Kommentar

kontertext: Die verordnete Nächstenliebe

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  In diesen Tagen soll man mit seinen Liebsten feiern. Doch da können auch herzhaft Ungeliebte dabei sein: Blutsverwandte.

Haben auch Sie einen Bruder? Und denken Sie wie ich, dieser Mensch habe kein Recht, über Sie zu verfügen, nur weil er durch dieselbe Pforte zur Welt gekommen ist? Dann gleicht Ihre Lage der meinen. Denn ausgerechnet zwi­schen den Jahren wird mein Bruder fünfzig und will diesen Tag mit Menschen feiern, die ihm etwas bedeuten. Dazu zählt er offenbar auch mich, obwohl wir uns nichts zu sagen haben.

Sie lachen? Früher oder später wird auch Ihr Bruder einen runden Geburtstag feiern. Sie werden nichts dagegen haben, sich aber vielleicht fragen: «Muss ich wirklich dabei sein? Und woher nimmt er das Recht, mir stundenlang Fotos von den Möbeln, Reisen und Haustieren seiner Töchter zu zeigen? NUR WEIL ER MEIN BRUDER IST?»

Mein Bruder hat keine Töchter, und würde jemand mich fragen, warum ich kaum Kontakt zu ihm habe, würde ich sagen: «Es ist nichts Bestimmtes. Es ist die Kombination von allem. Ihr müsstet ihn so kennen, wie ich ihn kenne, und ihr wüsstet Bescheid.»

Die Menschen in meiner Nähe wollen mich nicht verstehen. Offenbar hängt ihr Himmel voller Bruder- und Schwesterherzen. Offenbar leben sie ohne Aus­bruchsgelüste in einem Käfig, wo man politische Brandreden, Gemeinplätze und Anzüglichkeiten hinnimmt, die man anderswo empört zurückwiese.

Und in Kanada?

In der Schweiz ist die Zwangsgemeinschaft Familie ein fester Wert: Die Politik huldigt ihr, die Kirche kleidet sie in einen seidenen Mantel. Vielleicht malen Sie sich also aus, wieviel leichter es in Kanada wäre. Sie träumen ein wenig von diesem Riesenland und stellen sich vor, wie Sie in unwegsamem Gebiet lebten und mit ein paar Skype-Anrufen pro Jahr davonkämen. Wer durchreist schon fünfhundert Meilen Permafrost, um sich von einem be­schwipsten Narzissten Vorwürfe anzuhören?

Der Familienkerker hat umso dickere Mauern, je kleiner ein Land ist und je stärker die soziale Kontrolle. Sehen Sie sich um: Fast jeder Ihrer Nachbarn hat Geschwister. Alle leben sie geradezu exzessiv ihr Einvernehmen aus. Sie sind ein Schwesterherz und eine Bruderseele, wenn sie auf die Terrasse treten. Sie winken sich beim Abschied zu, und sie prahlen mit den Erfolgen des andern.

Ist es wirklich abartig, einen Bruder widerlich zu finden, der mit seiner Recht­haberei, seinen Vorurteilen und seinem Mundgeruch alle drangsaliert? – Es ist lange her, dass Sie auf dem Sofa nebeneinander eingeschlafen sind, während die Eltern sich leise stritten. Eigentlich wäre es schön gewesen, so zusammen zu leben, wie man’s aus Filmen kennt: emotional verbunden, mit Hund, Klein­wagen und Bergurlaub – eine Wagenburg wider die Kälte der Welt. Aber kön­nen Sie sich noch erinnern, je mit Ihrem Bruder gespielt zu haben? Nur vage, denn Sie waren froh, als es vorbei war. Nur an einen Streit erinnern Sie sich noch. Da hat er Ihr Ohr mit einer Zange traktiert. Sie denken kaum noch an diese Zeit, obwohl sie intensiv war. Sie waren auf der Flucht, das wissen Sie noch – vor Ihren Nächsten. Mittlerweile sind all diese Beziehungen zu einem Abstraktum geworden, einem Geflecht aus Anstand und Pflichtgefühl.

Nein, den Tod wünschen Sie Ihrem Bruder nicht. Aber würde er auswandern, wäre Ihre Erleichterung gross. Sie würden sich dafür schämen, aber auf einmal würden Sie wieder besser schlafen. Sagen wir, er äusserte die Absicht, sich in Ozeanien niederzulassen, nachdem eine weitere seiner Liebschaften landunter gegangen wäre. Sie würden es ihm nicht ausreden, obwohl Sie seinen Plan für unrealistisch hielten. «Oh, Fidji», würden Sie sagen. «Voller Naturschönheiten und Jobangebote.» Haben Sie nicht neulich während der Pandemie gehofft, er würde sich derart radikalisieren, dass Sie einen Schlussstrich ziehen könnten? Doch zum Impfgegner mit Aluhut taugt er nicht – er geht mit seinen Provoka­tionen immer nur so weit, dass es zum Bruch nicht reicht: etwas Elektrosmog hier, etwas Weltverschwörung dort, dazu eine Prise Frauenverachtung.

Sie sind gefangen. Seit dem Tod der Eltern sind Sie alles, was ihm geblieben ist. Weil er’s mit allen verbockt. Weil er jetzt ausgesteuert ist. Weil die Mutter seiner Kinder ihn meidet. Weil ein Steuerverfahren gegen ihn läuft. Weil er seine Sozialarbeiterin belästigt hat.

