Marcha Carnaval: Demonstrieren mit Musik, Gesang und bunten Kostümen statt vermummt mit Steinen © Camilo Toro

Marcha Carnaval: Demonstrieren mit Musik, Gesang und bunten Kostümen statt vermummt mit Steinen

Tambore, Tanz und taumelnde Ideologien

Romano Paganini / 31. Jan 2018 - Wie in Kolumbien eine neue Form der politischen Bürgerbeteiligung für Bewegung sorgt und alte Diskussionsmuster aufbricht.

Niemand hatte mit ihnen gerechnet, doch plötzlich trommelten sie mitten im jährlichen Folklore-Fest der Stadt. Die StudentInnen und AktivistInnen von Ibagué, einer mittelgrossen Stadt südwestlich von Bogotá, mischten sich mit ihren zwanzig tambores de resistencia bewusst in die vordersten Reihen des Umzuges, denn der erste Wagen gehörte nicht irgendeinem Turnverein. Wagen 1 wurde von Anglogold Ashanti finanziert, einer der grössten Minenbaufirmen auf dem Planeten. Die Südafrikaner hatten sich Ende Nuller-Jahre in der Region installiert, nachdem bekannt geworden war, dass in den Böden rund um Ibagué die grössten Goldreserven Lateinamerikas liegen.

Während die Tamboren trommelten, verteilten Jaime Tocora und seine compañeros vom Umweltkomitee Flugblätter und informierten die erstaunten Besucher über die Interessen von Wagen 1. «Am Ende», erinnert sich der 30-Jährige, «feierten die Leute mit uns und buhten das Fahrzeug von Ashanti aus.» Es war der Anfang von Marcha Carnaval.

Tanzen statt Steine werfen

In Kolumbien wird häufig demonstriert: gegen ungerechte Gesundheitsreformen, unmenschliche Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung der Natur. Resistencia ist in Lateinamerika auf Grund der Geschichte Teil des Alltags. «Und obwohl man diese politische Kultur nicht ignorieren kann», sagt Jaime Tocora, «müssen wir erkennen, dass die Menschen müde sind vom Widerstand leisten.» Deshalb habe man nach einer anderen Form der politischen Partizipation gesucht und sei während den Gesprächen mit Gewerkschaften, Indigenen, Bauern, Studenten und Professoren – allesamt gegen den Mega-Minenbau – bei der eigenen Kultur gelandet: beim Musizieren, Tanzen und Feiern, bei der Vielfalt von Ibagué. «Die Marcha richtet sich nicht gegen den Tod bringenden Extraktivismus», sagt Tocora, «sondern steht für Freude, Lust und Leben.»

Und so gehen die Gegner des Minenbaus nicht mehr wie früher vermummt und mit Steinen ausgerüstet auf die Strasse. Heute malen sich die Ibagueños Gesichter und Körper farbig, bringen ihre Instrumente mit, verkleiden sich wie an der Zürcher Streetparade und singen sich die Kehlen wund. Sie transformieren damit nicht nur ihre eigene Wut oder Hilflosigkeit, sondern sorgen für ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das ideologische und parteipolitische Grenzen unwichtig werden lassen. Selbst Vertreter der politischen Rechte trommeln inzwischen mit. An der letzten Marcha Carnaval im Juni beteiligten sich über 100’000 Menschen – ein Sechstel der gesamten Bevölkerung.

«Politik kann Freude bereiten»

Was in Ibagué vor zehn Jahren begonnen hatte, ist inzwischen in ganz Kolumbien bekannt. Bereits in 35 Städten und Dörfern zeigt die Marcha Carnaval, wie Bürgerbeteiligung auch gehen kann. «Wir wollen die Leute erreichen, die das Vertrauen in politische Prozess und Einflussnahme längst verloren haben», sagt Paula de las Estrellas (28) von der Marcha im benachbarten Armenia. Dies betreffe insbesondere die jüngere Generation, die der heutigen Realität oft hoffnungslos gegenüberstehe. «Ihnen wollen wir zeigen, das Politik auch Freude bereiten und Motivieren kann.»

Die Karneval-Gruppen unterstützen sich landesweit gegenseitig. Als vor ein paar Monaten in Pijao, einem kleinen Dörfchen in der Nähe von Armenia eine Volksabstimmung zum Minenbau anstand, informierte die Gruppe nicht nur Schulen und Nachbarn zu den Folgen der Minenindustrie, sie bot für die eigens organisierte Marcha dutzende von Personen auf, die trommelnd durch die engen Gassen schritten. «Der Minenbau hat uns als Gesellschaft zusammengeschweisst», sagt Angélica Gomez (30) aus Armenia. «Die Marcha ist ein menschliches Netzwerk, das dem Ruf von Mutter Erde folgt und uns für die gleiche Idee zusammenbringt, selbst wenn wir unterschiedliche Herangehensweisen haben.»

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Dieser Beitrag ist zuerst im Magazin von Greenpeace Schweiz erschienen.

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