Kommentar

Freiburger Nachrichten: «Die Weltbevölkerung schrumpft»  

Christoph Schütz © zvg

Christoph Schütz /  Neben den Pro- und Kontrakomitees zur Nachhaltigkeitsinitiative verbreiten auch angeblich seriöse Medien schamlos Fake News.

Wer mitten im Abstimmungskampf zur 10-Millionen-Schweiz die Schlagzeile liest, dass die Weltbevölkerung schrumpfe, mag denken: Wenn die Bevölkerung aktuell weltweit schon rückläufig ist, weshalb braucht es dann bei uns noch diese Nachhaltigkeitsinitiative, die einem Bevölkerungswachstum einen Riegel schieben will?

Freiburger Nachrichten Screenshot
Falscher Titel und irreführende Bildlegenden zum angeblichen Rückgang der Weltbevölkerung.

Wer nach dem Titel den langen Artikel, illustriert mit Bildern von Geisterstädten aus Japan und Georgien, nicht weiterlas, ging Fake News erster Klasse auf den Leim. Denn von Schrumpfung kann keine Rede sein. Letztes Jahr wuchs die Weltbevölkerung um 86 Millionen, das entspricht in etwa der Gesamtbevölkerung der Türkei oder Deutschlands. Dieses Jahr wird sie voraussichtlich um weitere 69 Millionen zulegen, was der Bevölkerung von Frankreich entspricht. Und bis ins Jahr 2071 prognostizieren die Vereinten Nationen eine Zunahme von zwei Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Das wären dann zusätzlich noch etwa sechs Mal die heutige Bevölkerung der USA.

Der gleiche Fehler in elf Publikationen

Und ja: Gemäss denselben UN-Prognosen sollte die Weltbevölkerung dann ab dem Jahr 2085 tatsächlich abnehmen. Mit anderen Worten: Der im Präsens formulierte Titel «Die Weltbevölkerung schrumpft», kommt schlicht und einfach 60 Jahre zu früh und hat in Medien, die stets behaupten, der Leserschaft Fakten statt Fake News zu bieten, nichts verloren. Getäuscht wurde dabei nicht nur die Leserschaft der «Freiburger Nachrichten». Der faktenwidrige Titel wurde flächendeckend über die ganze Deutschschweiz inklusive Liechtenstein in mindestens zehn weiteren Zeitungen mit einer Leserschaft von rund 200‘000 (gemäss Wemf-Zahlen) verbreitet: «Aargauer Zeitung», «Appenzeller Zeitung», «bz Basel», «Grenchner Tagblatt», «Limmattaler Zeitung», «Oltner Tagblatt», «Solothurner Zeitung», «Vaterland» (Liechtenstein), «Zofinger Tagblatt» und «Zuger Zeitung».

Die Verantwortung für diese Fehlinformation trägt nicht der Autor des Artikels, der deutsche Journalist Adrian Lobe, sondern in erster Linie die CH-Media-Redaktion, die diesen Titel in Eigenregie gesetzt hat. Ebenso verantwortlich sind die Chefredaktoren sämtlicher Zeitungen, die ihn ohne mit der Wimper zu zucken übernommen haben. Es fällt einem schwer sich vorzustellen, dass auf diesen elf Redaktionen niemand weiss, dass die Weltbevölkerung aktuell weiterhin wächst und nicht schrumpft.

Weltbevölkerung Projektion bis 2100
Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung noch jahrzehntelang wächst.

Der Artikel selbst bietet viel Wissenswertes zur demografischen Entwicklung, fokussiert aber primär auf die sinkenden Geburtenraten in Europa und den Rückgang der Bevölkerung in China. Das weiterhin rasante Wachstum in Afrika, das den realen Rückgang in einzelnen Staaten überkompensiert, wird in einem Nebensatz erwähnt. Und die nicht unwesentliche Information, dass bei uns zwar die Geburtenrate auch sinkt, diese jedoch durch die Nettozuwanderung ebenfalls überkompensiert wird, findet man nirgends.

Lobe warnt vielmehr, viele Länder hätten schon heute ihren Bevölkerungshöchststand erreicht und schreibt «die Folgen des demografischen Wandels sind schon jetzt sichtbar: leerstehende Schulen und Kitas, verwaiste Spielplätze, volle Pflegeheime». Mag sein, aber mit der Schweiz im Jahr 2026 hat das alles nichts zu tun. Vielmehr nähren diese Zeilen den Verdacht, dass die Medien, die den Artikel übernommen haben, ihn zielorientiert für Abstimmungspropaganda eingesetzt haben.

Verlassene Häuser sollen Bevölkerungsschwund zeigen

Dasselbe gilt für die zwei Fotografien, die den Artikel illustrieren, sowie für die Bildlegenden: Das Aufmacherbild stammt aus Japan und zeigt von Natur überwachsene Häuser, die an Franz Hohlers Erzählung «Die Rückeroberung» erinnern. In der Legende steht, «aufgrund des Bevölkerungsschwunds» gebe es in Japan über neun Millionen leerstehende Häuser. Das ist zumindest irreführend, denn zu diesen neun Millionen gehören gemäss der Studie, auf welche sich der Autor vermutlich gestützt hat, auch Ferienhäuser, also Zweitwohnsitze und Häuser auf dem Immobilienmarkt. Wirklich verlassene Immobilien, wie die im Bild gezeigten, die weder zur Miete noch zum Verkauf stehen, führt die Studie mit 3,9 Millionen auf, das sind weniger als die Hälfte.

Die Bergbausiedlung Akarmara in Georgien: Sie wurde verlassen, weil sie im Bürgerkrieg fast vollständig zerstört worden ist.

Das zweite Bild zeigt die ehemalige Bergbausiedlung Akarmara (nicht Akarama, wie in der Bildlegende steht) nahe der georgischen Stadt Tqwartscheli. Verlassen wurde sie nicht aufgrund eines allgemeinen Bevölkerungsrückgangs, sondern weil sie im Bürgerkrieg anfangs der 90er Jahre fast vollständig zerstört worden ist. 

Journalistische Medien können im Vorfeld einer Abstimmung auf legitime Weise mit Leitartikeln und Kommentaren  auf die Meinungsbildung von Stimmberechtigten einwirken, das ist ihr gutes Recht. So hat denn auch Marc Lehmann, der Redaktionsleiter der «Freiburger Nachrichten» zwei Tage nach Erscheinen des Artikels seiner Leserschaft mit einem Leitartikel nahegelegt, zur SVP-Initiative ein «Nein» in die Urne zu legen.

Die selbsternannten Qualitätsmedien, die gebetsmühlenartig verkünden, sie würden sich dank faktenbasierter Berichterstattung von Social Media abgrenzen, sollten jedoch nicht einen Artikel eines Journalisten faktenwidrig betiteln und ihn mit unpassenden Bildern und unzutreffenden Bildlegenden emotional aufladen, wie das hier geschehen ist. Das ist eine schlechte Idee in Zeiten, wo es dank dem Bevölkerungswachstum – was der Titel des Artikels auch suggeriert – eigentlich noch genügend gute geben sollte.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Christoph Schütz betreibt ein Atelier für visuelle Kommunikation, hat in Freiburg Medienwissenschaften studiert und publiziert zu urheber- und medienrechtlichen Themen.
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