Warum wir manche Kommentare zu Israel nicht publizieren
Zum Thema Israel und Palästina erhält die Infosperber-Redaktion immer wieder Kommentare, die wir löschen. Und dann kann es passieren, dass uns die Verfassenden vorwerfen, wir würden Zensur ausüben. Hier erklären wir, warum wir gewisse Kommentare nicht publizieren.
Wir kritisieren die israelische Regierung. Das tun wir, das werden wir tun, und es kommt vor, dass man dann mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert ist, ein Vorwurf, der so falsch ist wie er billig ist. Denn eine Regierung oder einen Staat zu kritisieren ist keine Feindschaft gegen ein Volk.
Aber dann erreichen uns immer wieder Kommentare, in denen es heisst: ausgerechnet die Juden, die den Holocaust erlebt haben, machen nun dasselbe. Oder: Warum beklagen sich Jüdinnen und Juden über Antisemitismus, wenn sie tolerieren, was Israel tut? Das klingt nach Israelkritik, ist es aber nicht, denn die Frage unterstellt, dass alle Jüdinnen und Juden für Israel oder für die Politik der israelischen Regierung sprechen, schweigen oder haften.
Jude sein verpflichtet?
Es wird eine Abstammungshaftung konstruiert, mit folgender Logik: Jude zu sein verpflichte. Zu Israel. Immer. Überall. Der Jude in Zürich, die Jüdin in New York, in Buenos Aires – sie alle trügen Verantwortung für den Staat und dessen Regierung. Und weil ihnen, ihrer Familie, ihren Vorfahren Schreckliches widerfahren sei, würden sie eine historische Bringschuld tragen, daher müssten sie laut sein. Sie müssten sich verhalten, müssten eine Meinung haben, sonst verwirkten sie das Recht, Antisemitismus zu benennen.
Ferdinand von Schirach, dessen Grossvater der Nazi Baldur von Schirach war – Gauleiter von Wien, in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt –, hat geschrieben: «Die Schuld meines Grossvaters ist die Schuld meines Grossvaters. Der Bundesgerichtshof sagt, Schuld sei das, was einem Menschen persönlich vorgeworfen könne. Es gibt keine Sippenhaft, keine Erbschuld, und jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Biografie.» Das bedeutet: Niemand erbt die Schuld seiner Vorfahren. Aber es bedeutet auch etwas anderes: Niemand erbt das Leid seiner Vorfahren als Verpflichtung. Die Enkelin einer Auschwitz-Überlebenden in Montreal schuldet der Welt keine Stellungnahme zu Benjamin Netanyahu. Ihre Biografie gehört allein ihr. Nicht der Geschichte. Nicht dem Kollektiv. Nicht der Infosperber-Leserschaft. Sondern ihr.
Wer das anders sieht, wer Jüdinnen und Juden überall auf der Welt in Haftung nimmt für einen Staat, weil sie Jüdinnen und Juden sind, der betreibt keine Israelkritik. Der betreibt Abstammungshaftung. Und die publizieren wir nicht.
Diskriminierung in Meinungsform
Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die 2021 von über 370 Holocaustforschern, Judaisten und Nahostexperten unterzeichnet wurde – als bewusstes Korrektiv zur politisch oft missbrauchten IHRA-Definition, die unter anderem der Deutsche Bundestag verwendet und die Israelkritik in die Nähe von Antisemitismus rückt – hält in ihren Richtlinien zu Israel und Palästina fest, es sei antisemitisch, «Jüd:innen kollektiv für das Verhalten Israels verantwortlich zu machen oder sie, bloss weil sie jüdisch sind, als Agent:innen Israels zu behandeln.» Und es sei antisemitisch, «Menschen, weil sie jüdisch sind, aufzufordern, Israel oder den Zionismus öffentlich zu verurteilen.»
Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Unsere Gesellschaft lebt davon, dass gestritten wird, laut und kontrovers und unbequem. Aber Abstammungshaftung ist keine politische Position, sondern Diskriminierung in Meinungsform und hat mit dem eigentlichen Thema, Kritik an Israel, nichts zu tun.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Es ist doch ganz einfach, lieber Daniel: Wer Juden etwas vorwirft, das ihn bei Nichtjuden kalt lässt, ist Antisemit. Der derzeit tödlichste Krieg ist der Tigray-Konflikt in Äthiopien. Seit Beginn der Auseinandersetzungen hat es weit über 500’000 Tote gegeben. Oder anders gesagt: Der Tigray-Konflikt forderte in zwei Jahren viermal mehr Todesopfer, als der Nahostkonflikt in 78 Jahren. Es sei «derzeit der mit Abstand schlimmste Krieg der Welt», schreibt die ZEIT. Ein «Krieg mit unzähligen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung». Selbst «hartgesottene Uno-Ermittler» seien «schockiert von der Anzahl der Massaker und Massenvergewaltigungen, vom Ausmass der Plünderungen».
