Rabbi Eliyahu Mali

Rabbi Eliyahu Mali: «Kinder sind zukünftige Terroristen» © cc

Israel beansprucht das Land vom Jordan bis zum Mittelmeer

Urs P. Gasche /  Nationalreligiöse Rabbis und rechtsextreme Minister fordern es schon lange: ein Grossisrael auf Kosten der Palästinenser.

Der palästinensische Slogan «From the River to the Sea» dürfe man nicht verwenden, weil er einen Gewaltaufruf gegen jüdische Menschen enthalte. Das fordern jüdische Organisationen wie der Schweizerische Israelitische Gemeindebund.

Tatsächlich kommt es nicht darauf an, was mit einem solchen Slogan – mit der Ergänzung «Palestine will be free») – gemeint sein könnte, sondern wie er von der Mehrheit der Israeli verstanden wird: als Ablehnung der Existenz Israels und als antisemitisch.

Doch auch in Israel träumen einige von einem Land vom Jordan bis zum Mittelmeer. Premierminister Benjamin Netanyahu sagte im Januar 2024: «Only greater Israel will exist from river to the sea». Er bezog sich auf das historische Palästina, zu dem das Westjordanland und der Gazastreifen gehören, von denen die Palästinenser hoffen, dass sie eines Tages zu ihrem unabhängigen Staat werden.

Die Minister Ben Gvir und Bezazel Smotrich vertreten offen ein Israel «vom Fluss bis zum Meer». Mit dem Fluss ist der Jordan gemeint. Auch im Parteiprogramm der Likud von 1977 steht: «Between the Sea and the Jordan there will only be Israeli sovereignty.» (Zwischen dem Meer und dem Jordan wird es ausschliesslich israelische Souveränität geben.) Das spätere Likud-Programm von 1999 wiederholte diesen Anspruch Israels, wenn auch in anderen Worten.*

Vertreter der radikalen Siedlerbewegung nutzen den Begriff «Eretz Israel». Je nach Auslegung bedeutet dies mindestens das Gebiet zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer oder darüber hinaus noch den Sinai oder bis zum Euphrat weit in Jordanien.

Lehnt der Schweizerische Israelitische Gemeindebund auch diese jüdischen Aussagen («vom Fluss bis zum Meer» oder «Eretz Israel») ab? Dazu Generalsekretär Jonathan Kreutner: «Diese Slogans/Begriffe sind nicht per se gleich gelagert. Ihre Bedeutung ist vielschichtig und reicht von religiösen und historischen Bezügen bis hin zu politischen Positionierungen.» Kreutner ergänzt: «Wo Positionen darauf hinauslaufen, das Existenzrecht eines Staates oder eines Volkes in Frage zu stellen, sind sie klar abzulehnen – unabhängig davon, von wem sie geäussert werden.» Ob dies bei den jüdischen Aussagen «vom Fluss bis zum Meer» oder «Eretz Israel» der Fall ist, sagt er nicht.

Doch auch hier ist entscheidend, wie die Mehrheit der Palästinenser diese Aussagen versteht.


«Juden stehen über dem Gesetz»

Viele Indizien deuten darauf hin, dass die Regierung von Benjamin Netanyahu das Ziel eines Grossisraels strategisch verfolgt:

Ben Gvir Wir stehen über dem Gesetz
Minister Ben-Gvir: «Juden stehen über dem Gesetz»
  • 2023 hatte Israels Finanzminister Bezalel Smotrich gesagt: «So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht». Er sprach vor einer Karte Israels, auf der das besetzte Westjordanland und Teile Jordaniens zu Israel geschlagen wurden.
  • Am 5. August 2024 erklärte Smotrich, es könne «gerechtfertigt und moralisch» sein, in Gaza zwei Millionen Menschen verhungern zu lassen. Leider würde man Israel zwingen, humanitäre Hilfslieferungen nach Gaza durchzulassen. Das verzögere die Freilassung von Geiseln. 
  • Ende Februar 2026 überreichte Israels Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir persönlich Räumungsbefehle an Palästinenser. Als ein Bewohner seine Eigentumsdokumente vorlegte, wollte Ben-Gvir nichts davon wissen: «Das ist mir egal. Juden stehen über dem Gesetz.» Die Palästinenser mussten ihr Häuser innerhalb von zwei Stunden verlassen.

Der palästinensische Ministerpräsident Mohammad Shtayyeh bezeichnete Smotrichs Äusserungen als «eindeutigen Beweis für die extremistische, rassistische zionistische Ideologie, die die Parteien der aktuellen israelischen Regierung prägt».


Keine klare Kante gegen nationalreligiöse Rabbis

Hinter den Rechtsextremen in Netanyahus Regierung steht die Ideologie nationalreligiöser Rabbis. Diesen Fundamentalisten widerspricht Ministerpräsident Benjamin Netanyahus Regierung höchstens, wenn es der internationale Druck verlangt.

Rabbi Eliyahu Mali leitet noch immer die religiöse Schule «Hesder Yeshiva Shirat Moshe» in Jaffa. Orthodoxe Männer können in diesem Internat das Tora-Studium mit dem regulären Militärdienst kombinieren.

