Bischöfe für Chur und Vaduz gesucht
Am letzten Mai-Sonntag lädt der Churer Bischof Joseph Bonnemain zu einem «Fest des Glaubens, der Begegnung und des Engagements» in die Zürcher Bahnhofshalle ein. Der mediengewandte Oberhirte scheut weder Aufwand noch Kosten, mit einem grossen «Begegnungstag» sich und sein Bistum am öffentlich-urbanen Brennpunkt zu präsentieren. Hat die seit Jahrzehnten problematischste Diözese der Schweiz Grund zum Feiern? Das Bistum scheint befriedet, das aktuelle Personal auf Linie. Doch die Spaltung im Klerus besteht weiter. Das Priesterseminar verzeichnet einen historischen Tiefstand an Kandidaten. Ebenso fehlt es an geeigneten Bischofskandidaten. Der Bischof selbst ist betagt.

Joseph Bonnemain wird am 26. Juli 78 Jahre alt. Im Prinzip ist seine Amtszeit bereits am 19. März abgelaufen. Rom hatte ihn im März 2021 für mindestens fünf Jahre zum Bischof ernannt. Er rechnet jedoch damit, noch bis zu seinem 80. Geburtstag, also noch gute zwei Jahre, im Amt zu bleiben. Wer wird dann dem aus Katalonien stammenden Opus-Dei-Bischof nachfolgen? Schon im letzten Sommer hatte Bonnemain in Rom einen oder zwei Weihbischöfe erbeten. Inzwischen hat Leo XIV. einen neuen Weihbischof für das Bistum Chur genehmigt. Auf Anfrage sagt Bonnemain, er halte es für möglich, dass der Papst einen Weihbischof bis im Sommer ernennen könnte. Dies aufgrund einer Dreierliste, die ihm Bonnemain unterbreitet hatte. Welche Kleriker kämen als Weihbischof in Frage? In der Regel sind Priester der Bistumsleitung die chancenreichsten: Die General- und Bischofsvikare, in zweiter Linie auch die 24 Domherren, die im Bistum Chur das Privileg haben, den Bischof aus einer römischen Dreierliste zu wählen, nicht aber den Weihbischof.
Der rätselhafte Aufsteiger
In der aktuellen Churer Bistumsleitung zieht ein von aussen kommender Priester mit steiler Blitzkarriere intern alle Blicke auf sich: Jochen Folz, ein Deutscher aus Friedrichshafen, 55 Jahre alt, offiziell wohnhaft in Liechtenstein. Bonnemain hatte den hierzulande unbekannten Kirchenmann 2023 überraschend zum Bischofsvikar für die kirchlichen Stiftungen und zum Moderator Curiae ernannt, also zur Nummer Zwei des Bistums. Am 7. Juni nun wird er den Priester vom Bodensee ebenso überraschend ins Churer Domkapitel aufnehmen. Was hat Bonnemain vor mit dem rätselhaften Aufsteiger? Soll er als effizienter Fachmann in Wirtschaftsrecht das Bistum auf tragende Füsse stellen? Wird er Churer Weihbischof oder später gar regulärer Bischof von Chur? Oder vielleicht Erzbischof von Vaduz?

Welche Funktion Folz auch immer übernimmt, man wird in ihm einen Ziehsohn der Reizfigur Wolfgang Haas sehen. Hatte sich doch der Deutsche nicht in seinem Heimatbistum zum Priester weihen lassen, sondern 2002 von Erzbischof Haas in Vaduz. Es zog ihn dann zurück nach Deutschland, wo er die Laufbahn eines Militärdekans einschlug, Militär-und Hochschulseelsorger der Bundeswehr wurde, an deren Universität in München Ethik dozierte und Seelsorge-Einsätze in Afghanistan oder im Kosovo versah. Insgesamt macht Dr. theol Jochen Folz, der in Chicago an einer päpstlichen Fakultät promoviert hat, weniger durch seine theologischen Positionen von sich reden, sondern durch sein Faible für Ehrungen und Luxus. Meist im grossen BMW unterwegs, ist der Priester mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr in Silber dekoriert und dem geistlichen Abzeichen des Deutschen Ordens, der in der Tradition der Ritterorden aus der Kreuzzugszeit steht.
