Kommentar

kontertext: Staub – Lob eines Unscheinbaren (2)

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Körperhaft nah und ätherisch fern, omnipräsent und doch kaum zu fassen, ist Staub ein steter, unheimlicher Begleiter des Lebens.

Erst neulich wieder im Halbdunkel des Zimmers hat er zartlockig aus einer Ecke geschaut wie ein Weggefährte, der plötzlich nicht mehr zu übersehen ist: «Willkommen zurück», schien er zu sagen, «lange nicht gesehen. Unters Bett schaut ja nur, wer Geister fürchtet.»

In allen Lebensaltern ist mir immer wieder aufgefallen, wie er dalag, alterslos, und sich ohne eigenes Zutun mehrte. Schon früh habe ich ihn «Brüderchen Grau» getauft. Wo immer ich ihn entdeckte, war er schon länger da. Das Auge bestimmte den Moment des Erscheinens, wenn auf einmal die Staubblindheit von mir abliess. Das wirkte so, als sähe mich aus dem Grau etwas Ewiges an.

Aber warum ist dieses jähe Hervortreten so unheimlich: Weil er immer vom selben zeugt, Auflösung und Zerfall? Mal für Mal habe ich mir solche Fragen gestellt und versucht, die Nähe des Kosmischen aus seinem Grau zu lesen – doch stets wurde dieser Wunsch übertönt von den Tagesgeschäften.

Ist er so unscheinbar, wie er scheint?

Wer hat schon ein Verhältnis zum Staub. Behaupten wird das von sich mancher, aber ist es nicht mehr ein Drüber-Hinweggehen, ein Bezug des Duldens, der Hygiene und der Ignoranz? Auch ich habe ihn die meiste Zeit aus dem Kreis meiner Aufmerksamkeit verbannt; ich habe eine Nichtbeziehung gepflegt, um den Dringlichkeiten und Zwängen meines Lebens zu folgen.

Wie soll er nun zur Instanz werden, wenn ihm die greifbare Form fehlt? Bald liegt er verstreut auf Oberflächen, bald treibt er als Schwade vorbei, dreht Kringel zwischen Tischbeinen oder dringt in Verschalungen ein, körperhaft nah wie ätherisch fern.

Wenn er also für nichts steht als für sich selbst, wie soll dann meine Rede der Tautologie entgehen: «Staub ist Staub»? Wie will ich da seiner habhaft werden und einen Begriff von ihm bekommen? Schon die Absicht mutet befremdlich an.

Kein Staat zu machen

Besitzverhältnisse tangieren ihn nicht. Wo noch mit dem Geringsten gehandelt wird, Kies, Abfall, Erden, Wasser und wohl bald auch Luft, ist er weder verkäuflich noch zu erwerben. Nur die alten Römer ha­ben eine Ausnahme gemacht: Feinster Staubsand aus Ägypten schuf eine perfekte Unterlage für die Ringer, und er machte ihre geölten Glieder griffig. Da wurde er zur Handelsware und von weit herange­schafft.

Wo bleibt sein Mehrwert, wo seine Notierung am Markt? Wer auf Lössböden Getreide anbaut, profitiert von ihm, ebenso, wer ihn Flüssigkeiten zusetzt, um Giftstoffe zu binden. Als Pigment ist er Träger von Farbtönen, kostbar mitunter, wie die Kaiserfarbe Purpur zeigt. Wer Beuteltee trinkt, nimmt auf, was Blattstaub ans Wasser ab­gibt. Doch in seiner gängigen Form erscheint er wertlos, gehört er allen und niemandem. Er besiedelt eine diffuse Transitzone zwischen Luftraum und Boden, da kommt und geht er nach Belieben, lässt sich aufwirbeln, sinkt ab und mehrt sich auf Flächen. So denkt niemand ernsthaft daran, die Dividende der Entropie abzuschöpfen, die er ste­tig anfallen lässt, da alle Körper mit der Zeit in immer kleinere, chao­tischer angeordnete Teile zerfallen.

Ja, als Kind bin auch ich ihm begegnet – da war er eines von vielen Rätseln. In der Lichtbahn habe ich den Fusseln beim Schweben zu­geschaut. Unter dem Tisch habe ich nach der Fluse gelangt und ver­sucht, sie um den Finger zu drehen wie nachts das aufgelöste Mut­terhaar. Aber das hat man mir ausgetrieben. Er sei unrein und nur ein Versehen, wo er sichtbar werde – ein Versehen, auf das kein Fin­ger zeigen solle. So wurde mein Nachfragen abgetan.

Mit anderem war mehr Staat zu machen. Brüderchen Grau zählte nicht zu den ungebetenen Gästen, über die länger gesprochen wird, nachdem man sie losgeworden ist: «Aus den Augen, aus dem Sinn.» Also habe auch ich mir angewöhnt, ihn zu übergehen, statt deutend über ihm zu verharren – und muss mich nun fragen: Welches Ver­hältnis hast du zu ihm, vielmehr: Hast du eines?

