Corona-Test bei Mädchen

Rund 3,5 Milliarden Franken bezahlten die Schweizerinnen und Schweizer von 2020 bis 2022 für Corona-Tests. © scaliger / Depositphotos

«Das Massentesten hat das Sterben an Covid nicht reduziert»

Martina Frei /  Das Virus sei weniger gefährlich gewesen als behauptet. Und viele Massnahmen halfen nicht, sagt eine erfahrene Wissenschaftlerin.

Infosperber: Frau Heudorf, Sie haben die Zahlen zur Corona-Pandemie angeschaut und ausgewertet. Mit welchem Befund?

Ursel Heudorf: Ich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass da ein besonders gefährliches Atemwegsvirus in Deutschland grassierte. 

Das ist schwer nachvollziehbar. Wie kommen Sie darauf?

Die Zahl und die Schwere von Atemwegsinfektionen in der Bevölkerung erfasst man schon lange regelmässig mit bewährten Instrumenten. Die wichtigsten sind das Grippeweb, die ärztlichen Sentinel-Praxen und Icosari. Sie wurden nach den Erfahrungen mit der letzten Pandemie 2009 extra geschaffen, um eine Epidemie rasch zu erkennen und belastbare Daten für das Pandamiemanagement zu haben. 2009 hatte man gesehen, dass man Daten zur Verlaufsbeurteilung und zur Schwere der Erkrankungen braucht.

Sentinels sind einem Wachposten vergleichbar. Was genau wird dabei erfasst? 

Beim Grippeweb geben circa drei Millionen Menschen aus der Allgemeinbevölkerung wöchentlich an, ob sie in der Vorwoche einen Atemwegsinfekt hatten, oder sogar grippeähnliche Symptome mit Fieber, unabhängig von einem Arztbesuch. Bei den Praxissentinels melden Hunderte von Haus- und Kinderarztpraxen, wieviele Patienten mit Atemwegsinfektionen sie in der vergangenen Woche behandelten. Schwere Atemwegsinfektionen werden mit Icosari erfasst. Daran nehmen 70 Krankenhäuser in Deutschland teil. Sie melden die Patienten, die deshalb hospitalisiert wurden. 

Zur Person

Ursel Heudorf
Ursel Heudorf

Die Ärztin Ursel Heudorf ist Professorin für Hygiene, Umweltmedizin und öffentliches Gesundheitswesen. Sie arbeitete 28 Jahre beim Gesundheitsdienst der Stadt Frankfurt am Main und leitete dort die Abteilungen für Hygiene sowie für Infektiologie. Von 2011 bis zu ihrer Pensionierung 2019 war sie stellvertretende Leiterin des Gesundheitsdienstes. Heudorf ist ausgebildete Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Allergologin, Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen, Ernährungswissenschaftlerin und Umweltmedizinerin.

Wie weiss man, welche Viren grassieren?

Bei den Praxissentinels und dem Icosari ist eine virologische Surveillance integriert. Die Ärzte können bei den Patienten Abstriche entnehmen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) dann virologisch untersucht. Diese virologische Surveillance wurde im Februar 2020 um Sars-CoV-2 erweitert. Mit diesen Daten erkennt man die Häufigkeit und Schwere der Atemwegsinfektionen und die Verteilung der Erreger im Land sehr gut.

Was konnte man aus diesen Daten herauslesen? 

All diese Daten wurden während der ganzen Pandemie erhoben und wöchentlich veröffentlicht, jeder konnte sie anschauen – aber sie wurden weder der Bevölkerung kommuniziert, noch beeinflussten sie die politischen Entscheidungen. Im Vergleich mit den Vorjahren war kein auffallend grosses Infektionsgeschehen festzustellen. Hätte man diese Daten genutzt, hätte man die Pandemielage und die erforderlichen Massnahmen besser einschätzen können.

Dass «kein auffallend grosses Infektionsgeschehen festzustellen war» lag vielleicht daran, dass viele damals nur noch zum Arzt oder ins Spital gingen, wenn es unbedingt nötig war?

Ja, das könnte die Daten des Praxissentinels beeinflusst haben, in geringem Mass vielleicht auch die Icosari-Daten – aber nicht die Daten des Grippeweb.

Zusammen mit dem Biostatistiker Bernd Kowall haben Sie die Zahl der Verstorbenen in Deutschland für die Jahre 2016 bis 2023 ausgewertet. Mit welchem Ergebnis? 