Gegenfrage: Wer Juden etwas entschuldigt, was er anderen vorwirft – ist was?
Und: Im Einzelfall mag ein israelischer Bürger gegen die israelische Regierung sein, aber andererseits ist es eine Demokratie und wer wählt diese Regierung?
bluewin.ch 16.6.2026 – «Ratten greifen Menschen an – Medizinexperte in Gaza schlägt Alarm»
SRF.ch 14.6. – Hilfswerk-Mitarbeiter: «Trotz Waffenruhe ist die Krise in Gaza gravierend, berichtet ein NGO-Mitarbeiter vor Ort – vor allem für die Kinder»
Gaza hat einen harten Winter hinter sich. Giorgio Monti: Mit dem Einsetzen der Hitze kommen neue Katastrophen hinzu. In den sieben Monaten Waffenruhe wurde nichts getan, um den Menschen zu helfen.
Vorschlag Reuss: Ich gebe 200 Franken (hoffentlich erhöhen viele weitere Spender den Betrag) unserem Aussenminister Cassis. Er soll das (Eier/Hühner, Frische Früchte, Medizinmaterial) «mit Erlaubnis seiner Freunde in Israel» den geplagten Palästinensern bringen (lassen). Unser Staatsfernsehen SRF sendet Übergabe live.
In einer konservativen Schätzung ging The Lancet im Juli 2024 von 186 000 Todesopfern in Gaza aus ( inklusive der indirekten Tode durch Krankheit, Kriegsverletzungen, unter Trümmern verschütteten etc,) denn die offizielle Zahl beinhaltet nur die identifizierten resp. physisch gezählten Opfer. Rechnet man diese Zahl auf heute auf, wären wir bei einer halben Million Todesopfer.
herzlichen dank für diese wertvolle klarstellung!
was jedeR selber nebst kritik üben tun kann:
bds, will heissen: keine apartheid-produkte kaufen (elbit, palantir), sein geld nicht bei schuldigen grossbanken „parkieren“….etc
«Ein deutscher Nazi darf also ruhig Nazi sein, egal was Hitler verbrochen hat?» Verstehe ich das richtig? (Um zu verdeutlichen, wie ich diesen Artikel verstanden habe, habe ich hier mein Beispiel den Umkehrschluss verwendet.)
Ich denke, es kommt nicht auf die Aussage an, sondern auf deren Begründung. Natürlich kann jeder Nazi sein, der die Lust dazu verspürt. Wer aber glaubt, die Spuren und die Einflüsse der Vergangenheit, die auch die seiner Familie ist, also derer, die ihn erzogen haben, dürften ihm egal sein, fällt einem sehr schlichten Bild von Wirklichkeit zum Opfer und bildet sich ein, die Wirklichkeit, in der er lebt, bestünde nur aus Fakten und die seien vorüber, sobald sie aufgehört haben. Und er behauptet, eine Lerngeschichte einzufordern, sei bereits «Abstammungshaftung». Gott sei Dank funktioniert die Welt nicht als Automatismus, sondern als Zusammenhang. Und der kann statt ignoriert auch verstanden werden.
Selber bezeichne ich meine Israelkritik (den Völkermord in Gaza also) nie mit Begriffen, wie Juden, jüdisch, usw.
Und trotzdem wird mir dann Antisemitismus vorgeworfen.
Im Gegenzug bin ich ein Rassist, wenn ich für ein Kopftuchverbot in den Schulen und öffentlichem Dienst bin.
Allerdings bin ich etwas erstaunt über die Verhältnismässigkeit.
Wer pauschal «Russen» dies oder das vorwirft, oder «Chinesen», bekommt noch einen Orden.
Vielleicht wäre es auch mal angebracht, über den Begriff «Antisemitismus» aufzuklären?
Die Palästinenser sind auch Semiten, wer ihre Dezimierung und Vertreibung gutheisst (78 % der «jüdischen» Bevölkerung Israels), ist dann also auch Antisemit?
O.k. «Antisemitismus» heisst etwas anderes?
Ja, und was genau?
