Kloster St-Maurice: Der Gründer Sigismund von Burgund liess seinen Sohn umbringen © Abtei St. Maurice

Abtei St-Maurice: 1000 Jahre Schatten über Europa

Kurt Marti / 26. Sep 2014 - Vor 1500 Jahren wurden die ersten Klöster gegründet und die platonische Akademie geschlossen. Dann kam die Nacht über Europa.

Am letzten Sonntag war die Kirche der Abtei St-Maurice voll von Bischöfen, Kardinälen, amtierenden und Alt-Bundesräten, amtierenden und Alt-Staatsräten des Kantons Wallis und viel katholischem Fussvolk. Die Abtei St-Maurice feierte ihr 1500-jähriges Bestehen. Am Montag wurden die Gebeine des Märtyrers Mauritius und seiner thebäischen Legion in vergoldeten Sarkophagen durch das Unterwalliser Städtchen St-Maurice getragen. Zum Gedenken an die Märtyrer, die laut der Legende um 290 n. Chr. den Militärdienst in der römischen Armee verweigert hatten und hingerichtet wurden, weil sie nicht auf Christen schiessen wollten.

Ende der platonischen Akademie

Über den Gräbern der Märtyrer gründete der Burgunderkönig Sigismund im Jahr 515 das Kloster St-Maurice. Sigismund liess zur Stabilisierung seiner Macht seinen eigenen Sohn umbringen und wurde später heilig gesprochen. Mit dem oströmischen Kaiser Anastasios I., der mit Gewalt gegen Nicht-Christen vorging, unterhielt er gute Beziehungen und bekam von ihm den Ehrentitel Patricius geschenkt.

Auch Anastasios Nachfolger Kaiser Justinian I. bekämpfte die Nicht-Christen. Im Jahr 529 liess er die platonische Akademie in Athen schliessen, die zuvor fast tausend Jahre Bestand hatte und die für die abendländische Kultur wegweisend war. Die Mitglieder der Akademie galten als Kritiker des Christentums. Sie mussten fliehen. Kaiser Justinian liess die heidnischen Bücher öffentlich verbrennen. Das Wissen von tausend Jahren antiker Wissenschaft wurde ein Raub der Flammen. Symbolhaft für den Niedergang der antiken Hochkultur wurde im Jahr der Schliessung der platonischen Akademie das Kloster Montecassino in Italien gegründet. Anstelle eines Apollo-Tempels.

«Bildungstragödie führte zu einem Desaster»

Gleichzeitig mit der Gründung von Klöstern ab dem fünften Jahrhundert kam es in Europa zu einem folgenschweren Kulturbruch, wie der Althistoriker Rolf Bergmeier in seinem Buch «Schatten über Europa» eindrücklich darstellt. Mitten «im Hochsommer spätantiker Bildung» sei «der Frost» eingebrochen: «Die Schulen schliessen, Bibliotheken veröden, Tempel werden zu Steinbrüchen, Theater zu Lagerräumen und die Bürger verlernen das Schreiben.» Nach tausend Jahren geistiger Hochblüte sei der Analphabetismus wieder zur Normalität geworden und das breit ausgebaute römische Schulsystem zerstört worden. Das immense, wissenschaftliche und philosophische Angebot der Bibliotheken sei grösstenteils vernichtet und durch eine kümmerliche Anzahl von Büchern der christlichen Dogmatik ersetzt worden. Bergmeier spricht von einer «Bildungstragödie», die in den folgenden Jahrhunderten zu «einem Desaster und Wirtschaftsfiasko» auswuchs.

Arabische Gelehrte stellten die Weichen

Erst in der Renaissance, tausend Jahre nach dem Kulturbruch, begann sich Europa von dieser beispiellosen, geistigen Askese zu erholen und erinnerte sich an die griechisch-römische Hochkultur. Weil die katholische Kirche zusammen mit den weltlichen Herrschern das Wissen der Antike fast gänzlich getilgt hatte, musste sich Europa bei seinem Prozess des Wiedererinnerns vor allem auf die arabischen Quellen stützen. Während nämlich Europa im Schatten der klösterlichen Askese und Dogmatik dahindümpelte, herrschte im arabischen Raum laut Bergmeier «eine zweite Blütezeit der Künste und Wissenschaften». Arabische Gelehrte in Bagdad und Córdoba übersetzten die Werke der Antike und retteten sie damit über die Zeit.

