Kommentar
Bauprofile überall – warum die Schweiz sozial kaputt geht
Nehmen wir die «Vita-Siedlung» in Langnau am Albis: Viel Grünfläche, Platz zum Quatschen und bezahlbare Mieten – und das gar nicht weit weg von Zürich. Für Familien und Menschen, die Gemeinschaft suchen, war das ein absoluter Traum. Wenn ich dort an einem lahmen, warmen Sommerabend mit dem Velo vorbeigefahren bin, war die Siedlung voller Leben: Kinderlachen, Musik und der Duft von Grillkohle lagen in der Luft.
Und heute? Wenn man vorbeikommt, stechen einem sofort die Bauprofile ins Auge. Sie ragen weit über die dreistöckigen Häuser hinaus, stehen mitten zwischen den Bäumen und auf den Wiesen. Die meisten Fenster sind dunkel und leer, ohne Vorhänge. Nur hinter ein paar wenigen brennt noch Licht. Auf dem Rasen gammelt ein altes Sofa vor sich hin, das beim Umzug vergessen wurde. Ein Schulmädchen – nennen wir sie Lea – huscht in einen Hauseingang. Aber sie kommt nicht wirklich «nach Hause». Hier ist niemand mehr daheim, die Nachbarschaft existiert nicht mehr. Ihre Freunde und Spielkameraden sind alle nach und nach weggezogen.
Hätte ich so aufwachsen wollen?
Im Frühling 2025 bekamen hier alle 284 Mietparteien die Kündigung auf den Tisch gelegt. Sie müssen Platz machen für 570 neue Wohnungen. Mittlerweile wohnen dort zwar einige Zwischenmieter – sie zahlen 1740 Franken für 76 Quadratmeter. Für viele ist das finanziell gerade noch machbar, aber das Glück ist nur von kurzer Dauer. Am 30. September 2027 ist auch für sie endgültig Schluss.
Das Ganze ist leider kein Einzelfall: Nur ein paar hundert Meter weiter, auf der anderen Seite der Sihl in Adliswil, bietet sich genau das gleiche Bild. Bauprofile, so weit das Auge reicht. Das Herzstück des Projekts ist ein über 40 Meter hohes Hochhaus. 136 alte Wohnungen müssen hier Platz für 296 Neubauten machen. Doch auch hier tickt die Uhr für die Zwischenmieter: Am 30. September 2027 müssen sie raus. Aber wohin? Eine neu vermietete, familientaugliche Wohnung in Langnau kostet heute locker 3300 Franken. Wohin sollen die Leute also ziehen? Selbst im zwölf Autokilometer entfernten Mettmenstetten findet man kaum etwas unter 2600 Franken. Und 24 Kilometer weiter weg in Muri im Aargau gibt es mit viel Glück noch vereinzelte Angebote für rund 1900 Franken für 90 Quadratmeter.

Bauprofile überall. Auf dem Weg zu meinem vier Kilometer entfernten Lieblingskaffee in Wollishofen sehe ich sie seit Jahren an jeder Ecke. Mal hier, mal dort. Und selbst wenn sie noch nicht physisch dastehen, kündigen sie sich schon von Weitem an: durch bröckelnde Fassaden, tote Fenster und vergilbte Storen. Das Ganze schlägt auch den verbliebenen Nachbarn aufs Gemüt. Sie müssen sich nicht nur von guten Freunden und langjährigen Bekannten verabschieden, sondern sich auch auf mindestens ein Jahr brutalem Baulärm einstellen.
Die Regisseurin und Autorin Katja Früh schrieb kürzlich in ihrer Kolumne im «Tagesanzeiger-Magazin», wie dankbar sie sei, dass sie ihre schöne und bezahlbare Wohnung noch habe. Betonung auf noch. Genau dieses permanente Gefühl der Unsicherheit teilen im Moment extrem viele Menschen. Laut einer Umfrage befürchten 84 Prozent der Mieterinnen und Mieter im Kanton Zürich, dass sie nach einer Leerkündigung ihr gewohntes Zuhause komplett verlieren.
Und das ist keine paranoide Einbildung, sondern harte, betriebswirtschaftliche Realität. Schauen wir uns die neusten Zahlen der Stadt Zürich an: Dort kostet eine Wohnung, die elf Jahre oder älter ist, im Schnitt noch angenehme 1800 Franken für 90 Quadratmeter. Neue Wohnungen kommen im Schnitt aber für stolze 3500 Franken auf den Markt. Das sind weit über 40 Prozent des mittleren, steuerbaren Familieneinkommens.
Die Angst aufzuwachen und ein Bauprofil steht vor dem Fenster
Wenn die Politik dann auch noch – wie in Langnau oder in der Sihlmatte – erlaubt, deutlich dichter und höher zu bauen, wird der Abriss und Neubau aus Sicht der Immobilienkonzerne und Pensionskassen ein Muss. Das sind sie ihren Aktionären schuldig.
Die Angst, morgens aufzuwachen und ein Bauprofil vor dem eigenen Fenster stehen zu sehen, ist real.
Aber nicht nur die Menschen mit kleinerem Portemonnaie müssen packen. Auch die Reichen werden zur Mobilität gedrängt – wenn auch freiwillig. Im benachbarten Kilchberg ist der Steuerfuss mit 74 Prozent zum Beispiel deutlich tiefer als in Adliswil. Also zieht, wer Geld hat, dorthin. Die Folge? Das Durchschnittseinkommen in Kilchberg ist mehr als doppelt so hoch wie nebenan. Die Zeiten, in denen die Arbeiter der Schokoladenfabrik Lindt noch vor Ort in Kilchberg wohnen konnten, sind lange vorbei. Wer heute in Bern wohnt und 300’000 Franken verdient, spart mit einem Umzug nach Kilchberg 35’000 Franken Steuern – jedes Jahr.
