Kommentar

kontertext: Das Betroffenen-Syndrom

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Wenn Promis über Reizdarm oder Depression reden, entstehen mindestens drei Dinge: Soft Talk, Reality-Tränen und Bildschirmpräsenz.

Eine vielgesehene Folge von Chez Krömer zeigt die Comedians Kurt Krömer und Thorsten Sträter in einem Kellerverlies. Dort legen sie ihre Bühnenpersonen ab und tauschen sich über etwas vom Privatesten aus, was es gibt: Sie reden über ihre Depressionen. Aber verlassen sie wirklich ihre Rolle? Oder ist nicht alles, was unter dem wachsamen Blick der Kamera geschieht, ein Auftreten?

            In seiner Studie Elemente des Zwischenmenschlichen aus dem Jahr 1954 schreibt Martin Buber: «In unserer Zeit, in der das Verständnis für das Wesen des echten Gesprächs selten geworden ist, werden seine Voraussetzungen von dem falschen Öffentlichkeitssinn so gründlich misskannt, dass man vermeint, ein solches Gespräch vor einem Publikum interessierter Zuhörer mit gebührender publizistischer Assistenz veranstalten zu können. Aber eine öffentliche Debatte von noch so hohem ‹Niveau› kann weder spontan noch unmittelbar noch rücksichtslos sein; eine als Hörstück vorgeführte Unterredung ist von dem echten Gespräch brückenlos geschieden.»

            Der Comedian Kurt Krömer, bekannt für seine verhörartigen Interviews, hat sich eines Tages durchgerungen, seine Probleme offenzulegen. Seither spricht er auf allen Kanälen über Depression, und so viele Prominente tun es ihm nach, dass der Schluss naheliegt: Nicht depressiv zu sein, ist heute wenig angesagt, für weisse alte Männer zumal. Und so gibt es kaum noch eine TV-Persönlichkeit, die sich nicht abendfüllend über ihre Lebenskrisen verbreitet.

            Am besten ist es allemal, darüber zu sprechen, davon legt die Geschichte der talking cure beredtes Zeugnis ab. Neu ist aber: Idealerweise parlierst du vor der Kamera. Vielleicht wirst du ja entdeckt, weil es die Rolle deines Lebens ist, öffentlich an etwas zu leiden?

            Ich frage mich, was eine öffentliche von einer privaten Depression unterscheidet. Welche profitabler ist, steht fest: Krömers Erfahrungsbericht ist ein Bestseller.

            Ich zappe. Auch die Sitcom-Schauspielerin Mila S. ging mit ihrer Angststörung den dornenvollen Weg an die Öffentlichkeit. Ihre Prominenz ist für ihre Krankheit die Chance, bekannter zu werden, Chance aber auch für alle, die dort draussen Tag für Tag leiden, ohne eine Stimme zu haben. Man hört, seit Mila ihre Erkrankung publik gemacht habe, sei die Zahl ihrer Follower sprunghaft angestiegen.

            Sicher erreiche sie jetzt noch mehr Menschen, sagt sie auf Channel 5, und darum gehe es doch: Leute zu erreichen. Zumindest setze sie sich für echte Nöte ein, nicht für Scheinprobleme wie einige ihrer Kolleginnen, deren Karrieren stagnierten und die nun Scheidungskriege oder Sextapes thematisierten.

            Wäre es für die sensibilisierungsbedürftige Öffentlichkeit nicht gut, wenn Mila in den Medien noch etwas präsenter wäre? Wenn sie zusätzlich Diabetes hätte, um auch darüber einen Ratgeber zu verfassen – um alle Human beings zu erreichen, die ihre Hypoglykämien unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchleiden?

            Damit keine Missverständnisse aufkommen: Hier soll niemandem eine Krankheit an den Hals gewünscht werden. Stattdessen wird versucht, ein Medienphänomen einzukreisen, das neulich grassiert, das Betroffenen-Syndrom. Es bezeichnet das folgende Dispositiv: Eine Person, bekannt aus Funk, Fernsehen oder Werbung, klagt breitenwirksam über die Folgen ihres Erfolgs. In einem zweiten Schritt legt sie ihre Krankheiten offen und erklärt dann, wie schmerzlich dieser Schritt an die Öffentlichkeit gewesen sei.

            Zu diesem Schritt sagt Kimberly A., Betreiberin eines Food blog, bekannt geworden als jene Influencerin, die den Dill als Salatgewürz für alle Zeiten rehabilitierte: «Das hat echt Mut gebraucht. Diese Attacken täglich mit Tausenden zu teilen, ist harte Arbeit. Meine Ärzte haben mir abgeraten, aber ich habe es getan – und bin glücklich darüber. Ich habe mir gesagt: Hey, dein Erfolg hat dir so viel geschenkt. Höchste Zeit, etwas davon zurückzugeben an die Leute.»

            Ja, die Leute, the crowd, das anonyme Mängelwesen, das nicht im Studio sitzt, aber genauso an Neurodermitis leidet und gerade keinen Ghostwriter zur Hand hat, um einen Ratgeber zu schreiben. Kimberly findet, es habe sich gelohnt. Dies alles niederzuschreiben, sei die beste Therapie von allen gewesen. Seither kriege sie jede Menge Feedback. Diese Botschaften seien derart berührend, dass sie echt wochenlang geflasht gewesen sei von soviel Solidarität.