In der Wiege und über dem Grab

Wenn, dann müsste es eines der Scham sein, gründend auf den Rein­lichkeitsregeln der Kinderjahre. An einigen Stellen wirken sie noch, hinter den Ohren etwa oder auf selten getragenen Schuhen. Da kann sich bis heute eine Staubverlegenheit ergeben, nachdem ich eilig das Haus verlassen habe, um dann – in Gesellschaft – zu bemerken, dass feines Gesprenkel auf dem Leder von meinem Lebenswandel zeugt.

Auf den Staub wartet ja keiner, er kommt von selbst. Die Zeit arbeitet für ihn, nicht für mich. Versäume ich es, ihn zu verscheuchen, wird er durch Anwesenheit von meinem Laisser-faire künden, ohne selber aktiv zu sein. Er trägt ja zu seiner Verbreitung nichts bei, überlässt sich nur den Bewegungen der Luft.

Als Kind hat diese Ungebundenheit mich fasziniert. Bis heute fehlt mir eine Vorstellung von ihm als ganzem. Wo beginnt sein Reich, wo endet es? Endet es überhaupt? Oder fängt es an jeder Stelle neu an?

Immerhin kennt niemand den Ort, wo er fehlt. Er liegt in Wiegen und schwebt über dem Grab, er beschneit den Trauerflor und wirft Anflü­ge von Dunkel auf die weissen Roben der Firmkinder. Selbst in den Reinräumen der Chipfertigung treibt er sich herum – als Haut-Abrieb unter Schutzanzügen. Kein Blick fasst seine verstreute Totalität, kein Radar ortet seine Geschwader. Immer nur Teilmengen zeigt er von sich, doch das grosse Heer seiner Partikel bleibt inkognito.

Scheinbar abwesend

Soll ich mir nun Sisyphos als Partikeljäger denken, mit Schläuchen bewaffnet im Bückling vor Schränken und Kommoden? Als groteske Figur, die das Ungreifbare fassen will, versucht der Sturkopf Woche für Woche, etwas Unsichtbares aus seinen Räumen zu vertreiben. Da­bei verneigt er sich tief vor seinem Gegner – einem Gespenst.

Wer behauptet, mit dem Staub auf Du und Du zu sein, müsste sich weitere Fragen gefallen lassen: Ist es nur, dass du ihn unbemerkt um dich weisst? Wie und woher fühlst du dich mit ihm verbunden, dem scheinbar Abwesenden in deiner aufgeräumten Welt? Unterscheidest du nach Arten?

Ja, das lässt sich machen. In Städten fällt er üppiger an, das Mass ist früher voll, der Anflug auf hellen Flächen dunkler – so sinkt er ins Graubild ein. Auf dem Land, wo er aus Scheunen und Äckern weht, ist er erdbraun mit Einwürfen von Stroh- und Ährengelb. Fast zit­risch mutet seine Farbe an, wenn Nadelbäume ihre Pollensaat ver­schleu­dern. Doch auf seinen weiteren Wanderschaften kommt so lange Russ hinzu, bis doch wieder das alte Taubengrau, die Farbe der Vermischung, sich zeigt.

Auch zwischen den Epochen wechselt er den Teint: Bevor der Mensch das Feuer zähmte, muss er deutlich heller gewesen sein. Neuerdings zeigt er einen markanten Zuwachs an synthetischen Stoffen, die las­sen ihn bunter erscheinen: In seinen Gewöllen steigt der Kunstfaser- und Mikroplastik-Anteil.

Der grosse Adabei

Es gibt also Varietäten und nicht das eine, grosse Staubkontinuum von der Stunde Null bis zum Untergang. Mit diesem Befund hat sich die Expertise des selbsternannten Kenners schon beinahe erschöpft.

Also beginne ich nachzufragen. Wissen vielleicht andere mehr?

Die meisten wundern sich über mein Interesse, googeln oder ziehen Kompendien hervor, bleiben aber einsilbig, was ihre private Kohabi­tation mit diesem geborenen Migranten angeht. Ihr Gedächtnis för­dert zutage, was um den Staub war, wo er sich zeigte und wann – die Umstände, doch nicht ihn selbst, den Adabei.

So steht als erstes Fazit meiner Enquête fest, dass ich ein Laie bin. Möchte Brüderchen Grau vielleicht ein Fremdling bleiben? – Wenn schon, müsste ich mich in der Fachwelt kundig machen. Aber will ich wirklich an jene letzten Dinge rühren, die in seinem Grau schlum­mern sollen, den Schöpfungsmythen zufolge?

Vielleicht tue ich gut daran, nicht den Versteher zu mimen und ihn zu lassen, wo er ist: der grosse Gelassene, unbehelligt in seinem ur­eigenen Reich. Als wollten seine Geheimnisse mehr umkreist als allzu konzise beschrieben sein.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Michel Mettler

Michel Mettler, geb. 1966, lebt als freiberuflicher Autor und Herausgeber in Klingnau. Er interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlich (Suhrkamp 2020).

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