Chirurg setzt einer Frau ein Netz ein, um den Beckenboden zu festigen und Inkontinenz zu verhindern. © cc

Chirurg setzt einer Frau ein Netz ein, um den Beckenboden zu festigen und Inkontinenz zu verhindern.

Pharmakonzern kauft sich mit 117 Millionen wieder mal frei

Urs P. Gasche / 30. Okt 2019 - Johnson & Johnson warnte beim Einsetzen von transvaginaler chirurgischer Netze u.a. nicht vor schmerzhaftem Geschlechtsverkehr.

Auch andere Folgen wie Entzündungen waren zu befürchten, wenn Frauen sich sogenannte Meshes einsetzen liessen, um eine Senkung des Beckenbodens und Inkontinenz zu kurieren. Die Herstellerfirma Johnson & Johnson rief ihre Produkte Gynecare-Prolift, Gynemesh und Ethicon im Jahr 2012 aus dem Markt zurück. Die Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic verbreitete ebenfalls einen Rückruf.

In den USA warfen 41 Bundesstaaten sowie Washington D.C. dem Pharmakonzern vor, trotz besseren Wissens über die Risiken ungenügend aufgeklärt zu haben. Johnson & Johnson sowie die Konzerntochter Ethicon sollen über Komplikationen wie Entzündungen, Schmerzen und schmerzhaften Geschlechtsverkehr die Chirurgen und die Öffentlichkeit nicht ausreichend gewarnt haben.

Mitte Oktober haben die Perteien einen Vergleich abgeschlossen: Johnson & Johnson/Ethicon zahlt den Klägern insgesamt 116,9 Millionen Dollar – ohne Schuldeingeständnis.

Merke: Solche Informationen liest man meist nicht in Gesundheitsbeilagen oder auf politischen Zeitungsseiten, sondern auf Börsenseiten oder auf Finanzplattformen. Sie richten sich an Anleger und nicht an eine breitere Öffentlichkeit.

Pharmakonzerne sind Wiederholungstäter

Weil es bei manchen Arzneimitteln um Milliardenumsätze geht, ist die Versuchung für Pharmakonzerne gross, entweder Risiken möglichst lange herunterzuspielen oder ihre Medikamente auch für Therapien zu verkaufen, für die sie gar nicht zugelassen sind. Pharmafirmen wie Pfizer, Novartis, Eli Lilly, GlaxoSmithKline und Merck MSD informierten über die Wirkung von Medikamenten ungenügend und vermarkteten andere Arzneimittel illegal.

Hier eine unvollständige Sündenliste der letzten Jahre:

Pfizer hatte sich 2009 schuldig bekannt, das Schmerzmittel Bextra mit illegalen Methoden vermarktet zu haben, und zahlte dem US-Justizdepartement 2,3 Milliarden Dollar.

Eli Lilly bekannte sich 2009 vor einem Bundesgericht in Pennsylvania schuldig, das Psychopharmakum Zyprexa für unerlaubte Anwendungen beworben, vertrieben und verkauft zu haben. Lilly willigte in eine Busse von 550 Millionen Dollar ein, wie das US-Justizdepartement bekannt gab. Zudem musste Lilly über 32'000 betroffene Patientinnen und Patienten mit insgesamt über 800 Millionen Dollar entschädigen.

Schuldeingeständnis auch von Novartis

Novartis gab im Jahr 2010 in den USA zu, unter anderen das Medikament Trileptal gegen Epilepsien auch für weitere, nicht zugelassene Anwendungen empfohlen und vermarktet zu haben. «Das 'Off-Label'Marketing kann die Vertrauensbeziehung zwischen Ärzten und Patienten untergraben», erklärte Zane D. Memeger, US-Staatsanwalt für den Eastern District of Pennsylvania.

Der Konzern zahlte eine Busse von 185 Millionen Dollar ans US-Justizdepartement. Mit zusätzlich 237 Millionen Dollar entschädigte Novartis Zivilkläger wegen Falschanpreisung von Trileptal und fünf weiteren Medikamenten, nämlich Diovan, Zelnorm, Sandostatin, Exforge and Tekturna. Novartis hatte Ärzten und Spitälern für das Verschreiben seiner Medikamente Kickbacks (Geld) bezahlt.

