IMG_7506a-1

Das Jagdschlösschen Wesserling, in dem das Textilmuseum untergebracht ist. © Jürg-Peter Lienhard

Wie das Elsass die Stadt Basel reich gemacht hat

Jürg-Peter Lienhard /  In Basel stechen die weissen Roche-Türme ins Auge. Kaum jemand ahnt, dass die Geschichte des Basler Reichtums anderswo begann.

Eine Schlüsselrolle spielte der 18-jährige Chemiestudent William Henry Perkin in London. Er experimentierte 1856 in einem kleinen Labor in seinem Elternhaus, als er bei Versuchen mit Anilin einen violetten Niederschlag beobachtete. Dieser liess sich nicht mehr auswaschen und färbte Stoffe in einem leuchtenden Violett. Voilà: Der erste kommerziell erfolgreiche synthetische Textilfarbstoff war entdeckt.

Wer sich noch an den zeitweise verfärbten Rhein der sechziger und siebziger Jahre erinnert, denkt an Ciba, Geigy oder Sandoz. Später wurden daraus Novartis und andere Weltkonzerne. Doch wie die Basler Chemie überhaupt entstand, wissen heute nur noch wenige.

Der Ursprung im Elsass

Der Ursprung dieser spannenden und buchstäblich weltbewegenden Geschichte, gewissermassen das Fundament der weissen Roche-Türme, liegt im nahen Elsass. Genauer im Thurtal am Fusse der Vogesen. Schon das Thanner Münster erinnert an die alten Verbindungen nach Basel: Sein Turm trägt die Handschrift des Basler Münsterbaumeisters Remigius Faesch. Die aufblühende Bourgeoisie aus dem protestantischen Mülhausen nutzte hier nach der Französischen Revolution das viele Wasser der Vogesenbäche sowie das grosse Potential von Arbeitskräften der armen Bergbevölkerung.

Es begann eine beispiellose technische Entwicklung, die gewissermassen an einem Faden hing: nämlich der Textilfabrikation, auf die alles zurückzuführen ist, auch in Basel. Schon in königlicher Zeit wurden im elsässischen Wesserling Tücher gewoben und gefärbt. Dazumal und bis in die nachrevolutionäre Zeit zur Mitte des 19. Jahrhunderts färbte man die für die grossen Modehäuser in Paris bestimmten Stoffe vorwiegend mit Naturfarben – auch mit Kuhfladen … Viele davon waren zwar bewährt, aber die neuen synthetischen Farbstoffe versprachen leuchtendere, einheitlichere und neuartige Farbtöne.

Die Probleme mit dem Patent

Bis – wir erinnern uns an den untilgbaren Fleck – in England das Perkin-Violett, auch Anilinpurpur genannt, in Produktion ging. Nur hatten Wesserling und vor allem Mülhausen keine Chance, diese lichtechten und stark leuchtenden Teerfarben, die vor allem für die blauen Militäruniformen benötigt wurden, selber zu produzieren – aus patentrechtlichen Gründen. Das schien in eine Katastrophe zu münden. Denn in Mülhausen und bis zuhinterst ins Thurtal bei Wesserling rauchten weit über 100 Kamine. Fast jeder Kamin stand für eine Textilfabrik. So sprach man damals vom «Manchester des Festlandes». Zumal – die Angehörigen eingerechnet – ein grosser Teil der elsässischen Bevölkerung buchstäblich am «Faden» hing.

Patentrecht galt nicht in der Schweiz

Doch die gewitzten elsässischen Industriegründer aus dem protestantischen Mülhausen erinnerten sich an ihre Beziehungen nach Basel zu den dortigen Seidenfabrikanten. Und weil die Eidgenossenschaft eben nicht dem englischen Patentrecht unterstand, begann bald einmal die chemische Farbproduktion in Basel. Das Problem war allerdings der Transport dieser Farbstoffe. Dafür brauchte es eine Eisenbahn. Die Eidgenossen besassen bis kurz vor Mitte des 19. Jahrhunderts keine Eisenbahn, während halb Europa schon durch ein dichtes Eisenbahnnetz erschlossen war.

