«Ölkonzerne haben bereits 80 Milliarden verdient»
Der ehemalige Finanzminister Griechenlands und einstige Hoffnungsträger der linken Syriza-Regierung Yanis Varoufakis sitzt im Gespräch mit dem US-Journalisten und Pulitzer-Preisträger Chris Hedges und spricht nicht wie ein Politiker, der etwas verkaufen will, sondern wie einer, der eine Rechnung aufmacht, die niemand bestellt hat und die trotzdem alle bezahlen sollen. Am Anfang scheint es noch um Strategie zu gehen. Um Iran, um Trump, um Netanjahu. Um den Schrecken, von dem wir täglich lesen: wer mit welcher bunkerbrechenden Rakete getötet wird, welches Ölfeld brennt, welche Stadt getroffen ist. Aber Yanis Varoufakis räumt das schnell beiseite und entwirft ein Szenario, in dem diese schnellen Kriegsanalysen kaum relevanter sind als die Schlagzeilen von gestern. Was bleibt, ist die Ahnung einer Katastrophe, die sich langsam in Gang setzt.
Varoufakis spricht über Trump wie über einen Mann, der in einen Krieg geraten ist wie in eine schlechte Kneipe, aus der er nicht mehr herausfindet – «aus Gründen, die wir wohl erst in einigen Jahren verstehen werden, und all das wird langfristige, nachhaltige Folgen haben.»
Das Ende der Illusion
Was folgt, ist keine Analyse im üblichen Sinn. Eher ein Spaziergang durch den Friedhof der Hoffnung, dass sich alles irgendwie einrenkt. Den beruhigenden Stimmen aus der Financial Times und dem Wall Street Journal, die darauf setzen, dass sich auch dieser Schock wie der letzte verflüchtigt, gibt er einen Namen: «Wunschdenken». Eine Disziplin, in der die grossen Wirtschaftszeitungen traditionell stark sind.
Der Unterschied zu früher, erklärt er mit der Begeisterung eines Mannes, der in seiner Cornflakes-Packung eine tote Maus gefunden hat, sei simpel und brutal und liege in einem elementaren Faktor: Energie. «Die Nachfrage in den Vereinigten Staaten reagiert nicht elastisch auf steigende Benzinpreise.» Dieser Satz, scheinbar nur eine ökonomische Formel, entfaltet sich bei Varoufakis zu einem gesellschaftlichen Panorama. Denn dahinter stehen Menschen, die morgens ins Auto steigen müssen, egal was der Sprit kostet, weil sich ihre Löhne nicht so flexibel verhalten wie die Märkte. «Die überwiegende Mehrheit genau jener Menschen, der Arbeiterschaft, die Trump gewählt haben, leidet unter exorbitanten Erhöhungen ihrer Transportkosten.» Und bald geht es bei Varoufakis nicht mehr um Staaten, sondern um Klassen. «Diese Kriege, diese Handelskriege, diese tatsächlichen Kriege, diese tödlichen Kriege – letztendlich sind sie alle Kriege zwischen den Klassen.»
Die Krisengewinner
Und wie immer in solchen Momenten zeigt sich, wer gewinnt. Nicht Amerika, nicht Europa, nicht China. Sondern jene Strukturen, die sich längst den nationalen Logiken entzogen haben: «Es sind die Ölkonzerne, die – als ich das letzte Mal geprüft habe – bereits rund 80 Milliarden durch den Anstieg des Ölpreises verdient haben. Aber wenn du ein MAGA-Arbeiter bist, der mit einem spritfressenden Auto zu einem Bullshit-Job fahren muss, dann ist das für dich jetzt das Ende. Du kommst einfach nicht über die Runden.»
Die Welt, die Varoufakis beschreibt, gerät ins Rutschen, und die Konturen einer globalen Abhängigkeitsarchitektur treten hervor. Japan hängt am Öl aus dem Golf, Bangladesch am Gas, Europa an seiner eigenen Zersplitterung. In dieser Topographie der Verwundbarkeit gibt es keine Inseln der Stabilität mehr. «Was wirklich zählt, ist der Schneeballeffekt», sagt er. «Es geht nicht so sehr um die primären Auswirkungen, sondern vielmehr um die sekundären und tertiären Auswirkungen.»
In diesem Satz verdichtet sich eine Erkenntnis, die unsere gesamte Gegenwart durchdringt: Die eigentliche Gefahr liegt nicht in der ersten Welle der Erschütterung, in steigenden Preisen oder blockierten Routen. Es geht um das, was danach kommt: Lieferketten, die nicht mehr anspringen, Fabriken, die stillstehen, Märkte, die sich nicht beruhigen, selbst wenn sich die Lage längst geändert hat.
Varoufakis spricht eine Grundeigenschaft unserer vernetzten Gegenwart an, eine Kaskade der Konsequenzen, die sich einer rationalen Kontrolle entzieht: Aus der ersten Erschütterung erwächst eine zweite, aus dieser eine dritte, bis wir vor einem Geflecht von Kausalitäten stehen, dessen Ursprung wir zwar noch benennen können, dessen Dynamik aber selbst die klügsten Köpfe nicht mehr zu durchdringen vermögen. Erst ein Problem, dann die Probleme, die daraus entstehen, und am Ende jene, die niemand mehr versteht.