Im Jahr 2013 wurde Novartis in den USA wegen Schmiergeldern an Ärzte und Apotheken eingeklagt. Betroffen waren die Krebsmedikamente Glivec (Konzernumsatz fast fünf Milliarden Dollar), Tasigna (1,5 Milliarden), sowie das Immunsuppressivum Myfortic. Im November 2015 zahlte die Novartis-Tochter NPC der Bundesregierung und Medicaid-Versicherungen in einem Vergleich 390 Millionen Dollar, um die Vorwürfe des Schmierens von Apotheken aus der Welt zu schaffen. Der Rechtsfall bezüglich «Speaker programs» für Ärzte sei noch hängig, teilte Novartis mit.

Das US-Justizdepartement hat Merck MSD im April 2012 zu einer Strafe von 322 Millionen Dollar verknurrt, weil die Firma über die Risiken des Schmerzmittels Vioxx ungenügend informiert hatte und Vioxx zudem für illegale Anwendungen empfahl. Bereits im Jahr 2011 hatte Merck MSD eingewilligt, geschädigte Patientinnen und Patienten sowie Gesundheitsorganisationen mit insgesamt 629 Millionen Dollar zu entschädigen. Zuvor hatte Merck MSD mit Vioxx 11 Milliarden Dollar verdient.

«Die Beilegung der zivilen Klagen bedeutet nicht, dass Merck irgend eine Schuld anerkennt», meinte Merck MSD in einem Communiqué.

Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline GSK willigte im Juli 2012 in eine Zahlung von drei Milliarden Dollar ein, weil er die Medikamente Avandia und Advair mit irreführenden Angaben beworben hatte.

Klagen gegen Roche wegen Akne-Mittel

Der Schweizer Konzern Roche soll das seit den Achtzigerjahren vermarktete Akne-Mittel Accutan und Roaccutan mit dem Wirkstoff Isotretinoin angepriesen haben, ohne über die mittlerweilen vermuteten Risiken von Colitis Ulcerosa, Depressionen und Suizide genügend informiert zu haben. In den USA waren über 7000 Klagen von Geschädigten hängig. Viele hatten sich in der Accutane Action Group zusammengeschlossen.

Die europäische Arzneimittelbehörde kam im Juni 2012 zum Schluss, dass Roche Berichte über Risiken von Accutane «systematisch ignoriert» und die Aufsichtsbehörden darüber nicht informiert habe. Die US-Aufsichtsbehörde FDA hat eine ganze Liste von Symptomen aufgelistet, bei deren Auftreten das Akne-Mittel sofort abgesetzt werden soll.

Im Juli 2012 verurteilte ein Gericht in New Jersey Roche zum Zahlen von je neun Millionen Dollar an zwei Klägerinnen. Doch das Berufungsgericht hob die Urteile wieder auf.

In einigen Fällen willigte Roche offensichtlich in Vergleiche ein, ohne ein Verschulden anzuerkennen. Roche wollte dies gegenüber Infosperber weder bestätigen noch dementieren.

Letztes Jahr hat die ARD-Sendung FAKT den Suizid eines Akne-Patienten dokumentiert. Doch Roche bestreitet jeden Zusammenhang des Aknemittels mit dem Suizid und auch mit dem Auftreten von Colitis ulcerosa und Morbus Crohn und verweist auf entsprechende Studien. Der oberste Gerichtshof von New Jersey habe im Jahr 2018 Klagen von 2174 Fällen endgültig abgewiesen. In 3231 Fällen steht nach Angaben von Roche ein endgültiges Urteil noch aus.

In der Schweiz müssen die Krankenkassen diese Akne-Medikamente mit dem Wirkstoff Isotretinoin von Roche unter den Namen Roaccutan und von Generika-Herstellern unter den Namen Curakne, Isotretinoid und Tretinac immer noch zahlen.

