Kommentar

(Ex-)Taskforce: Einmal mehr schlecht kommuniziert

Martina Frei © cm

Martina Frei /  Wissenschaftler sollten so kommunizieren, dass sich Laien ein Bild machen können. Das tun sie in entscheidenden Momenten nicht.

Je länger die Pandemie geht, desto schwieriger wird es, Mitglieder der ehemaligen Nationalen Covid-19 Taskforce und andere Wissenschaftler ernst zu nehmen, wenn sie Risiken und Nutzen kommunizieren. Das begann schon im Sommer 2020 mit den Masken und setzt sich – leider – fort. 

Anstatt damals sinngemäss ehrlich zu sagen, «wir wissen nicht genau, was Maskentragen in der Öffentlichkeit bringt, die Beweislage ist dünn, aber wir gehen stark davon aus, dass sie nützen. Deshalb schlagen wir in der jetzigen Situation vor, sie zu tragen», entschied sich die damalige Taskforce unter der Leitung von Matthias Egger für eine Vertrauen zerstörende Kommunikation. 

Den Nutzen gross erscheinen lassen

Etwas vom Ersten, das Studierende bei Professoren wie Egger und seinen Public Health Kollegen lernen, ist, wie unterschiedlich man Risiken kommunizieren kann – und wie man es besser nicht tun sollte.

Im Sommer 2020 beispielsweise hätte die Taskforce kommunizieren können, dass ihrer Schätzung nach damals eine von etwa 300 Personen mit dem Coronavirus infiziert war. Sie tat es nicht.

Sie hätte damals auch mitteilen können, dass eine mit diversen Mankos behaftete Studie schwache Hinweise geliefert hatte, dass Masken das Übertragungsrisiko um rund 14 Prozent senken könnten. Auch das tat die Taskforce nicht.

Stattdessen verbreitete sie die Information, dass Masken das Übertragungsrisiko des Corona-Virus um bis zu 80 Prozent senken könnten – und griff damit auf einen Trick zurück, den alle anwenden, die einen Nutzen möglichst gross erscheinen lassen möchten. 

Beide Angaben – 14 Prozent wie 80 Prozent – stimmen. Allerdings tönt die relative Risikoreduktion von 80 Prozent beeindruckender als die absolute Risikoreduktion von 14 Prozent. Dass ausgerechnet Fachleute, die Studierende auf genau solche Tricks hinweisen, selbst dazu griffen, war mehr als enttäuschend. Leider war dies kein einmaliger Ausrutscher.

Auch komplexe Dinge lassen sich erklären

Tanja Stadler, die letzte Präsidentin der (inzwischen aufgelösten) Taskforce hat erst kürzlich im SRF Info wieder ähnlich argumentiert (Infosperber berichtete). Sie gab an, dass Personen über 60 Jahre ohne eine vierte Impfung ein dreimal so grosses Risiko für einen schweren Covid-Verlauf hätten – lieferte aber keine einfach verständlichen, absoluten Zahlen. 

Der Einwand, das Ganze sei kompliziert und auch abhängig vom Infektionsgeschehen, ist berechtigt. Aber Spezialistinnen wie Stadler können ihn nicht geltend machen. Denn diese Komplexität liesse sich in wenigen Sätzen erklären, bei der exponentiellen Infektionsausbreitung ebenso wie bei den Masken und jetzt bei den Impfungen.

Unverständlich ist auch, dass bei den Nutzen-Risiko-Analysen alle über 60-Jährigen permanent «in einen Topf geworfen werden» mit 80-Jährigen – obwohl das Bundesamt für Gesundheit schon lange vor der Omikron-Phase festgestellt hatte, dass das Risiko, im Zusammenhang mit Covid hospitalisiert zu werden, bei den 60-Jährigen anfangs rund 5 von 100 Personen betraf, bei den 80-Jährigen aber etwa 20 von 100, also viermal so viele.

Die «vierte Gewalt» nimmt es hin

Seit Beginn der Impfkampagne wird kaum berichtet, wie gut oder schlecht die Impfung die über 80-Jährigen schützt. Die US-Gesundheitsbehörde CDC etwa wies für die Jahrgänge der Fünf- bis Elfjährigen und für die 12- bis 15-Jährigen separat aus, wie die Impfung wirkt – während sie dasselbe für die über dreissig Jahrgänge ab 65 Jahren nur pauschal beantwortet. Obwohl Daten dazu vorhanden sein müssen, werden sie kaum publik (Infosperber berichtete). Hinzu kommt, dass zum Beispiel in wichtigen Studien aus Israel zur Wirksamkeit der Impfung genau jene Bevölkerungsgruppen, die von Covid besonders betroffen sind – pflegebedürftige alte Menschen und Heimbewohner – ausgeschlossen waren.