            Ist die crowd solidarisch mit ihr oder umgekehrt? Das ist gerade nicht so wichtig, denn jetzt überkommt Kimberly eine heftige Rührung. Offenbar ist nicht nur ihr Leiden, sondern auch die Art, wie sie damit ringt, ausgesprochen telegen. Kimberlys tränenfeuchter Blick wird um die Welt gehen! Während sie bei der Schilderung ihrer Martyrien zu Hochform aufläuft, informiert sie auch gleich über die heilsamen Seiten des Krankseins: dass es einen Demut lehrt; dass man endlich vergessen kann, wie man in seinen ersten Jahren in Hollywood gemobbt worden ist; dass man zeigen kann, wie toll man auch mit Neurodermitis aussehen kann; dass man für sein Buch sogar von Ärztinnen Likes bekommt; dass man jetzt nicht mehr nur wahrgenommen wird als die Insta-Dressing-Queen, sondern als Human being, das ernste Themen aufarbeitet – wie diese Leute, die mal in Auschwitz waren, zum Beispiel. Jedes einzelne Like hilft ja beim Versuch, aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen.

            Übrigens hilft es auch dem Geldbeutel. Aber Kimberly hat alles weitergespendet, um ein wenig von sich abzulenken. Dieser dauernde Fokus auf die eigene Person ist ja belastend: Immer darauf reduziert zu werden, wie man die Krankheit erlebt, wie man damit klarkommt und wie man jetzt die Öffentlichkeit dafür sensibilisiert. Bevor man erkrankte, war das Thema ja quasi inexistent, so wie Depression auch. Die gibt es so richtig erst, seit Big Shots darüber reden, Michelle Obama oder diese Notenbank-Präsidentin. Seither sollen die Krankenzahlen durch die Decke gehen. Und auch für Neurodermitis war es voll der Sechser im Lotto, dass nicht irgendwer, sondern gleich Kimberly daran erkrankte. Für den Sender sowieso: Kranke sind eine perfekte Zielgruppe. Der Leidensdruck macht sie experimentier- und ausgabefreudig.

            Und dann gibt es auch noch die Fachwelt. Das ist Kimberly wichtig. Die ist zwar stylingmässig weniger gut aufgestellt als sie, aber besser informiert, das muss man ihr lassen. Weil sie aber im Studio nicht so gut rüberkommt, braucht es Bildschirmprofis, die das Thema präsent halten. Klar, es gibt auch diese harten Fachbücher, aber wo liegen sie in der Buchhandlung? Man kann nicht einmal sagen weit hinten. Sie sind nicht vorhanden! Also braucht es Kimberlys Buch. Dort kann man das Allerwichtigste lernen: den Umgang mit sich selbst.

            Die junge Ärztin, sichtlich geschmeichelt, neben dem TV-Star zu sitzen, ist froh um diesen Bestseller, zu dem sie ein Quote liefern durfte. Auf demselben Cover mit Kimberly! Sie konnte ihr Glück nicht fassen. Dieses Buch hat ihrem Fachgebiet eine ganz neue Dimension von Akzeptanz erschlossen. Da hätte sie noch Jahre auf Kongresse fahren können… Anerkennend sagt sie, dass sie das Buch nicht nur unfassbar berührend findet, sondern in der Sache auch erstaunlich konzise.

            Kimberly springt ihr bei. Sie hat tiefen Respekt vor Leuten, die ein Leben lang alles geben für das Wohl ihrer Patienten, in diesen Labors, wo Nebenwirkungen eingegrenzt werden und so. Zugleich macht sie auch klar, dass Nebenwirkungen einfach höhere Akzeptanz erfahren, wenn man sie mit veganen Rezepten und Schminktipps für Hautkranke verbinden kann, inklusive Links zu ein paar supercoolen Produkten.

            «Wo aber das Gespräch sich in seinem Wesen erfüllt, zwischen Partnern, die sich einander in Wahrheit zugewandt haben, sich rückhaltlos äussern und vom Scheinenwollen frei sind, vollzieht sich eine denkwürdige, nirgendwo sonst sich einstellende Fruchtbarkeit», schreibt Martin Buber.

            Ein halbes Jahr nach ihrem ersten Gespräch treffen sich Krömer und Sträter wieder auf ARD. Sie reden über Impotenz, Übergewicht, Schlaflosigkeit, aber ausdrücklich nicht über den Krieg in der Ukraine – weil sie dafür nicht kompetent seien. Stattdessen reden sie von der Angst, in der Kneipe erkannt und auf Depression angesprochen zu werden. Und darüber, dass volle Säle nicht helfen gegen Minderwertigkeitsgefühle. Sie sind so enorm bescheiden, dass ihre Versagensangst sie bis zum Sendeschluss begleiten wird.

            Sendeschluss? Es ergibt sich eine kurze, schockierte Pause. Dann beruhigt einer den anderen mit der Feststellung, dass ja auch die Callas bis zuletzt unter Lampenfieber gelitten habe.

            Dies nun findet der geneigte Zuschauer einen absolut treffenden Vergleich.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor liess sich von beobachtbaren Medienphänomenen zu dichterischen Fortschreibungen inspirieren.
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