Kommentar
kontertext: Die Tempelwächter in meinem Regal (3)
In seinem Essay Ich packe meine Bibliothek aus schreibt Walter Benjamin von der «leise(n) Langeweile der Ordnung», die seinen Büchern erspart bleibe, solange sie noch unausgepackt seien. Durch diese Wendung weht nicht nur der Widerwillen gegen die ordnende Hand, sondern auch der beflügelnde Geist des Provisorischen, der jeden Umzug begleitet. Später kommt der Philosoph auf die subjektiven Entscheidungen zu sprechen, denen seine Bibliothek sich verdankt. Er möchte seine Bestände nicht für beispielhaft erklären – mehr vom Sammeln als von einer Sammlung wolle er sprechen.
Welche Freude, diesen Text aus dem Jahr 1931 wiederzulesen. Ich musste ihn dem Netz entwinden, weil der entsprechende Band im Dunkel einer Schachtel liegt. Den werde ich erst wieder aufschlagen können, wenn dieser Artikel veröffentlicht ist, denn derzeit sorgen Entfeuchter dafür, dass der Boden, auf dem meine Regale standen, neu belegt werden kann.
Vertriebswege und Bezugsquellen
Wollte ich rekonstruieren, auf welchen Wegen meine Bücherherde zusammengekommen ist, ergäbe sich ein nachgerade konfuses Bild. Es macht grosse kulturelle Umwälzungen sichtbar. In den frühen 1990er Jahren waren manche Titel nur in Zürich erhältlich. Für den Rest gab die Kleinstadt immerhin zwei Buchhandlungen her. Beide frequentierte ich emsig. Wechselnde Fachkräfte bedienten mich. Da ich aus finanziellen Gründen kein Stammkunde war, dürfte niemand sich ein Bild meines Geschmacks gemacht haben. Dabei wäre meinen Käufen durchaus ein Interessenprofil zu entnehmen gewesen. Die Bezugsquellen indessen waren so disparat, dass mein Beuteschema unerkannt blieb.
Zürich also: Für Filmisches besuchte man die Buchhandlung Rohr; in Sachen Romanistik waren Bodmers an der Stadelhoferstrasse bestsortiert; Architekturinteressen führten einen zu Krauthammer an die Oberen Zäune; für Philosophie war Klio der Ort der Wahl.
Ich zahlte stets bar. Es gab also keinen Zahlungsabwickler, der mein Konsumverhalten hätte nachverfolgen können, so wie es heute üblich ist, da Bargeschäfte schon fast vom Ruch des Mafiösen umweht sind.
Nicht dass meine Bücher auf dem Index gestanden hätten. Man muss kein Gefährder sein, um zum Objekt der Marktforschung zu werden. Es reicht, dass man konsumiert.
Vom User zum Kunden
Dann setzte die Rally der Onlinehändler ein, gefolgt vom Niedergang des Sortimentsbuchhandels. Auch in den grossen Filialen jener Ketten, die bis heute überlebt haben, war ein Name wie Hannah Arendt schon bald kein Begriff mehr. Dafür standen den Angestellten elektronische Suchtools zur Verfügung – mit grossen Augen fragten sie nach der Schreibweise und tippten den Namen ein. Lieferbar waren nur wenige Titel. «Offenbar nichts, was zieht», bedeutete die grämliche Miene – als seien hier nur noch Kunden willkommen, die nach Gängigem fragten.
Nun erübrigte sich die Fahrt nach Zürich. Gegen innere Widerstände und aus reiner Bequemlichkeit legte ich mir ein Konto beim Online-Riesen zu. Was der nicht führte, war ohnehin nur noch antiquarisch zu bekommen – auch auf diesem Kanal würde er bald seine Dienste anbieten. Das ungeschriebene Motto lautete: «Alles aus einer Hand».
Erst nach einer Weile dämmerte mir, wie teuer ich für diese Bequemlichkeit bezahlte: mit der Preisgabe meiner Interessen und Vorlieben, mit meiner Adresse und meinem Surfverhalten, das der Browser freizügig verriet.
Heute ist die Situation geklärt: Als User bin ich ins Internetzeitalter gestartet, als Kunde habe ich mich wiedergefunden. Ich konsumiere, also bin ich.
Das Kundenprofil
Spätestens als der Web-Algorithmus beginnt, mir Produkte meines Geschmacks vorzuschlagen, begreife ich, wohin die Reise geht, was der Riese plant. Er hat ein Nutzerprofil erstellt und es mit meiner IP-Adresse und meinen Logindaten verknüpft. Kundenbindung bedeutet: Er will unverzichtbar werden für mein tägliches Fortkommen, er rechnet mit mir nicht nur jetzt, sondern vor allem in Zukunft, wenn die meisten anderen Anbieter aufgegeben haben und er mein Alleinversorger ist. Also hat er mit robotischem Fleiss meine sämtlichen Transaktionen und Suchbegriffe aufgelistet und zu einem Bündel aus Metadaten verschnürt. Kein Produkt kann ich mir mehr ansehen, ohne dass der Interessen-Spürhund mich beschnuppert. Er hat es nicht auf mich abgesehen, er möchte nur meinen Appetit erraten: von meinen Bedürfnissen jene, die kommerziell verwertbar sind.