Sogar das hinterste Thurtal bis Kruth bei Wildenstein war schon mit einer Bahnlinie mit Mülhausen verbunden, und bald folgte auch die Eisenbahnstrecke von Strassburg nach Basel. Als dann die Elsässerbahn 1845 Basel erreichte, war sie nicht nur eine der ersten internationalen Eisenbahnverbindungen auf dem Kontinent, sondern auch die erste Eisenbahn auf dem Gebiet der heutigen Schweiz – drei Jahre vor der berühmten Spanisch-Brötli-Bahn zwischen Zürich und Baden.

Es dauerte dann allerdings bis 1859, bis in Basel die Mauer geschleift wurde und die Stadt über ihren mittelalterlichen Kern hinauswachsen konnte. Aus heutiger Sicht erscheint die damalige Haltung Basels, die Eisenbahn nur durch ein bewachtes Loch in der Stadtmauer einfahren zu lassen, seltsam und in einem gewissen Sinne «echt baslerisch»: Man wollte die alte Stadt noch nicht aufgeben, aber von den Chancen der Moderne gleichwohl profitieren.

Festes Mauerwerk und Industrie-Landschaft

Wer heute mit der Bahn ins Thurtal reist oder zum Beispiel in das Ski- und Wandergebiet bei Wildenstein, erwartet vielleicht typische elsässische Landschaften mit Riegelhäusern und Weinbergen sowie kulinarische Höhepunkte. Doch am «steinreichen» Vogesenfuss wurde mit festem Mauerwerk statt mit Fachwerk gebaut und vielerorts entdeckt man eine Industrielandschaft, die nicht minder bemerkenswert ist:

So ist in Hüsseren auf dem ehemaligen Industriegelände Wesserling gewissermassen die «Wiege des Basler Reichtums» angesiedelt: Das Jagdschlösslein aus dem 17. Jahrhundert des Fürstabtes von Murbach thront auf einem Moränenhügel und beherbergt heute das Textilmuseum. Es ist zugleich Ausgangspunkt eines faszinierenden Entdeckungserlebnisses, das in einen riesigen botanischen Park und in begehbare Industrie-Anlagen führt.

Der Weg zur industriellen Produktion

Das Museum erzählt die Geschichte der Textilindustrie im Thurtal mit originalem Mobiliar, historischen Druckwerkstätten und eindrücklichen Beispielen der berühmten bedruckten Stoffe, «Indiennes» genannt. Besucher erleben, wie aus handwerklichem Textildruck eine industrielle Produktion entstand, die das Elsass und indirekt auch Basel prägte.

IMG_7451-2
Das originale Farblabor im Gebäude mit der Heizzentrale.

Wer heute den Parc de Wesserling besucht, entdeckt nicht nur einen ungewöhnlichen Park und die Ruinen einer einst weltberühmten Textilindustrie. Er begegnet auch einem fast vergessenen Kapitel Basler Geschichte. Denn ein Teil jener Entwicklung, die über Ciba, Geigy und Sandoz schliesslich zu den weissen Roche-Türmen führte, begann nicht am Rhein, sondern am Fusse der Vogesen.

Ausstellung «Die Gärten des Odysseus»

jpl. Unter dem Titel «Die Gärten des Odysseus» findet in Wesserling noch bis am 30. August das 24. «Festival der gemischten Gärten» (Les jardins métissés) statt. Zu sehen sind übergrosse Figuren aus der «Odyssee des Ulysses» wie das trojanische Pferd (begehbar), der Kopf des Zyklopen oder die Hexe Circe. Der Garten des Jagdschlösschens ist unterteilt in die thematischen Skulpturen aus der Odyssee, den geometrisch angelegten Lustgarten mit den Mammutbäumen aus der royalen Zeit und den Nutzgarten mit vergessenen oder unbekannten Gemüse- und Blumensorten. Ein Sektor belegt einen landwirtschaftlichen Schaubetrieb mit dem bäuerlichen Vieh, das einstmals die Kuhfladen zum Färben der Stoffe lieferte, bis sie die Anilinfarbstoffe aus der Basler Chemie verdrängten.

Informationen: Parc de Wesserling F-68470 Hüsseren-Wesserling, täglich geöffnet von 10 bis 18 Uhr, Eintritt für Erwachsene 14 € (online 13 €), für Kinder von 4 bis 17 Jahren: 9 € (8 € online).


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...