Umstrittenes Kruzifix in Walliser Schulzimmern © ktm

Umstrittenes Kruzifix in Walliser Schulzimmern

Das Märchen von den christlichen Werten

Kurt Marti / 19. Feb 2011 - Die CVP will wieder «mit dem Symbol Kreuz zu unseren christlich-abendländischen Wurzeln stehen». Jetzt wacht auch die SVP auf.

Die Freidenker-Vereinigung Wallis will die Kruzifixe aus den Schulzimmern entfernen. Jetzt verlangt die SVP Wallis, dass per Gesetz in jedem Walliser Schulzimmer ein Kruzifix hängen soll. Ein entsprechender Vorstoss wird in der März-Session des Kantonsparlamentes deponiert. Pikant ist die Reaktion der Jungen CVP Oberwallis: Sie wirft der SVP Scheinheiligkeit vor. Denn im letzten Jahr habe die SVP sogar den Austritt aus der Europäischen Menschenrechtskonvention erwogen, wo beispielsweise das Recht auf Meinungsfreiheit und das Verbot der Folter verankert seien. Und dies seien christliche Werte und folglich die Werte der CVP. Doch wissen die CVP und die SVP wirklich wovon sie reden?

Von Kirche, Kruzifix und Bibel bisher keine Spur

Im letzten Frühling hat die CVP Schweiz bei ihren Mitgliedern eine Umfrage zu den christlichen Werten gestartet. Die vier meistgenannten Antworten waren: Freiheit, Selbstverantwortung, Gerechtigkeit und Solidarität. Der ehemalige CVP-Generalsekretär Hilmar Gernet spöttelte dazu auf seiner Internetseite zu Recht, dass dies «mit Verlaub» keine typischen CVP-Werte seien, sondern vielmehr die Grundlagen unseres Staates, welche in der Bundesverfassung verankert sind. CVP-Präsident Christoph Darbellay hingegen erklärte im April gegenüber dem Schweizer Fernsehen, die vier Hauptpfeiler der CVP-Politik seien: Eigenverantwortung, gegenseitiger Respekt, Solidarität und der Wille zum Konsens. Erstaunlicherweise erwähnt Darbellay die Freiheitsrechte gar nicht. Noch mehr erstaunt, dass in der C-Diskussion die Kirche, die Bibel und der Glaube unerwähnt blieben. Lucrezia Meier- Schatz, die Leiterin der «C»-Arbeitsgruppe, bezeichnete die Kirche gar als die Institution, in deren «Schoss die Partei nicht zurückkehren will».

Das Kreuz steht für die abstruse Lehre der Erbsünde

Inzwischen ist die CVP Schweiz wieder vom säkularen Kurs abgefallen und in den Schoss der katholischen Kirche zurückgekehrt. Zum Kreuzstreit liess sie nämlich verlauten: «Mit dem Symbol Kreuz wollen wir Schweizer zu unseren christlich-abendländischen Wurzeln stehen.» Eine wahrhaft babylonische Verwirrung der Werte. Denn die Ideologie des Kruzifixes steht im krassen Widerspruch zu den Menschenrechten: Der Tod Jesu am Kreuz ist untrennbar verbunden mit der abstrusen Lehre von der Erbsünde. Am Anfang der Geschichte stehen Adam und Eva, welche gegen den Willen Gottes vom Baum der Erkenntnis gegessen haben und deshalb aus dem Paradies vertrieben wurden. Sie waren im Grunde die «ersten Wissenschafter», welche die Freiheit des Wissens verlangten. Dafür wurden sie von Gott bestraft. Hier hat die Wissenschaftsfeindlichkeit der katholischen Kirche ihren Ursprung. Noch vor hundert Jahren, am 1. September 1910, zwang Papst Pius X. die Kleriker zum Antimodernisteneid gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Die Menschen sind nichts als «unnütze Sklaven»

