kontertext: Infertile Ready-mades

Mathias Knauer © Barbara Davatz
Mathias Knauer / 01. Mär 2018 - Mit dem liederlichen Illustrieren schädigen die Medien selber die Kraft ihrer Bilder.

Wer zeit seines Lebens die Entwicklung unserer Tageszeitungen verfolgt hat, weiss, dass uns jede Veränderung der Typografie oder des Seitenumbruchs einen Abbau an Gehalten brachte. Schon die Umstellung auf Antiquaschriften rief nach mehr Platz, nur schon wegen der wegfallenden Ligaturen. Angeblich um die Lesbarkeit zu verbessern, pries man periodisch schmälere Spalten an, mehr Durchschuss, «klarere Gliederung», grössere Titel, neuerdings «luftiges» Design oder «grosszügigere Gestaltung» via Grafikagenturen.

Auf einer der damals anderthalb wöchentlichen Filmseiten der NZZ las man zu Martin Schlappners Zeiten, trotz pointierter Strukturen mit Sternzeilen und sogar – bei wichtigen Beiträgen – römisch nummerierten Abschnitten, typischerweise 22‘000 Zeichen auf der Seite, während das gegenwärtige Layout uns infolge aufgeblasener Titel und Bilder meist nur 60 Prozent davon zu lesen gibt.

Um Missverständnisse zu meiden: Grosse Bilder sind selbstverständlich da am Platze, ja gefordert, wo es um ein Bild selber, dessen genaue Lektüre geht, so wie in der früheren NZZ-Serie «Bildansichten», wo zum Beispiel die Reproduktion von Breughels «Die niederländischen Sprichwörter» (3.3.2012) nach dem unvermeidlichen Griff zur Lupe störend das Raster sichtbar werden liess, weil das Bild nur drei Spalten breit war.

Niedergang der Bildkultur

Gravierender als die neue Bilderflut ist indessen die Verlotterung der Bildkultur. Konservative Zeitungen haben sich lange mit inflationärem Illustrieren zurückgehalten, vielmehr sich profiliert mit Bildredaktionen von Format und Haltung. Die NZZ konnte nie mit einer Kupfertiefdruckbeilage wie «Bilder und Zeiten» der Frankfurter Zeitung Staat machen, in der zum Beispiel die bedeutende Fotografin Barbara Klemm sich entfalten konnte (2001 hat Schirrmacher dieses schöne Wochenend-Feuilleton als «überholt» betrachtet und es wurde zu Gunsten einer zusätzlichen Sonntagsausgabe eingestellt). Doch haben mich vor Jahren die mit Schwarzweiss-Fotografie eindrücklich gestalteten Jahresend-Bildchroniken der NZZ geprägt und ich habe sie wie viele «Wochenende»-Seiten lange aufgehoben. Sie setzten mit ihrer bildkritischen Auswahl, nicht zuletzt aus starken Agenturbildern, Massstäbe.

Seit die NZZ ihre langjährige Bildredaktorin Katri Burri entlassen hat, ist die Kultur der Illustration schleichend in Schieflage geraten; und nachdem sich mit den Jahren so etwas wie eine «Zwangsbebilderung» etabliert hat, vermutlich als Folge obligat gewordener Bilder fürs Bespielen der Webseiten, bekommt man auch von der Falkenstrasse die ganze Palette vom stereotypen Politikerschopf bis zum visuellen Billigkalauer, ergo alles Marktübliche geliefert. So finde ich etwa in derselben Nummer – einmal in einem Abstimmungskommentar die selber schon schwache Metapher «auf dem Teppich bleiben» illustrierend, und dann zum Berlinale-Teppich-Bericht einer chefnahen Gesellschaftsreporterin – die folgenden beiden Verlegenheitsleistungen:

