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Schwere Leberschäden mit Gelbsucht gehören zu den möglichen Nebenwirkungen (Symbolbild). © AY_PHOTO / Depositphotos

So leicht können Pharmafirmen Arzneimittelbehörden täuschen

Martina Frei /  Ein US-Hersteller erschlich die Zulassung eines Medikaments. Das kam aber erst Jahre später heraus. Patienten haben den Schaden.

Hätten sich einige Investoren nicht geprellt gefühlt, wäre der Fall Avacopan wohl nie aufgedeckt worden. Das Beispiel zeigt, wie leicht es ist, die Vertrauenskultur bei der Arzneimittelzulassung und -sicherheit zu missbrauchen. Und er führt zur Frage, wie oft solche Täuschungen und Manipulationen wohl passieren, ohne, dass sie ans Licht kommen. Bei den Pharmafirmen geht es oft um Milliardenumsätze. 

Die Zulassungsbehörden hatten Avacopan in den USA im Oktober 2021 zugelassen, in der EU und in der Schweiz im Jahr 2022. Eine Monatsdosis kostet rund 5660 Franken. Ende Juni 2026 hat die europäische Fachkommission CHMP empfohlen, die Zulassung dieses Medikaments zu widerrufen. Es wird unter dem Namen Tavneos vermarktet.

Warnschreiben an die Ärzteschaft

Mitte Juli erhielten deutsche Ärzte einen offiziellen Warnbrief: Das Nutzen­-Risiko­-Verhältnis des Medikaments sei «ungünstig». Und weiter: Die einzige, für die Zulassung des Medikamentes entscheidende Studie «kann aufgrund von Datenintegritätsproblemen nicht länger als Nachweis für die Wirksamkeit herangezogen werden», stand in dem Schreiben, das der deutsche Vertreiber des Medikaments, die Europäische Arzneimittelagentur sowie das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeinsam verfasst hatten. Im Klartext: Bei der Studie wurde gemauschelt.

Ärzte und Ärztinnen sollen keine neuen Patienten mehr auf dieses Medikament einstellen und Patienten, die das Mittel bereits bekommen, «kontaktieren, um die Behandlung abzubrechen». Es seien weitere Fälle von Leberschäden durch das Medikament bekannt geworden, die Leberfunktion der Patienten müsse darum engmaschig überwacht werden, stand in dem Schreiben.

Dabei hatte – scheinbar – alles so gut begonnen.

US-Arzneiaufsicht hegte schon vor der Zulassung grosse Zweifel

Ab Herbst 2019 schoss der Aktienkurs der US-Pharmafirma Chemo Centryx in die Höhe. Sie hatte einen Wirkstoff entwickelt, der bei den Investoren Hoffnungen weckte. Im November 2019 meldete Chemo Centryx, dass ihr Wirkstoff Avacopan in der entscheidenden Studie besser gewirkt habe als die Vergleichsbehandlung. Der Aktienkurs stieg weiter.

Avacopan soll gegen eine seltene Autoimmunerkrankung helfen. Bei dieser Vaskulitis genannten Krankheit entzünden sich die Blutgefässe, es kann zu Nierenschäden oder anderen lebensbedrohlichen Komplikationen kommen.

Die wissenschaftlichen Berater der US-Arzneimittelbehörde FDA waren sich allerdings uneins, «ob die Daten ausreichten, um zu belegen, dass das Produkt wirksam und sicher ist, oder um zu zeigen, dass der Nutzen die Risiken überwiegt». Das FDA-Gutachterteam hegte so grosse Bedenken, dass es keine Zulassung von Avacopan empfahl. Dies steht in einem Brief der FDA.

CEO verkaufte Aktien vor dem Kurssturz

Doch der damalige CEO von Chemo Centryx Thomas Schall behauptete nach aussen, dass alle Besprechungen mit der FDA «unkompliziert und routinemässig» verlaufen seien. Als die Zweifel der FDA im Mai 2021 publik wurden, fiel der Aktienkurs der Firma um 80 Prozent

Schall selber hatte zwischen Ende November 2019 und Anfang 2021 laut «Fiercepharma» Firmenanteile im Wert von etwa 40 Millionen Dollar verkauft. 

Daraufhin reichten enttäuschte Investoren 2022 Klage gegen die Firma ein, wegen des Verdachts falscher und irreführender Aussagen. Chemo Centryx habe von den Bedenken der FDA gewusst, diese aber heruntergespielt, lautete der Vorwurf.