Wir haben die Übersterblichkeit in Deutschland im Vergleich zu den letzten vier Jahren vor der Pandemie berechnet. Dabei fanden wir mit zwei verschiedenen Verfahren die höchste Übersterblichkeit im Jahr 2022. Diese war sehr stark durch eine hohe Übersterblichkeit in den letzten sechs Wochen des Jahres bedingt. Das ging einher mit einer kurzen, heftigen Influenzawelle, während Sars-CoV-2 Meldungen damals nur eine untergeordnete Rolle spielten. Die Übersterblichkeit in diesen sechs Wochen war höher als in allen vorangegangenen Sars-CoV-2-Wellen. 

Ist das plausibel? Werden die Ergebnisse durch andere Daten unterstützt?

Auch die Daten auf europäischer Ebene von Euro-Momo zeigen sowohl in Deutschland als auch in einigen anderen europäischen Ländern Ende 2022 eine auffallende Sterblichkeit mit höheren Spitzen als während der Sars-CoV-2-Wellen – auch hier während einer starken saisonalen Influenzawelle. Die bereits angesprochenen Surveillance-Instrumente des Robert Koch-Instituts zeigten in Deutschland in dieser Zeit höhere wöchentliche Raten an Atemwegserkrankungen, an Arztkonsultationen und Krankenhausaufnahmen wegen Atemwegsinfekten als während der ganzen Sars-CoV-2 Pandemie. Der vom deutschen Bundesgesundheitsministerium publizierte Pandemieradar zeigt die gleichen Ergebnisse: In den letzten Wochen 2022 kam es zu bisher nicht gekannten Spitzen bei den Arztbesuchen und Krankenhausaufnahmen wegen Atemwegserkrankungen – wobei nur ein sehr kleiner Teil mit Sars-CoV-2 in Zusammenhang gebracht wurde. Das alles wurde zeitnah veröffentlicht, aber der Bevölkerung nicht wirklich kommuniziert. 

Können Sie andere Gründe, wie Sars-CoV-2 für die Übersterblichkeit in 2022 in Deutschland ausschliessen?

Bei der Übersterblichkeit wird ja die Gesamtsterblichkeit betrachtet. Letztlich können wir nur eine Assoziation feststellen. Das beweist keine Kausalität. Wir sahen 2022 in Deutschland auch vor der Influenzawelle eine gewisse Übersterblichkeit, die mit 4,5 Prozent allerdings deutlich niedriger ausfiel als während der Influenzawelle mit 25,9 Prozent. Ausschliessen können wir Sars-CoV-2 als Grund dafür nicht. Es spricht aber viel dafür, dass ein bedeutender Teil der Übersterblichkeit von 2022 im Zusammenhang mit einer Influenzawelle stand.

Trug die Sommerhitze zur Übersterblichkeit bei?

Das konnten wir für Frankfurt am Main untersuchen. Dort hatten wir in den Hitzewochen des Jahres 2022 eine geringere Übersterblichkeit als 2021 und 2023. Für Deutschland konnten wir hierzu keine Daten auswerten, da uns keine entsprechenden Daten vorliegen. Die Euro-Momo-Daten zeigen insgesamt einen deutlichen Anstieg der Sterblichkeit in den Sommerwochen 2022, insbesondere in Südeuropa, und in deutlich geringerem Ausmass auch in Deutschland oder der Schweiz. 

2020 gab es Lockdowns und strenge Infektionsschutz-Massnahmen, die 2018 nicht galten. Ohne diese Gegenmassnahmen wären die Todeszahlen 2020 doch höher ausgefallen? 

Die Kontakte zu reduzieren, hat sicher etwas gebracht. Es stellt sich nur die Frage, welche Massnahmen genau erfolgreich waren. Und insbesondere, ob jene Massnahmen sinnvoll waren, die weit über die Empfehlungen hinausgingen, die gemäss Pandemieplan vorgesehen und evidenzbasiert waren.

Im Pandemieplan ging es um eine Grippe-Pandemie und nicht um Sars-CoV-2, das zu vielen unerkannten Infektionen führte.

Das wird immer wieder öffentlich so gesagt, aber: Auf Geheiss des deutschen Gesundheitsministers wurde der 2017 erstellte Pandemieplan zu Beginn der Corona-Pandemie mit Blick auf Sars-CoV-2 aktualisiert und am 4.3.2020 veröffentlicht. Wir hatten also auch einen Plan für Sars-CoV-2 – der aber nicht umgesetzt wurde.

Es gab einen fertigen Plan, was im Fall einer Pandemie zu tun ist – aber er blieb in der Schublade?