Dieser Steuerwettbewerb reisst aber nicht nur Arm und Reich auseinander, sondern auch Jung und Alt. Und unser System der 2. Säule hilft kräftig mit. Die Pensionskasse ist immer mehr zum Steuersparmodell für Gutverdiener mutiert, weil man dort riesige Summen steuerfrei einzahlen kann. Inzwischen schüttet die 2. Säule fast so viel Kapital aus wie Renten. Im Jahr 2024 waren das 17,1 Milliarden Franken.
Die schöne Aussicht in Flims mit Baukränen verstellt
Wer sich in Zürich eine Million Franken Pensionskassen-Kapital bar auszahlen lässt, muss 111’600 Franken an den Fiskus abgeben Das Bündner Bergdorf Flims gibt sich mit knapp der Hälfte zufrieden – vorausgesetzt, man verlegt seinen Hauptwohnsitz dorthin. Viele andere schicke, sonnige Gemeinden machen bei dieser Jagd auf reiche Rentner eifrig mit. Die Wohnung in Zürich wird dann kurzerhand zur Zweitresidenz degradiert, während in Flims die schöne Bergaussicht mit Baukränen verstellt wird.
Am anderen Ende der Skala werden auch die weniger wohlhabenden Rentner vom System zum Auswandern animiert. Mit 2500 Franken AHV-Rente kommt man in der Schweiz nicht weit. Wer sich aber statt einer kleinen BVG-Monatsrente von 300 Franken lieber 70’000 Franken bar auf die Hand geben lässt, kann sich in Süditalien, Galizien oder Anatolien ein kleines Häuschen finanzieren. Da geht die Rechnung plötzlich auf.
Die Folge von all dem? Je mehr Menschen umherziehen, desto länger werden die Wege zur Arbeit, zum Einkauf oder für den Besuch bei den alten Nachbarn. Und desto dichter wird der Stau. Wo man vor ein paar Jahren noch freie Bahn hatte, steckt man heute im Stop-and-Go. Auch die Züge und Busse platzen aus allen Nähten. Selbst wer an der Endstation einsteigt, hat keinen Sitzplatz mehr auf sicher.
Der Steuerwettbewerb und das Steuersparmodell Pensionskasse zwingen uns Schweizer zu immer mehr Mobilität. Das kurbelt zwar die Wirtschaft an, schafft Jobs und lässt das BIP steigen. Am Ende ist es aber eine gigantische Verschwendung: Die Heere von Immobilienmaklern, die Suchportale, die unzähligen unbezahlten Stunden für die Wohnungssuche, die Umzugskosten und die verlorene Lebenszeit im Stau. All das frisst Kapazitäten, die wir an anderer Stelle viel dringender bräuchten – in unseren Schulen, in der Pflege oder in der Forschung.
Schuld ist unser «Sieg» im Standortwettbewerb
Doch wie kann es sein, dass in einem Land mit einer extrem tiefen Geburtenrate von 1,28 so eine krasse Wohnungsnot herrscht? Das verdanken wir unserem «Sieg» im globalen Standort- und Steuerwettbewerb. Dieser verteilt die Einkommen immer ungleicher. Wenn bei einer globalen Wertschöpfungskette 95 Prozent der Arbeit in Tieflohnländern erledigt wird, kann man mit den restlichen 5 Prozent hierzulande Löhne und Gewinne einfahren, die weit über dem liegen, was in der normalen Binnenwirtschaft für uns Einheimische möglich ist.
Dazu kommt ein zweiter Effekt: Dank dem technologischen Fortschritt haben wir riesige Überkapazitäten. Deshalb gilt: Wer den Zugang zum Kunden kontrolliert, der kassiert. Das gilt für Giganten wie Amazon, Google oder Booking. Es gilt aber auch für globale Werbe-Ikonen wie Roger Federer, Kylian Mbappé oder Tiger Woods. Vor ein paar Jahrzehnten wurde man als Spitzensportler im besten Fall reich. Heute wird man superreich oder gleich Milliardär.
Wenn solche Firmen und Megareiche – angelockt von tiefen Steuern und sicherem Eigentum – in Scharen in die Schweiz kommen, treibt das zwar das statistische Durchschnittseinkommen und die Steuereinnahmen nach oben. Unser Land wird auf dem Papier reicher. Aber weil unser Boden nun mal knapp ist, jagt diese enorme Kaufkraft die Immobilienpreise in die Stratosphäre. Und das sorgt dafür, dass der Lohn, der dem Normalverdiener nach Abzug der Miete zum Leben bleibt, drastisch schrumpft.
Vor allem aber zerstören der globale Standort- und der kantonale Steuerwettbewerb das Fundament unserer Gesellschaft. Sie reissen Familien auseinander, zertrennen Nachbarschaften und machen uns am Ende krank. Einsamkeit und chronischer Stress sind heute – noch vor Alkohol und Übergewicht – das grösste Risiko für die Gesundheit. Von der Lebensqualität ganz zu schweigen.
Und das bringt uns zurück zu Lea. Wir kennen sie zwar nicht persönlich, aber wir kennen die Statistik. Sie ist ein Einzelkind und kommt nach der Schule in eine leere Wohnung. Ihre Mutter klappert mal wieder einen Besichtigungstermin ab. In ihrer zunehmenden Verzweiflung besichtigt sie neuerdings auch Zwei-Zimmer-Wohnungen. Leas Eltern leben getrennt. Ihre Ehe hat den finanziellen Dauerdruck und die nervenaufreibende Wohnungssuche nicht überlebt. In ihrem Zimmer angekommen, lässt Lea als Erstes die Rollläden runter. Sie will das Bauprofil vor ihrem Fenster nicht mehr sehen müssen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







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