Spekulation stürzt Entwicklungsländer in tiefe Krisen
«Spekulative Kapitalströme, die ungebremst um den Globus jagten, haben in den vergangenen Jahrzehnten ganze Kontinente in tiefe Krisen gestürzt.» «Die entfesselten Finanzmärkte haben mehr Verwüstung als Fortschritt verursacht». Unerbittlich urteilt Patrick Kaczmarczyk in seinem Buch «Zerfall der Weltordnung» über das Wirken der globalen Finanzmärkte. Doch der Verdacht, dass der Ökonom eine ideologisch radikale Streitschrift vorlegt, trifft nicht zu. Seine Kritik gründet auf faktenfundierter Analyse.
Der Autor legt offen, wie die Finanzmärkte agieren und reagieren, wie sich die Devisenmärkte seit der globalen Liberalisierung nach Ende des Bretton Woods-Systems der Nachkriegszeit von der Realwirtschaft entkoppelt haben und schon nach drei Tagen die Summe des weltweiten Handelsvolumens übersteigen, wie wirtschaftliche Entwicklungen und Verwerfungen im globalen Norden die Länder im globalen Süden beschädigen.
Von Zinsendifferenzen und Spekulation
Scheinbar unspektakulär geschieht es. Es geht um Zinsdifferenzen und Währungshierarchien zwischen den Ländern. Wie die Akteure auf den Finanzmärkten damit umgehen. Das mag nach selbstverständlicher makroökonomischer Mechanik aussehen. Doch die Lektüre des Buches macht klar. Es geht um Riesengewinne und Riesenverluste.
Konkret: In den Ländern des Globalen Südens liegt das Zinsniveau meist höher als im reichen Norden. Nicht überraschend geschieht, was die Lehrbuch-Ökonomie verheisst: In den reichen Ländern günstig mobilisierendes Kapital wandert in die armen Länder, wo Kapital knapp und folglich teuer ist. Das bietet attraktive Anlagechancen. Die Spekulanten lassen sich nicht lange bitten, stellt Kaczmarczyk fest.
Je grösser die Zins- und folglich die Gewinndifferenzen zwischen den Ländern sind, umso mehr ziehen sie die Spekulation an. Hohe Erträge locken. Noch mehr liegt drin, wenn der Kapitalstrom stark anschwillt und so die Währung im Zielland aufwertet. Zum Zinsgewinn gesellt sich ein Kursgewinn. Die Aufwertung schwächt dann zwar die dortige Realwirtschaft, doch das kümmert den ausländischen Anleger zumindest kurzfristig nicht. Er muss nur schnell zum Rückzug bereit sein, um schnellen Gewinn zu realisieren. Darin ist sich die Spekulation geübt.
Umso grösser ist der Schaden, den ausländische Anleger in Ländern des globalen Südens oft anrichten. Unter der Aufwertung der Währung leidet ihre Wettbewerbsfähigkeit. Exporte verteuern sich, Importe werden günstiger. Es kriselt, Kapitalabflüsse beschleunigen sich. Auf die Aufwertung der Währung folgt ein Absturz. Auslandsschulden zu bedienen wird schwierig. Überschuldung ist die Folge und nicht selten Zahlungsunfähigkeit.
Gefangen in einem Teufelskreis
«Dysfunktionale Strukturen» nennt es Kaczmarczyk. Währungshierarchien verfestigen die Ungleichheit zwischen Nord und Süd. An der Spitze der Pyramide steht der US-Dollar. Abgeschlagen zu unterst befinden sich die Währungen der Entwicklungs- und Schwellenländer. Sie sind unsicher, volatil und wenig liquide. Sie werden kaum als Zahlungsmittel akzeptiert und schon gar nicht als Wertaufbewahrungsmittel, was zu hohen Risikoprämien führt.
Kaczmarczyk sieht die Länder des globalen Südens in einem Teufelskreis gefangen: Sie «stehen permanent unter Druck, die heimische Währung über hohe Zinsen zu stabilisieren. Gleichzeitig macht die Abhängigkeit von kurzfristigem spekulativem Kapital die Volkswirtschaften anfällig für externe Schocks». Ein plötzlicher Stimmungsumschwung auf den internationalen Finanzmärkten reicht aus, eine Finanz- und Währungskrise auszulösen. Es bedeutet – so Kaczmarczyk – dass die wirtschaftliche Steuerung «de facto von den Zentralbanken im Norden – allen voran von der US-Notenbank – bestimmt wird.
