Schlechter Chirurg? Schlechtes System!
Red. – Die «Akademie Menschenmedizin» (AMM) ist ein unabhängiger Verein, der sich für ein menschengerechtes, solidarisches und bezahlbares Gesundheitswesen einsetzt. Ihr jüngster Newsletter fordert die AMM Konsequenzen aus dem Fall des Zürcher Herzchirurgen Maisano. Infosperber veröffentlicht eine leicht gekürzte Fassung.
_____________________
Ein aufstrebender Chirurg wird an eine renommierte Universitätsklinik berufen. Ihm eilt der Ruf eines Innovators und künftigen Stars voraus, der sein Fachgebiet mit spektakulären Entwicklungen revolutionieren könnte. Doch irgendwann fallen Unregelmässigkeiten auf, es kommt zu erhöhten Todesraten beim Einsatz eines von ihm entwickelten Medizinprodukts. Vorwürfe, seine Studienergebnisse seien geschönt bis manipuliert, werden erhoben – und auch begründet. Der Beschuldigte weist alles von sich, Spital und Uni verteidigen ihren Star mit allen Mitteln – nicht er muss gehen, sondern der Whistleblower. Erst als der Druck erdrückend wird, wird eine Untersuchung eingeleitet und die Trennung vollzogen.
Bis auf das Fachgebiet und die Liebesgeschichte mit einer Journalistin könnte die Netflix-Serie «Bad Surgeon» nahezu eine Dokumentation des Zürcher Herzchirurgie-Skandals um Francesco Maisano sein. Sogar, dass der Hauptprotagonist Italiener mit Schweizer Bezug ist, passt. Die Serie ist im Übrigen nicht aus der Luft gegriffen. Der Protagonist, Paolo Macchiarini, wurde für die «bahnbrechende» Entwicklung von künstlichen Luftröhren bekannt, gefördert und berufen. Nur: Die eingesetzten Implantate funktionierten nicht und waren für viele Betroffene fatal.
Diese Parallelen deuten den entscheidenden Punkt bereits an: Der Fall Maisano ist kein isoliertes Phänomen, kein Einzelfall, so haarsträubend er auch ist – er steht für ein strukturelles Versagen. Medizinisch zu demselben Thema laufen aktuell Untersuchungen in Bern, Luzern und St. Gallen. Am Universitätsspital Zürich (USZ) selbst gab es praktisch parallel auch andere Vorwürfe gegen die Direktoren der Klinik für Gynäkologie und der Klink für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, sie hätten das System zu ihrem persönlichen Vorteil missbraucht.
Zuvorderst gelten unsere Gedanken den Betroffenen und ihren Angehörigen. Es ist ihnen zu wünschen, dass ihr Leid im Rahmen der juristischen Aufklärung auch formal anerkannt wird.
Auf analytischer Ebene gilt es dann, über den konkreten Fall hinaus zu denken: Die skandalösen Vorkommnisse um Francesco Maisano zeigen mehrere Missstände exemplarisch auf, die dringend behoben werden müssen.
Was also muss sich ändern an diesem System?
Folgende Leitfragen und Gedanken können helfen:
1. Wie und nach welchen Kriterien werden Chef- und Kaderärzt:innen angestellt? Hier braucht es klare Kriterien und Transparenz.
a) Besetzung der Auswahlgremien und Struktur der Auswahlverfahren
Wer selbst schon Teil solcher Wahlkommissionen war, weiss: Formal mögen verschiedene Gruppen einbezogen sein, entscheidend sind aber der oder die Vorsitzende und vielleicht noch ein bis zwei weitere Wortführende, von deren Meinungen der Rest sich häufig leicht überzeugen lässt.
Wer bestimmt über die Besetzung der Wahlkommission, insbesondere über den Vorsitz, und nach welchen Kriterien? Wie werden folgende Kriterien für eine Wahl eines Kandidat:innen gewichtet: Wissenschaftliche Leistung und Reputation, klinische Erfahrung, Führungsqualität, Soft Skills? Wer nimmt die Bewertung vor? Welche Referenzen werden eingeholt, von wem werden Assessments durchgeführt?
b) An den Universitätsspitälern muss Schluss sein mit der Doppelfunktion in Forschung und Klinik
Dass eine Person in der Lage ist, Forschung, Lehre, Klinik und die Führung eines Departements gleichermassen in höchster Qualität zu gewährleisten, ist sehr unwahrscheinlich angesichts der Bandbreite an geforderten Kompetenzen. Und doch setzt man genau das bisher einfach voraus. Schluss damit: Die fragwürdigen Doppelfunktionen – und Doppelhonorare – durch die Anstellung an Universität und Spital gehören abgeschafft. Ethische, menschliche und soziale Qualitäten müssen bei der Besetzung solcher Spitzenpositionen ein zentrales Kriterium sein – zum Wohle der Mitarbeitenden, der Patient:innen, von Spital und Universität.
