Wer CHF 100'000 einsetzen kann, ist schon mal dabei... © NZZonline

Wer CHF 100'000 einsetzen kann, ist schon mal dabei...

Devisenhandel - das Casino der Banken und Reichen

Christian Müller / 08. Jan 2012 - Der Devisenhandel geht auf Kosten derjenigen, die wenig oder nichts haben. Wann endlich wird er gestoppt oder wenigstens erschwert?

Vorbemerkung: Der nachfolgende Kommentar erschien auf Infosperber bereits im August 2011 und er wurde Ende September 2011 aktualisiert, als die EU die Einführung einer Transaktionssteuer vorschlug. Heute ist das Thema Devisenhandel aktueller denn je: Philipp Hildebrand, den Präsidenten der Schweizer Nationalbank, hat so ein Geschäft den Job gekostet. Der hier folgende Kommentar beleuchtet aber nicht den Fall Hildebrand/Blocher. Es geht hier um die Frage, ob der Devisenhandel moralisch überhaupt vertretbar ist – auch für Andere, nicht nur für die Angehörigen der SNB.

Zum Kommentar:

Wer – wie ich – beruflich und/oder privat bedingt mehrmals monatlich über die Schweizer Grenze in ein Land mit EURO-Währung fahren oder wieder in die Schweiz zurückfahren muss, schaut öftermal irgendwo im Internet auf die Wechselkurse. In den letzten Monaten und Wochen öfter sogar denn je – der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb. Ich selber klicke dann meistens auf www.nzz.ch/finanzen/devisen. Dort erscheint, bevor man die gesuchten Wechselkurse überhaupt zu sehen bekommt, nun schon seit Wochen eine animierte Werbung am Kopf der Site: «Devisenhandel starten: Jetzt Ihr Konto einrichten und weltweit Devisen günstig handeln.» Man kriegt von der Bank auf Wunsch ein kostenloses Demo-Konto, um den Devisenhandel mit einem supponierten Einsatz mal auszuprobieren. Auszuprobieren also, wie man aus Kauf und Verkauf anderer Währungen Geld «verdienen» kann.

Es ist, um ehrlich zu sein, nicht meine Art, der Werbung besondere Beachtung zu schenken. Krokodile habe ich lieber vor meinem Teleobjektiv als auf meinen T-Shirts und noch immer habe ich auf meinen Hemden keinen roten Punkt von Tommy Hilfiger. Aber Devisenhandel ist ein Thema, über das sich zurzeit nachzudenken lohnt!

Nachzudenken, um selber Devisenhandel zu betreiben? Gott behüte! Aber um Andere, die versucht sind, mit Devisenhandel Geld zu «verdienen», mit guten Argumenten davon abzuhalten!

Argument 1:

Devisenhandel ist rechnerisch ein Nullsummenspiel

Jede Wechselkursänderung schafft Gewinner und Verlierer. Was auf der einen Seite gewonnen wird, geht auf der anderen Seite verloren. Nehmen Sie ein einfaches Beispiel. Sie kaufen für 100 CHF Euros und erhalten zum Kurs 1.60 (wie es vor nicht allzulanger Zeit war) EUR 62.50. Einen Monat später wechseln Sie die fremde Währung zurück und erhalten zum neuen Kurs von 1.50 für Ihre EUR 62.50 nur noch CHF 93.75. Sie haben also verloren. Wo ist das verlorene Geld aber hingegangen? Auf die Bank natürlich, bei der Sie die Euros gekauft haben. Sie ist die Gewinnerin. Sie als Devisen-Wechsler haben CHF 6.25 verloren, die Bank hat den gleichen Betrag gewonnen. Wenn der EUR-Kurs auf 1.20 fällt, kriegen Sie für Ihre CHF 100.-, die Sie eingesetzt haben, sogar nur noch CHF 75.-. Sie haben dann also CHF 25.- verloren und die Bank hat CHF 25.- gewonnen.

Das gleiche Beispiel können Sie natürlich auch umdrehen, dann sind Sie der Gewinner und die Bank die Verliererin. Da niemand weiss – niemand wissen sollte – in welcher Richtung sich der Wechselkurs verändert, sind die theoretischen Chancen, Geld zu verdienen und Geld zu verlieren, gleich gross. Dann kann man das Devisenhandeln aber auch gleich sein lassen.

Argument 2:

Die Bank gewinnt immer

Machen wir wieder ein Beispiel: Sie nehmen von Ihrem Bankkonto CHF 1000.-, um mit dieser Summe Devisenhandel zu betreiben, also Geld in einer anderen Währung zu kaufen. Dazu müssen Sie aber in eine sogenannte Wechselstube oder auf eine Bank gehen. Das kostet nicht nur Sie Zeit, das kostet auch die Bank Zeit, sie muss das Geld zählen, das Sie bringen, und das Geld zählen, das sie Ihnen geben muss, und dafür will sie natürlich bezahlt werden, gut bezahlt werden sogar. Darum lassen wir das.

