Tamedia: So fragt kein Journalist, sondern ein Zudiener
Nato-Korrespondent Dominique Eisenmann verbreitete das fast zweiseitige Interview mit Keir Giles in Tamedia-Zeitungen der halben Schweiz. Über zehn Zeitungsspalten prangte am 15. Oktober der riesige Titel: «Kommt es zum Waffenstillstand, wird es für Europa gefährlich».
Nur dank der Ukraine würde Russland noch keine Ziele in Europa angreifen. Nach diesem Krieg sei «ein Konflikt unvermeidlich». Giles warnt: «Die Schweiz sollte nicht glauben, das sie sich von dem, was um sie herum passiert, abkapseln kann.»
Auf die Frage, wann Russland angreifen könnte, antwortete Giles: «Warum nicht morgen?» Es gehe nicht um Putin: «Die gesamte russische Elite und Dutzende von Millionen Menschen glauben, dass Russland über die Länder gebieten sollte, die einst zum Zarenreich oder zur Sowjetunion gehörten. Moskau wird unabhängig von Putin eine Bedrohung bleiben. Darin liegt die Wurzel des Konflikts, der unvermeidlich ist.»
Es stellt sich die Frage: Warum griff Russland Europa nicht schon an, bevor der Westen die Ukraine ab 2014 enorm aufrüstete und bevor Finnland und Schweden der Nato beitraten? Doch diese und viele andere interessante Fragen stellte Dominique Eigenmann nicht.
Der Tamedia-Nato-Korrespondent stellte Keir Giles als «Kremlkenner» und «einer der weltbesten Kenner des russischen Militärs» vor, der für die Militärakademie der Nato ein Handbuch geschrieben habe und langjähriger Mitarbeiter des Chatham-House sei. Allerdings erfuhren die Leserinnen und Leser nicht, dass das Chatham-House unter anderen vom britischen Verteidigungsministerium, von der Nato und vom Rüstungshersteller Northrop Grumman unterstützt wird.
Zwei Sichtweisen
Nato, Rüstungskonzerne und deren Think-Tanks verbreiten die eine Sichtweise: «Putins Russland ist imperialistisch. Es wollte sich die Ukraine schon immer einverleiben. Als Nächstes sind die baltischen Staaten und Polen dran, falls Russland in der Ukraine gewinnt und die Krim und den Donbas behalten kann.»
Über diese Sichtweise werden wir fast täglich informiert.
Die andere Sichtweise: «Die USA hatten Russland schon lange schwächen und von Westeuropa abkoppeln wollen. Mit diesem Ziel wollte sich die Nato an die Grenzen Russlands ausdehnen und dort Raketen stationieren. Seit dem russischen Angriff zieht es der Westen vor, Russland mit einem andauernden Krieg zu schwächen, statt eine neutrale Ukraine zu akzeptieren.»
Die beiden gegensätzlichen Sichtweisen sind Teile des Informationskriegs und beeinflussen die Auswahl der Informationen, welche Regierungen und Medien verbreiten.
Experten gibt es für beide Sichtweisen. In den Tamedia-Zeitungen kommen überwiegend Experten der ersten Sichtweise zu Wort. Die journalistische Herangehensweise der Redaktion ähnelt derjenigen der Corona-Zeit. Die Auswahl der Gastautoren ist einseitig und aus der zweiten Sichtweise wird kaum informiert.
Ein Beispiel ist das zehnspaltige Interview des Nato-Korrespondenten mit dem «Kremlkenner» Keir Giles. Eigenmann nutzte die Gelegenheit nicht, diesen mit der zweiten Sichtweise zu konfrontieren, sondern stellte Fragen wie ein Zudiener. Beispiele:
«Warum?»
«Russland ist zudem zu einer erstklassigen Drohnenmacht geworden.»
«Was noch?»
«Wir haben noch nicht über die Atommacht gesprochen, die Moskau erfolgreich zur Einschüchterung einsetzt.»
«Wie gefährlich ist Wladimir Putins Russland für Europa?»
«Kann Europa sich verteidigen?»
«Wie kann Europa Russland von einem Angriff abschrecken?»
«Wir müssen nur stärker werden als Russland?»
«Wo und wie könnte Russland Europa angreifen?»
«Dass etwa Putin ‹grüne Männchen› über Estlands Grenzen ins russischsprachige Narwa schickt?»
«Fragt man Geheimdienste, wann Russland Europa angreifen könnte, hört man Antworten von ‹in den nächsten Monaten› bis ‹nicht vor 2029›. Was erwarten Sie?»
«Warum fällt es Europa so schwer, Russland als existenzielle Bedrohung zu verstehen?»
«Wie beunruhigt sollte ein kleines, reiches, neutrales Land wie die Schweiz sein?»
«Noch redet sich die Schweiz ein, nicht wirklich betroffen zu sein.»
Kritisches Fragen findet nicht statt. Es wird klar, dass die Tamedia-Zeitungen einseitig die Sichtweise der Nato, der Rüstungskonzerne und von deren Think-Tanks übernehmen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







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