Damit schufen sie die Grundlage für Renaissance und Humanismus, Aufklärung und Wissenschaft, Rechtsstaat, Demokratie und Menschenrechte. Während die arabischen Gelehrten die Weichen für unsere heutige Kultur stellten, war laut Bergmeier im christlichen Mitteleuropa «die Vernichtung missliebiger Bücher bereits weitgehend abgeschlossen» und «die Klosterbibliotheken mit ‚heiligen‘ Schriften zugestellt». Mit der Renaissance und der Aufklärung verflogen allmählich die Schatten der christlichen Dunkelkammer. Der Siegeszug der Wissenschaften liess sich nicht mehr aufhalten, auch wenn die katholische Reaktion immer wieder versuchte, sie zu knebeln.

Was hätte aus Europa werden können?

Angesichts der realen Geistesgeschichte des Abendlandes und der ursprünglichen Wurzeln in der griechisch-römisch-arabischen Kultur ist es immer wieder verblüffend, wie dreist sich die katholische Kirche und ihre Klöster als Begründer der abendländischen Kultur feiern lassen und wie wenig Gegenrede von den Historikern zu vernehmen ist.

Bergmeier stellt am Schluss seines Buches die rhetorische Frage: Was hätte aus Europa werden können, wenn sich damals das antike Wissen durchgesetzt hätte, wenn sich statt der weltabgewandten Klöster die platonischen Akademien in Europa verbreitet hätten oder wenn der humanistische, römische Denker Seneca gesiegt hätte und nicht die beiden fanatischen, zum Christentum bekehrten Heiden, Paulus und Augustinus?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Kurt Marti ist Journalist und wohnt in Brig-Glis. Er ist mit dem Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti nicht verwandt.

Weiterführende Informationen

Rolf Bergmeier: Schatten über Europa
Dossier: Der Vatikan und die Katholiken

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21 Meinungen

Ich habe das Kloster St. Maurice und seine Kultur zweimal in einem ganzwöchigen Lehrerfortbildungskurs dargestellt, ausserdem im Zusammenhang mit den Johannitern und Kreuzrittern und Paracelsus auch die arabische Medizin. Ich sehe die Sache ganz anders als dieser Kurt Marti. Der Fanatiker Augustinus war allein schon vom Stil her und seiner enormen Kenntnis Platons, seiner Vorläuferschaft zu Descartes, der Erfindung der Subjektivität von einem Format, das Marti sich gar nicht fortstellen kann. Meine beste Schülerin, Dagmar Fenner, heute die Philosophin der Schweiz mit dem vielleicht besten Publikationsausweis, besuchte mit mir kurz vor der Matura ein Augustinusseminar in Freiburg i.B, sah sich auch dadurch zum Studium der Philosophie veranlasst. Das ist nun mal eine andere Liga. Herr Marti sollte über die Themen schreiben, wo er mithalten kann.Augustinus gehört sicher nicht dazu, schon rein publizistisch.
Pirmin Meier, am 26. September 2014 um 14:27 Uhr
Die Dummheit der Menschheit stirbt, leider nie aus.
Bruno Denger, am 26. September 2014 um 14:34 Uhr
Damit ist kaum die Intelligenz von Augustinus und der Logiker des Mittelalters gemeint, welche formal u. rein semiotisch, wie Logikhistoriker Bochenski nachgewiesen hat, Kant überlegen waren. Gemäss Erhaltungsgesetz der Dummheit v. J. Maritain «Dummheit bleibt erhalten» waren die Menschen im Mittelalter etwa so dumm wie wir.

