Ariadne übergibt Theseus den rettenden Faden aus dem kretischen Labyrinth © Niccolò Bambini/Wikipedia

CVP gefangen im Labyrinth der «christlichen» Werte

Kurt Marti / 20. Dez 2018 - Seit der Jahrtausendwende bleibt die CVP fatal im Labyrinth der «christlichen Werte» gefangen. Der Ariadne-Faden ist gerissen.

Theseus hatte es gut. In der griechischen Mythologie gab ihm seine Geliebte Ariadne einen Faden, der ihm den Weg aus dem kretischen Labyrinth wies, nachdem er den Minotaurus getötet hatte, ein Wesen mit menschlichem Körper und Stierkopf.

Der Ariadne-Faden der CVP hingegen ist längst gerissen, wenn es ihn überhaupt einmal gab. Seit der Jahrtausendwende rätselt die CVP, was das C in ihrem Namen bedeuten könnte. Neue trügerische Hoffnung brachte die Anti-Islam-Debatte, die von der SVP angezettelt wurde. Doch die CVP hat sich immer tiefer ins Labyrinth der «christlichen» Werte verirrt.

«Rechtsstaat und Fundamentalismus» heisst das neuste Produkt aus der Werte-Fabrik der CVP. Das Positionspapier wurde am 11. Dezember 2018 veröffentlicht. Was auffällt: Der Mangel an philosophisch-historischem Wissen und an analytischer Schärfe. Ein paar Beispiele:

Von der «christlich-abendländischen» zur «christlich-jüdischen» Kultur

Im CVP-Papier steht: «Unsere offene und rechtsstaatliche Gesellschaftsordnung basiert auf einer herausragenden politischen Leistung. Sie ist Erbe unserer christlich-jüdisch geprägten Kultur…» Aus der «christlich-abendländischen» Kultur, welche die CVP vor acht Jahren beschwor, ist also neuerdings eine «christlich-jüdisch geprägte» Kultur geworden. Das erstaunt aus dreierlei Gründen:

  1. Die «christlich-jüdisch geprägte Kultur» suggeriert Harmonie und täuscht damit über die jahrhundertelange, christliche Judenfeindlichkeit (Anti-Judaismus) hinweg.
  2. Hinter dieser Verbrüderung der christlichen mit der jüdischen Kultur durch die CVP steckt implizit die Abgrenzung gegenüber dem Islam.
  3. In der Betonung des «christlich-jüdischen» Erbes wird der wichtige, historische Einfluss der islamischen Kultur auf die Entwicklung Europas völlig ausgeblendet. Nachdem die «christliche Kultur» das Wissen der Antike verstauben liess oder vernichtete, übersetzten islamische Gelehrte in Bagdad und Córdoba die Werke der griechischen Antike und waren damit mitbeteiligt an der Weichenstellung für die weitere Entwicklung Europas (siehe Infosperber: Abtei St-Maurice: 1000 Jahre Schatten über Europa).

Zaghafte Entdeckung der Aufklärung

Bisher propagierte die CVP das Märchen von den «christlichen Werten» Freiheit, Selbstverantwortung, Gerechtigkeit und Solidarität. Dass diese Werte erst in der Aufklärung im blutigen Kampf gegen die christlichen Institutionen erkämpft werden mussten, wurde gerne verschwiegen. Die Freiheitswerte der Aufklärung sind als Gegenthese zur christlichen Bevormundung hervorgegangen. Es ist deshalb völlig verfehlt zu behaupten, die Aufklärung hätte christliche Wurzeln. Aus der zeitlichen Abfolge, dass die Aufklärung historisch auf den christlichen-absolutistischen Gottesstaat folgte, entsteht noch lange kein inhaltliches Erbe.

Wenn die CVP nun in ihrem Werte-Papier schreibt, der heutige Rechtsstaat sei «das Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen diesem kulturellen Erbe (christlich-jüdisch, Anm. d. Red.) und der Aufklärung», kommt das einer zaghaften Entdeckung der Aufklärung gleich. Doch bis zur Einsicht, dass Rechtsstaat und Demokratie keine christlichen Errungenschaften, sondern das Werk der menschlichen Vernunft wider die katholischen Dogmen sind, wird es wohl noch etwas dauern.

Sinnbildlich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass der CVP-Präsident Gerhard Pfister im Stiftungsrat der «Fondation 1792» sitzt, die den Verteidigern der französischen Monarchie und Kämpfern gegen die Freiheitsbestrebungen der Aufklärung ein «ehrenvolles Andenken» bewahrt.

