Kommentar
kontertext: Erschütterungen im Sommerloch
Auch in diesem Sommer herrscht keine Ruhe im «Sommerloch». Ich suche in meinem persönlichen Nachrichten-Seismometer nach den «Erschütterungen» hier zu Lande. Es sind jene, die sofort Gesprächsstoff waren (und es noch sind) mit Bekannten und auch mit weniger Bekannten. Ein erster Ausschlag erfolgte durch die plötzlich offenkundigen Machenschaften der Fifa mit ihren Trabanten. Infantino, Argentiniens «dunkle Künste», Trump und dessen Entourage haben das «Fairplay», von dem Fussball lebt, angegriffen.
Dazu die anhaltende Hitze und katastrophale Trockenheit: Sie bedroht Menschen und Tiere, die sich nicht schützen können, und bringt das Bild der Schweiz als Wasserschloss Europas ins Wanken.
Dann die Grausamkeit der sexuellen Handlungen eines Aargauer Ex-Grossrats, die weitherum die Gemeinde, die Öffentlichkeit, die Politik, Frauen und mich auch erschreckt und – erschüttert hat.
Erschütterungen kommen aus Verschiebungen von Normen, die wir in unserer Psyche und auch gesellschaftlich nicht sofort ausgleichen können. Die Aufzählung liesse sich erweitern. Die drei Ereignisse beinhalten ganz unterschiedliche Verschiebungen punkto Reichweite, Verantwortung und Schaden. Was sie verbindet, ist aber mehr als das «Sommerloch».
Nahe und ferne Erschütterungen
Im Fussball, dem fernsten der drei Ereignisse, erreichte mich das Gefühl, dass etwas sich gerade verschiebt, im Spiel der Argentinier gegen die Schweiz wie gegen England sah ich Szenen, die ich so im Fussball noch nie gesehen hatte. Im entscheidenden Spiel der Schweiz bin ich deshalb Ruefers Ruf gefolgt, wonach die rote Karte gegen Embolo «Irrsinn» war. Man rügte Ruefer danach selbst als irrsinnig. Nun bestätigt die Fifa, dass der Platzverweis regelwidrig war.
Die Erschütterung kommt hier wohl aus dem Verlust des Vertrauens in das Wertesystem der Fairness als einer Grundlage des Sports. Eine Gewissheit erodierte – der Kommentar des sonst so coolen Murat Yakin nach dem Spiel zeugte für einmal von Fassungslosigkeit. Und auch wenn die Uefa es geschafft hat, sich gegen das System Infantino zu stemmen, haben wir erlebt, wie vor den Augen der ganzen Sport-Weltöffentlichkeit gehauen und getrickst werden kann.
Die tägliche Perplexität und Ratlosigkeit gegenüber der voranschreitenden Klima-Katastrophe ist eine Erschütterung mit Ansage. Einige aus meiner Generation meinen noch immer, wir werden auch diesen Hitzesommer «wegstecken». Conradin Cramer freut sich jetzt schon, dass nächstes Jahr das Feuerwerk in Basel wieder stattfinden kann, während junge Menschen auf Instagram tausendfach den Post verbreiten: «Freue dich, das ist der kühlste Sommer deines Lebens.»
Der Post erschüttert mich, je länger ich über ihn nachdenke, weil er mein Bild von der Zukunft verändert. Jene Zukunft, die unsere Hinterlassenschaft sein wird. Während in den Schweizer Medien die Trockenheit der Alpregionen, der Hitzestress der Kühe und das gigantische Fischsterben Erwähnung finden, hört man aus der Politik nichts zum Hitzestress der jungen Menschen, die unsere Zukunft sind. Nichts zur Klimajugend und Klimaforschung, die seit Jahrzehnten vor eben solchen Dürre-Szenarien warnt. Man verschleiert die Erschütterungen weiterhin mit Folklore und Schweigen.
K.-o.-Tropfen in Untersiggenthal
Die kranke Frauenverachtung, die mit dem Prozess gegen den Täter aus Untersiggenthal AG zu Tage tritt, ist erschreckend. Warum? Auch wenn einige die Schilderungen von Gisèle Pellicots Vergewaltigungen kennen, schaudert es einen, je näher man sich vorzustellen versucht, was genau passiert ist. Wenn man über den Mann hinaus an den «Markt» denkt, in welchem Filme über sexuellen Missbrauch zur eigenen Erregung konsumiert werden, wird es richtig eklig. Denn hier geht es nicht mehr um die Lust zweier Menschen auf Augenhöhe (was Pornographie auch einmal war), sondern um Verachtung und eiskalte Brutalität.