Zu den Spitzenlogikern gehörten auch Muslime. Die Wirkung etwa von Avicenna war im christlichen Europa stärker als im islamischen Raum. Es war vor 25 Jahren schwer möglich, mit iranischen Gelehrten in gutes Gespräch zu kommen, weil sie behaupteten, Avicenna und Averroes hätten Koran nicht verstanden. So beschränkt sich die Wirkung der intellektuell stärksten muslimischen Gelehrten auf europ. Universitäten. Paracelsus übte jedoch an Avicenna Kritik, vor allem, weil man sich an den Hochschulen zu wörtlich an ihn hielt. Wer vom finsteren Mittelalter faselt, ist wohl wie Kurt Marti ein Handschriftenspezialist und Mittellateiner in der Art von V. Masciadri, gest. in Aarau, oder U. Eco. Warum aber dachten die nicht gleich wie Marti?

Das 20. Jahrhundert war, wenn man von einer einseitig moralistischen Geschichtsbetrachtung ausgeht, womöglich mörderischer als das Mittelalter, wobei jedoch die erst spät einsetzenden Hexenprozesse als Vorboten der Neuzeit zu deuten sind. Sie trugen nämlich zum «Fortschritt» und zur Formalisierung der Justiz bei. Man sah nun ein, dass das Volk von höherer Justiz nichts verstehe, womit das Recht vom Regen in die Traufe geriet.
Pirmin Meier, am 26. September 2014 um 15:10 Uhr
Dieser Artikel bestätigt leider alte Stereotypien über das düstere, gewaltsame Mittelalter und die helle Renaissance und den direkten Weg in die Aufklärung. Geschichte ist aber weit komplexer: Ohne Klöster und Klosterschulen und die geistigen Fundamente der frühen, mittellaterlichen Universitäten: Paris, Reims, Bologna etc. etc. wäre auch die Renaissance nicht möglich gewesen. Kontrafaktische Fragen mögen interessant sein, aber bringen weder die Geschichtswissenschaft noch den Journalismus weiter.
Michael Jucker, am 27. September 2014 um 12:16 Uhr
@Jucker. guter Hinweis auf das Kontrafaktische. Zumal lohnt es sich, die Geschichte der Sorbonne u. Oxford u. die Gründung der Universität Basel, über Beromünster und Papst Pius II., den Humanisten Aenaea Silvio Piccolomini, zu kennen. Klosterschulen: Diderot und Voltaire waren im Gegensatz zu Rousseau, wie auch Pascal, Jesuitenschüler, was den formal-logischen Präzisionsvorsprung gegenüber dem autodidaktischen Wallisschwärmer Rousseau ausmachte. Wissenschaftlich scheint mir der Jesuitenorden vom Leistungsausweis dem Islam überlegen, die Leute erfassten früh, dass ohne Newton nichts geht. Die Sache mit Galilei, dessen Werk von Virgilio Masciadri (Ch) übersetzt worden ist, ist ein anderes Kapitel. Aber Galileis Vorläufer Kopernikus war ein polnischer katholischer Chorherr, der seine Sache diplomatisch und gezielt unverständlich verkauft hat. Allein mit seiner Leistung als Astronom und Finanzwissenschafter kann der Islam kaum mithalten. Es lohnt sich, das Leben des Kopernikus, der an der gleichen Universität doktorierte wie Paracelsus, zu kennen. Ein hervorragendes Buch, von meinem Kollegen Peter Dinzelbacher geschrieben, «Unglauben im Mittelalter» zeigt: Es gab schon damals sehr kritische Denker. Unter Papst Alexander VI. wurde im Vatikan ein Buch veröffentlicht, in dem Moses, Jesus und Mohammed als Betrüger bezeichnet wurde. Das war kurz vor der Reformation, die ihrerseits für die Alphabetisierung der Menschheit, die Wirtschaft und die Ethik einen Fortschritt darstellte.
Pirmin Meier, am 27. September 2014 um 12:40 Uhr
