SP-Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard © ForumEconomiqueNordVaudois/Flickr

SP-Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard

SP-Maillard fordert Pharmakonzern Roche heraus

Urs P. Gasche / 08. Jul 2011 - Der Waadtländer Gesundheitsdirektor empfiehlt allen Augenärzten, ein Medikament für einen nicht zugelassenen Zweck zu verwenden.

Weltweit geht es um ein Milliardengeschäft, in der Schweiz jedes Jahr um über 80 Millionen Franken Kostenunterschied für die Krankenkassen: Darf man das Krebsmittel Avastin auch gegen ein schlimmes Augenleiden älterer Menschen anwenden, die feuchte Makula-Degeneration? Oder muss man dafür Lucentis nehmen, das in der Schweiz elfmal mehr kostet, im Ausland sogar bis zum Zwanzigfachen mehr? Die Makula-Degeneration zerstört die Netzhaut und das Blickfeld in der Mitte verschwimmt zunehmend.

Den gleichen Wirkstoff leicht abgeändert

Die Überraschung war vor vor acht Jahren gross: Ein amerikanischer Augenarzt hatte entdeckt, dass das Krebsmittel Avastin von Roche auch gegen die Makula-Degeneration AMD wirkt. Es genügt dafür eine viel kleinere Dosis und eine andere Verabreichungsart. Roche dachte jedoch nicht daran, das bereits teure Avastin anzupassen und die Zulassung von Avastin als Medikament gegen das Augenleiden zu beantragen.

Viemehr beliess Roche Avastin in den bisherigen Dosenstärken gegen Krebs und in den bisherigen Darreichungsformen. Dafür aber brachte Roche das praktisch identische Medikament Lucentis (mit einer kleinen Molekülveränderung) auf den Markt und liess dieses speziell für die Makula-Degeneration AMD bewilligen. In den USA vertreibt Roche beide Medikamente. Aussserhalb der USA hat Roche die Vertriebslizenz interessanterweise der Konkurrentin Novartis abgetreten.

Der Unterschied der beiden Medikamente ist in erster, zweiter und dritter Linie der Preis: Eine Spritze ins Auge mit einer kleinen Dosis Avastin kostet etwa 140 Franken, eine Spritze mit Lucentis 1506 Franken (jeweils ohne die Kosten des Augenarztes). In der Schweiz wurden letztes Jahr rund 60'000 Spritzen appliziert. Die Kassen zahlten also einen Aufpreis von über 80 Millionen.

Behörden bewilligen nur, was Firmen beantragen

Die Zulassungsbehörde Swissmedic hat Avastin für AMD nicht zugelassen, weil Roche nie darum gebeten hat. Das Bundesamt für Gesundheit seinerseits sind die Hände gebunden: Das BAG darf Medikamente nur für Indikationen als kassenpflichtig erklären, für welche sie Swissmedic zugelassen hat.

Ärzten und Spitälern steht es in der Schweiz allerdings frei, Avastin trotzdem gegen die AMD zu verwenden, als sogenannten «Off-Label-Use». Dann müssen sie allerdings auch die Verantwortung selber übernehmen, wenn etwas schief läuft. Und es gibt bekanntlich keine Medikamente ohne Nebenwirkungen und Risiken.

Maillard bietet Augenärzten Rechtshilfe an

Die schriftliche Empfehlung an die Waadtländer Augenärzte, Avastin statt Lucentis zu verwenden, soll den Augenärzten als Rechtshilfe dienen. «Die von mir als Gesundheitsdirektor unterschriebene Erklärung wird das juristische Risiko für die Augenärzte verringern», erklärt Maillard. Wie weit die Waadtländer Augenärzte allfällige Schadenersatzklagen allerdings tatsächlich auf den Kanton abwälzen könnten, ist ungeklärt. Immerhin wird Maillard auch vom Waadtländer Kantonsapotheker und vom ärztlichen Direktor der Augenklinik Jules Gonin unterstützt.

«Der deutlich zu hohe Preis ist stossend»

Doch Maillard macht sich wohl keine Illusionen, dass künftig die meisten Waadtländer Augenärzte zu Avastin statt Lucentis greifen. Der Gesundheitsdirektor ist ein Vollblutpolitiker, der mit seiner Aktion einen Preisskandal aufgreift, um sich damit zu profilieren.

Ginge es ihm in erster Linie um die Sache, hätte er andere Gesundheitsdirektoren zumindest angefragt, ob sie mitmachen. Doch nicht einmal sein Berner Parteikollege, SP-Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud, war informiert. «Pierre-Yves Maillard hat mich nicht gefragt», erklärte Perrenoud gegenüber Infosperber. Mit Maillard sei er insofern solidarisch, als er den «deutlich zu hohen Preis für Lucentis als stossend» betrachte. Die «Nichtbereitschaft der Pharmakonzerne, von sich aus günstigere Alternativen anzubieten», sei «enttäuschend». Als Arzt hätte er allerdings die Empfehlung von Maillard nicht unterschrieben, weil «bei Umsetzung der Empfehlung zu viele Fragen aus medizinischer Sicht noch nicht gelöst wurden».

