Kommentar

UBS-Studie: Die Welt wird ärmer und dümmer

Werner Vontobel © zvg

Werner Vontobel /  Die Welt sei vermögender geworden, sagt die UBS in ihrem Wealth Report. Liest man genau, erkennt man das Gegenteil.

Als der grösste, wirklich globale Vermögensverwalter sei die UBS am besten in der Lage nachzuvollziehen, wie sich die Vermögen global entwickelt und verschoben haben, sagt die UBS in ihrem Global Wealth Report 2026. Erste Erkenntnis der Schweizer Grossbank: Die Welt sei 2025 um 10,8 Prozent reicher geworden. Zweite Erkenntnis. Dieser Zuwachs sei entweder die Frucht harter Arbeit oder von guten Investitionsentscheiden – bei denen die UBS gerne mithilft.

Harte Arbeit? Das vom UBS-Report geschätzte globale Vermögen beläuft sich auf 518 Billionen Dollar. Ein Zuwachs von 10,8 Prozent entspricht 56 Billionen Dollar mehr Guthaben für die einen – und entsprechend mehr Schulden für die anderen.

Auf der anderen Seite ist das weltweit erarbeitete BIP von knapp 130 Billionen 2025 um 3,1 Prozent gewachsen. Das ist ein Plus von 4 Billionen, wovon maximal 3 Billionen auf Löhne entfallen dürften.

Unter dem Strich heisst das: Die Lohnempfänger konnten sich mit ihrer harten Arbeit nur deshalb ein wenig mehr leisten, weil sie sich bei den «Spekulanten» massiv verschuldet haben.

Nur die Reichen werden reicher

Und wie steht es mit der «Welt», die angeblich reicher geworden ist? Dazu gibt es auf der Seite 16 des Reports eine aufschlussreiche Graphik. Sie zeigt, dass in den meisten Ländern (darunter die Schweiz, Deutschland, die USA, Spanien etc.) zwar das durchschnittliche Vermögen gestiegen, der Median aber gesunken ist. Das heisst, mindestens die Hälfte der Bevölkerung ist ärmer geworden.

UBS-Grafik
Entwicklung des durchschnittlichen und des medianen Vermögens pro Erwachsenem, 2020–2025, in Landeswährung, inflationsbereinigt. (Grafik vergrössern)

Im Falle der Schweiz sieht das so aus: 2019 besass noch die Hälfte aller Erwachsenen mehr als 227’000 Dollar, dieser Wert ist inzwischen aber um rund einen Drittel auf 146’000 Dollar gesunken. Das durchschnittliche Vermögen hingegen ist um mehr als 50 Prozent von 564’000 auf 910’000 Dollar gestiegen.

Bei der Verteilung des Vermögens sieht es also schon einmal schlecht aus. Das Bild wird aber noch viel trüber, wenn wir aufgrund der UBS-Zahlen die Entwicklung bei den durchschnittlichen Vermögen der jeweils ärmeren und der reicheren Hälfte der Bevölkerung anschauen. Für 2019 sieht das so aus: Unten im Schnitt 115’000 Dollar, oben 880’000 Dollar. 2025 ist das durchschnittliche Vermögen der unteren Hälfte auf 73’000 Dollar gesunken, und das der oberen auf über 1,8 Millionen Dollar gestiegen. Die Schere hat sich also von 1 zu 7,5 auf fast 1 zu 25 geöffnet.

Es gibt dazu zwar auch andere Statistiken, welche die Ungleichheit weniger deprimierend darstellen. Aber die UBS-Statistik zeigt deutlich: Die Welt (der Normalverdiener) und mit ihr die der Schweiz ist ärmer geworden.

Tanz um das Goldene Kalb

Doch das ist noch nicht alles. Die Welt ist auch dümmer geworden. Eine intelligente Welt – würde man meinen – müsste so organisiert sein, dass sich produktive Arbeit lohnt. Doch unsere Welt tanzt um ein goldenes Kalb, dessen Wert mit 518 Billionen das Vierfache des globalen BIP beziehungsweise rund das Sechsfache der jährlichen globalen Arbeitseinkommen beträgt und sich fast im Sekundentakt um viele Dutzende Milliarden verändert.

Was das für die Welt insgesamt bedeutet, haben wir oben gesehen: 56 Billionen Zuwachs des Vermögens, 3 Billionen Zuwachs für die Löhne. Wer arbeitet, ist dumm. Wer reich werden will, spekuliert.

Im Falle der Schweiz sieht die Rechnung in etwa so aus: Gesamtvermögen laut UBS-Zahlen rund 5,5 Billionen Franken. Das ist in etwa das Elffache des jährlichen gesamten Arbeitseinkommens von rund 500 Milliarden Franken. Wenn somit das Vermögen auch nur um 1 Prozent wächst, entspricht dieser Zuwachs fast 11 Prozent beziehungsweise jährlich rund 6 Wochen mehr Arbeit für alle.

Klar, nicht alle Schweizer haben genug Geld, um im grossen Stil an der Börse zu spekulieren, und nicht jede Spekulation geht auf. Aber andererseits machen auch immer mehr Schweizer die (von der UBS-Studie eben bestätigte) Erfahrung, dass man mit Arbeit allein auf keinen grünen Zweig mehr kommt. Und fast jeder Schweizer kennt inzwischen jemand, der oder die sich dank einem marktbedingten Vermögenszuwachs einen teuren Sportwagen oder eine Zweitresidenz leisten kann. Das prägt das kollektive Bewusstsein. Vermögensverwalter statt Feuerwehrmann, Immobilienmaklerin statt Krankenschwester, Finanz-Influencer mit eigenem Youtube-Kanal statt Handwerker ist deshalb heute der Berufswunsch vieler Jugendlicher. In der Zwischenzeit üben sie schon mal als Day-Trader im Internet.

Das Handwerk – der Hände Arbeit – hatte einst goldenen Boden. Glaubt man der UBS, ist dies immer noch oder schon wieder so, denn sie definiert die Verwaltung von Vermögen als Handwerk, englisch «craft». «Managing wealth is our craft», lautet der erste Zwischentitel ihrer Broschüre. Und für diese Art von Handwerk hat die Konzentration von Vermögen in immer weniger Händen in der Tat goldenen Boden. Wer jedoch weniger als 200’000 Franken Vermögen besitzt, braucht diese Handwerker nicht.


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