"Angesichts der realen Geistesgeschichte des Abendlandes und der ursprünglichen Wurzeln in der griechisch-römisch-arabischen Kultur ist es immer wieder verblüffend, wie dreist sich die katholische Kirche und ihre Klöster als Begründer der abendländischen Kultur feiern lassen und wie wenig Gegenrede von den Historikern zu vernehmen ist.» Wie wahr !
Eduard Baumann, am 27. September 2014 um 14:04 Uhr
Mache Sie und Herrn Marti noch gern auf die von Frommann-Holzboog u. Schellinggesellschaft angezeigte Ausgabe der 100 Bände (2014) von Bernard Bolzano aufmerksam (1781 - 1848). Natürlich so wenig wie Kopernikus die katholische Kirche, aber doch kath. Religionsphilosoph und vor allem einer der besten Logiker und Wissenschaftstheoretiker aller Zeiten, ich erinnere Sie an Bolzanofunktion. den Zwischenwertsatz, die These Bolzano-Weierstrass, Widerlegung der Inhalt-Umfang-Regel des Jesuitenschülers Blaise Pascal, eine Errungenschaft, die 100 Jahre brauchte, bis Lehrbücher reagierten. Für Geschichte der Wissenschaften, so weit es um Genauigkeit geht, ist Bolzano ev. nachhaltiger als sagen wir mal Rousseau, Marx, Freud, Heidegger, er ist nun mal Niveau Wittgenstein/ Popper. Bolzano war katholischer Priester, der aber als Philosoph in der Zeit der österreichischen Restauration mal Lehrverbot hatte. Werde mir das wenigstens partielle Studium dieser 100 Bände nicht entgehen lassen, so wenig wie einst den Mönch Roger Bacon, der vor 800 Jahren das Prinzip des Regenbogens als erster richtig erfasst hat. Das Problem der mittelalterlichen Mönche war, dass ihre wichtigsten Erfindungen, etwa Lehre von der Supposition, erst nach der Erfindung des Computers von praktischem Nutzen wurden. Die Lehre von der Supposition ist heute erkenntnistheoretisch relevanter als was Kant u. Hegel über Logik ausgeführt haben. Kant glaube irrtümlich, Logik habe seit Aristoteles keine Fortschritte mehr gemacht.
Pirmin Meier, am 27. September 2014 um 15:11 Uhr
PS. Arabische Kultur: Bei Thomas von Aquin und Albertus Magnus, habe Gesamtausgaben greifbar, gibt es in vierstelliger Anzahl Zitate von Dutzenden von Arabern. Noch zu Martis «katholischen Talibans» der Sonderbundszeit. Der kath.-konservative Regierunsrat Josef Eutych Kopp aus Beromünster war nicht nur Hobbyhistoriker, sondern begründete die historisch-kritische Geschichtsschreibung in der Schweiz, mit vernichtender Kritik u.a. in Sachen Tell und Winkelried, wobei bei letzterem das Kleingedruckte nicht zu vergessen ist. Diese Kritik wurde von den Liberalen von 1848 in radikaler Gegenaufklärung als von Metternich gekauft rückgängig gemacht, was der Briefkastenonkel von Radio Beromünster noch 1959 bestätigte. Auch der letzte, durchaus eindrückliche Verteidiger von Wilhelm Tell, der radikalliberale Historiker Karl Meyer aus Luzern, Professor in Zürich, weigerte sich, Errungenschaften nichtliberaler Forscher zur Kenntnis zu nehmen. Im Marxismus und selbstverständlich auch auf katholischen Lehrstühlen ging es zum Teil ähnlich zu. Der wichtigste Protagonist der Evolutionstheorie in der Philosophie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war trotzdem ein katholischer Priester, nämlich Josef Vital Kopp. Der erste, der in der Deutschschweiz das Wort «Menschenrecht» gebrauchte, war um 1770 der Luzerner Jesuit Josef Ignaz Zimmermann. Friedrich der Grosse gab qualifizierten Jesuiten bei sich Asyl, er wusste warum.
Pirmin Meier, am 27. September 2014 um 15:35 Uhr
Betr. Schliessung der platonischen Akademie

