Leissigen

Unsinnige Empfehlung: Autostrasse vor Leissigen verlassen, durchs Dorf fahren und gleich wieder einmünden. Zeitersparnis: 4 Minuten. © Bildschirmfoto Google

Google vergrössert den Stau

Marco Diener /  Google ist nicht nur eine Such-Maschine, sondern auch ein Stau-Verursacher. Das zeigt sich Sonntag für Sonntag am Thunersee.

Bei schönem Wetter ist es jeden Sonntag Nachmittag das gleiche Bild: Am linken Thunerseeufer verlassen Holländer, Deutsche, Engländer die Autostrasse A8 bei der Ausfahrt Leissigen und münden zwei Kilometer später wieder ein. Sie nehmen also nicht den Umfahrungstunnel, sondern fahren mitten durchs Dorf.

Der schnellste Weg

Warum? Weil Google es so vorschlägt. Viele Navigationssysteme greifen auf die Daten von Google zu. Und Google empfiehlt den schnellsten Weg. Wenn es also im Umfahrungstunnel nicht richtig vorwärts gehen will, dann schlägt Google die Dorfstrasse vor. Auch dann, wenn die Zeitersparnis minimal ist.

Das Problem mit der Google-Empfehlung: Der Leissigen-Tunnel wurde vor gut 30 Jahren gebaut, damit der Durchgangsverkehr eben gerade nicht durchs Dorf fährt. Die öffentliche Hand liess sich das viel kosten: 173 Millionen Franken für den ursprünglichen Bau und in den letzten Jahren nochmals 42 Millionen für einen Sicherheitsstollen. Hinzu kommen ab 2031 die Kosten für die Sanierung. Viel Geld für einen Tunnel, der seinen Zweck wegen der Navigationssysteme nur halbbatzig erfüllt.

Noch mehr Stau

Hinzu kommt: Wenn die Autos nach der Fahrt durchs Dorf wieder auf die Autostrasse drängen, dann verursachen sie noch mehr Stau. Das lässt sich Sonntag für Sonntag bei der Einfahrt Leissigen beobachten.

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Nach Leissigen drängen die Automobilisten wieder auf die Autostrasse und verursachen so einen Stau.

Infosperber wollte von Google wissen:

  • Warum macht Google Empfehlungen, die zu zusätzlichem Stau führen?
  • Arbeitet Google an einer Lösung für dieses Problem?
  • Bis wann ist mit einer solchen Lösung zu rechnen?

Google schrieb zurück: «Wir können nicht im Detail auf Ihre Anfrage eingehen.» Dann folgte in englischer Sprache die Antwort, die Google in solchen Fällen immer liefert: «Wir berücksichtigen eine Vielzahl von Faktoren, um die beste Fahrroute zu ermitteln, darunter Strassenbreite, Direktheit, voraussichtliche Fahrzeit und Kraftstoffeffizienz.»

Das Wohl der Dorfbewohner von Leissigen gehört nicht dazu.

Das Verhindern zusätzlicher Staus auch nicht.

Die Gemeinde wusste von nichts

Markus Steuri ist Vize-Gemeindepräsident von Leissigen. Er wohnt an der Strasse, die durchs Dorf führt. Er hat auch schon bemerkt, dass am späten Sonntag Nachmittag auffallend viele Autos mit ausländischen Nummernschildern durchs Dorf fahren. Einen Reim konnte er sich darauf allerdings nicht machen – bis ihm Infosperber ein Bildschirmfoto der Google-Empfehlung zustellte.

Er sagt: «Das geht natürlich nicht. Wir werden das an der nächsten Gemeinderats-Sitzung diskutieren.» Die Gemeinde, sagt Steuri, müsse wohl bei Google vorstellig werden. Und wenn das nicht reiche, allenfalls zusammen mit der Polizei und dem Bundesamt für Strassen (Astra) etwas unternehmen.

Das Astra ist machtlos

Das Astra, das für die A8 am linken Thunerseeufer zuständig ist, hat das Problem schon länger erkannt. Die Medienstelle schreibt: «Wir setzen uns dafür ein, Ortschaften entlang der Nationalstrassen vor vermeidbarem Ausweichverkehr zu schützen. Wenn sich der Verkehr bei Stau von der Nationalstrasse auf das nachgelagerte Strassennetz verlagert, belastet dies die Bevölkerung, erschwert den lokalen Verkehr sowie den öffentlichen Verkehr und kann die Verkehrssicherheit beeinträchtigen.»

Bekannt ist beim Astra auch, dass Navigationsdienste zuweilen «Ausweichrouten über das untergeordnete Strassennetz vorschlagen, obwohl der tatsächliche Zeitgewinn oft gering ist.»

Doch das Astra ist machtlos. Es ist zwar auch schon bei Anbietern vorstellig geworden, musste aber feststellen: «Unsere Einflussmöglichkeiten sind beschränkt: Die Routenempfehlungen werden von privaten, häufig international tätigen Unternehmen eigenständig entwickelt. Das Astra kann weder die Berechnungsgrundlagen noch die empfohlenen Routen vorgeben.»

Mit anderen Worten: Das Astra kann nichts machen. Und Google ist es egal.

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