Tanja Stadler

Tanja Stadler, Präsidentin der Swiss National COVID-19 Science Task Force bis zu deren Auflösung © SRF

Tanja Stadler: Unseriöse Info über gegenwärtiges Corona-Risiko

Urs P. Gasche /  Noch bedenklicher ist, dass SRF am Morgen vom 30. Juni diese wissenschaftlich unseriöse Angabe ohne Ergänzung so verbreitet hat.

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Urs P. Gasche

Im SRF-Info erklärte Tanja Stadler am Morgen des 30. Juni, dass Personen ohne aktuelle Impfung ein «dreimal höheres Risiko haben, einen schweren Verlauf mit Spitalbehandlung zu erleiden». Das ist eine krass irreführende Information. Denn Stadler sprach, ohne es zu sagen, von einem «relativen» Risiko. Mit dem tatsächlich höheren individuellen Risiko für Personen, welche sich noch kein viertes Mal impfen liessen, hat dies nichts zu tun. Der Nutzen einer vierten Impfung zum Vermeiden eines schweren Verlaufs kann auch nur bei 0,1 oder 5 Prozent liegen. Dazu braucht es eine etwas ausführliche Erläuterung.

Zuerst zur gegenwärtigen Lage: Die Zahl der positiv Getesteten nimmt stark zu. Damit komme es auch zu «mehr schweren Verläufen mit Spitalbehandlung», liess sich Tanja Stadler im Radio SRF-Info vom 30. Juni 2022 zitieren. Stadler schätzt die Dunkelziffer sehr hoch ein – vermutlich seien es fünfmal mehr Infektionen als offiziell gemeldet. Stadler war Präsidentin der Swiss National COVID-19 Science Task Force.

Die Tagesschau meldete am 28. Juni die aktuellen Zahlen: 848 Personen werden aktuell wegen einer Covid-19-Infektion in einem Spital behandelt, das sind 42 Prozent mehr als in der Vorwoche. Die Tagesschau ordnete diese Zahl nicht ein: Gleichzeitig werden 16’913 Personen aus anderen Gründen in einem Akutspital behandelt (Quelle BAG).

Auf den Intensivstationen werden derzeit 48 Covid-19-Patientinnen und -Patienten behandelt, das sind 60 Prozent mehr gewesen. Die Tagesschau ordnete auch diese Zahl nicht ein: Es werden derzeit weitere 557 Personen aus anderen Gründen auf einer Intensivstation behandelt (Quelle BAG).

Unter den Covid-Patientinnen und Patienten sind weder die Aufteilung unter den hohen Altersklassen noch die Vorerkankungen bekannt.


Tanja Stadler: «Seit vier Monaten nicht mehr Geimpfte haben ein dreifach erhöhtes Risiko eines schweren Verlaufs»

Im SRF-Info erklärte Tanja Stadler am Morgen des 30. Juni, dass Personen ohne aktuelle Impfung ein dreimal höheres Risiko haben, einen schweren Verlauf mit Spitalbehandlung zu erleiden. Diese Aussage präzisierte Stadler gegenüber Infosperber wie folgt:

«Menschen im Alter von über 60 Jahren, die vor mehr als 4 Monaten die 3. Impfung erhielten, haben ohne zusätzliche 4. Impfung ein dreimal so grosses Risiko, nach einer Ansteckung einen schweren Verlauf zu haben, als wer in den letzten vier Wochen eine vierte Impfung erhalten hat.»

Für diese Aussage gab Tanja Stadler gegenüber Infosperber folgende Quellen an: Siehe Fussnote*


Eine solche isolierte Angabe über die Erhöhung des relativen Risikos gilt wissenschaftlich als unseriös. Denn sie führt bei den Lesenden zum irreführenden und falschen Eindruck, mit einer vierten Impfung könne man sein Risiko, bei einer Ansteckung schwer zu erkranken, um zwei Drittel senken. Alleinige Angaben einer relativen Reduzierung des Risikos werden nur dann gemacht, wenn der Nutzen einer Massnahme (einer Impfung oder eines Medikamentes) stark übertrieben werden soll.

Es ist ein Grundsatz der Risikokommunikation, relative und absolute Risiken zu nennen.

Ein klassisches Beispiel war und ist das Propagieren des Mammografie-Screenings gesunder Frauen. Das Brustkrebs-Screening reduziere das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 25 Prozent. Das verbreiteten jahrelang Krebsliga, Behörden und Lobbyisten. Eine solche isolierte Darstellung ist völlig unbrauchbar: Denn wenn dank Screening von tausend Frauen nur 3 statt 4 Frauen sterben, oder wenn dank Screening von tausend Frauen nur 300 statt 400 Frauen sterben: Beides ist eine Risiko-Reduktion um 25 Prozent.

Ohne gleichzeitige Angabe der absoluten Zahlen ist die Angabe «ein um 25 Prozent reduziertes Sterberisisiko» ohne jeden Aussagewert. Im konkreten Fall sind es tatsächlich von tausend Frauen, die während zehn Jahren am Screening teilnehmen, 3 statt 4 Frauen, die an Brustkrebs sterben. Bei der Sterblichkeit an allen Ursachen wurde allerdings überhaupt kein Unterschied festgestellt.