PS zum Sonntag. Der wichtigste Philosoph aus der Zeit der Schliessung der platonischen Akademie ist Boethius, der Verfasser des Trostes der Philosophie. Seine Texte sind in den zum Teil ältesten Abschriften in der Bibliothek des Klosters St. Gallen enthalten. Hürlimanns Onkel hat sie mir mal gezeigt. Diese Texte, behaupte ich, sind in Sachen Bedeutung von der Schweizer Literatur des 21. Jahrhunderts möglicherweise noch nicht aufgeholt worden. Ein Satz aus Boethius lautet: «In jedem Menschen ist etwas enthalten, das man nicht kennt, solange man es noch nicht erprobt hat. Hat man es aber erprobt, so schaudert man.» In diesen beiden Sätzen, im Kloster St. Gallen vor rund 1000 Jahren aufgeschrieben, ist fast nichts enthalten, über das Sartre und Dürrenmatt hinausgegangen sind. Man kann sich natürlich entschliessen, dumm zu bleiben, um das nicht zur Kenntnis zu nehmen zu müssen. Damit meine ich aber nicht die von mir kritisierten Kollegen Marti und Baumann, sondern den Bildungsabbau, Kinder hüten bis 18 Jahre statt Grundlagen kritisch-humanistischen Denkens, u.a. auch durch den Unterricht von Latein, Griechisch, Hebräisch und anderen alten Sprachen, würde auch Arabisch nicht ausnehmen.
Pirmin Meier, am 28. September 2014 um 10:38 Uhr
Streitet ihr doch nur ein bisschen, das ändert aber nichts daran, dass die Katholische Kirche, resp. ganz allgemein die sog. Christen das Zeichen für Null nicht erfunden haben… as-safar -> الصفر - heisst Null und hat dem Ausdruck «Ziffer» Pate gestanden.
Rolf Raess, am 29. September 2014 um 14:46 Uhr
So weit ich unterrichtet bin, gab es die Null schon bei den Indern, und zwar als Loch. Unsere Zeichen o ist also ein bilderschriftliches Zeichen, vielleicht sogar eine Abbildung des Arschlochs. Das Denken der Null hingegen setzte ein grosses mathematisches Abstraktionsvermögen voraus, welches auf diesem Niveau bei den Arabern, den Erfindern von Al-Gebra, dann festzustellen war. Meine Ausführungen, Herr Raess, gehen dahin, dass in den mittelalterlichen Universitäten, diesen angeblichen Dunkelkammern, wie nirgends sonst auf der Welt Errungenschaften einer anderen Kultur, eben der Araber, weitertransportiert wurden, besonders auf dem Gebiet der Mathematik, des arabischen Aristotelismus (Avicenna), des arabischen Platonismus und zum Teil auch im Bereich der arabischen Esoterik. Den Arabern muss man lassen, dass sie sich Aristoteles aneigneten, was dann aber Chomeini dann auch wieder nicht richtig passte. Immerhin hat Platon sogar bei ihm noch einen guten Namen. Aber die mangelnde Vermittlung Platons kann man dem Mittelalter wirklich nicht vorwerfen.
Pirmin Meier, am 29. September 2014 um 16:00 Uhr
Komisch, dass ich in ihren z.T. detaillierten Ausführungen nichts lese über die Vertreibung der Mauren und Juden auf der iberischen Halbinsel. Wie reaktionär und rückständig die Christen (römisch Katholiken) von damals waren, zeigt z.B. das architektonische Geklotze in der Alhambra…
Rolf Raess, am 30. September 2014 um 07:50 Uhr
@Das ist mir nicht nur bekannt, darüber habe ich u.a. in meiner Dissertation geschrieben. Noch bedeutsamer aber ist der spanische Völkermord an Indios in den Westindischen Inseln, wie vom Dominikanermönch Bartolomé de las Casas 1542 bezeugt, das in unserem Bewusstsein am wenigsten verankerte Völkerverschwinden, zu dem Krankheiten und Seuchen zusätzlich beitrugen. Ohne die Dominikaner wüssten wir allerdings nichts darüber. Der in Mexiko wirkende Dominikanerbischof Franzisco de Vittoria war der wohl erste Weisse der Menschheitsgeschichte, der die vollen Menschenrechte der Indianer und der Schwarzen postulierte, natürlich war das im 16. Jahrhundert eine Minderheitsmeinung. Die vollständige konfessionelle Absonderung, was in Spanien gewaltsam vor sich ging, war in der Schweiz auch bis 1712 (Villmergen) und später die Norm, wie sie meinem grossen Aufsatz über die Villmergerkriege, unter Einbezug der sozialistischen Sicht von Robert Grimm, entnehmen können, erscheint am 20. Oktober in der Argovia, dem Jahrbuch der Aargauischen Historischen Gesellschaft. Was sollen die Ressentiments über Christen und Muslime früherer Zeiten? Wichtig ist, dass man sich, historisch belehrt, mit den Missständen der Gegenwart auseinandersetzt. Das ist bei Infosperber immer wieder mal verdienstvoll der Fall.