2. Schluss mit falschen Anreizen und Interessenkonflikten: Fixlöhne einführen, Nebenverdienste begrenzen.
Finanzielle Anreize dürfen für eine Behandlungsentscheidung keine Rolle spielen. Dass Klinikleiter:innen Medizinprodukte im experimentellen Stadium einsetzen, an denen sie selbst mitverdienen, ist ein No-Go, das Problem geht aber darüber hinaus. Boni und private Zusatzeinnahmen für Kaderärzt:innen gehören abgeschafft. Es braucht nach oben begrenzte Fixlöhne, wie es mehrere Spitäler bereits erfolgreich praktizieren. Heikle monetäre Interessenbindungen und generell ethische Kriterien gehören bereits bei der Entscheidung für oder gegen eine Einstellung in den Fokus. Nebenverdienste gehören in einen Topf, der wieder ins Spital und damit ins öffentliche Gesundheitswesen einfliesst.
3. Verantwortung übernehmen darf keine leere Phrase sein.
Stossend am Skandal um die Zürcher Herzchirurgie ist auch, wie ein ganzes System dabei versagt hat, dem Klinikleiter Einhalt zu gebieten:
Der damalige CEO Gregor Zünd, selbst ehemaliger Herzchirurg, wird als eine der treibenden Kräfte hinter der Entscheidung zur Berufung Maisanos gesehen. Warum handelte er nicht, als die Vorwürfe sich erhärteten? Warum behauptete er so lange fälschlicherweise, von den problematischen Entwicklungen nichts gewusst zu haben?
Der damalige ärztliche Direktor des USZ, Jürg Hodler, gehört ebenfalls zu den Hauptverantwortlichen. Konsequenzen für ihn aus dem Fall sind keine bekannt. Schwer nachvollziehbar ist, dass Hodler Ende 2025 eigens aus der Pensionierung zurückgeholt wurde, um (wenn auch ad interim) Chef der Rechtsmedizin an der Uni Zürich zu werden. Dass ausgerechnet ein in einen Skandal um (mindestens) 70 vermeidbare Todesfälle Mitverantwortlicher nun für die Untersuchung aussergewöhnlicher Todesfälle zuständig sein soll, ist unfassbar. Wie soll so eine Kultur des Vertrauens entstehen? Und wenn solcherlei selbst unter massiv erhöhter öffentlicher Aufmerksamkeit passiert: Wie sieht es erst aus, wenn niemand hinsieht?
Neben dem USZ wird die Rolle der Universität (UZH) bisher zu wenig beleuchtet. Auch Beatrice Beck-Schimmer, Direktorin universitäre Medizin, und Dekan Frank Rühli tragen grosse Mitverantwortung für die Wahl von Maisano. Sie müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie klinische Fähigkeiten, Soft Skills und Führungskompetenz gegenüber den wissenschaftlichen Angaben Maisanos und dem erhofften Renommee für die UZH zu wenig stark gewichteten.
Weiter bleiben folgende Fragen offen:
- Wer hat von unrechtmässigen Beteiligungen finanziell profitiert? Um welche Summen handelt es sich? Hat beispielsweise die USZ-Foundation Gelder von Firmen bekommen, bei denen Maisano involviert war? Was wurde damit finanziert?
- Wer hat indirekt von den Zuständen profitiert und sie durch Wegschauen ermöglicht?War die Ethikkommission über Maisanos Forschungsvorhaben informiert oder wurde sie übergangen? Falls sie involviert war, wie hat sie das Forschungsvorhaben beurteilt und eingestuft?
- Wie kam das fragwürdige Gutachten der Kanzlei Walder Wyss zustande, das dem Spital bescheinigte, es seien keine Patient:innen zu Schaden gekommen? Welche Verantwortung übernimmt die Kanzlei für diese folgenschwere Aussage?
