Kommentar
Einwanderung? Brauchen wir nicht wirklich!
Die Gegner der Nachhaltigkeits-Initiative der SVP wollen uns weismachen, dass unser Wohlstand und vor allem derjenige der Rentner davon abhängt, dass immer noch mehr reiche Leute aus der EU einwandern. Diese sollen hier die Arbeit machen, die sonst niemand macht. Die Schweiz, so etwa der «Tages-Anzeiger», «braucht junge Menschen aus dem Ausland, um den Altersmix im Gleichgewicht zu halten und um zu funktionieren.» Und «Blick»-Chefredaktor Rolf Cavalli fasst zusammen: «Wohlstand gibt es nicht gratis. Er braucht Arbeit, Wachstum, Dynamik – und Zuwanderung.»
Eine egoistische Argumentation
Das ist zunächst einmal eine sehr egoistische Argumentation, denn in allen Ländern, aus denen die Zuwanderer kommen, ist der Altersmix ebenfalls aus dem Gleichgewicht geraten. Auch ihre Geburtenraten sind zu tief, auch bei ihnen nimmt der Anteil der Rentner zu. Wollen wir unser Problem wirklich auf dem Buckel der anderen lösen? Nüchtern gesehen hat auch die EU kein Interesse daran, dass sich wegen der Personenfreizügigkeit ihre Randgebiete entleeren.
Sehen wir uns diesen Altersmix einmal genauer an: Die Schweiz hat gegenwärtig 9,1 Millionen Einwohner. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 84 Jahren. Ohne Nettoeinwanderung und wenn die Geburtenrate schon immer bei 2,1 Kindern pro Frau gelegen hätte, statt wie heute bloss bei 1,3, dann ergäbe sich inzwischen folgender Bevölkerungsmix: 4,9 Millionen Aktive (20- bis 65-Jährige), 2,2 Millionen Junge (bis 19-Jährige) und 2 Millionen Rentner. 10 Aktive müssten je 4,4 Junge und 4,1 Rentner durchfüttern.
Wir leben auf Pump
Dank der bisherigen Einwanderung und wegen der niedrigen Geburtenrate haben wir aber effektiv rund 5,5 Millionen Aktive und je rund 1,8 Millionen Junge und Rentner. 10 Aktive müssen demnach nur für je 3,3 Rentner und Junge aufkommen. Praktisch heisst dies, dass rund ein Viertel unserer AHV-Rente darauf beruht, dass die Eingewanderten zwar schon einzahlen, aber noch keine Rente beziehen. Wir leben auf Pump. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Stopp der Einwanderung die Renten sinken lässt. Daniel Lampart, der Chefökonom des Gewerkschaftsbundes, rechnet mit «einem durchschnittlichen Rentenverlust von bis zu 2200 Franken pro Jahr.»
Das ist eine plausible Grösse, unterschlägt aber, dass diese 2200 Franken volkswirtschaftlich gesehen geliehenes Geld sind, und dass die jungen Arbeitnehmer auch von der «Verhütungsdividende» profitieren. Wegen der niedrigen Geburtenrate müssen die Aktiven pro Paar im Schnitt auch nur noch 1,3 statt 2,1 Kinder grossziehen. Mit 1,3 statt 2,1 Kindern sparen ein Elternpaar und der Staat zusammen rund 700’000 Franken. Mit diesem Geld könnte der Rentenverlust in etwa kompensiert werden.
Die Arbeitsproduktivität steigt
Dazu kommt, dass die Arbeitsproduktivität pro Jahr erfahrungsgemäss um gut ein Prozent steigt. Die Aktiven können also mit gleich viel Arbeitsaufwand immer mehr Rentner versorgen. Das allein reicht aus, um die zu tiefe Geburtenrate zu kompensieren. Diese bewirkt, dass pro Jahr rund 40’000 Menschen zu wenig das aktive Alter erreichen. Gemessen an den (noch) 5,5 Millionen Aktiven ist das ein Manko von 0,75 Prozent, das durch die Produktivitätssteigerung locker kompensiert wird.