Ja. Während der Corona-Pandemie wichen viele Länder, auch Deutschland, von ihren vorbereiteten Pandemieplänen ab. Die Regierungen verhängten weitreichende Einschränkungen des täglichen Lebens und der Freiheiten, die in den Plänen nicht vorgesehen waren, ohne die Evidenz, mögliche negative Auswirkungen, das Kosten-Nutzen-Verhältnis oder den Ressourcenverbrauch klar zu bewerten. Schweden hingegen setzte seinen bestehenden Pandemieplan um, der weitgehend auf Empfehlungen beruhte – und hatte bis 2022 die niedrigste kumulative Übersterblichkeit in allen westlichen Ländern.

Was hätte es bedeutet, wenn der Pandemieplan in Deutschland umgesetzt worden wäre?

Dann hätte man zum Beispiel spätestens im Sommer 2020 mit der Kontaktnachverfolgung aufhören können. Das hat unglaublich viele Ressourcen gebunden. Nicht nur in den Gesundheitsämtern, sondern auch in medizinischen sowie pflegerischen Einrichtungen und auch in Kindereinrichtungen. In den Pflegeheimen hat es die schon bestehenden Pflegeengpässe noch verschärft. In Schulen wurden Kapazitäten für den Unterricht und die Betreuung der Kinder gebunden. Die intensive Kontaktnachverfolgung hat nicht viel gebracht, aber sie hat unheimlich viel Ressourcen verbraucht. Noch kurz vor Beginn der Pandemie hatte die WHO selbst die langdauernde Kontaktnachverfolgung nicht empfohlen. 

Was stand noch im Pandemieplan und wurde nicht umgesetzt?

Vieles. Der Pandemieplan sah beispielsweise keinen Lockdown vor, keine Schliessung von Altenpflegeeinrichtungen und keine langfristigen Schulschliessungen.

Auch während der Corona-Pandemie war der Lockdown nicht sinnvoll?

Das deutsche Infektionsschutzgesetz sieht vor, dass einschneidende Massnahmen nur dann «angewendet werden, wenn andere – weniger in die Rechte der Betroffenen eingreifende Massnahmen – nicht zur Verfügung stehen». Das traf beim Lockdown nicht zu.

Warum nicht?

Erstens, weil die Bevölkerung bereits zuvor auf die Empfehlungen der Regierung reagiert hatte. Man konnte anhand der Handydaten von 40 Millionen Nutzern sehen, dass die Mobilität schon vor dem ersten Lockdown schlagartig einbrach. Der Lockdown hat diesen Rückgang nicht weiter verstärkt. Die Infektionszahlen gingen bereits vor dem Lockdown zurück, übrigens auch in der Schweiz. Die klaren Kipppunkte in der ersten Phase der Sars-CoV-2 Pandemie hingen nicht mit den strengen Lockdown-Massnahmen zusammen, sondern mit den starken Appellen der Politiker zuvor. Zweitens gab es schon vor der Pandemie keine Belege, dass das vorsorgliche längerfristige Schliessen von Schulen, Betrieben und Geschäften viel bringt. Umfangreiche Studien, sogenannte Übersichtsarbeiten, haben keinen belastbaren Hinweis gefunden, dass präventive Lockdowns zweckmässig waren.

Also wurde die erste Corona-Welle im Frühling 2020 nicht durch den Lockdown beendet?

Nein, das geschah dank den Empfehlungen zur Kontaktbeschränkung beziehungsweise dank den weniger restriktiven Massnahmen zuvor. Länder mit einschneidenden Massnahmen kamen nicht besser durch die Pandemie als solche mit weniger einschneidenden. Für mich bleibt die Frage: Musste man solche Massnahmen von oben herab verfügen oder hätten Empfehlungen genügt? 

In Schweden, das auf Empfehlungen setzte, kam es aber Mitte und Ende 2020 zur Übersterblichkeit. Das widerspricht ihrer These.

Schweden hatte die Altenheime zu spät auf dem Radar. Dort kam es in der ersten Welle zu vielen Todesfällen. Insgesamt verzeichnete Schweden während der Pandemie jedoch die niedrigste Übersterblichkeit in Europa, trotz erheblicher Sterblichkeit in Langzeitpflegeheimen während der ersten Welle – und ohne umfangreiche Schulschliessungen oder Schliessungen von  Restaurants oder Geschäften, umfassenden Test- und Maskenpflichten. Überdies stieg die Lebenserwartung in Schweden in der Pandemie weiter an, während sie im europäischen Durchschnitt sank.

Welche Massnahmen empfahl der Pandemieplan in punkto Masken?

Das Maskentragen wurde darin im privaten Umfeld bei Pflegemassnahmen empfohlen und bei Kontakt zu möglichen Überträgern. Für die Öffentlichkeit hingegen war das Tragen von Masken im Plan nicht vorgesehen.

