden weltweit Subventionen von 5900 Milliarden Dollar dafür ausgegeben. Das entspricht 7 Prozent des globalen Bruttosinlandsprodukts (BIP).
  • Die Pariser Klimaziele zu erreichen, wird so schwierig bis unmöglich.

Viele Regierungen wünschen sich derzeit, sie hätten mehr zur Förderung Erneuerbarer getan. «Wir geben weltweit 11 Millionen Dollar pro Minute für die Subventionierung fossiler Brennstoffe aus», zitiert die «BBC» die REN21-Vorsitzende Rana Adib. Obwohl erneuerbare Energien wirtschaftlich durchaus eine Alternative zu fossilen Brennstoffen seien, sei der Markt nicht fair.

Städte treiben die Nachhaltigkeit voran. Zum Beispiel Belgrad. Und Amsterdam und Le Havre und Durban und Essen.

Aber es gibt Hoffnung. In der serbischen Hauptstadt Belgrad zum Beispiel. Die Stadt, in der rund 1,7 Millionen Menschen leben, plante im vergangenen Jahr 5,2 Milliarden Euro ein, um bis 2030 die Luftqualität zu verbessern und CO2-Emissionen zu reduzieren. Mit dem Geld will Belgrad unter anderem Zug- und Tramlinien ausweiten. 1,2 Milliarden Euro sollen helfen, öffentliche und private Fahrzeuge, Busse und Taxis zu elektrifizieren und den Fuss- und Veloverkehr zu fördern. Drei Milliarden Euro sind eingeplant, um Gebäude besser zu isolieren und Heizungsnetze zu verbessern. Die Gasversorgung soll in Zukunft vermehrt aus Erneuerbaren bestehen, die lokal produziert werden. Windparks, Müllverbrennung und Biogas sollen insgesamt rund 170 Megawatt an Strom und Wärme liefern.

Städte sind besonders von der Klimakrise betroffen

Weitere Positivbeispiele sind Helsinki, Durban, Le Havre und Essen. Die Stadt, stellt REN21 fest, ist einer der wichtigsten Akteure der Zukunft, um damit nur eines von sieben Kapiteln herauszugreifen. Mehr als die Hälfte der Menschheit lebt in Städten. Städte können nachhaltige Entwicklung massgeblich vorantreiben. Wenn es schlecht läuft, könnten sie aber auch zu Katastrophenschauplätzen der Klimakrise werden.

Viele Auswirkungen der Klimakrise wie Luftverschmutzung, Überschwemmungen oder Hitze kommen in Städten zusammen. Dazu müssen sie sich besonders mit Armut und Ungleichheit auseinandersetzen. Etwa eine Milliarde Menschen lebt in städtischen Slums oder in Elendsquartieren an den Rändern grosser Städte.

Der urbane Bedarf an Heizung, Kühlung und Transport wächst ständig, vor allem in Afrika und Asien. Drei Viertel des globalen Endenergieverbrauchs und ein entsprechender Anteil der CO2-Emissionen entfällt auf Städte.

Viele Nachhaltigkeitsprojekte wegen Covid-19 zurückgestellt

Die Lebensqualität der ärmeren Einwohner zu verbessern und dabei nachhaltig zu wirtschaften, ist für viele Städte ein wichtiges Ziel. REN21 führt mehrere Beispiele auf, darunter ein Projekt in Houston, Texas, in dem 5000 einkommensschwache Haushalte neu mit Solarenergie versorgt wurden.

Leider hätten viele Städte Nachhaltigkeitsprojekte während der Pandemie verschoben, schreiben die Autorinnen und Autoren. Während die Steuereinnahmen schrumpften, hatte die Bekämpfung von Covid-19 höhere Priorität, das gelte von Thailand bis Michigan.

Die Stimme der Städte

Änderungen in urbanen Zentren betreffen viele Menschen. 1500 Städte weltweit haben ein nachhaltiges Entwicklungskonzept oder entsprechende politische Ziele. Fast ein Drittel (30 Prozent) der städtischen Bevölkerung lebt in einer davon. 920 Städte in 73 Ländern haben laut REN21 Zielvorgaben für die Nutzung erneuerbarer Energien in wenigstens einem Bereich, 1100 Städte haben angekündigt, dass sie ihre Emissionen auf null reduzieren wollen. Ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept, das Bereiche wie Bau und Transport nicht getrennt voneinander behandelt, haben aber nur wenige.

Städte, finden die Autorinnen und Autoren des «Städte»-Kapitels, sollten dringend mehr gehört werden. Wenn sie genügend Ressourcen haben und nicht durch nationale Gesetze eingeschränkt sind, können sie viel bewirken. Vieles hänge allerdings davon ab, wie viel Spielraum eine Stadt hat. In der globalen Klimadiskussion würden die Städte nur zögerlich abgebildet.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

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Die Menschen beschleunigen die Erwärmung der Erde. Doch kurzfristige Interessen verhindern griffige Massnahmen.