Ähnlich lückenhaft sind die Angaben zum Vergleich der Gesamtsterblichkeit bei Geimpften und Ungeimpften. In Medikamentenstudien ist es durchaus üblich, nicht nur zu prüfen, wieviele Menschen das Medikament vor der Erkrankung bewahrt, gegen die es gedacht ist. Sicherheitshalber wird in der Regel auch untersucht, ob insgesamt mehr Menschen sterben, wenn sie das Medikament nehmen. Denn es könnte ja sein, dass das Arzneimittel zwar vor Krankheit A schützt, zugleich aber das Problem B verursacht. Dieser Blick auf die Gesamtsterblichkeit fehlt jedoch beispielsweise in wichtigen Impfstudien aus Israel, etwa zur zweiten Boosterimpfung – obwohl die Daten vorhanden sein müssen. Dass Forschende solche, eigentlich selbstverständliche Informationen selbst auf Nachfrage hin nicht liefern, zerstört Vertrauen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die transparent informieren möchten, sollten sich daran erinnern, wie man Ergebnisse gut kommuniziert. Das deutsche «Institut für Gesundheit und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen» etwa macht es auf seiner Website gesundheitsinformation.de zu den Impfstoffen vor. Auch die Medienschaffenden sind in der Pflicht: Sie sollten nachhaken, wenn Zahlen genannt werden, die schon a priori unplausibel wirken, wenn wichtige Informationen «unter den Tisch fallen» oder wenn (wieder) bloss relative Angaben gemacht werden. Tun sie es nicht, sind das handwerkliche Unterlassungen, die zeigen, dass sie ihre Aufgabe als «vierte Gewalt» nicht wahrnehmen – ausgerechnet in der Pandemie, von der die ganze Bevölkerung betroffen ist.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Coronavirus_1

Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

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2 Meinungen

  • am 18.07.2022 um 12:06 Uhr
    Permalink

    Liebe Frau Frei, würden Sie bitte den absoluten und den relativen Wert von 14% bzw. 80% uns Ahnungslosen erklären?
    Wissenschaft und Kommunikation sind zwei verschiedene Gebiete; ein/e Expert/in auf dem einen ist nicht unbedingt das auch auf dem anderen. Ausserdem sagt eine alte Management-Weisheit, dass wenn die Chance erheblich sei, dass man sich irrt, man es lieber auf der sicheren als auf der unsicheren Seite tun sollte.
    Ansonsten stimme ich Ihnen voll zu!

    0
    • am 18.07.2022 um 13:26 Uhr
      Permalink

      Gern, @Herr Mortier: Hier finden sie die Studie, um die es damals ging.
      Auf Seite 1979 Table 2: Risiko einer Virusübertragung/Infektion
      Mit Maske steckten sich 3,1 Prozent der Personen an und ohne Maske 17,4 Prozent, wobei die Studienautoren angeben, dass sie recht unsicher sind mit dieser Schätzung.
      Item. Das macht einen absoluten Unterschied von 17,4 minus 3,1 = 14,3 Prozent.
      Sie können es aber auch anders rechnen: 3,1 Prozent sind rund 20 Prozent von 17,4. Also ergibt das mit Maske eine relative Risikoreduktion von circa 80 Prozent.
      Diese Studie wurde im Übrigen heftig kritisiert, hier der Artikel dazu auf Infosperber.
      Und hier ein lesenswerter Artikel, der im September 2020 in «Horizonte» erschienen ist und rekapituliert, wie sich das Verhältnis zu den Masken im Jahr 2020 gewandelt hat – «obwohl sich an der wissenschaftlichen Faktenlage zur Wirksamkeit des Maskentragens – im Alltag – bei Coronaviren in der ganzen Zeit nur wenig verändert hat», wie der Autor bemerkte. Es geht mir hier nicht um die Frage, ob Masken nützen, sondern wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in den Medien auftreten, transparenter kommunizieren könnten.

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