War das Maskentragen im öffentlichen Raum denn wirksam? 

Es hatte nicht den erhofften Effekt, dass die Infektionszahlen erkennbar zurückgingen. Insgesamt waren die Maskenpflichten für die Allgemeinbevölkerung weder evidenzbasiert noch angemessen und damit rechtlich fragwürdig. 

Das war alles unnötig?

Bereits vor der Pandemie gab es keine belastbare Evidenz für das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit und in der Allgemeinbevölkerung. Und auch nach der Pandemie ist die Situation – trotz vieler Untersuchungen – nicht anders. Masken wirken, das wissen wir aus dem klinischen Bereich, wenn sie von geschultem Fachpersonal richtig getragen werden. Dass umfassende Cochrane-Studien bisher keine Beweise für die Wirksamkeit von Masken in der Allgemeinbevölkerung fanden, mag einerseits an der unzureichenden Qualität der Studien liegen, andererseits auch daran, dass die Menschen die Masken nicht richtig getragen haben und/oder in Situationen aufsetzten, wo das Infektionsrisiko sowieso gering oder nicht vorhanden war, zum Beispiel im Freien.

Zwangsmassnahmen zum Infektionsschutz müssen wirksam sein. War diese Voraussetzung beim «Testen, testen, testen», beispielsweise von Schülern, gegeben?

Es gibt auch hier keine belastbaren Belege dafür, dass das Massentesten die Virus-Übertragungen, die Infektionen oder die Sterblichkeit reduziert. Solche Massentests waren im Pandemieplan auch nicht vorgesehen. Obwohl Fachleute davon abrieten, mussten alle deutschen Schüler trotzdem ab April 2021 getestet werden. Wir haben damals allein in Deutschland rund 960 Millionen Tests pro Jahr für die Schulen gebraucht, etwa 5,7 Milliarden Euro dafür ausgegeben und 960 Millionen Tonnen Abfall produziert. Bei einer Inzidenz von 10 Testpositiven pro 100’000 Einwohner führte dies zu Ausgaben von 350’000 Euro für ein einziges positives Testresultat. Und dies bedeutete nicht automatisch, dass die betroffene Person ansteckend war.

Die Schwellenwerte, ab wann die Schulen in Deutschland wieder geschlossen wurden, lagen höher, bei 165 pro 100’000 Personen.

Bei einer Inzidenz von 180 Testpositiven pro 100’000 Einwohner – also über der Schwelle für Schulschliessungen – kostete das immer noch rund 20’000 Euro pro positives Testergebnis. 

Das deutsche Bundesgesundheitsministerium hielt die 7-Tage-Inzidenz noch im Juni 2021 für «den am besten geeigneten Mechanismus, damit «zu treffende Massnahmen rechtzeitig, zielgenau, rechtssicher und verhältnismässig wirken können». Teilen Sie diese Ansicht?

Nein. Die definierten Schwellenwerte bei den regionalen «7-Tage-Inzidenzen» wurden oft allein dadurch erreicht, dass man Schüler dreimal pro Woche testete – und dabei fand man dann «positive» Tests bei gesunden Kindern.

Was würden Sie Politikern raten, falls es nochmal zu einer ähnlichen Situation kommt? 

Im Moment wird ja der Pandemieplan überarbeitet. Ich würde mir wünschen, dass da nicht nur die publizierte Evidenz aus allen Bereichen eingeht, sondern dass auch Fachleute aus vielen Bereichen – einschliesslich der Kinderheilkunde, der Altersmedizin, der öffentlichen Gesundheit, der Pflege, dem Bildungswesen, Betroffene beispielsweise aus Pflegeheimen etc. gehört werden. Die Politik sollte den Pandemieplan zur Kenntnis nehmen, sich vor Entscheidungen breit informieren, und bei ihren Entscheidungen nicht nur – oder sogar fast ausschliesslich – auf Erregernachweise und Modellierungen schauen, sondern auch Wirkungen und Nebenwirkungen ihrer Entscheidungen berücksichtigen und auch auf die Würde, die Freiheit und die Selbstbestimmung der Menschen achten. 

Also keinen Zwang ausüben?

In meiner ganzen Berufszeit am Frankfurter Gesundheitsamt mussten wir immer wieder abwägen, ob wir bei der Eigenverantwortung der Menschen ansetzen oder etwas per Auflage einfordern. Denn Druck erzeugt Gegenwehr. Meiner Erfahrung nach war es in aller Regel das beste Mittel, die Leute zu überzeugen, klar zu argumentieren und transparent zu informieren. Warum sollte das in der Politik anders sein?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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