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Unter Beschuss: die iranischen Gasfelder © ZDF

Irankrieg: Eskalation ohne Ende

Amalia van Gent /  Skrupellose Gewalt ist zur Normalität im Krieg gegen den Iran geworden. Dadurch wird die Zukunft für mehrere Generationen verbaut.

Donald Trump hatte das Ende des Kriegs innerhalb weniger Tage vorausgesagt. Demnach würde dieser mit einem glorreichen Sieg der Kriegsalliierten USA und Israel sowie einer «bedingungslosen Kapitulation» Teherans einhergehen. Das iranische Volk wäre den USA ausserdem für seine Befreiung vom Mullah-Regime auf ewig dankbar.

Drei Wochen später steht der US-Präsident vor einem Scherbenhaufen: Die Golfregion steht buchstäblich in Flammen. Die Energiepreise steigen, und die Aktienkurs fallen. Seine Partner in der Nato und der EU haben seinen Hilferuf, im Golf militärisch zu intervenieren, abgelehnt: «That’s your war», lautete ihre einstimmige Antwort. Allmählich dämmert es der amerikanischen Regierung, dass mit dem letzten israelischen Angriff womöglich die letzte, absolute «rote Linie» in der Region überschritten ist.

Die Anlagen von South- und North-Pars stehen in Flammen

Nur zwei Tage vor dem Newroz-Tag, dem wichtigsten Feiertag im Iran, griffen israelische Flugzeuge am Morgen des 18. März 2026 die Gasanlage Assaluyeh an. War es Absicht, die Iraner während ihres Neujahrsfestes Newroz ohne Strom und ohne Kochmöglichkeiten zu lassen? Die Onshore-Verarbeitungsanlage Assaluyeh ist jedenfalls die wichtigste Anlage, aus der Gas aus dem iranischen Gasfeld South-Pars in das nationale Netz eingespeist wird.

Innerhalb von 24 Stunden nach dem Angriff auf South-Pars feuerte der Iran ballistische Raketen auf die Ras-Laffan-Industriezone in Katar ab, den weltweit grössten einzelnen LNG-Exportkomplex. Qatar-Energy meldete «erhebliche Schäden». 

Irans South-Pars und Katars North-Field bilden eine einzige geologische Formation und sind damit das grösste einzelne Erdgasfeld der Erde. «Was geschehen ist, ist nicht einfach nur eine weitere Eskalation im Iran-Konflikt. Es ist der Beginn einer neuen und grundlegend anderen Art von Krieg», kommentierte Omar Ahmed auf der kurdischen Internetplattform «Rudaw». Ahmed hatte beim Bau der Anlage mitgewirkt. «Wenn man South-Pars angreift, greift man keine militärische Anlage an. Man greift die wirtschaftliche Grundlage zweier Nationen und die Gasversorgung von 85 Millionen Iranern an.» 

Inzwischen hat die iranische Revolutionsgarde (IRGC) erklärt, dass die gesamte mit den USA verbundene Energieinfrastruktur am Golf «mit voller Wucht unter Beschuss geraten wird». In der Zielliste der IRGC namentlich genannt werden der petrochemische Komplex Jubail in Saudi-Arabien, das Gasfeld Al Hosn in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Mesaieed-Komplex in Katar und die Ras-Laffan-Raffinerie. 

Die Energiekarte des Golfs als ein reines Schlachtfeld! Kann es noch verhindert werden oder ist es schon zu spät?

Zu viele rote Linien bereits überschritten?

Der Nahe Osten, einschliesslich des Iran, hat seit den 1980er Jahren viele Kriege und entsprechend viel Brutalität erlebt. Dieser letzte Krieg zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass er das Potenzial hat, nicht nur die Region, sondern die Weltwirtschaft für längere Zeit in Geiselhaft zu nehmen. 

Ausserdem zeichnet er sich dadurch aus, dass grobe Verstösse gegen das Völkerrecht weder von der Uno noch von einflussreichen Staaten verurteilt werden. Sie werden schlichtweg verschwiegen. Ein Beispiel hierfür ist der Angriff auf die Schule von Minab am ersten Kriegstag, bei dem rund 170 Kinder getötet wurden.

Hochrangige Mitglieder des iranischen Regimes werden beinahe täglich bei gezielten Angriffen getötet und von den Tätern als Trophäen gezeigt. Der ehemalige Oberste Religionsführer Ali Khamenei und Ali Laridschani, der in jungen Jahren offenbar leidenschaftlich Arbeiten über Kant schrieb und später während des Mullah-Regimes die meisten Verhandlungen mit dem Westen führte, waren als zentrale Figuren des Regimes von den Menschen verhasst.