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Die schwach ausgebildete Illustrationskultur in den Tageszeitungen ist mir immer ein Rätsel gewesen. So wie im Radio paradoxerweise die genuin radiophone, nämlich für den Lautsprecher komponierte Musik neben der reproduktiven Abbildung des Konzertlebens kaum in Erscheinung tritt, waren just die zum einfarbigen Zeitungsdruck ästhetisch klar medienaffinsten Bildformen selten bevorzugt: Holzschnitt, Kupferstich, der Architekturplan oder bei Musikthemen das Notenbeispiel. Auch die naheliegende Option, die Handschrift eines Filmes mit einer Reihe von einspaltigen Photogrammen zu schildern, findet man selbst in Fachpublikationen nur ganz selten genutzt – offensichtlich, weil das Formulieren einer solchen Bildfolge und die Bildbeschaffung sich weder personell noch ökonomisch in den üblichen Redaktionsbetrieb einschreiben lässt. Umgekehrt offerieren Filmverleiher auch kaum Bildauswahlen, die einen nicht nur die stoffliche Seite, sondern auch die Kameraarbeit beschreiben lassen.

Wohl weil zu Zeiten von Bleisatz und Metallcliché jedes Bild im Zeitungsbetrieb immer einen Zusatzaufwand und Umweg bedeutete, hatten sich im Tagesjournalismus keine guten Traditionen entwickeln können, und mit dem Übergang zur elektronischen Produktion, demzufolge heute Bilder (auch wenn Rechte abzugelten sind) häufig billiger sind als das Texthonorar für die gleichen Spalten, expandierte der Bildgebrauch zwar in quantitativer Hinsicht, ohne dass aber die alten Methoden kritisch revidiert und die Reflexion über Rolle und Funktion des Bildes im Journalismus vertieft worden wären. Und gerade zu diesem Zeitpunkt sind die Posten von verantwortlich handelnden Gestaltern an schnellgebleichte Werbediener ohne kunstgeschichtlichen Hintergrund oder andere Widerstandskräfte übergeben worden, die stattdessen gewieft mit den aus dem Kraut geschossenen Bilddatenbanken umzugehen wissen.

Unter solchen Voraussetzungen werden Bilder zur lieblos manipulierten Manövriermasse. Besonders stossend, wo es um Werke geht – wenn das Format eines Gemäldes oder einer Filmcadrage ohne Grund nicht respektiert wird. Das gilt auch für einen Trivialfilm wie «The Post» (NZZ 20.2.18, S. 38). Wie der Vergleich mit dem Originalstill des Verleihers sofort zeigt: der Bildaufbau wird durchs Beschneiden banalisiert.

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Die allzeit bereiten Bilder findet man nun auch im philosophisch rechts geführten Feuilleton depraviert verstreut. Was einmal ein Ready-Made war – «objet usuel promu à la dignité d’objet d’art par le simple choix de l’artiste» –, wird in solchem Missbrauch zur geschichtsvergessenen, nichts mehr zeugenden Witzelei.

Tausendfach abgebildet, oft bloss als Kuriosität, bald schon als hohl gewordenes Markenzeichen, damit um den fragilen Sinn und Stachel gebracht, ist sein Abbilden hier nurmehr ein schäbiges mediales Reizmittel. Oder setzte hier eine primitive Phantasie wiederholt das Pissoir als wohlfeiles Sinnbild für die meist ja nur wasserabschlagende Blogerei und Medienbetriebsamkeit?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Mathias Knauer ist Musikwissenschafter, Publizist und Filmemacher. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er war Mitbegründer der Filmcooperative und des Filmkollektivs Zürich. Als Mitglied des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz war er an der Ausarbeitung des «Pacte de l'audiovisuel» und anderer filmpolitischer Instrumente beteiligt. Er ist Vizepräsident von Suisseculture und Mitbegründer der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt, in deren Vorständen er u.a. das Dossier Medienpolitik betreut.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

Weiterführende Informationen

Teppichmotiv
Duchamp
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Eine Meinung

Bemerkenswert gut recherchierte und dokumentierte Analyse, wie in der NZZ seit einiger Zeit mit Fotografien umgegangen wird – bis hin zur völligen Belanglosigkeit, zum Füllerbild. Als einziger Lichtblick in der visuellen Gestaltung der Zeitung bleibt Peter Gut mit seinen exzellenten Karikaturen.
Henri Leuzinger, am 02. März 2018 um 14:16 Uhr

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