Aus der Sünde des Wissens fabrizierte der religiöse Eiferer Paulus nachträglich die Erbsünde, um den Tod Christi am Kreuz zu rechtfertigen. Gott liess demnach seinen eigenen Sohn von den Juden ermorden, damit die Christen von der Erbsünde des Wissens mit göttlichem Blut reingewaschen werden. Die Dramaturgie dieser ungeheuren Geschichte war überdies im Alten Testament auch noch vorherbestimmt, so dass die Schauspieler des Neuen Testamentes unter Missachtung der Freiheitsrechte nur noch wie programmierte Roboter zu funktionieren hatten. Der Mensch wird durch die christliche Konstruktion der Erbsünde grundlos beschuldigt und kann dann als bloss Begnadigter weiterleben, ohne dass er sich der Gnade Gottes je sicher sein kann. Die Lehre der Erbsünde stempelt die Menschen als verderbte Wesen ab und liefert sie der Willkür eines herrsch- und eifersüchtigen Gottes aus. Eine solche Anthropologie ist menschenverachtend. Sie erniedrigt und degradiert den Menschen. Dass ein solcher Mensch das Ebenbild Gottes sein soll, ist ein geschmackloser und zynischer Witz. Auf die Spitze getrieben wird dieses menschenverachtende Spiel durch den Evangelisten Lukas, welcher den Christen zuruft: «Wir sind unnütze Sklaven.» Eine Selbsterniedrigung, welche den Generalvikar Richard Lehner in einer WB-Kolumne frohlocken liess: «Das ist Freiheit, die mir gefällt!»

Gegen Demokratie, Presse- und Glaubensfreiheit

Eine Folge der menschenverachtenden Anthropologie des Kreuzes ist die Mühe der katholischen Kirche zu den Menschen- und Freiheitsrechten. Bezeichnend dafür ist, dass der Vatikan die Menschenrechtskonvention bis heute nicht unterschrieben hat. Noch vor 150 Jahren verurteilte Papst Pius IX. die Demokratie, die Pressefreiheit und die Glaubensfreiheit mit feurigen Worten. Gleichzeitig führte er die Dogmen der Unbefleckten Empfängnis und der Unfehlbarkeit des Papstes ein. Papst Piux IX. wurde von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 seliggesprochen. Die traditionellen, christlichen Werte der katholischen Kirche sind in ihrer Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau, ihrer Ächtung der Homosexuellen, ihrer Ausgrenzung von Kritikern, ihrem gestörten Verhältnis zur Sexualität und ihrer Ablehnung der Freiheitsrechte zu suchen. Das Kruzifix ist ein Symbol für den Kampf der katholischen Kirche gegen die Menschenrechte und hat deshalb in den Schulzimmern nichts zu suchen.

Patentrezept der Nächstenliebe gehört der Evolution

Als letzter Strohhalm bleibt von den christlichen Werten einzig die Nächstenliebe. Doch auch hier weht den Katholiken durch die neusten Erkenntnisse der Soziobiologie und der Evolutionären Ethik ein eisiger Wind ins Gesicht: Vorformen der Nächstenliebe gibt es nämlich schon in der Tierwelt, zum Beispiel bei den Bonobos-Affen, welche die erbeutete Nahrung mit Artgenossen teilen. Die Soziobiologen sprechen dabei vom «reziproken Altruismus», welcher nach der Regel «Wie du mir, so ich dir» funktioniert. Die Nächstenliebe funktioniert in Erwartung einer späteren Gegenleistung durch die Artgenossen. Beim Menschen kommt noch eine Spezialform des reziproken Altruismus hinzu: Die Nächsten- und Gottesliebe, für welche die Preisverteilung erst im Jenseits stattfindet. Die Nächstenliebe hat sich in ihrer Entwicklungsgeschichte über Millionen von Jahren immer weiter verfeinert. Das Patentrezept gehört der Evolution, aber sicher nicht den Katholiken!

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