Die schattigsten Städte Europas
Die Qualität einer Stadt zeigt sich in Hitzewellen auf ungewohnte Weise. Während sich auf einer Strassenseite die Fussgänger drängen, bleibt die andere menschenleer. Wer kann, drückt sich an den Fassaden oder unter Bäumen entlang, um der Sonne zu entgehen. Bern hat Glück, zumindest in der Innenstadt, Basel auch. Enge Gassen dominieren die historischen Stadtkerne. Es gibt viel Schatten. Eine nicht zu unterschätzende Qualität im Sommer 2026, in dem bisher eine Hitzewelle der nächsten folgte.
Der australische Wissenschaftler Thami Croeser hat aus dieser einfachen Beobachtung einen Forschungsansatz gemacht und 25 europäische Städte auf ihre Schattenqualität untersucht. Dabei herausgekommen ist ein «Hitzeschutz-Ranking» oder eher ein «Schatten-Ranking». Bern und Basel wurden leider nicht untersucht.
Zu den schattigsten Städten Europas gehören aber die deutschen Städte Hamburg und Köln, gefolgt von Nizza. Am wenigsten Schatten bieten Städte, in denen es ohnehin heiss werden kann wie Paris, Athen und Sevilla:

Gemessen wird anhand der Anzahl der Bäume rund um ein Gebäude. Beziehungsweise nicht anhand der Bäume selbst, sondern anhand des Schattens, den sie spenden. Dazu untersuchten Croeser und sein Team Satellitenbilder von 5,5 Millionen Gebäuden in sieben Ländern auf umgebende Vegetation und ihren Schattenwurf.
Das ist keine grundsätzlich neue Idee: Bäume gehören zu den effektivsten Schattenspendern in Städten. Sie können die Umgebungstemperatur um vier bis zehn Grad senken. Sind im Umkreis von 60 Metern um ein Gebäude mindestens 30 Prozent der Fläche von Baumkronen bedeckt, gilt es nach einer Studie aus den USA als ausreichend beschattet. Diesen Massstab verwendete auch Croeser.
In Köln sind demnach 45,7 Prozent der Gebäude ausreichend vor Hitze geschützt und in Hamburg 44,4 Prozent. Das hört sich eher moderat an, gehört aber zu den Spitzenwerten. In Paris sind lediglich 4,4 Prozent aller Gebäude von ausreichend kühlender Vegetation umgeben.
Croeser legt dieses und andere Ergebnisse seiner Studie auf einer Webseite in interaktiver Form dar. Neben dem Ranking-Diagramm oben lässt sich beispielsweise für alle 25 Städte eine Schattenkarte aufrufen, man kann die heissesten und kühlsten Orte einer Stadt finden und die Oberflächentemperatur Ende Juni abrufen. (Ich empfehle wegen der holprigen deutschen KI-Übersetzung den englischen Text.)
Schatten ist meist nicht dort, wo er sein sollte
Croesers Untersuchung bestätigt, was andere bereits erforscht haben: Wo Bäume fehlen, wird es heiss. Seine akribische Baumkronenzählung ergibt aber noch andere Einsichten: Schatten ist meistens nicht dort, wo er sein sollte.
In den meisten Städten gibt es rund um die Hälfte aller Gebäude weniger als 10 Prozent Schattenbedeckung. In London beispielsweise sind es sieben Prozent. 84 Prozent der Wohn- und Arbeitsgebäude seien insgesamt zu wenig gegen Hitze geschützt. Mit der städtebaulichen Dichte habe das nebenbei wenig zu tun.
Auch das hat Croeser grafisch dargestellt. Das hier sind zum Beispiel Croesers «Schattenkarten» von München und Paris:

Ärmer heisst meist: heisser
Am meisten Schatten gibt es, grob gesagt, dort, wo man es sich leisten kann. Das trifft zumindest für 17 der 25 Städte zu, für die Croeser Einkommens- und Benachteiligungsdaten beschaffen konnte. Wer in ärmeren Stadtteilen lebt, hat es meist heisser, zeigt die Kombination der Daten. Besonders deutlich sei dieser Zusammenhang in der im Ranking letztplatzierten Stadt Sevilla sowie in Madrid, Marseille und Nizza. In den weniger wohlhabenden Quartieren gibt es weniger Bäume, und während der Hitzewelle Ende Juni war es dort deutlich heisser.