In einem Video verbreitete Rabbi Eliyahu Mali im März 2024: 

«In unserem Mitzwa‑Krieg (Gebotskrieg, der als religiöse Pflicht gilt), in unserer Situation in Gaza, gilt das Gesetz: ‹Keine Seele soll leben›. Die Logik ist klar: Wenn du sie nicht zuerst tötest, werden sie dich töten. […] Die heutigen Terroristen waren die Kinder von früher. Die Mütter haben diese Terroristen geschaffen. Deshalb geht es nicht nur um den jungen Mann im Alter von 16, 18, 20 oder 30 Jahren, der eine Waffe auf dich richtet, sondern auch die zukünftige Generation (die Kinder von Gaza) und diejenigen, welche die zukünftige Generation hervorbringen (die Frauen von Gaza). Selbst die alten Leute sind nicht unschuldig. 95 bis 99 Prozent aller Menschen wollen uns töten.»

Die Vorsitzende der oppositionellen Arbeitspartei, Merav Michaeli, verurteilte die Äusserungen des Rabbiners: «Ich fordere die Armee und das Verteidigungsministerium auf, mit der religiösen Schule (Shirat Moshe in Jaffa) nicht mehr zusammenarbeiten, bis der Rabbiner entlassen wird. Die israelische Armee darf eine solch gefährliche moralische Verrohung in ihren Reihen nicht zulassen.»

Nach Informationen im Netz leitet Mali die Schule immer noch und das Militär arbeitet weiter mit ihr zusammen.

Ein weiterer Nationalreligiöser ist Rabbi Ronen Shaulov. Er verbreitete am 28. Juli 2025:  «Alle Kinder in Gaza sollten verhungern. Mit «künftigen Terroristen» könne man kein Mitleid haben: «Auch wenn sie jung und hungrig sind. Ich hoffe, dass sie verhungern.»


800’000 Juden an seiner Beerdigung

Rabbi Ovadia Yosef: «Der Herr wird herrschen in alle Ewigkeit»
Rabbi Ovadia Yosef: «Der Herr wird herrschen in alle Ewigkeit»

Der ultra-orthodoxe Oberrabbiner Ovadia Yosef war talmudischer Gelehrter, von 1973 bis 1983 sephardischer Oberrabbiner Israels sowie Gründer und langjähriger spiritueller Führer von Israels ultraorthodoxer Partei Shas.

Als er 2013 starb, kamen 800’000 Orthodoxe an seine Beerdigung nach Jerusalem. Es waren grossmehrheitlich Männer. Die wenigen Frauen waren im Hintergrund von den Männern getrennt.

Unter den Männern waren Präsident Shimon Peres und Premierminister Benjamin Netanyahu. Sie störten sich nicht daran, dass dieser fundamentalistische Extremist

  • 2012 Israels Richter beschimpfte: Sie «urteilen nicht nur nach Art der Völker der Welt und hassen die Tora», sondern «akzeptieren auch die Aussagen einer Frau.» Die Richter seien «böse Menschen – möge Gott sie vernichten».
  • 2001 erklärte er, man dürfe gegenüber den Palästinensern keine Gnade walten lassen, sondern mit Raketen auf sie schiessen und sie vernichten.
  • Früher behauptete er: «Nichtjuden wurden nur geboren, um uns zu dienen. Sonst haben sie keinen Platz in der Welt». Es ging darum, welche Arbeiten Nichtjuden am Schabbat verrichten dürfen.
    Unter Gelächter sagte er: «Wozu braucht man Nichtjuden? Sie arbeiten, sie pflügen und ernten. Wir werden wie ein Effendi (Meister) dasitzen und essen. […] Bei Nichtjuden ist es wie bei jedem Menschen: Sie müssten eigentlich sterben, aber Gott schenkt ihnen ein langes Leben. Warum? Stellen Sie sich vor, jemandes Esel würde sterben – er würde sein Geld verlieren. Der Esel ist sein Diener. Deshalb bekommt er ein langes Leben, um gut für diesen Juden zu arbeiten.» 

Menschenrechtsorganisationen wie das Adalah Legal Center kritisieren, dass die israelischen Behörden unakzeptable Aufrufe wie diejenigen des Schulleiters Rabbi Malis nicht wirksam ahnden, und dass es keine klare politische Ächtung dieser Hetze durch die Regierung gebe.

Ovadia Yosef, Ronen Shaulov, Eliyahu Mali, Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir vertreten als religiöse oder revisionistische Zionisten eine ethnozentrische Haltung der Überlegenheit und streben ein Grossisrael an. 

Doch die Mehrheit der Juden und der Israeli auf der Welt teilen diese Ansichten nicht und lehnen ein Grossisrael ab.

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*Im Likud-Parteiprogramm von 1999 heisst es: «The Government of Israel flatly rejects the establishment of a Palestinian Arab state west of the Jordan river.» («Die israelische Regierung lehnt die Gründung eines palästinensisch-arabischen Staates westlich des Jordan entschieden ab») Und weiter: «Settlement of the land (Judea, Samaria and Gaza) is a clear expression of the unassailable right of the Jewish people to the Land of Israel and constitutes an important asset in the defense of the vital interests of the State of Israel. The Likud will continue to strengthen and develop these communities and will prevent their uprooting.» (Die Besiedlung des Landes (Judäa, Samaria und im Gazastreifen) ist ein klarer Ausdruck des unantastbaren Rechts des jüdischen Volkes auf das Land Israel und stellt einen wichtigen Faktor bei der Verteidigung der vitalen Interessen des Staates Israel dar. Der Likud wird diese Gemeinden weiterhin stärken und ausbauen und ihre Entwurzelung verhindern.)


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