Arzneibehörde wurde hintergangen

Schliesslich entschieden zwei FDA-Abteilungsleiter im Oktober 2021, Avacopan als Medikament zuzulassen. Begründung: Patienten mit solchen seltenen Erkrankungen bräuchten dringend besser verträgliche Behandlungsalternativen. Deshalb sei bei der Zulassung «zusätzliche Flexibilität» angesagt.

Was sie nicht wussten: Zwei Mitarbeiter von Chemo Centryx hatten gemogelt. Das kam aber erst aufgrund eines Gutachtens heraus, das die Kläger in Auftrag gegeben hatten, und das schliesslich die US-Arzneimittelbehörde zum Umdenken brachte. Sie wirft den beiden früheren Mitarbeitern von Chemo Centryx Datenmanipulation vor. Laut der FDA «mangelt es an hinreichenden Belegen dafür, dass Tavneos […] die Wirkung entfaltet, die ihm zugeschrieben wird oder die behauptet wird».

Wie die beiden Chemo Centryx-Mitarbeiter vorgingen, beschrieb die FDA in einem Brief, den sie im April 2026 an Amgen schickte. Amgen hatte Chemo Centryx 2022 für 3,7 Milliarden Dollar gekauft und damit auch die Rechte an Avacopan erworben.

Als Basis für die Zulassung von Avacopan, das unter dem Namen Tavneos vermarktet wird, diente eine einzige Studie. Früher galt bei der US-Arzneimittelaufsicht die Regel, dass es für eine Medikamentenzulassung mindestens zwei aussagekräftige Studien braucht, die einen Nutzen zeigen. Doch diese Regel wurde immer mehr aufgeweicht und inzwischen abgeschafft. (Bei sehr seltenen Erkrankungen ist sie schwieriger anwendbar, wenn es nur wenig Patienten gibt.)

Das Ziel verpasst …

Die Avacopan-Studie war doppelt verblindet. Das heisst, dass weder die 331 Patienten noch die Studienleiter wussten, welche Studienteilnehmer Avacopan erhielten und welche eine Behandlung mit Kortisontabletten, die als Vergleich diente. Auch das Fachgremium, das bei allen Studienteilnehmern den Krankheitsverlauf bewertete, wusste nicht, ob die Versuchspersonen mit Avacopan oder mit der Vergleichsbehandlung behandelt worden waren. Die statistische Auswertung erfolgte ebenfalls in Unkenntnis dessen.

Dieses Vorgehen ist üblich. Es soll verhindern, dass Wunschdenken oder Interessen das Ergebnis beeinflussen.

Als die Studie beendet war, stellte sich heraus: Die Patienten, die Avacopan bekommen hatten, standen nach einem Jahr statistisch nicht signifikant besser da als diejenigen mit der Vergleichstherapie. Die FDA hatte aber eine signifikante Überlegenheit von Avacopan gefordert, um den neuen Wirkstoff zuzulassen.

… und trotzdem erreicht

Um das Blatt zu wenden, pickten die zwei Mitarbeiter der Firma nachträglich gezielt neun Teilnehmende heraus, von denen sie nun wussten, womit diese behandelt worden waren. Dann liessen sie den Krankheitsverlauf durch den Vorsitzenden des Studiengremiums erneut beurteilen, ohne, dass dieser erfuhr, zu welcher Behandlungsgruppe sie gehörten. 

Zuvor hatten sich die beiden Firmenmitarbeiter noch vergewissert, dass das Studienergebnis mit diesem Kniff signifikant zugunsten von Avacopan ausfallen würde. Gegenüber den Zulassungsbehörden verschwiegen sie jedoch, wie sie vorgegangen waren, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. All das verstiess gegen die Regeln. 

Das Vorgehen bewirkte, dass der Studienarzt fünf Patienten, die Avacopan erhalten hatten, nun eine anhaltende Besserung bescheinigte – und damit hatte die Studie statistisch signifikant «bewiesen», dass Avacopan besser war als die Vergleichstherapie. Ziel erreicht. 

Warum der Medizinprofessor von der Universität Cambridge bei der Neubewertung Erfolge sah, wo das bewertende Studiengremium zuvor keine gesehen hatte, geht aus dem Brief der FDA nicht hervor. Eine Anfrage von Infosperber beantwortete er bisher nicht.