Nur zwei Jahre Dompfarrer in Vaduz
Als Folz 2017 nach Liechtenstein zurückkehrte und von Erzbischof Wolfgang Haas am 3. Dezember zum neuen Dompfarrer eingesetzt wurde, war die Feier in der Kathedrale St. Florin an Prominenz bis hinauf zur Fürstenfamilie kaum zu überbieten. «Ich komme, um zu bleiben!», versprach er, liess alsbald das Pfarrhaus mit den edelsten Materialien renovieren, um sich nach nicht einmal zwei Jahren wieder zu verabschieden, offenbar im Streit mit Vorgesetzen und Mitarbeitern. Im Ländle absolvierte der Priester dann ein Studium für Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt Stiftungen und Gesellschaften, worauf ihn der Churer Bischof Bonnemain 2023 in seinen stark fluktuierenden engsten Mitarbeiterstab aufnahm. Als Nachfolger des früheren umstrittenen Martin Grichting ist er als Bischofsvikar für die kirchlichen Stiftungen im Bistum Chur zuständig, etwa für den St. Johannes-Stift, die Sir Oliver Duncan Stiftung oder Kapellstiftung St. Wendelin.
Renommierte Stiftungen, exklusive Immobilien
Auffallend ist jedoch, dass er auch im Ländle in zahlreichen, nicht-kirchlichen Stiftungen Einsitz hat und in Vaduz wohnhaft blieb – dank Beziehungen zu wohlhabenden alten Frauen stets an bester Adresse: Zunächst in einer Liegenschaft am Kartennaweg der Familie Hermann und Christel Wille, die ihn in den Stiftungsrat ihrer gemeinnützigen Stiftung Pro Pauperibus aufnahm. Dann bezog Folz eine Luxus-Wohnung im Active Energy Building der Familie Marxer. Die futuristische Prestigeimmobilie am Gerberweg sorgt in Architektenkreisen weltweit für Schlagzeilen und mischt das Stadtbild von Vaduz gehörig auf.
Gerade erst ist Folz in eine andere repräsentative Immobilie mitten in Vaduz umgezogen, in den letztes Jahr fertiggestellten Neubau Heiligkreuz 38. Eigentümerin ist die traditionsreiche Stiftung Fürstlicher Hofkaplan Alfons Feger. Den Stiftungsrat präsidiert seit kurzem Jochen Folz höchst persönlich. Zweites Mitglied ist Brigitta Feger, bisher die zentrale Figur der Stiftung und eine bekannte Anwältin und Treuhänderin im Ländle. Die 84-jährige Witwe hat Folz in zahlreiche andere Treuhandfirmen, Unternehmen und Stiftungen ebenfalls mit Sitz Heiligkreuz 38 gehievt – so in das Treuhandunternehmen Carefid Trust, in die Bauinvest Anstalt, in die Privilege Foundation mit Schwerpunkt «Betreiben von Fondsmanagement», oder in die renommierte gemeinnützige International Music and Art Foundation, in deren Stiftungsrat etwa die berühmte Kunstsammler-Familie Feilchenfeldt vertreten ist.
Ein Secondo im Banne von Fatima
Könnte Folz als Deutscher überhaupt (Weih-)Bischof von Chur werden? «In der katholischen Kirche gibt es keine Ausländer», sagt Bonnemain, und im Bistum Chur keine Bestimmungen, die den Radius der Bischofsernennung einschränken würden. Folz indessen erklärt, er halte es für völlig unwahrscheinlich, Churer Weihbischof zu werden. Es sei in der jetzigen Situation wirklich von entscheidender Bedeutung, einen im Bistum seit langem verwurzelten Kandidaten zu ernennen. So muss der Blick auch auf die drei Generalvikare der Churer Bistumsleitung fallen, auf Luis Varandas (Zürich), Peter Camenzind (Graubünden) und Bernhard Willi (Urschweiz). Alle gelten sie als schwache und wenig profilierte Priester im Schatten des gewandten Bischofs Bonnemain. Dennoch kann einer von ihnen Weihbischof werden. Am häufigsten genannt wird der portugiesische Secondo Luis Varandas, mit dem Bonnemain an Zürichs Schienhutgasse in einer ibero-katholischen Wohngemeinschaft lebt. Macht Varandas öffentlich von sich reden, dann nicht mit theologischen oder pastoralen Stellungnahmen, sondern als Organisator von Prozessionen mit der Muttergottesstatue des portugiesischen Wallfahrtsortes Fatima auch mitten in Zürich.
Hingegen gibt es unter den Domherren gut ausgebildete und profilierte mögliche Bischofskandidaten: Die Pfarrer Daniel Krieg, Ernst Fuchs oder Andreas Rellstab. Ausserhalb der Bistumsleitung gelten der Liechtensteiner Pfarrer Kurt Vogt oder der Davoser Pfarrer Kurt Benedikt Susak als papabile. Insgesamt aber ist die Personaldecke dünn, und die Auswahl an fähigen Bischofskandidaten gering. Der Churer Klerus setzt sich heute nicht nur aus vielen indischen, polnischen und afrikanischen Geistlichen zusammen, sondern auch aus zahlreichen von Haas und Huonder ernannten linientreuen Priestern, die oftmals ihre dürftige theologische Ausbildung mit frommer Gesinnung kompensieren.