Eine Umfrage in ganz Europa von Professor Gerd Gigerenzer zeigte: «98 Prozent der Frauen in Deutschland überschätzen den Nutzen [des Brustkrebs-Screenings] um das Zehnfache, das Hundertfache oder sogar Zweihundertfache.».

Genau so unbrauchbar ist die Angabe, Personen ohne aktuelle Corona-Impfung hätten ein dreimal so grosses Risiko, an Corona schwer zu erkranken. Erkranken denn von tausend Personen ohne vierte Impfung 3 statt 1 Person schwer, oder sind es 300 statt 100?

In beiden Fällen wäre der Vorteil eine relative Risiko-Erhöhung von zwei Dritteln (wie von Tanja Stadler angegeben). Doch ohne gleichzeitige Angabe der absoluten Zahlen ist diese Angabe irreführend und unbrauchbar (3 statt 1 oder 300 statt 100 pro tausend Betroffenen?).

Infosperber stellte Tanja Stadler folgende ergänzende Fragen:

Es stellt sich die Frage, was dieses dreifach höhere relative Risiko für Schweizerinnen und Schweizer bedeutet, die in den letzten vier Wochen keine Impfung mehr machen liessen. Da müsste man wohl Zahlen haben zu den Häufigkeiten.
Anders gefragt: Wie gross ist der persönliche Nutzen an einer vierten Impfung? Es betrifft alle SchweizerInnen ohne vierte Impfung in den letzten vier Wochen: Es kann sein, dass sie – mit einer vierten Impfung – ihr persönliches absolutes Risiko, einen schweren Verlauf zu erleiden, nur um 0,1 Prozent oder doch um 5 Prozent verringern. Für den persönlichen Entscheid, müsste man diesen (durchschnittlichen) absoluten Risikovorteil kennen.

Antwort von Tanja Stadler: «Der absolute individuelle Nutzen kann nicht genau bestimmt werden, da in der Schweiz nicht generell der Impfstatus von positiv getesteten Menschen erhoben wird.»


SRF verbreitet die irreführende und nutzlose Darstellung ohne Einordnung

Tanja Stadler hat ihre Aussage gegenüber SRF-Info gemacht. Dass SRF diese wissenschaftlich unseriöse Angabe am Morgen vom 30. Juni ausstrahlte, ist nicht nachvollziehbar. Ausser SRF wollte das Publikum mit einer irreführenden Information überzeugen, sich sofort einer vierten Impfung zu unterziehen. Falls Stadler nicht in der Lage war, den persönlichen Nutzen einer vierten Impfung anzugeben, hätte diese Meldung nicht verbreitet werden dürfen.

____________________

*Quellenangabe von Tanja Stadler:

Ich stütze mich auf Daten zu schweren Verläufen in Bevölkerung ohne/mit 2. Auffrischung aus Israel
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2201688 (Abbildung 2)
https://www.nature.com/articles/s41591-022-01832-0 (Abbildung 2)
Zur Abnahme des Schutzes über die Zeit gegen schwere Verläufe nach 3. Dosis gibt es Daten aus den USA
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35468336/ (diese Studie betrachtet aber nicht die Wirkung einer 4. Dosis) 

Auffrischimpfung

Die Informationen in diesem Artikel sprechen nicht grundsätzlich gegen eine vierte Impfung. Allerdings müssen die über 60-jährigen Betroffenen informiert entscheiden können. Das können sie nur, wenn sie wissen, wie stark sie ihr absolutes Risiko, bei einer Ansteckung besonders schwer zu erkranken, mit einer Auffrischimpfung reduzieren können: Um 0,5 Prozent oder um 5 Prozent oder? Die Antwort wird unterschiedlich ausfallen, ob es sich beispielsweise um Personen mit Grunderkrankungen handelt, und ob es sich um 60-Jährigen oder 85-Jährige handelt.

Für die meisten wird es sinnvoll sein, die Entwicklung im Herbst abzuwarten. Welche Virusvariante wird dann dominieren? Gibt es bis dann angepasste Impfstoffe? Wie gross bahnt sich eine Welle an?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

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Mit Statistiken und Grafiken sollten Medien besonders sorgfältig umgehen. Beispiele von Unstatistiken.

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8 Meinungen

  • am 1.07.2022 um 10:57 Uhr
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    Der Statistikunterricht an unseren Schulen lässt offensichtlich zu wünschen übrig.

    Von Interesse in diesem Zusammenhang ist auch die vom BAG publizierte Statistik nach dem Hospitalisierungsgrund. Seit Februar 2022 sind bei «Covid-Patienten» die Angaben zum Hospitalisierungsgrund «Covid-19» und «Andere» praktisch deckungsgleich. Für mehrere Altersgruppen ist Covid nicht die Hauptindikation. Es scheint, dass ein Grossteil der Hospitalisierten erst im Spital zum «Covid-Patienten» wird.

    Die Zahlen bleiben aber klein und die erfasste «Volatilität» dürfte statistisch bzw. analytisch nicht signifikant sein.

