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Ohne Auto-Klimaanlagen geht es fast nicht mehr. Viele arbeiten aber mit umweltschädlichen Kühlgasen. © Depositphotos

Deutsche Umwelthilfe: Nur ein Autohersteller kühlt ohne PFAS

Daniela Gschweng /  «Rote Karte» für 14 von 16 Autoherstellern. Für PFAS-haltige Kühlmittel gibt es längst Alternativen.

Es gibt einen völlig unterschätzten Grund, im Stau dauerhaft links zu fahren: der Schattenwurf der LKW auf der rechten Spur. Das weiss ich, seit ich im kochendheissen Juli auf der deutschen A5 im Stau steckte. Eine lange Fahrzeugschlange bewegte sich im Schritttempo auf Karlsruhe zu und die Klimaanlage war ausgefallen. Wer mehr litt, der Fahrer oder ich, ist schwer zu sagen. Im Zweifelsfall ich, denn die Sonne stand auf der Beifahrerseite, bei offiziell 35 Grad. Über dem Asphalt waren es sicher noch einige Grad mehr.

«Wie hat man das eigentlich früher überstanden?», überlegte ich. Nicht sehr lange. Auf die Klimaanlage zu verzichten, ist bei diesen Temperaturen keine Option mehr. Leider ist diese meist auch sehr umweltschädlich. Die meisten Hersteller verwenden in ihren Fahrzeugen Kühlgase, die PFAS enthalten oder abspalten.

Standard-Kühlgase spalten schädliche Substanz ab

Besonders häufig im Kühlkreislauf findet sich das Gas 1234yf, auch R1234yf oder HFO-1234yf, mit vollem Namen Tetrafluorpropen. 1234yf ist ein PFAS und zersetzt sich in der Atmosphäre nahezu vollständig zur Trifluoracetat (TFA).

TFA wiederum ist das kleinste bekannte PFAS und extrem langlebig. Die Chemikalie galt lange als harmlos, wurde von der EU-Chemikalien-Behörde Echa aber im Juni als fruchtbarkeitsschädigend eingestuft. Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), senkte im August die unbedenkliche Aufnahmemenge um zwei Drittel. Die TFA-Menge in der Umwelt steigt kontinuierlich an. Die wichtigsten TFA-Quellen sind Pestizide und Kältemittel wie 1234yf. Die Kühlmittel-Branche hielt TFA bis vor wenigstens drei Jahren für komplett unschädlich.

«Rote Karte» für 14 Autohersteller

Ungiftigere Alternativen gäbe es, zum Beispiel Kohlendioxid oder Propan. Nur verwendet sie fast niemand. Keiner der grossen Autohersteller kühle mit CO2, kritisiert die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Nach einer Anfrage, die die DUH an 16 grosse Autohersteller richtete, gibt es nur zwei Ausnahmen. Genauer gesagt: anderthalb.

Und auch da kann von breiter Anwendung keine Rede sein: Der deutsche Hersteller VW setzt in ausgewählten E-Fahrzeugen aktuell CO2 als Kältemittel ein. Der chinesische Hersteller BYD hat die technischen Prüfungen abgeschlossen und plant die Integration von CO2-Kühlanlagen in künftige Modelle für Europa. Das reicht laut DUH wenigstens für die «Gelbe Karte».

Rot gab es für alle andern: Von 16 angefragten Autoherstellern antworteten insgesamt nur sechs, vier davon mit allgemeinen Verweisen auf die Gesetzeslage, darunter beispielsweise BMW. Zehn Hersteller antworteten gar nicht. Nach Einschätzung der DUH verwenden sie sehr wahrscheinlich weiterhin klimaschädliche Kältemittel und verfügen über kein erkennbares Ausstiegsszenario. Eine «Grüne Karte» vergab die DUH gar nicht. Die Liste gibt es hier als PDF.

