Wenn der Ausgleich vor dem 0:1 fällt
Bis 1918 galten im Eishockey ähnliche Regeln wie im Rugby. Der Vorwärtspass war verboten. Dann begann die Revolution. 1918 wurde Vorwärtspass in der neutralen Zone eingeführt, und, um zu verhindern, dass ein Stürmer vor dem gegnerischen Goalie auf einen Steilpass wartete, erschuf man die Abseitsregel, die auch heute noch gilt. Die Revolution erfasste auch die Zeitmessung: Ab 1927 wurde bei Unterbrüchen die Zeitmessung angehalten und drei Mal 20 Minuten gespielt. Fast hundert Jahre später ist man im Fussball noch nicht ganz so weit. Da liegt es im Ermessen des Schiedsrichters, wie lange gespielt wird.
Die Spielzeit
Dem International Football Association Board, in dem die Gralshüter des Fussballs sitzen, ist schon vor zehn Jahren aufgefallen, dass ein Spiel nicht 90 Minuten, sondern nur etwa 55 bis 60 Minuten dauert. Deshalb wurde die Möglichkeit besprochen, vom Segen der Stoppuhr zu profitieren und die Nettospielzeit einzuführen: Ein Spiel sollte nur noch 60 Minuten dauern, ohne Schaden für den runden Ball.
Der Widerstand war gross. Dadurch würde der Charakter des Spiels zerstört, argumentierten die Gegner, die angehaltene Uhr würde zu mehr Unterbrüchen führen, zu einer Amerikanisierung mit Werbepausen, aber auch zu einer Unberechenbarkeit der Spieldauer mit Nachteilen für die Werbung. Auch würde die Dramaturgie der Endphasen gestört, wenn ein Countdown tickt. Ja, und die Schiedsrichter würden ihre Souveränität an die Technik abgeben.
Die Sekundenregeln
Die Fifa beugte sich und führte gegen die grassierende Seuche des Zeitschindens Sekundenregeln ein: 8 Sekunden für den Torhüter, bis er nach einer Abwehr den Ball frei gibt, 5 Sekunden bei Einwürfen und Abstössen, 10 Sekunden beim Spielerwechsel. Und wer sich auf dem Feld pflegen lässt, muss danach für eine Minute an der Seitenlinie stehen. Eine gute Idee: Mit diesen Regeln würde der Spielfluss auch bei angehaltener Uhr nicht wie befürchtet gestört.
Ausserdem wurden die Schiedsrichter dazu angehalten, die durch Torjubel, VAR-Entscheide und Verletzungspausen verlorene Zeit konsequent nachzuholen.
Gut gemeint, mehr nicht
Zu Beginn der WM hielten sich die Refs einigermassen daran. Zuletzt nicht mehr. Da wurde nicht einmal mehr die bei Torjubel, Verletzungspausen und Auswechslungen verlorene Zeit nachgespielt. Von den Verzögerungen bei Cornern und Freistössen in Strafraumnähe, bei denen die Schiedsrichter den Rasen für den Ball und die Mauer markieren und das Gerangel (Ringen) im Strafraum zu unterbinden versuchen, gar nicht zu reden.
Bei Deutschland gegen Paraguay gab es 23 Eckbälle, bei denen 30 bis 60 Sekunden zerflossen. Rechne. Bei Ägypten gegen Australien war der Ball in den letzten fünf Minuten der Verlängerung während einer Minute im Spiel. Eine Minute Nachspielzeit wurde angezeigt. Da wurde noch einmal zehn Sekunden lang Fussball gespielt. Als der Schiedsrichter nach zwei Minuten abpfiff lagen noch immer zwei Spieler am Boden. Druck des Fernsehens? Es ist zu befürchten.
Der Video Assistent
Im Jahr, nachdem die effektive Spielzeit begraben wurde, beschloss das IFAB, den Video Assistent Referee (VAR) ins Regelwerk aufzunehmen. In einem Spiel, bei dem ein Fehlentscheid des Schiedsrichters Millionen verschieben kann, eine logische Entscheidung. Ein Tor ist nur noch ein Tor, wenn einwandfrei bewiesen ist, dass der Schütze nicht um einen Millimeter im Abseits stand, der Ball keinen Arm eines Angreifers berührte, die Entstehung des Tors nicht durch ein Foul (wie der Schubser der Deutschen, der den Paraguay-Goalie kurz zu Boden gehen liess) möglich wurde. Penalty- und Platzverweis-Szenen werden minutenlang seziert.
Das ist sehr gerecht und verhindert Millionenschäden. Aber wie verhält es sich mit dem gestörten Spielfluss, der Romantik der Ungewissheit des Sports, der Unberechenbarkeit der Zeit, der befürchteten Amerikanisierung (Werbeeinschaltung während der VAR-Konsultation, Theatralik der Entscheid-Bekanntgabe), der Abgabe der Souveränität des Schiedsrichters an die Technik?
Die Trinkpause
Als wäre das nicht genug, erfand die Fifa die auf diese WM hin «Hydration Break» genannte Werbepause. Aus Rücksicht auf die Gesundheit der Spieler, die auch bei Regen das Trinken nicht vergessen sollten. Jetzt gibt es also eine «Kafipause», die ein Spiel wie beim Basketball in vier Viertel teilt. Dabei läuft im Fussball die Uhr weiter. Hilfe: Es droht Amerikanisierung. Werbung vor Spielfluss.
Das heisst aber auch: Weniger als 96 Minuten kann ein Spiel gar nicht mehr dauern. Und doch beginnt offiziell die Nachspielzeit in der 45. und in der 90. Minute. Das hat zur Folge, dass noch nie so viele Tore in der Nachspielzeit erzielt wurden. Was als Beweis für gesteigerte Spannung ausgelegt werden kann.
Auch Journalisten werden dadurch auf die Probe gestellt. Nach offizieller Angabe, fällt ein Tor, das in der vierten Minute der Nachspielzeit erzielt wird, in Minute 45 + 4. Für die viele Reporter und Schreibende ist das noch immer die 49. Minute. Die zweite Halbzeit beginnt offiziell in der 46., also vier Minuten früher. Da bleiben drei Minuten, um noch vor dem 0:1 in der 49. Minute den Ausgleich zu erzielen.
- Hände weg vom Fussball, Infosperber vom 14.5.2026
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...