Finanzfluss von Süd nach Nord
Was nach trockener Lektion in Makroökonomie tönen mag, erweist sich als Schuldendrama: «Netto zahlten die Entwicklungsländer im Jahr 2023 insgesamt 847 Milliarden US-Dollar an Zinsen. Die Zinssätze auf den internationalen Finanzmärkten waren für sie doppelt bis vierfach so hoch wie in den USA und sechs- bis zwölfmal so hoch wie für Deutschland.»
Die Folgen sind dramatisch. Zuerst für die staatlichen Haushalte: «54 Länder, von denen nahezu die Hälfte aus Afrika kommt, mussten über 10 Prozent ihrer Budgets für Zinszahlungen aufwenden. Noch gravierender trifft es die Menschen in den stark verschuldeten Ländern: «Ungefähr 3,3 Milliarden Menschen – und damit mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung – leben in Ländern, in denen der Staat mehr Geld für Zinsen als für Bildung und Gesundheit ausgibt.»
«Die Entwicklungshilfe ist weder Problem noch die Lösung»
Was vermögen da die Gelder der Entwicklungshilfe? Der Autor sieht sie in mancher Hinsicht kritisch, bezeichnet sie aber als zweifellos besser als die teuren Alternativen auf dem Kapitalmarkt. Doch sie seien «kein geeigneter Hebel, um die enormen Kosten auszugleichen, die sich für die Entwicklungsländer durch die Dysfunktionalität der Kapitalmärkte ergeben.» Die Bilanz fällt tiefrot aus: «Für 2022 standen den 211 Milliarden US-Dollar, die die reichen Staaten als Entwicklungshilfe leisteten, insgesamt 443,5 Milliarden US-Dollar an Schuldendienstzahlungen gegenüber, die die Entwicklungsländer an die ausländischen Kreditgeber für die Bedienung ihrer öffentlichen Schulden aufbringen mussten.» Die Abflüsse übertreffen die Zuflüsse um mehr als das Doppelte.
Um den globalen Süden aus dem Teufelskreis herauszuführen fordert Kaczmarczyk eine neue Weltordnung. Die Länder des Globalen Südens bräuchten mehr finanzpolitischen Spielraum; nötig seien Eingriffe in die internationalen Kapitalmärkte wie einst im Bretton-Woods-System nach dem zweiten Weltkrieg, Massnahmen gegen spekulative Kapitalflüsse, gegen Steuervermeidungspraktiken und vieles mehr. Doch wie stehen die Chancen zur Umsetzung? Der Autor gibt sich keinen Illusionen hin, warnt aber zugleich: Auf den eigenen Vorteilen beharren und sich Reformen zu verweigern, könne sich als kurzsichtig erweisen. «Die Ordnung der Nachkriegszeit droht uns vollends um die Ohren zu fliegen».
«Zerfall der Weltordnung»

«Warum gelingt es den Entwicklungsländern bis heute nicht, sich wirtschaftspolitisch zu emanzipieren, sich wenigstens teilweise abzukoppeln oder gar voll und ganz eigene Wege zu gehen?» So umschreibt Heiner Flassbeck, ehemaliger Chefökonom der Uno Organisation für Handel und Entwicklung Unctad, im Vorwort die Leitfrage des Buches «Zerfall der Weltordnung, Die Ignoranz des Westens und der Aufstand des Globalen Südens» von Patrick Kaczmarczyk. Der Autor analysiert auf 223 Seiten die globale Armut, fragt, «sind wir die Samariter der Welt?», kritisiert den «Dienst am Mammon», beschreibt die «Krise als Normalzustand» und schlägt «Grundzüge einer neuen Weltordnung» vor. Im Kapitel «Krise als Normalzustand» beschreibt er anhand der Länder Argentinien, Haiti, Kenia, Pakistan und Simbabwe exemplarisch, wie sich über lange Zeiträume Abhängigkeiten verfestigten statt reduzierten.
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Heiner Flassbeck, Patrick Kaczmarczyk: Zerfall der Weltordnung. Westend Verlag 2026, ca. 23 Franken (als Taschenbuch)
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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