Obwohl der Vollsortimenter prahlt, alles Erhältliche zu führen – Blockflöten, Angelköder, Lastenfahrräder worldwide –, will er jetzt mehr sein als nur ein Tante-Emma-Laden des Netzzeitalters, der zum Frühstück kleine Konkurrenten verspeist. Nun beginnt er, sich als Fachkraft aufzuspielen. Über die ethnopsychologischen Fragen meiner frühen Lesejahre will er ebenso informiert sein wie darüber, dass ich noch immer eine Papier-Agenda führe. Weshalb ich trotzdem oft Alkalibatterien bestelle, dämmert ihm erst, als ich mir alpinistisches Zubehör ansehe. Nun kennt er auch meine Outdoor-Interessen. Soll er mir also eine portable Leselampe für den Verzehr von geistigem Proviant anbieten?
Mit personalisierter Spam peilt er die Lage. Wohin zuckt die Hand an der Maus?
Die analog-digitale Schlange
Bei dieser pausenlosen Ausspäherei ist es geblieben. Noch ist es nicht möglich, dass der 3D-Drucker mir gegen eine spärliche Lizenzgebühr die Gotthelf-Gesamtausgabe von Birkhäuser faksimiliert (in putziger Stockfleck-Optik). Aber längst gehört es zum Surf-Alltag, bebannert und mit Vorschlägen eingedeckt zu werden, unter Formeln, die den Geist der Schwarmintelligenz beschwören: «Kunden, die diesen Artikel bestellten, bestellten auch…» Oder schlichter: «Michel, das könnte dir gefallen.»
Ein schicker Konjunktiv. Es ist nicht nur Unsinn dabei. Gerade bei Büchern tickt der Algorithmus nicht übel. Doch egal welchen integer klingenden Vornamen er sich gibt, wenn er als Bot oder Assistentin auftritt, er hat nichts von alldem gelesen, geschweige denn ‹verstanden›. Er projiziert nur mit probabilistischen Mitteln meine bisherigen Tasks in die Zukunft. Obwohl er mich kumpelhaft duzt, werden wir nie über Benjamin sprechen können, wie ich es mit der Leiterin der Kleinstadt-Buchhandlung tat, als meine kleine Welt noch in Ordnung war.
Beeinflussungsmächte
In ihrem wirtschaftssoziologischen Standardwerk Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus zeigt Shoshana Zuboff auf, wie Unternehmen massenhaft Nutzerdaten sammeln, um das Surfverhalten zu deuten und gezielt zu beeinflussen – ein Wirtschaftsmodell, das auf dem Verkauf von Vorhersageprodukten fusst.
Was und wie auch immer in Zukunft gelesen wird, die Szenarien der amerikanischen Sozialpsychologin wirken dystopisch: Je mehr Anwendungen des täglichen Lebens webbasiert gestaltet werden, desto dichter ist das Individuum von nebulösen Beeinflussungsmächten umringt. Sie treten als Wohltäter mit Tiefpreisschwur auf, locken mit Flatrates und Rabattcoupons, erraten die verborgensten Impulse und generieren daraus neue Bespassungsangebote.
In dieser Serie war von Büchern als Wächtern die Rede. Gewiss lässt sich in einer bunten Welt der Rundum-Unterhaltung gut ohne sie leben. Was sie bewachen, ist nicht der Tempel des Seins, nur die Wandelhalle des Wissens, eine Sphäre und kein physischer, mit Wimpeln und Lesezeichen zu besetzender Ort.
Sackt dieses Gebilde ein, wenn die Wächter verschwinden? Kaum. Sie haben ja nicht die Statik gesichert, nur den Zugang. Sind sie weggeräumt, dringen aber Mächte vor, die ungute Gefühle wecken, weil sie, anders als vorgespiegelt, nicht am Austausch von Wissen interessiert sind, sondern an der Vorhersage meines Verhaltens – am Profit, der sich daraus ziehen lässt.
Information: die Schrumpfform von Wissen
Dass dies gegenwärtig unter Verwendung (und Vernichtung) grosser Büchermassen geschieht, könnte einen denken lassen, es gehe um Bildung. Dabei geht es nur um Lenkung und Steuerung von Konsum. In Zukunft womöglich um mehr: um Mentalitäten, genehme und weniger genehme, und um die Kontrolle der Meinungsbildung.
Was ist eigentlich aus meinen Stammbuchhandlungen geworden? An der Stelle der ersten bietet heute ein Nailstudio seine Dienste an. Die zweite musste einer Kosmetikhandlung weichen – Lifestyle und Beauty sind angesagt.
In diesem Umfeld sind Lesende gut beraten, auf die Zinnen hinauszutreten, sich selbst zu Tempelwächtern zu erklären und noch einmal zu verkünden, was eigentlich eine Plattitüde ist: Wissen gehört allen. Gehört es nur wenigen, wird es zu ‹Information›, einem Machtmittel, das Maschinen besser verwalten können. Wissen aber – in der tätig-verbialen Form – kann bis auf weiteres nur jenes Wesen, das sich in staunenswerter Selbstüberschätzung Homo Sapiens nennt.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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