Die meist gut informierte israelische Zeitung «Haaretz» schätzt, dass Israel seit Kriegsbeginn im Juni 2025 rund die Hälfte der höchsten iranischen Führungskader eliminiert hat. Ob solche tödlichen Angriffe auf die Führung eines souveränen Staates aber wirklich legitim sind, wird von unserer Politik oder Presse kaum hinterfragt.

Sprachliche Verrohung

Parallel zur skrupellos und enthemmt eingesetzten Gewalt geht seit drei Wochen auch eine Verrohung der offiziellen Rhetorik einher. Als Khameneis Sohn Modschtaba nach seiner Wahl zum Obersten Führer des Irans einem Angriff zum Opfer fiel, bei dem er offensichtlich schwer verletzt wurde und daraufhin untertauchte, höhnte der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth: «Sich im Untergrund zu verstecken … so verhalten sich nur Ratten.» 

Hegseth, der sich lieber Kriegsminister nennt, diente Mitte der Nuller-Jahre als Infanterieoffizier im Irak-Krieg. Schon damals hielt er wenig von der Respektierung des Völkerrechts oder von Einschränkungen bei der Anwendung von Gewalt, wie Washington sie damals zumindest ansatzweise von der US-Armee forderte. «Alles dumme Einsatzregeln», erklärte er vor wenigen Tagen öffentlich. Und: «Der Iran-Krieg sollte nie ein fairer Kampf sein, und er ist es nicht. Wir prügeln auf sie ein, während sie am Boden liegen, und genauso sollte es auch sein.» 

Die Einstellung, dass in diesem Krieg keine Einsatzregeln nötig seien, teilt Hegseth mit seinem israelischen Amtskollegen Israel Katz. Katz hat sein Militär kürzlich dazu ermächtigt, «jeden hochrangigen iranischen Beamten, der als Ziel gilt, zu töten, ohne dass eine weitere Genehmigung erforderlich ist».

Wettlauf der Kriegsgegner

Auch drei Wochen nach dem ersten Schlag setzt sich der Krieg unvermindert fort. Wie und wann er beendet werden kann, dürfte in erster Linie von der Ausdauer der Kriegsgegner abhängen. «Es ist ein Wettlauf darum, ob das iranische Regime zuerst nachgibt oder ob die Geduld und die Bestände an Abfangraketen Israels und der Golfstaaten zuerst erschöpft sind», kommentiert der israelische «Haaretz»-Journalist Amos Harel.

Drei Wochen nach Kriegsbeginn sieht sich die iranische Bevölkerung zwischen zwei extremen Machtblöcken eingeklemmt. Da ist zunächst ihre eigene Regierung. Der neugewählte Oberste Führer Modschtaba Khamenei meldete sich zu Newroz mit einer schriftlichen Botschaft an sein Volk: «Die Iraner haben dem Feind einen vernichtenden Schlag versetzt», hiess es darin und versetzte die Menschen in Staunen. Sollte Modschtaba Khamenei tatsächlich noch am Leben sein, hat er angesichts der Lage seines Staates wohl die Realität aus den Augen verloren. 

Da sind ferner Washington und Tel Aviv. Sie hatten zu Kriegsbeginn versprochen, dass die Zukunft des Iran dem iranischen Volk gehöre. Kurz: Sie präsentierten sich als Befreier. Inzwischen beschreibt der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu den Krieg als Kampf zwischen den «Kindern des Lichts» und den «Kindern der Finsternis» beziehungsweise zwischen «Zivilisation und Barbarei». Dabei lässt er offen, ob er tatsächlich einen Unterschied zwischen dem Regime und dem Iran als Ganzem macht.

Nach dem Angriff aufs South-Pars-Gasfeld verkündete US-Präsident Donald Trump auf seiner Plattform «Truth Social», dass er Israel künftig keine Angriffe auf dieses äusserst wichtige und wertvolle South-Pars-Feld erlauben werde. Sollte das iranische Regime jedoch das «völlig unschuldige Land Katar» angreifen, würden «die Vereinigten Staaten von Amerika das gesamte South-Pars-Gasfeld mit einer Gewalt und Wucht zerstören, wie der Iran sie noch niemals zuvor erlebt hat», so der US-Präsident.

Der Widerspruch zwischen dem ursprünglichen Versprechen, ein brutales Regime zu stürzen, und den Erklärungen von heute ist für viele Iraner allzu gross. Genauso wie auch ihre Verzweiflung nach drei Wochen Krieg.


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