Chance verpasst: Umstellung auf CO2 stand schon einmal zur Diskussion

«Das ist angesichts der wachsenden Belastung unserer Wasserressourcen mit extrem schädlichen Ewigkeitschemikalien völlig inakzeptabel», sagt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Kurz zur Geschichte: 1234yf wurde einst eingeführt, weil dessen Vorgänger, die Chemikalie R134a (1,1,1,2-Tetrafluorethan), wegen seiner Klimaschädlichkeit verboten wurde. Seit 2017 ist R134a bei allen Neuwagen in der EU nicht mehr zulässig. Als Alternative im Raum stand CO2, das in der Kältetechnik als R744 bezeichnet wird. Kohlendioxid ist ungiftig, nicht brennbar und hat eine vergleichsweise geringe Klimawirkung. Auf ein Umschwenken konnte sich die Automobilbranche jedoch nicht einigen.

Stattdessen setzte sich 1234yf durch – ein weiteres Beispiel für einen Ersatzstoff, dessen Einsatz man wissenschaftlich als «regrettable Substitution» bezeichnet und umgangssprachlich als «Verschlimmbesserung». Eine extrem klimaschädliche Substanz wurde durch eine schädliche Ewigkeitschemikalie ersetzt.

Schon eine Million Fahrzeuge mit CO2-Kühlung

Mehr über die Hintergründe der aktuellen Diskussion um 1234yf wissen die «Frankfurter Rundschau» (FR) und der deutsche «Tagesspiegel». Beide zitieren eine Studie des südkoreanischen Autozulieferers Hanon. Demnach haben europäische Automobile im vergangenen Jahr 5000 Tonnen TFA über Kühlmittel emittiert. Bis 2036 werden die TFA-Emissionen auf 9000 Tonnen im Jahr steigen, prognostiziert der Report. Wenn es bis dahin keine gesetzlichen Einschränkungen gibt, könnten allein Auto-Klimaanlagen insgesamt 240’000 Tonnen TFA in die Umwelt bringen.

Laut Hanon sind aber bereits mehr als eine Million PKW mit CO2-Klimaanlagen unterwegs. Eingesetzt würden sie seit 2020 vor allem in der ID-Serie von VW sowie bei Audi, Skoda, Cupra und bei Ford.

Für E-Autos habe das Kältemittel zudem einen Vorteil: Wenn diese nicht mit einer klassischen Heiz- und Kühlanlage, sondern mit einer Wärmepumpe versehen seien, erhöhe sich bei kaltem Wetter die Reichweite, weil die Batterie weniger belastet werde.

PFAS-freie Kühlung wäre längst serienreif

Die Wärmepumpe fürs Auto müsse allerdings eigens bestellt werden. Mehrkosten laut FR: etwa 1000 Euro. Wer das nicht will, bekommt weiter eine PFAS-Kühlung. In Ländern wie Norwegen ist das laut VW anders, dort sei die CO2-Wärmepumpe serienmässig vorgesehen. Sehr viel teurer ist das laut dem Hanon-Bericht in der Serienfertigung nicht.

Was Fachleute wenigstens wundert, ist aus Umweltsicht unverständlich und bestärkt die Deutsche Umwelthilfe in ihrer Kritik: Klimaanlagen mit CO₂ als Kältemittel sind längst serienreif. Das beweise ihr Einbau bei VW, sagte eine Expertin des deutschen Umweltbundesamts gegenüber der «Frankfurter Rundschau». Man habe bereits 2009 zum Umschwenken aufgerufen. Auch Mercedes-Benz hatte die umweltschonende Klimaanlage schon, ihr Einsatz in der S-Klasse wurde jedoch eingestellt. Die Technologie sei ausgereift und müsse serienmässig ohne Aufpreis eingebaut werden, fordert der Verkehrs- und Umweltfachmann Axel Friedrich.

Wir erinnern an dieser Stelle an die FCKW-freien Kühlschränke des ostdeutschen Unternehmens Foron, die 1993 den Markt aufrollten. Finanziert worden war ihre Markteinführung von Greenpeace. Zuvor hatten die Kühlgerätehersteller unisono behauptet, die Umstellung auf weniger ozonschädliche Kühlmittel sei schwierig und benötige Jahre. Was sie nicht daran hinderte, es Foron innerhalb kurzer Frist gleichzutun.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Zum Infosperber-Dossier:

PFAS.Dossier.M&P

PFAS-Chemikalien verursachen Krebs und können Erbgut schaden

Die «ewigen Chemikalien» PFAS bauen sich in der Natur so gut wie gar nicht ab. Fast alle Menschen haben PFAS bereits im Blut.

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