Kurz: Wir (und Lampart) jammern erstens auf hohem Niveau und zweitens auf Kosten der anderen. Die These, wonach ein Einwanderungsstopp unsere Renten gefährden würde, ist zumindest stark übertrieben. Doch wie steht es mit der Behauptung, wonach es ohne Einwanderung kein Wachstum der Produktivität geben könne? Dazu wäre zunächst einmal anzumerken, dass die Lohnempfänger seit 2015 von der steigenden Produktivität nicht mehr profitiert haben. Die Reallöhne sind seither praktisch unverändert geblieben. All die vielen, deren Mieten um mehr als die durchschnittlich 12 Prozent, die das BfS ermittelt hat, gestiegen sind, haben – oft heftige – Einbussen erlitten.
Was «die Wirtschaft» braucht
Die These, wonach die Schweiz immer mehr Einwanderer brauche, wird gerne auch damit begründet, dass unsere Wirtschaft die Leute benötige. Dahinter steckt meist einer von zwei Fällen:
- Eine Firma braucht eine Fachkraft und entwirft ein Stellenprofil. In der Schweiz finden sich zwei Kandidaten, welche die Ansprüche zu 90 Prozent erfüllen. Auf dem viel grösseren Arbeitsmarkt der EU finden sich zwei Kandidaten mit 95 Prozent oder mehr. Genau das, was unserer Wirtschaft braucht.
- Mehr ins Gewicht fällt, dass es der «Greater Zurich Aera» gelingt, dank der Steuer- und Standortvorteile, welche die Schweiz bietet, eine Firma mit 100 gutbezahlten Angestellten anzusiedeln. Da diese mehr Steuern bezahlen, als sie staatliche Leistungen beanspruchen, ist das zunächst einmal ein Gewinn für die ganze Schweiz. Viele Gemeinden können die Steuern senken – wovon auch die Einheimischen profitieren.
Diese gutbezahlten Arbeitskräfte – oder erst recht die Steuerflüchtlinge – zahlen aber nicht nur Steuern, sie leben und konsumieren auch hier. Allein ihre Unterbringung in Villen und exklusiven Wohnungen, ihr aufwändiger Lebensstil, ihre Dienstboten et cetera schaffen eine grosse Nachfrage nach zusätzlichen Arbeitskräften, die dann wiederum importiert werden müssen. Einverstanden: Darunter sind auch Krankenschwestern und Pizzakuriere, die «wir Einheimischen» beanspruchen.

Aber per saldo machen die Eingewanderten nicht unsere Arbeit, sondern arbeiten für den eigenen Bedarf. Und die Gutverdienenden unter ihnen beanspruchen nicht nur besonders viel Arbeit, sondern treiben auch noch die Immobilienpreise hoch. Die normalen «Dienstleister» und die Asylbewerber tragen dazu nichts oder nur wenig bei.
Viel wirksamere Mittel
Statt eine Obergrenze der Bevölkerung festzulegen und notfalls die Personenfreizügigkeit mit der EU aufzukünden, könnte man die Einwanderung mit zwei Massnahmen viel wirksamer bremsen. Erstens, indem wir aufhören würden, Steuerflüchtlinge und hochprofitable Firmen mit tiefen Steuern in die Schweiz zu locken. Zweitens, indem wir den Umstand nützen, dass auch die EU kein Interesse daran hat, dass ihr besten Leute abwandern. Ein bisschen mehr Inländervorrang wäre im beiderseitigen Interesse.
Wäre es der SVP wirklich ernst gewesen, hätte sie solche Vorschläge in ihre Initiative einbauen und die Drohung mit der Aufkündigung der Personenfreizügigkeit entsprechend abschwächen müssen. Stattdessen macht sie das Problem fast ausschliesslich an den Asylbewerbern und Arbeitsmigranten fest. Auch die SP will nichts davon wissen, dass die Einwanderung – insbesondere der Reichen – massgeblich zur Überbevölkerung zum Dichtestress und zu den explodierenden Mieten und Bodenpreisen beiträgt.
Schade: Mit einem vernünftigen Gegenvorschlag hätten wir unser Problem zumindest entschärfen können, ohne die EU zu provozieren. Jetzt haben wir nur noch die Wahl zwischen zwei schlechten Lösungen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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