Tetjana Jureneva

Tatjana Jureneva, deren Wohnung in der Stadt Isjum von russischen Streubomben getroffen wurde, berichtet in der SRF-Tagesschau. © srf

Tagesschau informiert über Kriegsopfer ethnisch diskriminierend

Urs P. Gasche /  Über die unzähligen zivilen Opfer von Kriegen berichtet SRF-TV auffallend selektiv. Opfer sind offensichtlich nicht gleich Opfer.

Militärische Angriffe auf die Zivilbevölkerung und auf Einrichtungen, die ausschliesslich der Zivilbevölkerung dienen, verstossen gegen das humanitäre Völkerrecht. Zu den vielen unschuldigen Opfern zählen insbesondere Frauen, Kinder und Alte. 

Es ist Aufgabe der Medien, diese Kriegsverbrechen öffentlich zu machen und anzuprangern – überall. 

Über die Zahl der Betroffenen gibt es jeweils Schätzungen, jedoch keine offiziellen Angaben. Seit Anfang Jahr sind in Sudan und Gaza nach Schätzungen internationaler Organisationen am meisten Zivilpersonen getötet, verletzt, vertrieben und ungenügend versorgt worden. Viele zivile Kriegsopfer gab es seit Anfang Jahr auch in der demokratischen Republik Kongo, in Äthiopien oder in Libanon.

Seit dem Angriff Israels und der USA gegen Iran wurden dort nach Schätzungen des IKRK mehr als 1900 Zivilisten getötet und über 20’000 verletzt.

Auch in der Ukraine wurden seit Anfang Jahr weiterhin viele Zivilpersonen getötet und verletzt. Über diese berichtete die SRF-Tagesschau regelmässig, als russische Geschosse dort Wohnhäuser trafen. Oft werden Überlebende interviewt. 

Anders als in der Ukraine hat SRF in den anderen Ländern kaum ständige Korrespondenten, aktuell nicht einmal in Iran. SRF übernimmt solche Berichte kaum je von anderen Stationen.

Über aktuelle zivile Opfer und Zerstörungen ziviler Infrastruktur in Iran, Gaza, im Westjordanland, Libanon, Sudan oder der Republik Kongo berichtet die Tagesschau nur selten. Opfer in diesen Ländern kommen praktisch nie zu Wort. 

Regelmässig berichtet die Tagesschau über Stromausfälle in ukrainischen Wohnvierteln. Was auffällt: Über die viel stärkere Betroffenheit einer viel grösseren Zahl ziviler Menschen in Libanon, Gaza oder erst recht in der Republik Kongo und in Sudan informiert die Tagesschau nur selten: Sie überleben in Zelten und sind gesundheitlich nicht versorgt. In Sudan hungern Zehntausende und werden vergewaltigt. 

Fazit: Die Tagesschau des Schweizer Fernsehens gewichtet zivile Opfer äusserst ungleich. Über nicht-europäische zivile Opfer informiert sie viel seltener als über diejenigen in der Ukraine. 

Private Medien informieren meist noch weniger ausgewogen.

Das ist ethnische Diskriminierung.

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PS. Über wahrscheinlich «mindestens ein Todesopfer und acht Verletzte» in Leipzig, wo ein Autofahrer in eine Menschenmenge gefahren war, informierte die SRF-Tagesschau am 4. Mai 2026 an erster Stelle während fast vier Minuten – einschliesslich eines Korrespondentenberichts («viel mehr weiss ich auch nicht»).


Stellungnahme der SRF-Tagesschau

Fragen von Infosperber an Redaktionsleiterin Regula Messerli

«Guten Tag Frau Messerli

Es ist Aufgabe der Medien, militärische Angriffe auf die Zivilbevölkerung und auf zivile Einrichtungen öffentlich zu machen und anzuprangern – überall.

In der Ukraine erfüllt die Tagesschau diese Aufgabe und zeigt regelmässig zerstörte Wohnhäuser und zivile Einrichtungen. Sie berichtet immer wieder über Stromausfälle und lässt Betroffene zu Wort kommen.

Dagegen informiert die Tagesschau vergleichsweise sehr selten über das noch viel schlimmere Schicksal der Zivilbevölkerungen im Sudan, in der Republik Kongo, im Libanon, in Gaza.

Was sagen Sie deshalb zum Vorwurf, die Tagesschau gewichte zivile Opfer äusserst ungleich? Über nicht-europäische zivile Opfer informiere sie viel seltener als über diejenigen in der Ukraine, was einer ethnischen Diskriminierung gleichkomme?»

Antwort des SRF

Die Fragen von Infosperber an die Redaktionsleiterin der Tagesschau beantwortete die SRF-Medienstelle: 

«SRF weist den Vorwurf zurück, dass wir über die Angriffe auf die Zivilbevölkerung in Gaza oder Libanon weniger berichten als in der Ukraine. Auf den Sudan und die Republik Kongo trifft dies hingegen zu. Dies hängt damit zusammen, dass wir aus diesen Ländern deutlich weniger Informationen und Videomaterial erhalten und wir in dieser Region auch weniger eigene Quellen oder Korrespondentinnen und Korrespondenten haben als in der Ukraine oder im Nahen Osten.»

Es stellt sich die Frage, warum sich SRF auf eigene Quellen beschränkt und Informationen und Videomaterial nicht von Drittquellen beschafft. Der Sender «Al Jazeera» (Katar) beispielsweise verfügt über Korrespondentinnen und Korrespondenten in Afrika, Gaza und – gegenwärtig besonders aktuell – auch in Iran. Auch bei lokalen Sendern oder bei CNN, BBC, ARD, ZDF, Sky News (London) und Sky News Arabia (Abu Dhabi), Al-Hadath (Saudi-Arabien) oder Arte ist genügend Material verfügbar.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Die Informationssendung mit den meisten Zuschauenden muss sich von kommerziellen Sendern klar abheben.

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