Auch die Politik hat kein Ruhmesblatt abgegeben und tut sich teilweise bis heute schwer, ihre Verantwortung zu sehen: Der ehemalige Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger war involviert. Seine Nachfolgerin Natalie Rickli versucht sich als Aufräumerin darzustellen, der aber die Hände gebunden gewesen seien. Das ist schwer nachvollziehbar, denn in jeder Sitzung des USZ-Spitalrats sitzt eine Vertretung der Gesundheitsdirektion.
Grosse Teile des Zürcher Kantonsrats waren offensichtlich ebenfalls geblendet vom Starkult um Maisano. In der Ratssitzung nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts vom 29. April war von den Parlamentarier:innen berechtigter Dank an die Investigativjournalisten des «Tages-Anzeigers» zu vernehmen, die massgeblich zur Aufklärung des Falls beigetragen hatten. Das sah 2021 noch ganz anders aus: Damals kam von den Bänken eine regelrechte Medienschelte.
Immerhin: Sechs Jahre nach Francesco Maisanos Entlassung gibt es glaubwürdige Anzeichen für einen Kulturwandel. Wie die USZ-Spitze mit CEO Monika Jänicke und Spitalratspräsident André Zemp den Fall aufgearbeitet und die Ergebnisse kommuniziert hat, verdient Respekt. Die inakzeptablen Vorkommisse und das Leiden der Betroffenen werden anerkannt, auch das Führungsversagen öffentlich benannt. Auch Maisanos Nachfolgern Paul Vogt und Thierry Carrel gebührt ein Teil der Anerkennung für diesen Prozess. Wenn die Zusagen der Spitalleitung zur vollständigen Aufarbeitung des Falls und zu nötigen strukturellen Anpassungen eingelöst werden, bestehen realistische Aussichten auf eine nachhaltige Entwicklung der Spitalkultur weg vom «Haifischbecken» zu einer Institution, in der Forschung und Renommee durch den Kernauftrag eines jeden Spitals begrenzt werden: das Bestmögliche für die Gesundung der Patient:innen zu tun.
4. Es braucht einen neuen und verbindlichen Verhaltenskodex – und eine unabhängige Meldestelle als Frühwarnsystem.
Was es dafür ganz sicher braucht, ist ein verbindlicher Code of Conduct, wie ihn die AMM fordert. Das Gesundheitswesen gehört uns allen. Niemand darf sich bereichern, das System ausnützen, seine Macht missbrauchen. Dazu gehört auch die Verantwortung der Mitarbeitenden. Mit Hannah Arendt gesprochen: Sie haben kein Recht zu gehorchen, kein Recht zu schweigen, wenn sie Fehlverhalten bemerken. Kulturänderung im Gesundheitswesen geht nur, wenn die, die um Missstände wissen, sie melden.
Es darf aber auch nicht sein, dass Abhängigkeiten und fehlende Meldemöglichkeiten frühzeitige und konsequente Aufklärung verhindern: Der Fall Maisano zeigt überdeutlich, dass es eine unabhängige Stelle braucht, bei der Missbräuche gemeldet werden können – durch Patient:innen, aber auch durch Spitalangestellte oder wer immer konkrete Hinweise auf medizinisches oder strukturelles Fehlverhalten hat.
Eine unabhängige, auf das Gesundheitswesen spezialisierte Ombudsstelle (oder auch: Melde- und Triagestelle, wie sie der Zürcher Kantonsrat gerade debattiert), die Patient:innen und Gesundheitsfachpersonen gleichermassen zur Verfügung steht, ist ein unverzichtbares Element dafür, solche Missbräuche in Zukunft zu verhindern. Die AMM fordert eine solche Stelle schon seit 2020, zum Beispiel auch in diesem Artikel, der vor fast genau sechs Jahren erschienen ist (im PDF auf der zweiten Seite rechts). Es ist dem Kanton Zürich zu wünschen, dass er die Melde- und Triagestelle umsetzt – ausgestattet mit den nötigen Mitteln und Kompetenzen. Dies hätte eine Signal- und Vorbildwirkung für das gesamte Schweizer Gesundheitssystem. Wir fordern, dass die Triagestelle aus einem interprofessionellen Team besteht, mit Vertretungen aus Ärzteschaft, Pflege, Therapien, Psychologie und Management. Es sollen unabhängige Fachpersonen vertreten sein, die sich ausgewiesen haben durch fachlich und ethisch vorbildliches Verhalten sowie für ein Engagement für das Gesundheitswesen als Ganzes.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...