Der Zusammenhang stimmt aber nicht immer. In Grossbritannien und Deutschland seien die Zusammenhänge komplexer, in Mailand sei es sogar so, dass das wohlhabende Zentrum deutlich heisser sei als die benachteiligten Randgebiete.
Die glühenden Dächer von Paris
Dazu kommen städtebauliche Eigenheiten. Nicht alle Städte haben schattige Altstädte wie Bern und Basel. Das historische Erbe kann auch wirken wie ein Ofen. Eines der «Highlights» in Croesers Daten ist Paris: 96 Prozent von 119’000 Gebäuden sind nicht ausreichend beschattet. Die durchschnittliche Baumkronenbedeckung im Umkreis beträgt 12 Prozent.
Was das bedeutet, beschreibt die Autorin Sarah Wilson in einem Substack-Post über die Hitzewelle Ende Juni. Wilson lebt in einem «Chambre de bonne», einem der ehemaligen Dienstbotenquartiere unter den Dächern von Paris. Die winzigen Mansardenzimmer sind günstig, romantisch – und bei ungünstigem Wetter sehr, sehr heiss. In ihrer Wohnung habe es tagsüber 43 Grad, nachts noch immer 38 Grad, berichtet sie.
Das liegt auch daran, dass das Gebäude mit den typischen Zinkplatten gedeckt ist, auf die Paris sehr stolz ist. Die graublauen Zinkdächer sind ein Wahrzeichen der Stadt, Unesco-Kulturerbe und gehören zum Stadtbild. Laut der deutschen «Tagesschau» bedecken sie zwei Drittel der Pariser Dächer.
«So sieht Kollaps aus»
Das normale Leben in Paris, schreibt Wilson, sei in der Hitze weitgehend zum Stillstand gekommen. An einen normalen Tagesablauf sei nicht mehr zu denken. Die Temperaturen verwandelten den Tag in eine verzweifelte Suche nach Kühlung – die wenigen klimatisierten Cafés sowie Museen und Parks stünden hoch im Kurs. Sie übernachte im Wald und habe über Social Media das Angebot bekommen, in einem nachts ungenutzten klimatisierten Tonstudio zu schlafen, listet sie neben Dutzenden anderer Hitze-Tricks auf.
Paris gilt als Vorzeigestadt in Sachen Verkehrswende und Klimaschutz, was sich vorteilhaft auf die Temperaturen auswirkt. Auch sonst hat sich die Stadt schon einiges einfallen lassen: Zum Beispiel kühlt sie einige Gebäude bereits mit dem Wasser der Seine. Allerdings ist Paris auch eine der europäischen Städte mit der höchsten Hitzesterblichkeit. Vielleicht wird sie in Zukunft auch auf einen Teil der historischen Zinkdächer verzichten müssen. Denn kühler werden wird es langfristig nicht.
Wilson berichtet auch von einem Phänomen, das sie den Hitze-Domino-Effekt nennt. Kraftwerke müssten heruntergefahren werden, weil das Wasser zu warm sei. Lokal falle deshalb der Strom aus. In der Folge funktioniere die Trinkwasserversorgung nur noch eingeschränkt. Flaschenwasser sei dann rasch ausverkauft. Strassen gehen in der Hitze kaputt, Züge fallen aus. «So sieht Kollaps aus», schreibt sie.
Städte müssten eine grosse Zahl Bäume pflanzen
Ganz so dramatisch sieht Thami Croeser die Lage nicht. Der Stadtplaner mahnt aber, das Schattenproblem und die Stadtbegrünung unbedingt ernst zu nehmen. Nicht zuletzt deshalb, weil Bäume geplant, gepflanzt und gepflegt werden müssen. Und weil es eine ganze Weile dauert, bevor sie gross genug sind, um Schatten zu spenden.
Sein Schatten-Ranking folgt einer Arbeit, die er im Magazin «Nature Communications» veröffentlicht hat. Städte müssten eine grosse Anzahl geeigneter Bäume pflanzen, sagt er. Sie müssten dicht genug stehen, um ausreichend Schatten zu spenden. Dazu benötigten sie genügend Boden und eine auf optimale Versickerung ausgerichtete Stadt. Schlussendlich sollte alles dafür getan werden, dass die Bäume zu voller Grösse heranwachsen und ihre Kühlwirkung entfalten können. Woran es oft hakt, zeigt er anschaulich im Video:
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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