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Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

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Rohstoffe lagern in der Erde noch viele. Doch deren Ausbeutung schafft Risiken und wird fast unbezahlbar.

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8 Meinungen

  • am 3.07.2022 um 12:04 Uhr
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    Eine echte Chance hatten wir da nie wirklich. Die Uno vernebelt ihre eigenen Erkenntnisse:
    https://www.welt.de/politik/ausland/article5254001/Bevoelkerungswachstum-zerstoert-das-Weltklima.html
    Wir sollten wir uns darüber nicht mehr wundern. Der Trend für die nächsten 30 Jahre ist klar vorhersehbar:
    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/28937/umfrage/prognose-zur-kohlendioxid-emission-weltweit-bis-2050/
    Falls das einige Mitmenschen verstört: Ein simpler Dreisatz kann da Abhilfe schaffen:
    Mit Alternativenergie befassen sich, wenn auch mit grossen Lücken Europa und Nordamerika ohne Mexiko und einige weitere Länder: Total weniger als 1.5 Milliarden von 8 Milliarden. Das sind weniger als 20% der Weltbevölkerung und die wächst noch stetig weiter. Wenn wir das Bevölkerungswachstum nicht selber stoppen wird das die Natur besorgen z. B. Hungerkrisen, Wasserkrisen oder gar einen dritten Weltkrieg.

    3
  • am 4.07.2022 um 14:12 Uhr
    Permalink

    Die Grünen wollen wohl keine klimafreundliche NATO. Elektrische F-35 werden wohl erst im nächsten Jahrhundert zum Diskussionsthema. Wenn es dann noch Leute auf dieser Welt gibt…

    2
    • am 5.07.2022 um 12:51 Uhr
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      Das Problem sind nicht die Grünen sondern die regierenden Menschen, welche Militär wollen egal in welcher Partei sie sind. Aktuell in Deutschland mit rot-grün-FDP. Hier in der Schweiz wollen wir Grüne keine F-35, auch nicht elektrische wenn das möglich wäre. Auch nicht solare Drohnen, die es tatsächlich gibt, sind keine Lösung.

      2
  • am 4.07.2022 um 15:05 Uhr
    Permalink

    «Die grüne Revolution nach Covid-19 blieb aus.» Aber: «Unter der «Grünen Revolution» wird gemeinhin die Einführung neuer Technologien in der Landwirtschaft in Entwicklungsländern verstanden.» Und: «The «Build Back Better» Plan was a legislative framework proposed by United States President Joe Biden between 2020 and 2021.» Bei allem Verständnis für die Grundaussagen der Autorin: Das hier betriebene Names Dropping dient weder der Klarheit noch dem Verständnis! Die Bezeichnung «Grüne Revolution» kann nicht einfach «umdefiniert» werden, ist im vorliegenden Fall also schlicht falsch. Und die Bezeichnung «Build Back Better» ist offensichtlich nur für inner-amerikanische Verhältnisse zutreffend und darum für Beispiele wie die serbische Hauptstadt Belgrad ebenfalls falsch. Es ist wichtig, dass sich engagierter Journalismus um präzise Aussagen und saubere Begrifflichkeit bemüht!

    2
    • am 4.07.2022 um 15:52 Uhr
      Permalink

      Sehr geehrter Herr Kuhn, da liegen sie falsch. Der Begriff «Build Back Better» wurde schon verwendet von der UN (2015), vom WEF (2020), von den G7 und von Bill Clinton (offensichtlich länger her).

      0
    • am 5.07.2022 um 12:55 Uhr
      Permalink

      Frau Gschweng hat «grüne Revolution und nicht «Grüne Revolution» geschrieben…

      1
  • am 12.07.2022 um 14:33 Uhr
    Permalink

    Für mich ein insgesamt positiver Artikel. Offenbar macht Stadtluft immer noch «frei», sprich das Potenzial für positive Ansätze inmitten des Antropozäns sind in Stadtnähe auch griffnäher.
    Die Bevölkerungsentwicklung scheint mit nicht das Urproblem der zunehmenden Zerstörung zu sein (die «westliche» Bevölkerung ist in der Minderzahl und trägt mit ihrer opulenten Ressourcenverschleuderung dennoch am meisten zum Schaden bei) , sondern das aktuelle Verhältnis von Mensch als «Krone der Schöpfung» zur Natur (typisch dazu: Mensch hier – Umwelt dort), statt die Spezies Mensch als (mit)verantwortlicher «Bewohner» dieses Planeten (vgl. Dipesh Chakrabarty: «Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter»).

    0
  • am 14.07.2022 um 11:07 Uhr
    Permalink

    Bei AKW› s wurden vor Erstellung auch geforscht und investiert. Warum geschieht das bei den Erneuerbaren zuwenig ? Fehlt es am politischen Willen ?

    0

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