Erzbistum Vaduz völlig isoliert
Noch akuter ist dieses Problem im Nachbarbistum Vaduz, das seit langem auf einen Bischof wartet. In den 25 Jahren unter Wolfgang Haas hat sich das Erzbistum mit vielen schwierigen und dürftig ausgebildeten konservativen Klerikern isoliert. Seit der Demission des ungeliebten Erzbischofs im Sommer 2023 leitet interimistisch Bischof Benno Elbs aus der Nachbardiözese Feldkirch das Erzbistum Vaduz als Administrator. Er, der damals mit einer Übergangszeit von drei Monaten rechnete, ist nun seit zweieinhalb Jahren im Amt und möchte das Erzbistum abgeben.
Gut informierte Beobachter mutmassen, dass die neue nahe bei der Kathedrale St. Florin gelegene exklusive Immobilie Heiligkreuz 38 mit Büros, Wohnungen und Kapelle eines Tages auch als Sitz eines Bischofs oder Weihbischofs dienen könnte – vielleicht in der Person von Jochen Folz. Hausherr Folz selbst wehrt ab: Die Immobilie sei Sitz der Stiftung und diene als Begegnungs- und Bildungshaus. Er halte es ebenso für absolut ausgeschlossen, dass er zum neuen Erzbischof ernannt werde. Man solle das Secretum Pontificum, das päpstliche Geheimnis respektieren und nicht ständig spekulieren. Im Erzbistum sei der Druck eh schon gross.
Ein Bischof in Personalunion für Chur-Vaduz?
Ob das Erzbistum Vaduz, das 1997 von Chur abgetrennt wurde, überhaupt wieder einen eigenen Erzbischof bekommt, ist ungewiss. Möglich ist auch, dass Rom schon bald oder in näherer Zukunft einen Bischof in Personalunion für Chur und Vaduz bestimmen wird, wie das etwa ein Gutachten des früheren renommierten Kirchenrechtlers Urs Josef Cavelti vorschlägt.
Gemäss Folz spricht kirchenrechtlich nichts dagegen. Genauso aber könne Vaduz nach dem Motto «Ein Land, ein Bistum» ein eigenständiges Erzbistum unter einem erfahrenen Kirchenmann bleiben. Bonnemain erklärt dazu: Eine Bindung zwischen dem Bistum Chur und Vaduz gebe es nicht mehr. «Deswegen ist es undenkbar, dass das Erzbistum wieder zum Bistum Chur zurückgeschlagen werden könnte». Darum werde es auch kein Doppelbistum mit einem einzigen Territorium geben. Der Bischof weist aber auf die Möglichkeit hin, dass der apostolische Stuhl manchmal bei kleinen Bistümern, wie in Italien, anstatt einen neuen Bischof zu ernennen, die Leitung des Bistums einem Nachbarbischof anvertraue. Ein Bischof in Personalunion für Chur und Vaduz wäre künftig also durchaus möglich. Das knifflige Problem lösen muss der neue römische Bischofspräfekt Filippo Iannone, ein konservativer Kirchenrechtler und Ordensmann wie Papst Leo XIV., von dem er dieses Amt im letzten Oktober übernommen hat, auch mit der Aufgabe, neue Wege für kleine Bistümer zu finden.
Was vorerst den neuen Churer Weihbischof betrifft, hat Bonnemain versprochen, dieser werde nicht mit Nachfolgerecht ernannt. Das hatte bekanntlich 1988 zum Skandal geführt, als Rom in der Person des Liechtensteiners Wolfgang Haas einen Weihbischof mit Nachfolgerecht ernannte und damit das Bischofswahlrecht des Churer Domkapitels aushebelte. Jahrelange erbitterte Auseinandersetzungen waren die Folge. Der damalige Churer Kirchenrichter Joseph Bonnemain allerdings hatte die Ernennung nach aussen als völlig rechtens und vom Heiligen Geist gewirkt verteidigt. Auch ohne verbrieftes Nachfolgerecht könnte der neue Churer Weihbischof in zwei Jahren Bonnemains Nachfolger werden. Das Domkapitel ist aber frei, auch einen anderen Priester zu wählen. Vielleicht schlägt dann die Stunde für Jochen Folz.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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