Über Risiken von opioidhaltigen Schmerzmitteln nicht klar informiert

Im Oktober 2019 haben in den USA die Pharmafirmen Teva, McKesson, AmerisouceBergen und Cardinal Health einer Zahlung von 260 Millionen Dollar zugestimmt, um einen Tag vor Prozessbeginn ein Gerichtsverfahren zu vermeiden. Der Vergleich wurde mit klagenden Bezirken des US-Bundesstaates Ohio abgeschlossen – ohne Schuldeingeständnis der Pharmafirmen. Es wurde ihnen vorgeworfen, auf Suchtrisiken von opioidhaltigen Schmerzmitteln ungenügend hingewiesen zu haben. Der Bundesstaat Ohio weist die landesweit zweitmeisten Todesfälle infolge Überdosierung mit Opioiden auf. Die Bundesbehörde für Seuchenkontrollen und Prävention CDC schätzt, dass in den ganzen USA von 1999 bis 2017 fast 218'000 Personen an Überdosen von rezeptpflichtigen Schmerzmitteln gestorben sind. Die aufgelaufenen Kosten für Pflege und Suchtbehandlung gibt die CDC mit 78,5 Milliarden Dollar an.

In andern Bezirken, Gemeinden und Städten, namentlich im Bundesstaat Ohio, sind Klagen von mehreren tausend Geschädigten noch hängig.

Im US-Bundesstaat West Virginia, wo es den höchsten Anteil an Suchttoten gibt, kam es in den letzten 15 Jahren zu vier Vergleichen ohne Gerichtsverfahren.

Ein Lokalrichter im Gliedstaat Oklahoma verurteilte am 26. August 2019 den Pharmakonzern Johnson & Johnson zu einer Entschädigungszahlung von 572 Millionen Dollar (560 Millionen Franken) wegen «irreführender und gefährlicher Marketing-Aktivitäten». Der Pharmakonzern habe es in Kauf genommen, dass seine Schmerzmittel wegen «irreführender Werbung» die öffentliche Ordnung in Oklahoma beeinträchtigten («public nuisance»), erklärte Richter Thad Balkman während einer kurzen Urteilsverkündung. Allein im Jahr 2015 seien in Oklahoma 326 Millionen Pillen verschrieben worden. Das entspreche 110 Opioid-Tabletten für jede erwachsene Bürgerin und jeden erwachsenen Bürger in Oklahoma. An der Schmerzmittel-Epidemie seien dort von 2007 bis 2017 4650 Menschen gestorben, sagte der Richter.

Balkman räumte ein, dass die Summe, die Johnson & Johnson bezahlen soll, nicht ausreichen werde, um die Opfer der Drogenepidemie längerfristig zu therapieren. Johnson & Johnson hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Ob es irgendwann zu einem rechtskräftigen Urteil kommt, der die Schuldfrage klärt, ist offen.

In der Schweiz müssen Konzerne kaum Klagen fürchten

Die Wirtschaftsprüfungfirma KPMG hat nach Angaben in der «NZZ am Sonntag» in einer Analyse festgestellt: «Die Pharmafirmen stehen im Ruf, dass sie ihre kommerziellen Ziele über die Interesssen von Politik, Ärzten und Patienten stellen.»

Über Medikamente wie Vioxx, Zyprexa, Trileptal oder Accutan haben die Pharmakonzerne in der Schweiz nicht besser informiert als in den USA. Doch das Schweizer Haftungsrecht greift offensichtlich nicht. Auch das Offlabel-Marketing (Das verbotene Anpreisen eines Medikaments für nicht bewilligte Anwendungen) ist in der Schweiz verbreitet. Doch sowohl Swissmedic wie Bundesamt für Gesundheit blieben und bleiben weitgehend passiv. Es ist nicht bekannt, dass die Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic die erwähnten, von den US-Behörden sanktionierten Marketing- und Werbemethoden auch nur beanstandet, geschweige denn ein Gerichtsverfahren gegen diese Firmen eingeleitet oder eine Strafanzeige erstattet hätten. Sie dürfe sich «zu konkreten Einzelfällen nicht äussern», behauptet Swissmedic in einer Stellungnahme. Allfällige Ermahnungen und Verfahren behandeln Swissmedic und das BAG diskret, so dass die Pharmafirmen keinen Image-Verlust riskieren.