Fokussierung auf den islamischen Fundamentalismus

Wenn die CVP die Werte der Aufklärung als «christliche» Werte wider alle historischen Fakten für sich reklamiert, dann lenkt sie damit von den zentralen christlichen Werten der katholischen Kirche ab, nämlich die untergeordnete Rolle der Frau und das Festhalten am Zölibat, die Ächtung der Homosexuellen und die Ablehnung der Homoehe, die Ablehnung der Empfängnisverhütung und die Bezeichnung der Abtreibung als Auftragsmord, die Ablehnung der Uno-Menschenrechtscharta durch den Vatikan sowie die Dogmen der Unfehlbarkeit und der Jungfrauengeburt.

Statt sich kritisch mit diesen realen kirchenpolitischen Inhalten des C auseinanderzusetzen, hat sich die CVP darauf verlegt, ihre Fassade mit den annektierten Werten der Aufklärung aufzupolieren. Dieses Ablenkungsmanöver ermöglicht es der Partei, sich auf den islamischen Fundamentalismus zu fokussieren, ohne den christlichen Fundamentalismus zu thematisieren.

Zwar erklärt die CVP, «dass es in diesem Papier nicht alleine um den Islam und auch nicht um den Islam als Religion oder Kultur geht, sondern nur um die möglichen Auswirkungen seiner fundamentalistischen Strömungen, genauso wie bei anderen Religionen oder Ideologien der Fall sein kann.» Doch das ist eine unglaubwürdige Behauptung, denn die Beispiele beziehen sich ausschliesslich auf den Islam. Auch wenn die Verpackung unter dem Druck der Westschweizer CVP geändert wurde, bleibt es ein Anti-Islam-Papier.

Blindheit gegenüber dem christlichen Fundamentalismus

Die CVP fordert in ihrem Werte-Papier beispielsweise: Keine Parallelgesellschaften, keine diskriminierenden Kleidervorschriften, gleiche Bildungschancen für alle und Religionsfreiheit. Alle diese Forderungen sind gegen die islamischen Fundamentalisten gerichtet, wie die Beispiele im CVP-Papier zeigen.

Besonders resolut ist die CVP, wenn es um die «Bildungschancen für alle Kinder» geht:

«Kindergärten und Grundschulen sind Orte der Freiheit und Gleichheit. Alle Kinder sollen aus unserer Sicht das Recht auf eine gleichberechtigte Entwicklung erhalten. Jedes Kind soll unbelastet von jeglichen Vorurteilen einen kritischen Geist entwickeln können. Die Teilnahme am obligatorischen Schulunterricht stellt für uns eine Selbstverständlichkeit dar, von welcher alleine aus religiösen Vorbehalten keine Ausnahmen geltend gemacht werden soll.»

Diese Forderungen der CVP sind aus dem Blickwinkel einer offenen, liberalen und demokratischen Gesellschaft logisch und legitim. Doch aus dem Lautsprecher der CVP sind sie unglaubwürdig, weil die CVP nur auf den islamischen Fundamentalismus fokussiert und gegenüber dem christlichen Fundamentalismus blind ist.

Konkretes Beispiel dieser Doppelmoral: Als «Infosperber» darauf hinwies, dass die Schulen der erzkatholischen Piusbruderschaft im Kanton St. Gallen die bundesgerichtlichen Kriterien für Schulen in einer pluralistischen, offenen Gesellschaft nicht erfüllen, stellte sich die CVP St. Gallen zusammen mit der SVP demonstrativ vor die fundamentalistischen Piusbrüder, zu deren Anhänger auch der amtierende Ständerats-Präsident und Walliser CVP-Ständerat Jean-René Fournier gehört.

Doppelbödig ist auch die einseitige Ablehnung der islamischen Scharia durch das CVP-Papier, ohne den Blick auch auf die christlich-katholische Sexual-«Scharia» zu werfen, die beispielsweise im Wallis die Entlassung einer Pastoralassistentin unter Missachtung ihrer Freiheitsrechte zur Folge hatte.

Diese Beispiele zeigen: Die CVP misst mit zwei Ellen und heizt damit populistisch den Kulturkampf an. Der Ariadne-Faden der CVP im Werte-Labyrinth ist längst gerissen, weil die CVP das christliche Koordinatensystem zum allgemeinen politischen Koordinatensystem machen möchte, dem sich die anderen Religionen unterordnen sollen. Statt von einem religionsneutralen Koordinatensystem auszugehen, in dessen säkularen Eckpfeilern sich alle Religionen gleichermassen bewegen müssen.