Das Beispiel Mandy

Ich habe übertrieben. Eigentlich ist er ziemlich normal. Seit Jahr und Tag ist er Buchhalter beim Auto-Importeur, seine Finanzen sind in Ordnung, seine Ehe zwar gescheitert, aber geregelt. Trotzdem würden Sie auf der freien Wildbahn mit einem wie ihm keine fünf Minuten reden. ABER ER IST IHR BRUDER, und die Familie ist nicht die freie Wildbahn, sondern ein Streichelzoo, hierzu­lande jedenfalls. Wie es in Kanada ist, wissen Sie nicht.

Obwohl er also kein Ungeheuer ist, ist Ihnen seine Nähe unangenehm. Wie er Billigwein als etwas Besonderes sieht, nur weil er ihn ausschenkt; dieses Grin­sen, wenn er Dorfpolitisches verhandelt; wie er das Wort ›Sangría‹ ausspricht, als wäre seine zweite Heimat Kastilien. Sie haben einen stinknormalen Bruder und ein echtes Problem, wenn Sie bedenken, wie viel von Ihrer Lebenszeit schon für diesen Smalltalk draufgegangen ist. Klar, es gibt YouTube-Tutori­als, wo ein Greg aus Oregon in Mokassins demonstriert, wie er alle mundtot gemacht hat, die fanden, er solle zu seinem gewalttätigen Bruder halten. Auf einem Konkurrenzkanal erzählt Mandy vor einer sanft geneigten Yucca, wie sie sich eines Tages ein Herz fasste und ihrer Schwester Bescheid stiess:

«Be­verly, wir hatten bessere und schlechtere Zeiten, aber eine Pein war es allemal. Und jetzt ist es vorbei. Freu dich darüber, so wie ich mich freue: Ab heute fin­det mein Leben ohne dich statt. Tu, was du willst, gründe eine Sekte, bring dir das Apnoetauchen bei oder werde als Drag Queen glücklich. Es ist mir egal, OB­WOHL DU MEINE SCHWESTER BIST. Hey, das zu erkennen, war eine Befreiung für mich. Es war von Anfang bis Ende eine Zwängerei mit uns. Der biologische Zufall, der uns aneinanderkettet, hat jetzt ausgespielt. Es wäre kin­disch, weitere dreissig Jahre an dem Unsinn festzuhalten. Ich wünsche dir alles Gute, aber ich will mit diesem Guten nichts mehr zu tun haben, klar? Such dir ein paar Reitfans, mit denen du übers Voltigieren sprechen kannst, und ich re­de mit meinen Leuten über Makramee. Und bitte, versuch nicht, mich anzuru­fen.»

Das sitzt. Auch wenn es etwas gar telegen wirkt. Das ist der Schlussstrich auf Yankee-Art, ein Lehrstück für Brüder und Schwestern aus aller Welt. 135’000 User haben es bisher angeklickt – so gross ist offenbar das weltumspannende Geschwister-Problem.

Die immergleiche Antwort

Ich bin damit also nicht allein. Auch Sie wohl nicht, auch wenn es noch keine ›Anonymen Brüder und Schwestern‹ gibt. Die könnten Sie gründen. Ich träte als erster bei. Aber Sie wissen auch, so wie Greg und Mandy können Sie’s nicht angehen. Das ist nicht Ihr Stil. In ein texanisches Motel mag das passen, aber nicht ins Prättigau.

Bleibt also alles beim Alten? Werden Sie nochmals dreissig Jahre Jahr für Jahr nach Klosters fahren, um mit Sangría gegen Ihre Langeweile anzutrinken und auf dem Heimweg in eine Polizeikontrolle zu geraten? Ich fürchte, das werden Sie, denn Sie leben in der Schweiz, wo man aufeinander achtgibt. Sie werden wieder und wieder hinfahren und schlechtgelaunt heimkommen. Noch viele Male werden Sie von Ihren Liebsten zu hören bekommen: «Fahr doch einfach nicht mehr hin!» Und jedes Mal werden Sie antworten müssen: «Das ist leicht gesagt. ER IST MEIN BRUDER.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Michel Mettler

Michel Mettler, geb. 1966, lebt als freiberuflicher Autor und Herausgeber in Klingnau. Er interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlich (Suhrkamp 2020).

Eine Meinung zu

  • am 1.01.2024 um 23:10 Uhr
    Permalink

    Ich kann diese Familienmitgliederhasser (welch ein Wort-Ungeheuer!) schlecht verstehen. Man kann doch verschiedene Meinungen auch aushalten. In einem Haus, einer Nachbarschaft muss man auch miteinander auskommen. Mit den einen ist es einfacher als mit den andern. Aber zugegeben: ich komme aus einer ziemlich grossen Familie, die divergierende Meinungen aushält. Meine eine Grossmama war da ein gutes Vorbild. Die andere auch, aber mit einer andern Wesensart. Auch die Grossväter habe ich in guter Erinnerung. Beide Grossmütter (und ein Grossvater) kamen aus sehr armen Verhältnissen, beide Grosseltern hatten grosse Familien. Es gab viele lebendige Diskussionen, viele Weihnachtsfeiern, viele Sonntagstees. Einige in einer grossen Familie sind weggestorben, neue Kinder wurden geboren. Dieses Jahr zu Weihnachten waren wir 36, zwischen 1 und 80 Jahre alt. Traditionell, aber unkonventionell.

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