Vitus Huonder, der verfolgte Christ

Kurt Marti © ktm
Kurt Marti / 12. Jul 2019 - Neben der Weltwoche und der NZZ sorgt sich auch die Luzerner Zeitung um die katholischen Fundamentalisten.

Jérôme Martinu, der Chefredaktor der Luzerner Zeitung (LZ), stach mit einem skurrilen Kommentar zur Christenverfolgung in ein religiöses Wespennest. «Zum Abgang von Bischof Vitus Huonder im Bistum Chur: Verfolgte Christen», so lautete der Titel seines Kommentars in der Luzerner Zeitung, die zur CH Media-Gruppe gehört, die ein Joint Venture der AZ und der NZZ ist.

Dabei formulierte er den Wunsch, dass die innerkirchliche Debatte «konstruktiver und weniger laut geführt würde» und stellte die Frage: «Wenn die konservativen Vertreter der römisch-katholischen Lehre von Reformern systematisch angeprangert, ja sogar diffamiert werden, ist das dann auch eine Art von Christenverfolgung?»

Die Antworten in den Leserbrief-Spalten der Luzerner Zeitung waren heftig: Die KritikerInnen fanden den Kommentar «geschmacklos gegenüber jenen Christinnen und Christen, die ihren Glauben tatsächlich mit dem Leben bezahlen» und die BefürworterInnen dankten dem «Herrn Chefredaktor von ganzem Herzen für die objektiven, klärenden Worte».

Auf den Spuren der NZZ und der Weltwoche

LZ-Chefredaktor Jérôme Martinu ist mit seinen Sympathien für die angeblich diskriminierten katholischen Fundamentalisten in der Schweiz kein Einzelfall. NZZ-Chefredaktor Eric Gujer schlüpfte in einer Gesprächsrunde in die Opferperspektive der christlichen Fundamentalisten und stellte sie als bedrohte Minderheit dar, wobei er auf die Äusserungen von Giuseppe Gracia verwies, dem Mediensprecher des Churer Bischofs, der sich in einem Gastbeitrag in der NZZ bitter über die Diskriminierung der fundamentalistischen Christen beklagte. In einem weiteren Gastbeitrag in der NZZ zog der Churer Generalvikar Martin Grichting sogar den Vergleich mit der Christenverfolgung im antiken Rom.

Auch in einem Artikel in der Weltwoche führte Giuseppe Gracia seine These von der Christen-Diskriminierung in Europa aus. Die passende Antwort darauf hat der Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel bereits in einem Kommentar in einer fundamentalistischen Zeitschrift angedeutet. Im eigentlichen Christentum gehe es «um einen gerechten Krieg». Christsein heisse, «einem Endkampf entgegenzugehen». Diese «Wahrheit» würden die «bequemen Kirchen» mit «unbiblischem Gesäusel von ‚sozialer Gerechtigkeit‘ und ‚Bewahrung der Schöpfung‘ überdecken».

«Religionsfreiheit darf nicht missbraucht werden»

Vitus Huonder, der ehemalige Bischof von Chur, versuchte der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens «die rechte Wende» zu geben, indem er die Bibel zitierte, die zur Todesstrafe für Homosexuelle aufruft. Damit stellte sich Huonder gegen das Menschenrecht auf Sexualität für Homosexuelle.

In einer offenen Gesellschaft muss jemand, der andere Menschen auf eine solche Weise diskriminiert, mit heftiger Kritik und Ablehnung rechnen. Deshalb ist es geradezu paradox, wenn die konservativen Katholiken und ihre Verbündeten in den Zeitungsredaktionen den Spiess umdrehen und die Diskrimierenden kurzerhand zu Diskriminierten umfunktionieren, indem sie das Menschenrecht auf Religionsfreiheit über andere Menschenrechte setzen.

Der Luzerner Theologe Herbert Gut hat das Problem in einem Leserbrief in der LZ wie folgt beschrieben: «Es gibt eine Hierarchie der Werte. Die Religionsfreiheit muss dem Recht auf Gleichberechtigung und dem Verbot von Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung und Lebensstand untergeordnet sein. Oder anders gesagt: Das Menschenrecht der Religionsfreiheit darf nicht missbraucht werden, um andere Menschenrechte zu verletzen.»

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Siehe auch:

Die katholisch-evangelikale Achse für «Meinungsfreiheit»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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4 Meinungen

Aus meiner Sicht haben wir ein echtes Problem mit den Leuten um Huonder.
- In der Schweiz gilt das sog.e 'duale System' mit einer demokratischen Basis, welche ihre lokalen kirchlichen Angelegenheiten selbst regelt, und einer Kurie in Rom, welche ihre inner-kirchlichen Angelegenheit streng hierarchisch regelt.
- So haben sie es nach dem Sonderbund-Krieg 1847 geregelt. So gilt es + handhaben wir es. Nur: Die Leute um Huonder wollen vom vereinbarten 'dualen System' Nichts mehr wissen.

Da dürfen wir uns nicht wundern, dass sowohl die katholische Basis wie die Reformierten hell-hörig werden: Wir wollen kennen Religionskrieg mehr, weil die vereinbarte Lösung diesen Traditionalisten nicht mehr passt.
Konrad Staudacher, am 12. Juli 2019 um 11:55 Uhr
Danke Kurt Marti für diesen klaren Text!
Heini Glauser, am 12. Juli 2019 um 12:39 Uhr
Eine kleine Frage: warum lassen sich die «LIberalen» unter uns durch die religiösen Fundamentalismen stören aber nicht durch den Fundamentalismus der Wirtschaftskreise, die dem Dogma des fortwährenden wirtschaftlichen und technologischen «Wachstums» verfallen sind und dieses Dogma mit allen Mitteln immer wieder versuchen durchzusetzen - möge die Natur krepieren ?
bernhard sartorius, am 12. Juli 2019 um 21:09 Uhr
Die zwei Flügel im globalen Alt-Right-Lager, extreme Libertärians und extreme Neocons, haben nur zu einer Wählerschaft für rechts/liberale Parteien 30% bis knapp über 50% geführt. Deshalb werden jetzt auch noch extrem konservativ Religiöse für das Alt-Right-Lager der Kapitalgewaltigen instumentalisiert.
https://www.fr.de/politik/rechten-herrn-diensten-11846506.html
Die nützliche Illusion der geistlichen Herren für die Gutgläubigen, war auch schon eine frühe Form des Framings und des Gruppenzwangs, um angeblich wenigstens nach dem Tod ein gutes Leben zuhaben, wenn man schön demütig den weltlichen Herren dient.
Paul Meyer, am 13. Juli 2019 um 14:37 Uhr

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