Pardoxe Behauptung von CVP-Präsident Gerhard Pfister

Das neue CVP-Werte-Papier verlangt, dass sich «religiöses Recht (...) klar dem Rechtsstaat unterzuordnen» habe. Mit dem religiösen Recht ist islamisches Recht gemeint, wie die nachfolgenden Beispiele im Werte-Papier zeigen. Doch was ist von einer solchen Forderung zu halten, wenn der CVP-Präsident Gerhard Pfister in seiner Rede, mit der er die Werte-Debatte lancierte, Folgendes festhält:

«Was ist denn so schlecht an christlichen Werten, die dem schweizerischen Rechtsstaat und dem politischen Erfolgsmodell der Konkordanz zugrunde liegen?»

Das ist paradox: Laut Pfister sind die christlichen Werte das Fundament des schweizerischen Rechtsstaats, gleichzeitig soll sich laut CVP-Papier religiöses Recht dem Rechtsstaat unterordnen. Das heisst doch nichts anderes, als dass sich unter dem rhetorischen Deckmantel des christlichen Rechtsstaates der Islam und die anderen Religionen den «christlichen» Werten unterordnen sollen. Mit dieser Logik der Ausgrenzung zieht die CVP in den Wahlkampf und eifert damit der SVP nach. Die CVP und ihr Präsident haben sich im christlichen Werte-Labyrinth verirrt. Statt Probleme zu lösen, werden durch Diskriminierung neue Probleme geschaffen.

Fazit: Wenn die CVP den Ausgang aus ihrem selbstverschuldeten Labyrinth finden will, muss sie den Ariadne-Faden wieder finden, das heisst konkret: Schluss mit der «christlich-jüdischen» beziehungsweise «christlich-abendländischen» Werte-Verwirrung. Und subito vom «christlichen» zum säkularen Koordinatensystem wechseln, das die Freiheitsrechte garantiert und alle Religionen gleichermassen und aus religionsneutraler Perspektive in ihre Schranken weist.

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4 Meinungen

Das Christentum ist ein Vorbild für die Demokratie der Schweiz. Nächstenliebe, die Bergpredigt und das Jesus sich mit allen Menschen gesprochen und die geheilt hat, zeigt von einem wahren demokratischen Verständnis Jesu. Das die christlichen Institutionen dies nicht gelebt haben und immer noch nicht leben, ist traurig und tragisch. Durch sie wird das Evangelium verdunkelt.
Roland Ruckstuhl, am 20. Dezember 2018 um 11:08 Uhr
Zitat: «Was ist denn so schlecht an christlichen Werten, die dem Schweizerischen Rechtstaat und dem politischen Erfolgsmodell der Konkordanz zugrunde liegen?»

Im Artikel werden sie alle mit Namen benannt: Festhalten am Zölibat, Ablehnung aller im Zusammenhang mit Homosexualität stehenden Themen, Unterordnung der Frau und vor allem männliche Dominanz und Bestimmung über den weiblichen Körper etc.

Typisch für Pfister, solchen Blödsinn zu verzapfen. Der Mann stellt für mich die Personifizierung des Rückschritts dar.

Die Aufklärung entstand aus dem Widerstand gegen Dogmen, gegen die Verbindung von Kirche und Staat und war damit ziemlich direkt gegen die kirchliche Institution gerichtet, zumindest da, wo sie eben in den Staat hineingriff. Nicht eben die feine englische Art von Pfister, das jetzt ummünzen zu wollen.
Marianne Mäder, am 20. Dezember 2018 um 11:56 Uhr
Euer CVP-Artikel ist einmal mehr Spitze! Joseph Goldinger, Grandson
Joseph Goldinger, am 20. Dezember 2018 um 16:19 Uhr
Das Reden wider besseres Wissen durch Gerhard Pfister ist schwer verständlich. Glaubt er an das was er sagt? «Die Menschen wollen nicht wissen, sie wollen glauben» dieses Wort von Max Frisch gibt vielleicht einen Hinweis. Aber Bischoff Huonders Aussage lässt uns tiefer blicken: «Wir anerkennen die Menschenrechte der UNO, sofern sie sich nicht mit Gottesrecht widersprechen...» Huonder kennt also Gottesrecht und denkt natürlich nicht daran, dieses säkularem Recht zu unterstellen. CVP, 2018, 230 Jahre nach der französischen Revolution mit Trennung von Kirche und Staat und dem Versuch der Befreiung vom Fluch «christlicher Werte».
Walter Schenk, am 24. Dezember 2018 um 13:47 Uhr

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