«Was, wenn das ein Routinevorgang ist?»

«Was, wenn Thomas Schall die Wahrheit gesagt hat? Was, wenn die Manipulation von Studiendaten – mit dem Ziel, der amerikanischen Öffentlichkeit Milliardenbeträge zu entlocken – tatsächlich ein ‹ganz gewöhnlicher Routinevorgang› ist?»

Das sei die wichtigste Frage, die er sich stelle, schrieb der US-Rheumatologe Mike Putman in seinem Blog auf «Substack». Er zeigte die Schwächen der Medikamentenzulassung schonungslos auf: «Wir verlassen uns auf ein System, in dem ausgerechnet jene Konzerne, die durch eine behördliche Zulassung Milliarden verdienen können, auch die Studien durchführen, die zu dieser Zulassung führen. Sie finanzieren die Institute, welche die Studien abwickeln, sowie die Unternehmen, die das Datenmanagement und die Patientenrekrutierung übernehmen und medizinische Fachautoren für die Erstellung der Publikationen engagieren. Zudem kaufen sie Sonderdrucke, übernehmen – wo erforderlich – Gebühren für Open-Access-Veröffentlichungen oder Publikationskosten und sind Teil eines Verlagswesens, das von aufsehenerregenden, industriegesteuerten Studien profitiert.»

Damit ist auch das «New England Journal of Medicine» (NEJM) angesprochen, das die Studienergebnisse 2021 veröffentlichte. Es wusste ebenfalls nichts von der verdeckten Aktion. Sowohl der damalige CEO von Chemo Centryx als auch einer der beiden fehlbaren Mitarbeiter fungierten als Co-Autoren der Studie im «NEJM» (allerdings wurde Letzterer dort als Berater und Aktionär von Chemo Centryx vorgestellt).

Die Datenhoheit liegt bei hersteller-gesponserten Studien noch immer meist beim Sponsor. Ärzte von Universitätsspitälern beraten die Firmen und dienen als «Aushängeschilder», um der Fachwelt an Kongressen die Resultate zu präsentieren. Ihnen verhilft dies zu Renommée – ausser, es kommt so heraus wie in diesem Fall. 

«Betrug, der strafrechtlich verfolgt werden sollte»

Die zwei Universitätsprofessoren, die im «NEJM» als Erstautoren der Studie fungierten, waren angeblich ahnungslos. Nachdem bekannt geworden war, dass die beiden Mitarbeiter von Chemo Centryx gegen Grundsätze der Guten Klinischen Praxis verstossen hatten, drängten die zwei Medizinprofessoren darauf, dass das «NEJM» die Studie zurückzieht. Was das «NEJM» Ende Juni tat. Ein Ausnahmefall.

Hätte die FDA von den Manipulationen gewusst, hätte sie Avacopan nicht zugelassen, umso weniger, als sie «zunehmend besorgt ist, was das Sicherheitsprofil von Tavneos betrifft».

«Wenn ein Arzneimittel auf Basis einer Studie zugelassen worden ist, die manipuliert wurde und bei deren Ergebnissen firmenseitig eingegriffen wurde, und die ohne diese Eingriffe nicht zugelassen worden wäre, erachte ich diese Manipulationen als Betrug, der strafrechtlich verfolgt werden sollte», so Wolfang Becker-Brüser, Herausgeber der Fachzeitschrift «Arznei-Telegramm». Er vergleicht es mit den Vorgängen um die von der Autoindustrie manipulierte Abgasreinigung. Eine «ohne valide Studiendaten erwirkte Zulassung» bedeute für Patientinnen und Patienten eine nicht zu rechtfertigende Belastung durch unerwünschte Wirkungen und für die Versicherten nicht zu rechtfertigende Kosten.

Allein in Deutschland hätten die Behandlungen damit im Jahr 2024 über 25 Millionen Euro gekostet, informierte das «Arznei-Telegramm» kürzlich. 

«Würden derartige Manipulationen grundsätzlich strafrechtliche Folgen für die verantwortlichen Manager nach sich ziehen, gäbe es sehr wahrscheinlich deutlich seltener derartige Manipulationen», erklärt Becker-Brüser.

