Kommentar
kontertext: Staub – kaum etwas, mehr als nichts (1)
Er lagert unter der Kommode und im Kissen. Zwischen Tischbeinen plustert er sich auf. Ich atme ihn ein, kehre ihn zusammen, blase ihn vom Schnitt der Bücher. Meine Schritte wirbeln ihn auf. Er nährt sich von allem, was abfällt von mir. Er zeugt ebenso von meiner privaten Hygiene wie von der Frühzeit des Sonnensystems. Über dem Horizont färbt er den Abendhimmel rot, im Sternbild Orion bildet er eine Dunkelwolke in Gestalt eines Pferdekopfs. Wenn Winde über der Sahara ihn verfrachten, düngt er das ozeanische Leben im grossen Stil. Er bestäubt Blüten, beherbergt Mikroorganismen und streut das Licht, so dass ich auch im Schatten etwas sehen kann. Schenke ich Schaumwein aus, lässt er im Glas die Perlage entstehen: Mikroskopisch kleine Teilchen bilden Kondensationspunkte für Kohlensäurebläschen. Fehlte der Staub in der Atmosphäre, wäre an Sonnentagen der Himmel ein schwarz-violetter Baldachin, aus dem kalt und ohne jede Milde das Licht zur Erde herabstürzte. Ohne sein Zutun gäbe es auch keinen Niederschlag, den die Vegetation nicht entbehren kann – Wasserdampf braucht kleine, fein verteilte Partikel, um in der Luft Regentropfen zu bilden.
Ein blosses Stubengeschöpf ist er also nicht, Inbegriff der Weltenbummlerei vielmehr. Doch auch warten kann er mit einer Engelsgeduld. Als Schwebestaat im All verkörpert er kosmisches Stehvermögen, als Mitbewohner hinter Mauern Zeit und Entropie. Inzwischen hat die Wissenschaft erwiesen, was schon in den heiligen Schriften steht: Menschliche Körper sind aus seiner Urform gefügt. Nach der Explosion von Himmelskörpern schwebte er als Sternenstaub heran, lange bevor der Sapiens ihm Namen gab, bunt gestreut zwischen weiblichen und männlichen Formen: la poussière, a poeira, the dust, el polvo, la polvere…
Im Grossen und im Kleinen
Die Rede ist also von einer Doppelnatur. Staub tanzt graziös in der Lichtbahn und ist doch ein Problemgast im Haus. Er ist Nomade und Sitzgott zu gleichen Teilen. Er stammt aus meiner Haut, von meinen Kleidern, aus der trockenen Erde, vom Sägewerk, aus Verbrennungsprozessen, Blüten und den Schloten aktiver Vulkane. Pausenlos beschäftigt er im menschlichen Körper die Schleimhäute und das Flimmerepithel. Im Freien vagabundiert er ziellos umher. Fehlt aber die Drift, mehrt er sich an Ort und Stelle – in seinen Partikeln unnahbar klein, doch unfassbar gross in seiner Verbreitung.
Nur die feinsten Waagennadeln regen sich unter ihm, häufte man aber seine sämtlichen Partikel auf, käme ein Weltgewicht zusammen. Und gelänge es einmal, ihn zum Erzähler zu machen (was die Forensik erfolgreich tut), entstünde ein Epos von Nähe und Ferne, eine Dialektik zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen von der Vorzeit bis in fernste Zukünfte hinaus. Was immer den Lebenden widerfahren mag, er bleibt.
Staub, mobile Materie, das scheinbar Unscheinbarste auf dieser Welt, ist ein immenses Archiv nicht nur der menschlichen, sondern auch der Naturgeschichte. In Bohrkernen aus dem ewigen Eis erzählt er von Wetter, Vegetation und grossen Bränden. Zugleich hilft er, Erzähltes festzuhalten und zu überliefern: Wenn dieser Text nicht auf Bildschirmen erschiene, wäre er buchstäblich mit Staub geschrieben, denn seit es Papier gibt, tut jede Schrifttechnik dasselbe: Sie bringt Pigmente auf eine neutrale Unterlage, um Zeichen haltbar zu machen. Gedrucktes und Geschriebenes besteht aus fixiertem Staub.
Ein nicht ungefährlicher Kulturfolger
In menschlichen Behausungen ist Staub nicht nur ein Champion der Aufplusterung, sondern auch ein Gefahrenherd. Er beherbergt Erreger und entlässt sie in die Luft. Doch nicht nur seine Fracht kann gefährlich werden, auch er selbst, wenn er ins Körperinnere dringt – je feiner er ist, desto bedrohlicher seine Wirkung auf den Organismus. Dies zeigen die Milzbrand auslösenden Anthraxsporen.
