BBC Mike Page pinkes Haus

Ein Haus an der Küste von Suffolk um 1998, Mitte 2009 und im Dezember 2019. 2020 wurde es abgerissen, weil das Wasser zu nahe rückte. © Mike Page, BBC

Das Meer bedroht immer mehr Häuser an der englischen Küste

Daniela Gschweng /  Wer zu nah am Wasser gebaut hat, wird unter Umständen abrupt wohnungslos, wenn das Meer droht, sich das Haus zu holen.

Abgezeichnet hat es sich schon lange, jetzt wird es zunehmend ernst. Die See nagt an allen Seiten der britischen Inseln. Hausbesitzer:innen an der englischen Ostküste haben in den vergangenen 16 Jahren 183 Häuser wegen Küstenerosion verloren, berichtete der «Guardian» Mitte Oktober. Und es werden jährlich mehr. Die Zeitung hatte bei neun Kommunalverwaltungen angefragt, die als besonders gefährdet gelten.

Der Osten Englands sei besonders betroffen, da die Küste aus «sehr sandigem, kiesigem und schluffigem Material» bestehe, das anfällig für Erosion sei, sagt Sophie Day, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin an der University of East Anglia. Ein feuchter Winter, wie er durch die Klimakrise begünstigt werde, weiche die Klippen auf und destabilisiere sie. Dazu kämen häufigere und stärkere Stürme und der steigende Meeresspiegel. Ähnlich äussert sich Anna Bird, Professorin für Geologie an der Universität Hull, gegenüber der «BBC».

Von 162 Hektaren ist nur noch ein Drittel übrig

Offiziell ist die Klimakrise nur eine der Ursachen. Erosion gab es schon immer. Aber sie beschleunigt sich. «Es ist sehr hart», sagt Anne Jones, die am östlichsten Ende Englands lebt. Sie habe ihr Leben damit verbracht, der See dabei zuzusehen, wie sie sich das Land nehme, berichtet sie der «BBC». Vom 400-Acre-Besitz ihres Urgrossvaters (162 Hektaren) sei inzwischen nur noch ein Drittel übrig.

Der Ort, an dem sie das Interview gibt, sei einst der Garten des «pinken Hauses» gewesen, berichtete die «BBC». 1989 lag er noch viele Meter von der Klippe entfernt. Inzwischen gibt es das Haus nicht mehr. Es ist eines von mehreren Gebäuden, die die Familie abreissen musste (unser Titelbild). Die Familie vermietet nun mobile Ferienhäuser, die regelmässig weiter ins Landesinnere versetzt werden müssen.

Andere Küstenbewohner:innen haben nicht so viel Glück. Bedrohte Häuser wie jenes von Jones stellen eine Gefahr für die Umgebung und ihre Bewohner dar. Rücken sie zu nahe an die Klippen, müssen sie abgerissen werden, bevor Teile davon abrutschen und andere gefährden. Wer darin wohnt, muss ausziehen, nicht selten mit ungewisser Zukunft.

Für die Betroffenen ist die Entwicklung traumatisch

Für die Betroffenen sei das ein drastischer, ja traumatischer Einschnitt mit «verheerenden finanziellen, emotionalen und psychologischen Folgen», legt der parlamentarische Ausschuss dar, der sich mit den Folgen der Küstenerosion beschäftigt.

Das Bevorstehende spalte die betroffenen Gemeinden so sehr, dass einige Mitglieder nicht einmal darüber reden wollten, während andere dringend auf Hilfe angewiesen seien. Das mache es nicht leichter, ihnen bei der Vorbereitung zu helfen oder Hilfsmassnahmen zu verbessern. Die Bewohner:innen betroffener Küstenorte lebten unter erheblichem Stress, hervorgerufen auch durch zunehmende Isolation, Katastrophentourismus und mediale Aufmerksamkeit.

Entschädigung gibt es höchstens zum Teil

Eine finanzielle Entschädigung von der Regierung gibt es allenfalls für den Rückbau, meist nicht in voller Höhe. Versicherungen bezahlen nichts. Im Gegensatz zu Hochwasserschäden gilt Erosion als vorhersehbares Risiko für Liegenschaften an der Küste. Die Eigentümerschaft muss den Verlust von Wohnung und Grundstück selbst auffangen, manchmal hilft die Gemeinde.

«Ich habe 650’000 Pfund (718’000 Franken) verloren – so viel war meine Wohnung wert», sagt Hilary Lightfoot aus dem Dorf Thorpness, die der «Guardian» befragt hat. Das Zuhause, in dem sie 20 Jahre lang gelebt und eine Familie grossgezogen hatte, wurde dieses Jahr abgerissen. «Ich musste Geld aus meiner Altersvorsorge nehmen, um ein Haus zu kaufen. Ich musste mir Geld leihen. Ich habe Schulden. Es ist einfach eine Katastrophe.»

Die Küstenerosion beschleunigt sich

Ein umfassender Schutz der britischen Küsten ist nicht umsetzbar, das ist lange bekannt. Zudem müsste der Küstenschutz alle paar Jahre verstärkt werden, denn das Geschehen beschleunigt sich. Schon 2018 warnte ein Bericht des unabhängigen britischen Climate Change Comittee vor einer halben Million gefährdeter Immobilien.

Die Gemeinde Great Yarmouth (GYBC) hat laut dem «Guardian» seit 2010 im Dorf Hemsby 64 Häuser abgerissen, 41 davon seit Dezember 2025. Im vergangenen Winter habe sich das Meer ganze zehn Meter Land geholt, sagte ein Sprecher der Gemeinde. Das sei die Hälfte dessen, was für die kommenden 30 Jahre vorhergesagt worden war. East Suffolk berichtete von acht Häusern, die zwischen 2020 und 2024 abgerissen worden seien. Zwischen Mai 2025 und April 2026 waren es schon 16.

Bis 2055 sind schätzungsweise 3500 Häuser bedroht, in den nächsten 80 Jahren bis zu 10’000. Dazu kommen Strassen und andere Infrastrukturen wie Bahnlinien.

Wann genau es im Einzelfall so weit ist, kann niemand sagen. 9,3 Meter (30,5 Fuss) darf der Abstand zur Klippe betragen, dann muss abgerissen werden, berichtete die «BBC» im August über ein Sommerhaus im Ort Skipsea. Wie es dort jetzt aussieht, müsste man fragen. «Wir sind nah dran. Das ist wohl der letzte Sommer, den wir hier verbringen», sagte die Eigentümerin.

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