«Roche hat versucht, Ängste zu schüren»

In Deutschland hatte Roche schon vor zwei Jahren alle behandelnden Ärzten vor ihrem eigenen Produkt gewarnt: Avastin dürfe auf keinen Fall gegen Makula-Degeneration verwendet werden. Der sogenannte «Rote-Hand-Brief» war mit «wichtige sicherheitsrelevante Information» überschrieben. In Kanada seien 25 «Spontanberichte» bekannt geworden, wonach Patienten nach der Injektion von Avastin über «verschwommenes Sehen, Lichtempfindlichkeit und Augenirritationen» geklagt hätten.

Gleichzeitig schilderte Roche im Brief, wie erfolgreich Avastin gegen die zugelassene Behandlung von Darm- und andern Krebsarten sei.

Für Till Spiro, den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen, war dieser Brief «eine unglaubliche Strategie, um den Gewinn zu maximieren». Roche habe «versucht, Ängste zu schüren, um noch mehr Profit zu machen».

Pharmafirmen an Vergleichstudie nicht interessiert

Weder Roche noch Novartis waren interessiert, in einer Studie die Wirkung von Avastin und Lucentis miteinander zu vergleichen. Das lässt vermuten, dass die Firmen wussten, dass der Nutzen der beiden bei gleicher Anwendungsform praktisch identisch ist.

Es verstrichen Jahre bis im letzten April erste Resultate einer von den Pharmakonzernen unabhängige Vergleichstudie zum Schluss kam, dass die Patienten mit beiden Medikamenten gleich lang leben und sich die Sehkraft vergleichbar entwickelte («CATT-Studie»). Zu gefährlichen Augenentzündungen kam es mit beiden Medikamenten in weniger als einem Prozent der Fälle. Die Studie erfasst 1200 Patienten, so dass Unterschiede innerhalb von einem Prozent oder 12 Patienten dem Zufall zuzuschreiben sind.

Mit Avastin Behandelte litten häufiger an Lungen- und Blasenentzündungen und Magen-Darm-Beschwerden. Statistisch könne auch dies «purer Zufall» sein, erkären die Studien-Autoren.

In ihren Stellungnahmen bauscht der Roche-Konzern diese statistisch nicht erhärteten Unterschiede auf, um seine Geschäftspolitik zu verteidigen. Lucentis erreichte letztes Jahr einen weltweiten Umsatz von drei Milliarden Dollar.

BAG ist am kürzeren Hebel

In der Schweiz wendet eine kleine Minderheit von Augenärzten und Spitälern Avastin gegen AMD an. Klagen sind bis heute keine bekannt geworden. Derweil hofft Regierungsrat Perrenoud, dass das Bundesamt für Gesundheit BAG den horrenden Preis für Lucentis herabsetzt. Doch so lange Avastin gegen Makula-Degeneration von der Swissmedic gar nicht zugelassen ist, sitzt das BAG am kürzeren Hebel, weil Lucentis das einzige zugelassene Medikament gegen die AMD ist. Das BAG müsste in den Preisverhandlungen das Risiko eingehen, dass die Lucentis-Lizenznehmerin Novartis das Medikament den Kassen gar nicht mehr zur Verfügung stellt. Ob eine dann empörte Öffentlichkeit und die Medien auf das BAG los gehen oder doch vor allem Novartis und Roche anklagen, wäre eine Wette wert.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Vertreter der Patienten und Konsumenten in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission EAK

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Eine Meinung

Ich bin Herrn Gasche für seine wiederholten und engagierten Äusserungen in der Öffentlichkeit zum Thema Avastin / Lucentis in der Therapie der Altersbedingten Makuladegeneration AMD sehr dankbar. Wir sind natürlich gespannt, ob seine Stimme in der Arzneimittelkommission bei der Preisfestsetzung von Lucentis zur Behandlung der neu zur Registrierung anstehenden Indikationen der Diabetischen Retinopathie und des Zentralvenenverschlusses erhöht werden wird.

Die Krankenversicherung Assura versucht die Behandlung der AMD mit Avastin (statt Lucentis) dadurch zu fördern, indem sie diese Behandlungen über einen speziellen Fonds ausserhalb der Grundversicherung so vergütet, dass für die Patienten keinerlei Kostenbeteiligungen entstehen.
Nachdem zusätzlich zu den Fr. 1500.- für Lucentis noch Fr. 500.- für die Injektion zu berappen sind, spart der Patient / die Patientin also pro Injektion mindestens Fr. 200.- an Kostenbeteiligungen (10% von 2000.-) und die Versicherung die hohen Medikamentenkosten. Eine Win-Win-Situation. Voraussetzung ist, dass der Patient seinen Arzt/seine Ärztin um eine Umstellung von Lucentis auf Avastin bittet.

Dr. med. Fredi Bacchetto

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Direktor Krankenversicherung Assura
Vorstandsmitglied Schweizerische Gesellschaft der Vertrauensärzte
Fredi Bacchetto, am 08. Juli 2011 um 20:23 Uhr

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