PS. Die Geschichte von Las Casas ist vom Schriftsteller Reinhold Schneider gut vermittelt worden, sehr gut auch von H.M. Enzensberger. Schlimmer als die Vertreibung der Muslime aus Spanien.
Pirmin Meier, am 30. September 2014 um 09:04 Uhr
@PS. Herr Raess. Schrecklich die spanische Kunst in jener Zeit, die Sie beschreiben, wenn Sie etwa an El Greco denken. Letzterer galt in der mitteleuropäischen Kunstgeschichtsschreibung als Repräsentant des Manierismus. Auch über Goya entsetzte man sich. Erst ab Picasso, Miro und Dali, letzterer auch noch schrecklich katholisch, nahm das Verständnis für spanische Kunst wieder zu. Zugegebenermassen ist der bedeutendste spanische Katholizismuskritiker Luis Bunuel der beste spanische Filmregisseur. Aber auch er lebt, wie der Italiener Fellini, der perfekteste Satiriker des Vatikans aller Zeiten, von der katholischen Bildwelt. Diese ist kunstgeschichtlich nicht zu unterschätzen, hält Vergleiche mit der Osterinsel, Höhlenmalereien und Pop Art einigermassen aus.
Pirmin Meier, am 30. September 2014 um 09:16 Uhr
Kuriosität am Anfang dieser Debatte: Herr Marti kann sich «nicht fortstellen» lautet ein Verschreiber für «kann sich nicht vorstellen». Gebildete Polemiker wissen in der Regel mehr, als was sie schreiben, man kann sich auch selber im Wege stehen. Auf der anderen Seite ist klar, dass jede Romantisierung u- Beschönigung des Mittelalters zurückzuweisen ist. Habe ich mit dem Filmteam des 3satFilms von Luke Gasser über das Konstanzer Konzil zu zeigen versucht, am Bsp. des Vor-Reformators Hus. Aber sogar jene Schande der Kirchengeschichte strotzte nicht nur vor Scheusslichkeiten. Es gab Leute, die einen Ausweg anbieten wollten, er sah allerdings, dass dies von seinen Anhängern als Verrat gedeutet worden wäre, selbst wenn der Ausweg «kirchenrechtlich» und dogmatisch in Ordnung gewesen wäre. Es scheint sogar, dass auch Hus, in der Art des von Paracelsus kritisierten «gesuchten» Martyriums, die Heldenrolle einem Kompromiss vorzog. Dies entschuldigt Unrecht nicht. Das Papier, das Hus jedoch als Gewähr freien Geleites am Konzil ansah, war nicht viel mehr als ein Pass. Hier hat er sich getäuscht. Wie auch immer, mein einstiger Diskussionspartner Karlheinz Deschner führt solche Geschichten unter «Kriminalgeschichte des Christentums», vgl. noch Martis Episode um den Sohn von Sigismund, was stark an die Familienverhältnisse von Kaiser Konstantin erinnert, wo es regelmässig blutig zuging. Habe ich in meinem Entlebucher Oratorium-Text für den Komponisten Carl Rütti teilweise dargestellt.
Pirmin Meier, am 20. November 2014 um 07:59 Uhr
Herr Meier, vielen Dank für Ihre sehr interessanten Ergänzungen. Zu Augustinus ist aber, so meine ich, auch zusätzlich noch einiges kritischeres zu sagen. So hat seine Interpretation des Sündenfalls (schwache Frau wird verführt und verwirrt danach den Mann) im Gegensatz zu seiner Logik (vermute ich) heute konkrete Nachwirkungen: Augustinus ist die ideologische Bezugsperson betreffend Roms Haltung zu Keuschheitsgebots und der Frauenordination . Mein Professor an der Uni hat Augustinus daher schon als «Unglücksfall» für die katholische Kirche bezeichnet. Es wird zu oft nur auf ihn Bezug genommen und andere werden ignoriert.
Bergmeier würde ich auch eher kritisieren, antike Bildungsideale existierten weiterhin (z.B. bei den Gallorömern), standen aber neu in Konkurrenz zum Christlichen Korpus.
Lars Herzer, am 04. Dezember 2014 um 17:13 Uhr
Herr Meier, Sie haben nun zu diesem Artikel «1000 Jahre Schatten über Europa» fast 2/3 aller Beiträge bestritten und gemessen an der Zeilenanzahl weit über 80%.
