Sprachlust: «Bsunderi Aaforderige» an die Mundart

Daniel Goldstein © Valérie Chételat
Daniel Goldstein / 26. Jan 2013 - Anders als viele Dialekte ist Schweizerdeutsch in allen Bereichen üblich, auch formellen. Nur tönt es dann nicht immer mundartlich.

«Di hütig Schuel mues in höchem Mass bereit und i de Laag si, sich bsundere Aaforderige aazpasse und uf neui Herusforderige prompt und adäquat z reagiere.» Bei solchen Sätzen fragt man sich, ob es wirklich ein Segen ist, dass wir grundsätzlich in allen Lebenslagen Dialekt reden können; dass wir also nicht auf die Hochsprache ausweichen müssen, wenn es ernst wird. Ernst und formell wie an einer Gemeindeversammlung – von dort stammt das echte Beispiel, protokolliert hat es die «Zürichsee-Zeitung».

Vermutlich hielt sich das Behördenmitglied, das hier zitiert wurde, an ein aufgeschriebenes Leitbild und hätte dieses besser gleich auf Schriftdeutsch zitiert, statt es «halbbatzig» in Mundart zu übersetzen. Zudem ist die Gefahr gross, dass auch bei der Diskussion über – naturgemäss schriftdeutsche – politische Vorlagen in Gemeinde- und Kantonsparlamenten Wendungen in den Dialekt rutschen, die dort nichts verloren haben; ebenso in TV-Sendungen, in denen Politiker Mundart reden, damit sie spontaner sind oder zumindest so wirken.

Kein nahtloser Übergang

Anderswo im deutschen Sprachgebiet sind Dialekte, soweit sie sich erhalten haben, eher in der Familie oder auch noch im informellen öffentlichen Gebrauch zu finden. Ist eine Mundart, wie etwa das Saarländische, in allen Bereichen üblich, so wird das als Besonderheit verzeichnet. In Österreich reden Sprachwissenschafter gern von einem «Dia⁠lek⁠t-Hochsprache-Kontinuum», in dem verschiedene Ebenen der Formalität zwanglos ineinander übergehen.

Von einem solchen Kontinuum kann in der Deutschschweiz keine Rede sein; wir brauchen eine bewusste Anstrengung, um (einigermassen) Hochdeutsch zu sprechen, und wir reagieren (hoffentlich) allergisch, wenn sich Schriftsprache in der Mundart breitmacht. Das tut sie auch in Nachrichtensendungen. Fürs Stadtzürcher «Tagblatt» hat Christoph Landolt, Redaktor am Schweizerdeutsch-Wörterbuch «Idiotikon», Lokalradio und -Fernsehen beobachtet. Aufgefallen ist ihm etwa «es Gsuech iiräiche», «di benöötigte Gaaschraftwerch» oder «wächselndi Bewölchig». In freier Rede ausserhalb der Nachrichten halte sich Zürichdeutsch besser, sei aber – wie seit langem im Alltag – vom Sprachwandel betroffen; «vom Schriftdeutschen be- oder verdrängt» sei etwa «Anke» oder neuerdings «Ross».

Papierenes lieber Schriftdeutsch

«Use it or lose it» gilt auch für den Dialekt: Man muss ihn samt seinen Eigenheiten verwenden, will man ihn nicht verlieren. Die kostbare Möglichkeit, auf Schweizerdeutsch alles zu sagen, lädt ja dazu ein – sie birgt aber auch besondere Gefahren: Wo sich die Mundart in Bereiche wagt, in denen die Schriftsprache den Ton angibt wie eben in der Politik und den Nachrichten, da lauert das «Gemeindeversammlungsdeutsch». Es mit geniessbarem Schweizerdeutsch zu vermeiden, erfordert einen ähnlichen Effort, wie auf Hochdeutsch umzustellen. Letzteres wäre, wenn ein Thema allzu papieren ist, gar nicht das Dümmste.

Erst recht gilt das für schriftliche Äusserungen. So wäre uns erspart geblieben, im «Bund» auf Berndeutsch nachlesen zu können, was der Schriftsteller Guy Krneta auf der Internet-Plattform «Journal B» mündlich zur städtischen Kulturpolitik vorgetragen hatte. Zu hören und zu lesen war etwa: «herusraagendi Literatur», «Vraaschtautige», «bereit syg», «einisch meh», «unnachvouziebar». Dass man literarisch alles auf Schweizerdeutsch sagen oder eben schreiben kann, gehört zur Pracht unserer Dialekte, aber wenn ein politischer Diskussionsbeitrag auf Mundart zurechtgebogen wird, ist die Pracht dahin. Ebenso, wenn in Dialektkolumnen «vom Wauhrächt Gebruuch mache» steht, «Beschtätigung vor beschtehende Ornig» oder «fougendes Statment». Alles echt, wie auch dies: «Drmit söu e Troscht usgschproche wärde.» Nicht gerade tröstlich.

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch

Weiterführende Informationen

Guy Krneta mündlich auf «Journal B»
Guy Krneta schriftlich im «Bund»

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3 Meinungen

Grüessech Herr Goldschtei

Eue Komentar het mi itz ganz bsunders gfröit. I ergere mi o ab und zue über di blödi Mode, Schriftdütsch 'ab Blatt' welle z übersetze. Es geit eifach nid. Früecher hei mir däm zBärn Grossratsdeutsch gseit, wil me wäge de Jurassier im Grosse Rat scho immer het müesse schriftdütsch rede.

I ghöre no zu nere Generation wo richtig Bärndütsch gleert het, nach em Profässer vo Greyerz. Mi dünkt d Entwicklig bi de Junge, bi dene wo itz iri SMS und twitterei uf Schwyzerdütsch schrybe, und o wi si rede, je länger descht meh druf use louft, das ds eigete Vocabulaire verlore geit und drus öppis wird wo no nach Dialäkt tönt aber im Wortschatz immer meh hochdütschi Usdrück brucht, oder de halt no e par änglischi. Es änderet sech halt o d Schprach mit dr Zyt, so truurig das es isch.

Aber i fröie mi enorm über alli wo sech no für nes gediges Schwyzerdütsch ysetze.
Merci vilmal

Barbara Stiner
Barbara Stiner, am 03. Februar 2013 um 08:38 Uhr
Vielen Dank, Frau Stiner. Vielleicht interessiert Sie auch das:
http://newsletter.nzz.ch/re?l=ot5q9gI6xuigh7I9
Daniel Goldstein, am 03. Februar 2013 um 13:58 Uhr
merci vilmal für dä link, er het scho bim erschte mail funktioniert! am frytig hani nämlech vo däm artikel am radio ghört, aber de bin i dr ganz tag unterwägs gsi u ha ganz vergässe d zürirzytig z choufe. und itz chumen i doch no derzue ne zläse.
Barbara Stiner, am 03. Februar 2013 um 17:34 Uhr

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