Sexuelle Handlungen an mit K.-o.-Tropfen Sedierten und die Propagierung von sexueller Gewalt im Netz löschen Frauen aus und machen sie zu halbtoter Ware. Dass die Aargauer Gemeinde zuerst der Logik eines perversen Patriarchats folgte, indem sie die beiden Opfer nur mit Nothilfe versorgte und ausschaffen wollte, ist nun vom Kanton als rechtswidrig erklärt worden. Die Gemeinde muss zahlen und die Frauen erhalten Aufenthaltsrecht. Was mich erschüttert, ist der Umstand, dass diese sadistische Logik von Männern vollzogen wurde und wird, die sich als Repräsentanten unserer politischen Rechte inszenieren.

Ein Teilnehmer der Kundgebung von letzter Woche in Untersiggenthal (mein kontertext-Kollege Michel Mettler) berichtet von grosser Fassungslosigkeit und bringt diese so auf den Punkt: «So war es an einem sehr warmen Abend ein Anlass, der von einem spürbaren Frösteln durchzogen war, eines, das bis auf die Knochen ging. Und man spürte sicher, bei aller Kampfbereitschaft, eine tiefe Ratlosigkeit darüber, dass wir nach Jahrzehnten, Jahrhunderten der Arbeit am gedeihlichen Zusammenleben wieder und immer wieder vor der Verheerung solcher Taten stehen; es ist zu befürchten, dass sie sich fortpflanzen werden durch die Generationen.» Mettler bezeugt damit das, was zur Erschütterung gehört: Nahbarkeit. Es ist die Nähe der Betroffenheit in Anwesenheit der Opfer und der gleichzeitige Blick auf die gigantische Dimension einer erodierenden Hoffnung.
«Bleib erschütterbar und widersteh»
Die drei Ereignisse zeitigen Erschütterungen sehr unterschiedlicher Art. Was sie aber verbindet, ist, dass sie allesamt Boten einer «abnormal» gewordenen Weltlage sind. Maga-Korruption, Klimakatastrophe und die sexuelle Ausbeutung von Frauen sind Ergebnis und Teil männlicher Weltherrschaft, die nicht mehr im Verborgenen geschieht. Infantino greift den Weltfussball vor aller Augen an, Trump & Co (auch Umweltminister Rösti und neben ihm der Präsident des Bauernverbands Markus Ritter) leugnen den Klimawandel bis dato. Und die Degradierung und sexuelle Ausbeutung von Frauen ist von erschreckenden Dunkelziffern umgeben: Die Täter scheinen sich weithin sicher zu fühlen.
Wenn Erschütterungen und Disruptionen Teil der politischen Agenda der Autokraten sind, um die Gesellschaft zu lähmen, wie dies Eva von Redecker in ihrem Buch über den aufkommenden Faschismus anmahnt, dann stellt sich die Frage nach unserer Erschütterbarkeit umso dringlicher. Oft denke ich deshalb in letzter Zeit an ein Gedicht von Peter Rühmkorf, «Bleib erschütterbar und widersteh» (1977). Eine Strophe lautet:
Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
– Fortschritt marsch! Mit Gas und Gottvertrauen –
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde,
wartend, dass die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar – und widersteh.
Rühmkorfs Zeit war eine andere – und ist doch unsere. Der Titel und Refrain seines Gedichtes «bleib erschütterbar und widersteh» besagt, dass das eine das andere bedingt. Er sagt nicht «aber», er sagt «und». Wir müssen erschütterbar sein, um uns zu wehren, um zu widerstehen. Die Wehrhaftigkeit der Uefa gegen die Fifa ist einmalig, aber sie ist gut abgesichert. Die rechtlich ungeschützte Ivona L. und ihre Tochter Paula aus Untersiggenthal hingegen haben uns gezeigt, wieviel Mut es braucht, Nein zu sagen und zu widerstehen. Für den Moment haben sie gewonnen und können mit ihrem Mut ein Beispiel sein. Für die Auswirkungen des Klimawandels braucht es neuen Widerstand gegen die Umweltpolitik der Schweiz, wie die Grünen und die Biolandwirte ihn lanciert haben. Statt Bauernfrühstück auf trockenen Höfen, wären geschlossene Rücktrittsforderungen an Markus Ritter und Albert Rösti angezeigt. Aber dafür sind die Erschütterungen offenbar noch nicht stark genug.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst, unter anderem Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst und Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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