    Die publizierten Inzidenzwerte bestätigen diese mangelnde statistische Relevanz.

    3
  • am 1.07.2022 um 11:53 Uhr
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    Den von Frau Stadler genannten Studien müsste man vielleicht auch noch die Ergebnisse einer neuen Studie aus Katar gegenüberstellen, dann relativiert sich ihre Aussage noch viel mehr!

    https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2203965

    Hier eine deutsche Zusammenfassung:

    https://sciencefiles.org/2022/06/25/die-letzte-bastion-ist-gefallen-auch-vor-schwerer-erkrankung-schuetzt-covid-19-impfung-nicht-besser-als-natuerliche-immunitaet/

    2
  • am 1.07.2022 um 11:58 Uhr
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    «Das ist eine krass irreführende Information.»

    Danke UPG, für den Klartext!

    … und die «Wissenschaftsredaktion» des SRF hat nichts gemerkt, nichts merken wollen, nichts merken dürfen…

    Aha, der Klartext von Stadler… sagt ja, dass es nur zuvor geimpfte Menschen betrifft.
    Mich impffreier Mensch betrifft sogar nach der wissenschaftlich-stadlerschen Einschätzung nicht.

    «Menschen im Alter von über 60 Jahren, die vor mehr als 4 Monaten die 3. Impfung erhielten, haben ohne zusätzliche 4. Impfung ein dreimal so grosses Risiko, nach einer Ansteckung einen schweren Verlauf zu haben, als wer in den letzten vier Wochen eine vierte Impfung erhalten hat.»

    3
  • am 1.07.2022 um 11:58 Uhr
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    Es ist zu befürchten, dass man in Bern einen weitere Kommunikations-Gau auslösen will, wie wir das schon seit zweieinhalb Jahren erleben. Es wird mit Angst operiert – anders lässt sich das Vorgehen einer ehemaligen Präsidentin der übrigens aufgelösten Task Force nicht beschreiben – statt, wie es Urs.P.Gasche tut, die Zahlen in ihrer Bedeutung einzuordnen. Die völlig kritiklose Wiedergabe dieses Unsinns durch ein so genanntes Leitmedium befeuert natürlich die Angst in der Bevölkerung. Man hat nichts gelernt.
    Hinzu kommt, dass die ganze Beamten- und Wissenschaftselite noch nicht einmal in Ansätzen darzulegen im Stande ist, ob und um wieviel zusätzliche Pflegekapazitäten inzwischen gegen weitere Pandemien aufgebaut worden sind. Man wiederholt einfach das Muster 2019. Und ist bereit, statt wenige kranke Menschen zu pflegen, die überwiegende Mehrzahl gesunder vom Leben und Arbeiten abzuhalten.

    4
  • am 1.07.2022 um 13:14 Uhr
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    Danke, was für eine präzise journalistische Arbeit, wie ein Detektiv Sherlok Homes. In einer Nation wo Marketingbüros und Influencer/innen «Meinungen» über Medien erzeugen, oft bezahlt oder durch Spenden gefördert, welche in den Köpfen der Menschen falsche, ja sogar gefährdende Informationen erzeugen können, wo sogar Politiker und Wissenschaftler sich vor den Karren fragwürdiger Zweige der Pharmaindustrie spannen lassen, besteht dringendst Handlungsbedarf. Politik, Wirtschaft und Medien müssen getrennt werden, sonst wird die Demokratie ausverkauft. Der soziale Frieden ist in Gefahr und das Vertrauen in den Staat sowie die lauteren Zweige der wichtigen Pharma ist in hohem Ausmaß gefährdet. Diese Frau verhält sich für mich wie eine Werbeagentin welche ohne wenn und aber verkaufen will, und nicht wie eine verantwortliche Person einer Task-Force. Wann kehren Vernunft, Logik und Lauterkeit in unserem Land wieder an die erste Stelle? Danke für das Zuhören.

    3
  • am 1.07.2022 um 13:23 Uhr
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    Danke für den Artikel Herr Gasche. Man kann nur noch den Kopf schütteln.

    2
  • am 3.07.2022 um 17:47 Uhr
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    Einmal mehr danke für die klaren Worte und das Nachhaken bei Frau Stadler. Auch letzteres finde ich wichtig, weil so vielleicht/hoffentlich beim nächsten Mal präziser informiert wird.
    Wobei es in diesem Fall dann ja für keine Schlagzeile resp.Publikation im SRF-Info gesorgt hätte …

    0
  • am 4.07.2022 um 10:04 Uhr
    Permalink

    Viele kennen die Haltungen von Dr. Bakthi, Dr. Melone, Dr Jeaden sowie Umfeld und die Pathologen welche idiopathische Todesfälle untersucht haben, und in den Leitmedien ignoriert oder zum Teil mit verbaler Gewalt als unfähige Wissenschaftler dargestellt werden, obwohl diese in der Vergangenheit ihre Kompetenz bewiesen haben. Gespräche mit diesen Warnern vor der mRna und Gen-Impftechnologie werden leider verweigert. Klare Statistiken über Spätfolgen womöglich unausgereifter Impfstoffe liegen nur verwässert vor.

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