Da Sie aber ein moderner Mensch mit einem Bankkonto und mit einem PC sind, verfügen Sie über die Möglichkeit, den Wechsel am Computer, also per Telebanking, vorzunehmen. Sie kaufen also (z.B. heute, am 17. August 2011, bei der Zürcher Kantonalbank) EUR 1000.-. Ihrem Konto wird (einige Stunden später) CHF 1'172.50 belastet.

Um die Marge der Bank zu testen, verkaufen Sie aber diese EUR 1000.- gleich wieder, und Sie erhalten – einige Stunden später – auf Ihrem Konto CHF 1'122.50 gutgeschrieben, CHF 50.- weniger, als was Sie bezahlt hatten. Das sind, grob gerechnet, 5%, und diese 5% gehen an die Bank. Sie dagegen haben Geld, etwa 5% Ihres Einsatzes, verloren.

Argument 3:

Der Reiche fährt günstiger

Ein etwas mehr Betuchter wird natürlich nicht mit dem Wechsel in der Grössenordnung von 1000 Franken starten. Er macht das gleiche wie oben, aber er kauft EUR 10'000.-. Dafür wird ihm (bei der ZKB zum gleichen Zeitpunkt) CHF 11'675.- belastet. Zu Testzwecken verkauft er diese EUR 10'000.- gleich wieder, und es wird ihm CHF 11'275.- gutgeschrieben, also CHF 400.- weniger. Das sind, grob gerechnet, 4%, und diese 4% gehen an die Bank. Der Betuchte fährt also schon deutlich besser als der Unbetuchte, der Kleine.

Sind Sie aber so gut betucht, dass Sie das Spiel sogar mit EUR 100'000.- machen können, dann müssen Sie auf der Bank fragen, wie die Kurse genau sind, denn die Marge der Bank ist in % einfach umso kleiner, je mehr Geld Sie für dieses Spielchen einsetzen.

Argument 4:

Den grossen Gewinn machen nur die ganz Reichen

Wenn der Devisenhandel aber doch ein Nullsummenspiel ist, man also einmal gewinnt und ein andermal verliert, weil niemand weiss, in welche Richtung sich die Währung verschiebt, und wenn dabei doch nur die Banken verdienen: Warum machen denn die Leute das überhaupt?

Im Neuen Testment, Matthäus 13.12, steht geschrieben: «Denn wer da hat, dem wird gegeben, damit er die Fülle hat. Wer da aber nicht hat, vom dem wird (sogar) noch genommen, was er hat.» Und was in der Bibel steht, ist bekanntlich wahr. Auch beim Devisenhandel...

Die Realität nämlich ist die: Wer nicht nur 100'000 Euros kauft, um sie später wieder zu verkaufen, sondern 100 Millionen Euros kauft, der wechselt nicht nur Geld von einer Währung in die andere, der beeinflusst auch den Wechselkurs! Denn der Umstand, dass Sie 100 Millionen Euro kaufen, zeigt dem sogenannten «Markt», dass Euros begehrt sind. Also steigt der Kurs des Euro. Dank moderner Computertechnologie geht das heute innerhalb von Minuten und Sekunden. Sie können also bereits ein paar Minuten später Ihre eben erst gekauften Euros wieder verkaufen, zu einem nun höheren Preis! Sie sind – neben der Bank – der Gewinner! Denn wenn Sie 100 Millionen Euros kaufen und verkaufen, ist die Marge der Bank schon so klein, dass Ihr Gewinn aus dem gestiegenen Kurs schnell einmal grösser ist als was die Bank dazwischen rausnimmt.

Und, siehe unter Argument 1: Diese superreichen Devisenhändler wissen auch, ob es aufwärts oder abwärts geht: durch ihre eigene Einflussnahme auf die Kursentwicklung eben!

Argument 5:

Wenn die Reichen die Gewinner sind, sind die Verlierer... ?

Sie erinnern sich an das Argument 1: Devisenhandel ist rechnerisch ein Nullsummenspiel. Wenn also jemand ein Gewinner ist, muss es auch einen Verlierer geben. Oder noch präziser: Wenn die ganz Grossen, die sehr viel Geld in den Devisenhandel einsetzen, die Gewinner sind, weil sie die Wechselkurse mit ihrem eigenen Einsatz beeinflussen können: Wer sind dann die Verlierer?

Es sind all die Kleinen und Mittleren, die davon träumen, auch einmal ein paar Franken verdienen zu können, ohne dafür arbeiten zu müssen, so wie die Reichen. Davon träumen! Denn selbst wenn der eine oder der andere einmal Glück hat und von einem Kurswechsel zufällig profitieren kann, dann war es eben wirklich Glück – Glück wie im Casino, auf Englisch «luck» oder «luckiness». (Was wiederum etwas ganz Anderes ist als Glücklichsein, «happiness». Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.)