Die brüchige Ordnung Europas
Europa, sagt Varoufakis, existiere nicht mehr als Einheit, sondern als fortlaufende Spaltung: «Die Europäische Union ist keine wirkliche Union, sie ist eine Union der Uneinigkeit.» Eine, die kaum noch jemand ernst nehme, «am allerwenigsten Donald Trump». Diese Fragmentierung vertiefe sich durch den Krieg. Während in Spanien der Strompreis bei 35 Euro liege, zahle man in Griechenland 144. «Es ist also nicht nur so, dass uns in Europa eine Welle dieses rezessiven Tsunamis getroffen hat. Diese Welle hat uns asymmetrisch getroffen. Und diese Asymmetrien sind auf die Machtverhältnisse zwischen den lokalen Oligarchien zurückzuführen.»
Er mache sich keine Sorgen wegen einer Hyperinflation, sondern wegen etwas Schlimmerem. Etwas, das nach den Siebzigerjahren riecht und nach alten Katastrophen, nach einer Zeit, in der die Gewissheiten der Ökonomie zerbrachen: «Stagflation.» In diesem Begriff verdichtet sich eine ökonomische Konstellation, die wir längst überwunden glaubten, jene toxische Verbindung aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation, aus Arbeitslosigkeit und Geldentwertung.

Was Varoufakis beschreibt, ist kein Widerspruch, sondern ein Mechanismus. Die Preise steigen, weil Energie teurer wird, weil Kriege Lieferketten zerreissen und ein System ins Rutschen gerät, das lange stabil schien. Gleichzeitig bricht die Nachfrage ein: Unternehmen investieren weniger, Wachstum stockt, Arbeitsplätze verschwinden. «In den Vereinigten Staaten kostet das Benzin für den Weg zur Arbeit mehr. Es gibt also Inflation. Gleichzeitig sinkt aber auch die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen und damit nach Arbeitskräften. Die Arbeitslosigkeit steigt.»
Die Zentralbanken werden reagieren, sagt er. Aber nicht im Interesse der Menschen, sondern im Interesse der Vermögen: «Sie interessieren sich überhaupt nicht für das Wohl der einfachen Leute.» Also werden, so Varoufakis, die Zinsen steigen, die Jobs verschwinden und die Preise trotzdem hoch bleiben. Ein perfekter Sturm, allerdings einer, der wie eine Excel-Tabelle aussieht.
Wenn Systeme die Kontrolle verlieren
Während die täglichen Analysen am Sichtbaren hängen bleiben, richtet Varoufakis den Blick auf das, was sich darunter verschiebt. Wie immer, wenn Systeme unter Druck geraten, verschiebt sich auch die Politik. Und was für den ehemaligen Finanzminister Griechenlands dabei sichtbar wird, ist alles andere als beruhigend.
In seiner Analyse der europäischen Zwischenkriegszeit erscheint der Faschismus nicht als isoliertes Phänomen, sondern als systemische Reaktion: «Was war Faschismus? Es war das, was mit dem Kapitalismus geschieht, wenn er mit der von ihm selbst verursachten Krise nicht fertig wird. Wenn die Kapitalistenklasse die Kontrolle verliert, zieht sie an den Hebeln, aber diese funktionieren nicht mehr. Wie unglückliche Piloten, die im Cockpit sitzen und plötzlich feststellen, dass die Hebel nicht mehr auf ihr Ziehen und Drücken reagieren, ist der Faschismus die Ideologie und die Praxis der Wahl, die es ihnen ermöglicht, an der Macht zu bleiben. Die Faschisten waren für die herrschende Klasse immer besonders nützlich, wenn diese es vermasselt hatte und die von ihr selbst verursachte Krise nicht mehr eindämmen konnte.»
Die Transformation demokratischer Strukturen in autoritäre Herrschaftsformen folgt bei Varoufakis nicht dem Zufall, sondern einer inneren Logik des Systems selbst. Und dass diese Logik nicht der Vergangenheit angehört, ist der eigentliche beunruhigende Gedanke.
Aus den Trümmern der gegenwärtigen Ordnung wächst für ihn eine Notwendigkeit: «Organisieren, organisieren und noch mehr organisieren. Es gibt keine Alternative zur mühsamen Arbeit politischer Organisation, unsere Regierungen zu stürzen. Wissen Sie, das ist gute, altmodische Politik. Keiner von uns kann diese Probleme im Alleingang lösen, auch nicht mit feurigen Reden oder grossartigen Artikeln. All das ist wichtig, um die Menschen zu organisieren, damit wir tatsächlich die Hebel der Macht übernehmen können. Das klingt nach einer gewaltigen Herausforderung. Nun, das ist es auch. Aber wie Hannah Arendt sagte: ‹Jede Revolution schien unmöglich, bevor sie geschah, und unvermeidlich, nachdem sie geschehen war.›»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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