Kommentar
Kennedy: Ebenso unberechenbar wie Trump
Einen Kennedy hat Trump wohl sehr gerne in seinem Kabinett. Der hatte ursprünglich gegen ihn kandidiert. Und indem Trump ihm das Gesundheitsministerium angeboten hat, hat der Präsident gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Ein Konkurrent weniger und einen berühmten Namen als Minister.
Viele warnten vor Kennedy
Als Kennedys Berufung bekannt wurde, warnten 77 Nobelpreisträger und mehr als 15‘000 Ärztinnen und Ärzte vor ihm als Gesundheitsminister. Robert F. Kennedy jr. brachte in den letzten Jahren einige Metamorphosen hinter sich. Er war mal Demokrat, war mal ein angesehener Aktivist und unerschrockener Anwalt für Umweltrechte.

Davon ist aber längst nichts mehr übrig. Immer wieder hatte er als sogenannter Impfskeptiker – besser gesagt als Impfgegner – für Schlagzeilen gesorgt, und immer wieder war er mit skurrilen Verschwörungstheorien aufgetreten. So machte er die Masernimpfung für Autismus verantwortlich. Dann propagierte er auch noch den Austritt der USA aus der Weltgesundheitsorganisation, was seinem Herrn und Meister besonders gut gefiel.
Unerwartete Entscheide
Seine Tiraden gegen das Impfen hielt Kennedy zwar weiterhin aufrecht, aber mit unerwarteten Entscheiden erregte er Aufsehen. Er berief Marty Makary an die Spitze der Food and Drug Administration (FDA) und Vinay Prasad zum Leiter der Impfstoffabteilung der FDA.
Makary ist ein Gastroenterologe und weithin bekannter onkologischer Chirurg. Prasad ist Hämatoonkologe und Internist. Makary, Prasad und mit ihnen viele andere Kritiker beschuldigten die FDA seit langem, dass sie unter dem unzulässigen Einfluss von Pharmaunternehmen die übermässige Verschreibung von Medikamenten zu verantworten hat.
Kritik an der FDA
Sie prangerten die in den 1990er-Jahren erleichterte Verschreibung von Oxycontin an und kritisierten die FDA für die Zulassung von überteuerten Medikamenten gegen Alzheimer und ALS trotz unvollständiger Datenlage und ohne Vorteile für die Erkrankten. Makary und Prasad wollten in Zukunft alle Lobbyarbeit, insbesondere die Zahlungen von Pharmafirmen an die FDA unterbinden.
Sie wollten Arzneimittelherstellern Werbung im Fernsehen verbieten – ein milliardenschwerer Markt. Schmerzmittel, Schlafmittel und Nahrungsergänzungsmittel sind eine riesige Einnahmequelle für Fernsehsender, in jüngster Zeit getoppt durch die Abnehmspritzen («Oh-Oh-Oh-Ozempic»).
Nervosität bei der Pharma
Wenn es Makary und Prasad gelänge, ihre kritischen Positionen in der FDA durchzusetzen, dürfte in den Vorstandsetagen vieler Pharmafirmen die Alarmstufe Rot geherrscht haben. Es gab noch eine Reihe weiterer Vorhaben, welche die saturierten Gewinnler im US-amerikanischen Gesundheitswesen in Aufruhr versetzten.
Erstmalig in der Geschichte der FDA kam ein Gremium im November 2023 zum Schluss, dass ein unbefristet zugelassenes Medikament (Phenylnephrin) wegen völliger Wirkungslosigkeit verboten werden soll. Es ist in etwa 70 Erkältungsmedikamenten in den USA enthalten – ein Milliarden-Dollar-Geschäft.
Wirkungslose Medikamente gibt es in grosser Zahl, von «sanften» Erkältungsmitteln bis zu extrem teuren Krebsmedikamenten. Diese Medikamente vom Markt zu nehmen würde das Geschäftsmodell sehr vieler Pharmafirmen ins Wanken bringen.
Zweistellige Kursverluste
Die Ernennung von Vinay Prasad zum Impfstoffchef der FDA führte sofort zu zweistelligen Kursverlusten von Moderna, Pfizer und Sarepta an der Börse. Prasad kritisierte seit langem schon die engen Verbindungen der FDA zur Industrie. Er gilt als unabhängig und streitlustig.
Vor grossen und mächtigen Pharmafirmen fürchte er sich nicht. Marty Makary lobte Prasads wissenschaftliche Strenge. Makary weigert sich, die Verschreibung des Abtreibungsmedikaments Mifepriston zu erschweren. Fruchtigen Aromen bei E-Zigaretten schob er einen Riegel vor.
Schon bald entlassen
Es kam deshalb, wie es kommen musste. Die aufrührerischen Positionen passten so gar nicht ins Weltbild von Trump und Kennedy. Es funktionierte also nicht allzu lange. Und nachdem Makary und Prasad sich in kurzer Zeit mit allen und jedem angelegt hatten, wurden beide fast gleichzeitig im März und Mai 2026 entlassen.
Nachträglich muss man sich fragen, wie es überhaupt zur Berufung der beiden Mediziner kommen konnte, wo die beiden doch so gar nicht zu Trump und Kennedy passten. Und schon gar nicht zu einem Gesundheitswesen, das das teuerste, ineffektivste und unsozialste der Welt ist.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Dieser Kommentar des Arztes und Autors Bernd Hontschik erschien zuerst in der Frankfurter Rundschau.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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