Schwerwiegende Risiken

Das «Arznei-Telegramm» schreibt über den Skandal: «Dem nicht belegten Nutzen von Avacopan stehen schwerwiegende Risiken gegenüber. […] Bis Oktober 2024 überblickt die FDA 76 Verdachtsberichte über Arzneimittel-bedingte Leberschäden, die möglicherweise oder wahrscheinlich im Zusammenhang mit Avacopan stehen. 74 verliefen schwerwiegend, davon 8 tödlich.»

Im Mai 2026 – noch vor der Empfehlung der europäischen Fachkommission CHMP – hatte der japanische Hersteller Kissei Pharmaceutical Ärzte davor gewarnt, Avacopan zu verordnen.

Die Schweizer Arzneimittelbehörde Swissmedic reagierte damals mit Floskeln: Sie «verfolge die internationalen Entwicklungen zu jedem in der Schweiz zugelassenen Arzneimittel aufmerksam und stehe im Austausch mit ausländischen Arzneimittelbehörden», berichtete die «SDA». Die Behörde «analysiere zudem im Rahmen ihrer Marktüberwachung und Kontrolle der Arzneimittelsicherheit laufend die verfügbaren Informationen». 

Hersteller will das Produkt auf dem Markt lassen

Im Januar 2026 hatte die FDA dem Hersteller vorgeschlagen, er solle Avacopan freiwillig vom Markt nehmen. Doch Amgen weigerte sich. In ihrem Ende April 2026 verfassten Schreiben stellte die FDA in Aussicht, dass sie die Zulassung widerrufen werde.

Amgen will das verhindern. Vor wenigen Tagen erklärte die Firma in einer Medienmitteilung: «Auf der Grundlage der gesamten vorliegenden Evidenz glauben wir weiterhin, dass Tavneos ein günstiges Nutzen-Risiko-Profil aufweist und für geeignete Patienten eine wichtige Behandlungsoption bleibt.» Amgen zitierte auch die Stimmen von Patienten. Letzteres ist eine beliebte Masche von Pharmafirmen, um Druck auszuüben. 

Es gebe mittlerweile über 70 «Real World»-Studien mit mehr als 2200 Patienten zu Avacopan, so Amgen. Die vorhandene Evidenz zeige «konsistent ein günstiges Nutzen-Risiko-Profil». Ausserdem habe eine von Amgen in Auftrag gegebene, unabhängige Neubeurteilung der Studiendaten zwar nicht alle früheren Ergebnisse bestätigt, aber diese doch im Kern bejaht. Und die schweren Leberschäden würden vor allem ältere Japaner betreffen, relativierte die Firma.

Allerdings: Erstens bergen «Real World»-Studien vielerlei Tücken und Probleme (Infosperber berichtete darüber). Zweitens war eine vom Hersteller gesponserte Neubeurteilung nicht vorgesehen. Drittens: Dass über 2200 Teilnehmer in verschiedene Studien eingeschlossen werden konnten, zeigt, dass es genügend Patienten gegeben hätte, um eine zweite, wirklich aussagekräftige Studie durchzuführen und damit die Vorgabe der FDA zu erfüllen. Denn die FDA hatte bei der Zulassung eine weitere Studie vom Hersteller verlangt, um offene Fragen zur Sicherheit und zur Wirksamkeit zu klären. Im Oktober 2021 verpflichtete sich der Hersteller dazu. Doch gemäss der FDA wurden bisher «nur 21 der geplanten 300 Patienten in die Studie aufgenommen». Sie bezieht sich dabei auf den letzten Jahresbericht der Firma. Die Auflage zu erfüllen, hat demnach offensichtlich keine hohe Priorität für den Hersteller. 

FDA-Mitarbeiterin ist inzwischen gefeuert worden

Am 23. Juli reichte Amgen weitere Daten und Analysen bei der FDA ein. Nun liegt der Ball bei der Europäischen Kommission, bei Swissmedic und bei der FDA. 

Die FDA-Mitarbeiterin, die den Brief an Amgen unterschrieben hatte, wurde im Mai gefeuert

Swissmedic will wegen des laufenden Verfahrens derzeit keine Auskunft geben. Die Behörde stehe aber im Austausch mit der Schweizer Lizenznehmerin. 

Und die Europäische Kommission muss noch entscheiden, ob sie dem Rat ihres Expertengremiums folgt, Avacopan die Zulassung zu entziehen. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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