Risiken und Schaden tragen die Patientinnen und Patienten. Ein drastisches Beispiel: Wenn man Zahlen des deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesens IQWiG auf die Schweiz überträgt, müssen bei uns über 600 Personen an den Folgen des Schmerz- und Rheumamittels Vioxx gestorben sein und Tausende einen Herzinfarkt erlitten haben.

Offensichtlich gewichtet Swissmedic die Geschäftsinteressen von Pharmafirmen höher als das öffentliche Interesse.

Selbst das Bundesgericht, das auf Betreiben der Swissmedic in einem andern Fall eine Firma wegen Werbung für nicht bewilligte Anwendungen im Jahr 2008 verurteilte, hat das Urteil anonymisiert, so dass der Name des betroffenen Medikaments nicht bekannt wurde.

Die betroffene Firma wurde einzig dazu verurteilt, die rechtswidrige Werbung künftig zu unterlassen und 5000 Franken Gerichtskosten zu zahlen. Eine Busse oder eine Rückforderung von unerlaubt erzielten Gewinnen gab es nicht.

Pharmafirmen riskieren wenig, die Patienten viel

Pharmafirmen können in der Schweiz darauf zählen, dass ihr Name und ihr Produkt nicht in die Schlagzeilen kommen, und dass erst im erwiesenen Wiederholungsfall eine (bescheidene) Busse von höchstens 50'000 Franken droht (Mit den oben erwähnten Medikamenten wurden Milliarden-Umsätze erzielt). Das kommt einer Einladung für die Firmen gleich, den Nutzen ihrer Medikamente zu übertreiben, die Risiken herunterzuspielen, und die Medikamente zudem für Anwendungen zu propagieren, für die sie gar nicht zugelassen sind.

Auch das neue Heilmittelgesetz sieht kaum mehr Transparenz und kaum mehr Sanktionsmöglichkeiten vor. Die drei damaligen Mehrheitsparteien SVP, FDP und CVP, die das Gesetz verabschiedet hatten, profitieren alle von Parteispenden der Pharmafirmen.

MERKE: Bei den Pharmakonzernen geht es um Umsatzziele und Boni, bei den Patientinnen und Patienten um Risiken und Nebenwirkungen.

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3 Meinungen

Ein interessanter Bericht, der zu denken gibt. Es geht um Riesenzahlen. Wenn man all die hier genannten Zahlungen zusammenzählt kommt man auf 11.84 Milliarden USD. Um nun wieder einmal den „Advokatur Diabolus“ zu spielen:

Alle hier genannten Vorkommnisse sind auf die USA bezogen. Der Rest von der Welt hat somit keine gut ausgebildeten Ärzte, sind ignorant oder sie sind, im Gegensatz zu Amerika, allesamt korrupt. Es sind ja die Ärzte und Apotheker, die all die Medikamente kaufen/verschreiben. Die meisten der hier aufgeführten Medikamente sind rezeptpflichtig, ich denke auch in Amerika (?). Es ist jedenfalls schlecht vorstellbar, das zum Beispiel opioidhaltige Schmerzmittel einfach so frei erhältlich sind. Pharmawerbung hin oder her… ein Arzt sollte wissen, wie man mit solchen Mitteln umgeht. Dass Accutan ein schwierige Substanz ist, weiss man weithin, also…?

Nun, wo Rauch ist ist auch Feuer, und hier hat es eine ganze Menge davon.
Felix Speiser
Felix Speiser, am 30. Oktober 2019 um 17:16 Uhr
Gut recherchierter Artikel. Die Ärzte machten bei der Verschreibung aller rezeptpflichtiger Arzneimittel mit: Wegen falscher Information oder mangelnder Fortbildung? Die Pharma könnte transparenter informieren, echte Postmarketing-Daten sammeln, das Bussengeld sparen und dadurch die Sozialsysteme weniger belasten.
max giger, am 31. Oktober 2019 um 18:10 Uhr
Zu ergänzen wäre mit dem neuesten Fall: Oxycodon. Dieser opioidhaltige Wirkstoff ist in etlichen Schmerzmitteln enthalten. 72 Packungsgrössen verschiedener Hersteller finden sich www.compendium.ch. Selbst in der Fachinformation ist der Begriff «Suchtgefahr» nicht zu finden.
Jürg Schmid, am 04. November 2019 um 15:13 Uhr

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