Ich habe aber nicht herausgefunden wo Sie heraus wollen… oder wer ihr Auftraggeber ist. Wobei Ihnen ein mir seltsam vorkommender Eifer innewohnt, der schon gefährlich in die Nähe von Fundamentalisten rückt.
Rolf Raess, am 04. Dezember 2014 um 17:37 Uhr
Mein «Auftraggeber», die Kirche, boykottiert meine Arbeit, so kath. Bildungshäuser seit Jahrzehnten; über Fundamentalismus habe ich ein Buch geschrieben, meine Biographie v. 600 S. über Klaus v. Flüe ist im Lit.Verzeichnis des Wallfahrtsführers boykottiert. Risiken u. Nebenwirkungen v. Augustin nicht unterschätzen. Naturphilosophisch halte ich es, wiewohl kein «Anhänger», eher mit Albertus Magnus, würde mit Raess und Herzer gern über dessen Buch betr. Frau diskutieren. Ich habe auch alle Bände Kirchenkritik von Deschner sowie das Gesamtwerk von Rousseau und Voltaire erarbeitet, desgleichen Kirchliche Dogmatik von Karl Barth, dem ich meinen Gedichtband «Gsottniger Werwolf» widmete und den ich kritisiere, besonders den Satz «Die erotische Liebe ist Verleugnung der Humanität», womit wir wieder bei der Kritik an Augustinus wären, über dessen 1500. Jahrestag der Bekehrung ich einen grossen Essay veröffentlicht habe, auch diesen können Sie ja kritisieren. Mit Andreas Thiel, der jüngst den Koran kritisierte in der Art von Deschners Kritik des Christentums, habe ich nicht gemeinsam, dass ich regelmässig eben die 15bändige Enzyklopädie des Islam studiere und doch nicht nur die fürchterlichen Sachen bei Mohammed, den ich allerdings Meister Eckhart für haushoch unterlegen einschätze. Letzterer bedeutet mir tatsächlich mehr als Augustinus. Ich lade Sie zu meinem Vortrag in Niederrohrdorf v. 7. März ein, dem dritten seit April 2014, auf Basis der historisch-kritischen Gesamtausgabe.
Pirmin Meier, am 05. Dezember 2014 um 06:50 Uhr
@Raess. Was Sie «Eifer» nennen, sind bloss Hinweise auf Quellen, z.B. das Engagement der Dominikaner in Mexiko für die Indios und der Hinweis auf die Hexenprozesse, über die ich in Wettingen vor Monatsfrist eine Vorlesung gehalten habe. Beim Prozess über die sog. Hexe von Gebenstorf wurde über die Humanisierung des Strafvollzugs diskutiert, weswegen die Sache mit der Gebenstorferin dann die teuerste Hinrichtung in der Schweizer Geschichte der Hexenprozesse wurde. Ein Vorfahre des Fabrikanten Oederlin von Baden lieferte eine Riesenportion Schiesspulver, womit die «Hexe» in Säcken eingewickelt wurde, um ihr einen schmerzlosen Tod, ein humanitäres «Exit» zu ermöglichen. Das sind alles nur Details, aber man muss sie kennen. Wie ich schon sagte, schlug sich bei den Hexenprozessen die Erkenntnis Bahn, dass Theologen und Experten, und nicht etwa das Volk hier etwas zu sagen haben sollten. Das war zur Zeit von Klaus von Flüe noch nicht so. Als ein Rechtsexperte des Bischofs von Konstanz Klaus der Hexerei verdächtigte, drohten die Obwaldner, die keine Ahnung hatten von den Grundsätzen des Hexenhammers, den Experten totzuschlagen. Heute wissen wir, dass nur Experten vernünftig über Kriminelle urteilen können. Der gewöhnliche Bürger kann sich in die Lage eines nigerianischen Drogenhändlers nicht mit genügender Menschenrechtskenntnis versetzen. In Sachen Stärkung der Macht von Experten brachten die Hexenprozesse einen Fortschritt, von dem wir heute noch profitieren.
Pirmin Meier, am 05. Dezember 2014 um 08:15 Uhr
@Pirmin Meier: Ihr pauschales Votum für Experten verwundert mich als Nichthistoriker doch sehr - nur zwei Fragezeichen dazu: interessenverflechtung? Selektion? wenn sie z.B. als Denk-Pol über die Rechts-Experten des NS-Regimes nachdenken, McCarthy's Amerika oder die Türkei heute? einmal abgesehen davon, dass das amerikanische Rechtssystem mit Geschworenengerichten eine Mischung bevorzugt (von uns europäern zurecht? belächelt).