Feinstaub ist ein Kulturfolger. Die Industrialisierung befeuerte seine Konjunktur, der Gebrauch fossiler Brennstoffe hat ihn weiter vervielfältigt. Sein Werdegang ist «weitgehend eine Geschichte des Feuers», wie der Chemiker und Philosoph Jens Soentgen in seinem kundigen Portrait dieses Unentwegten[1] schreibt. Inzwischen sind die Dunsthauben über den Megacities aus dem All zu sehen – aus medizinischer Sicht ein eskalierendes Problem.
Der Schwebestaat
Allen, die den Klassismus beklagen, sei versichert: Er macht zwischen Hütten und Palästen keinen Unterschied. Als Meldeläufer des Zerfalls kann er auf jede Distinktion verzichten. Man mag ihn als graue Eminenz des Seins sehen, aber er lässt sich zwanglos in die Niederungen des Alltags herab, um mit Schmutz und Abschaum zu kohabitieren. Schon früh hat die Bibel ihn zum Symbol für Unreinheit und Niedergang erklärt. Dabei ist er nicht nur dort zu finden, wo die Dinge sich auflösen und enden, sondern ebenso am Beginn – auch diese Dichotomie hält das Buch der Bücher fest. In der Kinderstube des Kosmos, als alles wüst, leer und dunkel war, hat erste Materie sich an seinem Schwebestaat angelagert, um die allmähliche Verfestigung des Stofflichen in der Schwerelosigkeit zu proben – so lange, bis aus Körnern und Keimen Sterne und Galaxien geworden waren. Der Satz: «Aus Staub bist du, zu Staub wirst du» gilt für den Menschen wie für alle Materie.
Schwade und Korn
Von welch multiplem Schaden und Nutzen er sein kann, wurde hier nur in Grundzügen dargelegt. Fast packender scheint aber seine Unfassbarkeit: Kein taugliches Mass ist auf ihn geeicht. Was hat er auf der Waage oder im Messbecher verloren? Was wäre eine «Portion Staub»? Nur Milben würden danach fragen, weil sie sich von ihm ernähren.
Weil er bald so, bald so beschaffen ist, sind es auch die Begriffe, die ihn fassen sollen. «Schwade» und «Korn» sind Statthalter des Ungefähren. Ein Blick durchs Mikroskop zeigt fasrige, verästelte, runde, stachlige und gedellte Körper und dazwischen Kleinlebewesen. Soll ich eine Handvoll aus seiner Totale herausgreifen, eine Prise, ein Jota, ein Gran?
Er liegt als Schicht, dreht sich als Locke, zieht Fäden oder bauscht sich zur Fluse. Er wirbelt, treibt und wabert. Müsste er aber nicht eigentlich nur stieben?
Auch für sein Schweben findet sich kein einendes Wort: Schwade, Wolke, Nebel oder Schleier fassen je eine Eigenschaft, aber der Begriff, der all diese Zustände abdeckte, ist noch nicht erfunden. Und so wüsste ich nicht zu sagen, was seine genuine Erscheinungsform ist – die Wollmaus vielleicht?
Wenn Sonnenstrahlen schräg ins Zimmer fallen, ist vor dunklem Hintergrund sein Gefunkel zu sehen, doch der Eindruck von Stillstand täuscht: Der dienstälteste Migrant der Geschichte ist in seinen Wegen so wirr wie die Konvektionsströme, auf denen er reitet. Er zählt zum Unverfügbaren[2], taucht auf, verschwindet, düpiert Soll und Haben. Minimale Kräfte bewegen ihn. Obwohl an der Passivität, mit der er Zeiten überdauert und Strömungen folgt, etwas Buddhistisches ist, hat noch keine Lehre ihn erfolgreich vor ihren Karren gespannt.
Geist der Anarchie
Auch in der dinglichen Welt fällt es nicht leicht, ihn nutzbar zu machen. Als Pigment bringt er eine breite Palette von Farben hervor. In der Kriminalistik erlaubt er Rückschlüsse auf den Intimbereich des Lebens. Er düngt und bestäubt unverlangt und nach eigener Regel. Das Wimmeln seiner Partikel düpiert jede Vorhersage. Er lässt sich treiben, überfliegt Grenzen, durchdringt Filter. Er lebt den Geist der Anarchie.
Ja, er macht krank und bringt Parasiten ins Archiv. Ja, er stört elektrische Kontakte und verstopft Lüftungsschächte. Ja, im Buch der Prediger ist er Abgesandter des Todes und Vanitas-Motiv. Doch je länger ich ihn betrachte, diesen Himmelsmaler, Düngevirtuosen und Alveolenschreck, desto unnahbarer wirkt sein Grau, wenn ich mit unförmigen Saugvorrichtungen versuche, ihn aus meinem Lebenskreis zu verbannen.
[1] Soentgen, Jens, Staub. dtv, München 2022
[2] Rosa, Hartmut, Unverfügbarkeit. Suhrkamp 2020
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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