Aha, durch Wilhelm Marr im Jahre 1879, mit seiner Organisation «Antisemitenliga», um den von ihnen «gepflegten» «Judenhass» und «Judenfeindschaft», vom religiösen ins biologische (Rassismus) zu umbenennen.
Also genau das Gegenteil, als heute verwendet!!!
Der aus den Sprachwissenschaften krude abgeleitete Begriff «Semit» hat fälschlicherweise Einzug in die Beschreibung von Völkern genommen. Semiten gibt es nicht und somit kann sich Antisemitismus auch nicht gegen nichtjüdische Araber richten. Im 19. Jahrhundert kreierte der bekennende Judenfeind Wilhelm Marr künstlich die Kategorie des Semiten, um sich und andere Judenfeinde als Gegenpol dazu, eben als Antisemiten, definieren zu können. Die Kategorie «Semit» hatte allerdings nie eine wissenschaftliche Basis und Antisemitismus richtet sich seit jeher spezifisch und ausschliesslich gegen Juden. Das Semiten-Argument dient dazu, von real existierendem Antisemitismus abzulenken und den Diskurs undurchsichtig zu machen.
Wiki: Der gegen Israel gerichtete Genozidvorwurf ist umstritten. Erhoben wird er von der International Association of Genocide Scholars und von internationalen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen und dem European Center for Constitutional and Human Rights; Human Rights Watch spricht von „genozidalen Handlungen“. In Israel selbst haben B’Tselem und Physicians for Human Rights – Israel das Vorgehen Israels in Gaza als Genozid beschrieben. Der Völkermordvorwurf wurde außerdem von israelischen Holocaust-Historikern wie Omer Bartov und Raz Segal, Genozidforschern wie Shmuel Lederman und Melanie O’Brien, Sozialwissenschaftlern wie Martin Shaw, dem australischen Historiker A. Dirk Moses, den israelischen Historikern Amos Goldberg und Daniel Blatman von der Hebräischen Universität Jerusalem sowie Völkerrechtsexperten wie Kai Ambos erhoben.
Müsste Antisemitismus nicht etwas ähnliches sein wie Antinazismus?
Könnte man es etwa als Opferschutz interpretieren?
Das heisst, sind die Palästinenser nicht etwas ähnliches wie die Juden im Dritten Reich?
Nicht antisemitisch, aber anti… – ja, was eigentlich? – ist es auch «Russ:innen kollektiv für das Verhalten Russlands verantwortlich zu machen oder sie, bloss weil sie russisch sind [oder gar nur sprechen, wie die Ostukrainer] , als Agent:innen Russlands zu behandeln.» Und es ist auch anti.?., «Menschen, weil sie russisch sind [oder sprechen], aufzufordern, Russland oder den «Putinismus» öffentlich zu verurteilen.»
Was ich aufzuzeigen versuche, scheint mir offensichtlich. Politiker bei «uns» behandeln aber, bei ähnlicher Faktenlage, nämlich dass die Länder völkerrechtswidrige Kriege führen, Russland und Israel völlig unterschiedlich. Nun sind das halt Politiker und von denen ist man sich solches gewohnt. Wirklich übel wird es erst, wenn die Medien im grossen Stil bei diesem Spiel, um nicht zu sagen dieser Hetze, mittun.
Danke Herr Wazek, dass sie das Thema auf den heute in Europa gepflegten Russenhass lenken! Ich finde den herrschenden Antirussismus genau so verabscheuend wie den Antisemitismus. Während Antisemitismus strafbar ist, wird der Antirussmus von Politik und medien straffrei befeuert. Hass und Hetze gegen alles Russische gehört in der EU/CH zum guten Ton.
Dass die schweizerische AHV und Schweizerbanken sich weigern uns Schweizer Rentnern die in RF bzw. BY wohnen die Rente zu überweisen, zeigt wie krank im Geiste diese Gesellschaft geworden ist.
Danke für die transparente Erläuterung der Moderationspraxis. Eine Frage bleibt für mich offen:
Gilt diese Regel allgemein oder nur im Kontext Israel?
Würden Sie nach demselben Prinzip auch Kommentare wie diese nicht publizieren?
«Alle Zürcher sind arrogant.»
«Die Russen wollen Krieg.»
«Die Muslime schweigen zu Hamas.»
«Die Deutschen haben ein Nazi-Problem.»
Auch hier werden Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Zugehörigkeit kollektiv in Haftung genommen.
Falls Kollektivhaftung das Kriterium ist, müsste die Regel universell gelten. Falls nicht, wäre interessant zu erfahren, wo genau die Grenze gezogen wird.