Argument 6:

Die Reichen profitieren doppelt

Jeder kleine Händler, der bei einer kleinen Fabrik Schuhe kauft, um sie mit Gewinn weiterzuverkaufen, zahlt für den Gewinn Steuern. Nicht so die Reichen, die mit Devisen «handeln»: In der Schweiz sind Kapitalgewinne steuerfrei. Steuern zahlen soll, wer sein Geld mit Arbeiten verdient. Ist ja selber dumm, wenn er das macht! Wer aber Kapital hat und damit aus Kapital Gewinn zu erzielen in der Lage ist, muss keine Steuern zahlen. Wie hiess es doch schon wieder? «Wer da hat, dem wird gegeben...»

Argument 7:

Selbst der Staat hat nichts davon

Jeder, der Handel treibt, weiss es – und leidet darunter: die liebe Mehrwertsteuer! Zahlen, das Geld zurückerhalten, wieder zahlen, und wieder zurückerhalten. Erst der Letzte, der Endkunde, muss die MwSt. zahlen, ohne sie zurückzuerhalten. Sie bleibt dann beim Staat. Irgendwoher muss das Geld ja kommen, das der Staat für die Schulen und Spitäler, für die Strassen und die Eisenbahn bezahlen muss.

Nur: Wer nicht mit Schuhen, sondern mit Devisen handelt, zahlt keine MwSt.! Es würde sich ja sonst gar nicht lohnen!

Schon 1972 machte der US-amerikanische Wirtschaftswissenschafter James Tobin den Vorschlag, dass auf Finanztransaktionen eine (kleine) Steuer zu erheben sei. 39 Jahre später ist davon immer noch nichts realisiert. Selbst der Vorschlag etlicher grosser Organisationen, dass eine sogenannte Tobin-Steuer in Höhe von 0.5 Promille (0.05 Prozent!) auf Finanztransaktionen erhoben werden soll, wird von der Grossfinanz scharf kritisiert und bisher mit Erfolg bekämpft. Das Argument ist, wie bei allen Versuchen, die Finanzmärkte zu regulieren, immer das gleiche: Es gibt keine internationale Instanz, die so etwas beschliessen und international durchsetzen könnte, und würde nur ein einzelnes Land die Tobin-Steuer einführen, würden die Betroffenen einfach auf andere Länder ausweichen.

Verbieten oder zumindest einschränken!

4000 Milliarden Dollar werden täglich (!) in Form von Devisenhandel rund um die Erde «verschoben», vermeldete die Finanzwirtschaft im September 2010*. Gegenwärtig dürfte es ein Mehrfaches davon sein, da die Kurse deutlich höhere Ausschläge nach oben und nach unten aufweisen. Zu den Leidtragenden dieses monströsen und sinnlosen Tuns gehören wir zurzeit fast alle – soweit wir eben nicht zu den Superreichen gehören. Devisenhandel schafft keine Arbeitsplätze und bringt keine Steuererträge. Er bringt uns nur dauernd an den Rand neuer Krisen und stürzt ganze Branchen ins Elend, weil er Währungsdifferenzen bewirkt, die bis zu 50% von der vergleichbaren Kaufkraft der einzelnen Währungen abweichen. Und doch sind es nur ganz wenige Ökonomen, die den Mut haben, gegen diesen monströsen Unsinn anzukämpfen. Die meisten fürchten um die freie Marktwirtschaft. Jetzt, wo wir doch endlich die Freiheit haben, unseren Egoismus so schön auszuleben...

Wie lange lassen wir uns diese menschenverachtende Plutokratie eigentlich noch gefallen?

* Eine Information der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) aufgrund einer Umfrage bei 1300 Banken und Devisenhändlern. Zitiert auf NZZonline vom 1.9.2010

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Christian Müller: Meine CBS-Anleitung zum schnell Reichwerden
Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann zum Blasen-Kapitalismus
Das inszenierte Finanztheater, von Prof. Thomas Straubhaar
Wirtschaftshistoriker Harold James bestätigt den grossen Einfluss der Spekulation (NZZaS 28.8.2011)
Expertise aus Deutschland zur Realisierung der Tobin-Tax 2002
Eine neue Studie zur Transaktionssteuer (Stephan Schulmeister) 2009
Aargauer Zeitung: «Die klitzekleine Steuer mit dem langen Namen»

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Eine Meinung

Der Spekulation mit Devisen gehört schon lange verboten. Nur Kurssicherungsgeschäfte für ein reales Handelsgeschäft (Güter) sollen erlaubt sein.
Marcel Hablützel, am 09. Januar 2012 um 11:47 Uhr

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