Oder die Experten im Finanzbereich, die von Regierungen hinzugezogen werden - den Bock zum Gärtner gemacht?

unter diesem Blickwinkel und ohne nähere Kenntnis kommt mir die Geschichte vom Hexer-Klaus und dem Rechtsexperten des Bischofs von Konstanz doch sehr suspekt vor.

@alle: die Quellen- und Personenhinweise erscheinien mir spannend, weniger hingegen die vielen Pauschalisierungen ( die katholische Kirche, das christliche Europa, die Muslime/Araber, die...) die mir vorallem für ein weniger differenzierendes Publikum wenig wissensfördernd erscheinen. Im Gegensatz dazu scheint mir wichtig, dass bei aller Kürze der Kommentare und des Artikels die Widersprüchlichkeiten, psychische Bedingtheit in prägenden Personen und der Gruppendynamiken mit den materiellen, kulturellen Entwicklungen im Hintergrund durchscheinen und somit relevanter sein können.
Daniel Meier, am 29. März 2016 um 06:44 Uhr
Wegen diesen Undifferenziertheiten beteilige ich mich derzeit kaum mehr an Diskussionen dieser Art; das christliche Europa existiert natürlich im Mittelalter als deskriptiver, nicht normativer Begriff; auch meine Kommentare zu Experten, etwa bei Klaus von Flüe, sollen Sie in meinem Buch in den richtigen Proportionen sehen, der Vergleich mit McCarthy von Ihnen ist nicht schlecht, ja, das ist das Problem ideologischer Experten!

Schreibe noch dieses Jahr ein Jugendbuch über Bruder Klaus, werde mir Ihre Ermahnungen zu Herzen nehmen. Meine soeben abgeschlossene Schulgeschichte der 1000jährigen Schule von Beromünster ist ebenfalls eine Darstellung der hier diskutierten christlichen Kulturwelt^; gehe davon aus, dass sie nicht ganz unkritisch geraten ist, wiewohl die erbrachten Kulturleistungen, etwa das Pastorale Novellum von 1318 und etwa ein Physikbuch als naturwissenschaftliche Aufklärung von 1780 zu anerkennen sind. Noch interessant das Urteil des Philosophen I.P.V. Troxler über diese christliche Welt von einst, es fällt sehr kritisch aus, wiewohl er 1866 die Eidgenossenschaft als «Vaterland der Christen» bezeichnete, vgl. Verfassung von 1848, die weniger progressiv war als allgemein behauptet.
Pirmin Meier, am 29. März 2016 um 07:19 Uhr

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