(so?)
stefan m. seydel/sms 😉
Die Juden weltweit für die Politik der Regierung Netanyahu mitverantwortlich zu machen ist eindeutig falsch. Aus Furcht vor dem Antisemitismus-Vorwurf die Regierung selbst nicht kritisieren zu dürfen ist jedoch ebenso falsch. Sie ist eine Regierung wie jede andere auch und darf und soll für das, was sie im Gazastreifen tut und im Westjordanland die Siedler ungestraft tun lässt und dazu ermutigt, scharf kritisiert werden. Waffenlieferungen an diese Regierung ist Beihilfe zu Völkermord (es gibt auch mutige israelische Staatsangehörige , die dieses Wort bewusst verwenden – ich verlange dies aber von niemandem dort, sie haben ihre freie Meinung wie ich hier in der Schweiz!). Die Regierung Netanyahu selbst versucht nachweislich, jede ausländische Kritik an ihr des Antisemitismus zu bezichtigen. Die Schweiz wie auch Deutschland lassen sich offensichtlich davon abschrecken und (vielleicht?) sogar problematische Geschäfte mit Israel damit zu rechtfertigen. Bin ich nun ein Antisemit?
Zur Aussage im Artikel: «Wer Israelkritik übt, ist kein Antisemit. Wer aber Juden weltweit für Israel in Haftung nimmt, betreibt Abstammungshaftung.» Es ist Begrüssenswert, dass diese Erkenntnis plubliziert wird und nicht die Juden am Nahost-Desaster die Schuld haben, sondern die Politik, die von Regierungen ermöglicht und gesteuert wird.
Gunther Kropp, Basel
Auch in diesem Artikel verdreht Daniel Ryser wieder einiges. Beispiel: Es geht nicht um «historische Bringschuld», sondern um Zeitgenossen.
Daniel Ryser, Sie veröffentlichen nicht nur «bestimmte» Kommentare betreffend Israel nicht, sondern auch «bestimmte» Kommentare über die Problematik Wohnen (Dichte, Immissionen) nicht. Für mich ist dieses Zensurverhalten – vergleichbar etwa mit gendering, wokeness und LGBTQ – orientiert an Ideologie statt an Meinungsfreiheit.
Die Religionsgemeinschaft der Juden für das was in Palästina geschieht verantwortlich zu machen ist ebenso absurd, wie die Muslime kollektiv für den Terrorismus in die Verantwortung zu ziehen. Gerade die Interessenvertreter des Kolonialstaates Israel tun aber viel dafür, solche Differenzierung zu verwischen, indem sie konsequent behaupten im Namen des gesamten Judentums zu handeln.
In Palästina findet nicht, wie in anderen Konflikten, ein Bürgerkrieg zwischen zwei meist gut bewaffneten Herrschaftsklüngeln statt, sondern die gezielte ethnische Säuberung des Landes von seiner einheimischen Bevölkerung. Bei allem Leid für die Zivilbevölkerung sehe ich hier einen wesentlichen Unterschied.
Vertreibungen bis hin zur gezielten Anwendung von Hunger als Waffe, finden mit Unterstützung des sogenannten Westens statt, der Israel gleichzeitig auch die effizientesten aller Waffen zur Verfügung stellt. Etwas Mitverantwortung tragen, meiner Meinung nach, immer auch alle die dazu schweigen.
Das «Alte Testament» hat Texte, die Jahrhunderte vor Christus und vor dem Christentum Menschenrechte verkünden, die ganz modern anmuten, zum Beispiel im Heiligkeitsgesetz im Buch Levitikus (3. Buch Mose) heisst es: «Weise deinen Nächsten freimütig zurecht, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich ladest.» (Levitikus 19,17). Wenn ich schweige zum Unrecht, das im eigenen Land geschieht (bezüglich Israel gilt das auch für mich, gerade auch weil ich mich als Schweizer mit dem Land Israel verbunden fühle), darf ich nicht schweigen zum Unrecht, das dort unschuldigen Menschen im Gaza und im Westjordanland geschieht, sonst lade ich Schuld auf mich!
Lieber Herr Ryser, erklären Sie das doch bitte noch dem israelischen Staat, der sich ganz offiziell als der «jüdische Staat» definiert. Ein Satz wie «ausgerechnet die Juden, die den Holocaust erlebt haben, machen nun dasselbe» ist doch absolut korrekt. Genau so kann man von «den Deutschen» oder «den Schweizern» sprechen, auch wenn natürlich nie alle gemeint sind.