Frankreich: Sauberes Trinkwasser könnte teuer werden
Das französische Trinkwassersystem steht vor einem teuren Problem: Immer mehr Schadstoffe lassen sich im Wasser nachweisen, gleichzeitig ist die Infrastruktur vielerorts sanierungsbedürftig.
Fast ein Drittel der französischen Bevölkerung konsumierte 2024 Trinkwasser, das wegen Pestiziden, deren Abbauprodukten oder wegen PFAS die europäischen Qualitätsgrenzwerte überschritt. Das Wasser- und Abwassersystem darauf einzustellen, könnte je nach Umfang der Massnahmen jährlich 1,3 bis 5,7 Milliarden Euro zusätzlich kosten. Das zeigt ein Ende Juli veröffentlichter Bericht von vier französischen Regierungsbehörden.
Fehler der Vergangenheit treffen auf moderne Analytik
Ein guter Teil dieser Misere ist historisch bedingt. Oder konkreter gesagt: die Folge jahrzehntelanger Vernachlässigung der Infrastruktur. Auch viele Verschmutzungen haben ihren Ursprung in der Vergangenheit. Nach Einschätzung der Behörden sind die meisten auf den Einsatz inzwischen verbotener Schadstoffe zurückzuführen.
Inzwischen wird viel genauer hingesehen als früher. Schadstoffe, die bis vor einigen Jahren noch niemand kannte, werden neu im Wasser entdeckt. Bekannte Substanzen können durch moderne Analysemethoden besser bestimmt werden, auch in sehr kleinen Mengen.
Neue und diffuse Vorkommen langlebiger (persistenter) Chemikalien könnten in Zukunft die Einhaltung von EU-Qualitätsanforderungen schwierig machen. Der Bericht geht davon aus, dass hormonstörende Stoffe, Perchlorate oder Mikroplastik künftig aus dem Abwasser entfernt werden müssen. Solche Mikroverunreinigungen seien insbesondere im Norden und Osten Frankreichs ein Problem.
Zusätzliche Kosten in Milliardenhöhe
Der Bericht der interministeriellen Kommission beziffert die zusätzlichen Kosten für die Wasseraufbereitung dafür auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr. Je nachdem, wie viel Frankreich in Zukunft in sein Wasser- und Abwassersystem investiert. Oder anders gesagt: Was die Konsument:innen zu zahlen bereit sind.
Das französische Wassernetz muss auch ohne zusätzliche Anforderungen dringend saniert werden. Geschätzt jeder fünfte Liter geht beispielsweise durch Lecks verloren. «Die Autoren des Berichts beschreiben eine öffentliche Trinkwasserversorgung, die ‹durch strukturelle Unterinvestitionen und ein Finanzierungsmodell geschwächt ist, das durch die Höhe der Wasserpreise, die begrenzte Anwendung des Verursacherprinzips und eine eingeschränkte territoriale Solidarität nur unzureichend abgedeckt wird›», zitiert die Zeitung «Le Monde».
Vier Szenarien – von Mini bis Maxi
Der Report legt vier Szenarien vor, in denen die französische Trink- und Abwasserbehandlung in unterschiedlichem Umfang umgebaut wird. In den Szenarien 2 bis 4 nimmt er eine Verschärfung der Regeln zu Trifluoracetat (TFA) an. TFA ist ein PFAS und Pestizid-Abbauprodukt, das sich häufig in Wasser findet und dessen EU-Risikobewertung sich kürzlich geändert hat. TFA mit herkömmlichen Aktivkohlefiltern zu entfernen, ist nicht möglich, deshalb ist es aufwendig und teuer, die Chemikalie loszuwerden.
Szenario 1 ist ein Minimalszenario. Es geht davon aus, dass Frankreich derzeitige Schwächen im Wasser- und Abwassernetz behebt, während der Rechtsrahmen gleich bleibt. Rund 30 Prozent der kommunalen Abwässer werden darin mit Aktivkohlefiltern gesäubert, 5 Prozent mit Membrantechnologien. Das Maximalszenario 4 skizziert hingegen eine Sanierung des gesamten Wasserkreislaufs einschliesslich der Böden und anderer Lebensräume. Die beiden anderen Szenarien liegen in ihrem Umfang dazwischen. Die Zusatzkosten für die Entfernung von Mikroschadstoffen summieren sich von 1,3 Milliarden Euro in Szenario 1 bis auf 5,7 Milliarden Euro pro Jahr in Szenario 4.
Finanzierungslücke wird die Konsumenten treffen
In Frankreich werden die Kosten der Trinkwasserversorgung zu grossen Teilen von den Konsument:innen getragen, die diese mit der Wasserrechnung abdecken müssen. Der Preis für einen Kubikmeter Wasser schwankt je nach Gemeinde erheblich. Seit mehreren Jahren zeichnet sich ab, dass es erheblichen Investitionsbedarf gibt. Das Leitungsnetz muss vielerorts saniert werden, unabhängig davon, ob künftig zusätzliche Filteranlagen für PFAS und andere Mikroschadstoffe gebaut werden. Eine 2024 veröffentlichte Studie ging laut «Le Figaro» dafür bereits von 13 Milliarden Euro jährlichen Investitionen aus.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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