1280px-Pirogue_running_from_the_Nam_Khan_river_to_the_Mekong_a_sunny_day_in_Luang_Prabang_Laos

Der Mekong (hier bei Luang Prabang, Laos) ist einer der grössten Flüsse der Welt und eine Lebensader Südostasiens. © Basile Morin, Wikimedia Commons

Wie der Abbau von Seltenen Erden Südostasien vergiftet

Daniela Gschweng /  Unregulierte Minen verschmutzen den Fluss Mekong, der sechs Länder mit Wasser versorgt. Verantwortlich will keiner sein.

Der Toxikologe Wan Viriya von der Universität von Chiang Mai sammelt Wasser- und Bodenproben von Thailands abgelegenen Flüssen. Viele bekommt er von der lokalen Bevölkerung, die sich Sorgen um ihr Wasser macht. Einer davon ist der Fischer Kob Kotkam aus dem Städtchen Tha Ton an der Grenze zu Myanmar.

Kotkam geht nicht mehr im Fluss Kok angeln, weil er Angst vor Chemikalien hat. Vom Wasser bekommt er juckenden Ausschlag. Seinem Beruf als Fischer könne er «vorerst nicht mehr nachgehen», berichtete die «Tagesschau». Auch andere Anwohnende leiden unter Ausschlägen. Den immer seltener werdenden Fisch aus dem Fluss will niemand mehr essen.

Der Fluss ist zur giftigen Suppe geworden

Was daran liegt, dass der einst saubere Fluss sich in eine giftige Suppe verwandelt hat. In Wasser- und Sedimentproben rund um den Kok fand Viriya Schwermetalle in Konzentrationen, die die Grenzwerte um ein Vielfaches überschreiten. Sein Team stellte vor allem Arsen fest, aber auch Cadmium, Chrom und Quecksilber.

Kob Kotkam am Kok
Der Fischer Kob Kotkam nimmt Wasserproben am Fluss Kok. Er befürchtet dass er seinen Beruf nie mehr wird ausüben können.

Gemeinsam mit der US-Organisation Stimson Center ging der Wissenschaftler der Sache nach. Die Spur führte zu zwei Minen für Seltene Erden, die bei Tha Ton gleich hinter der Grenze zwischen Thailand und Myanmar liegen. Die giftigen Begleitprodukte des Bergbaus werden dort offenbar einfach in die Umwelt geleitet und damit in die für die Region so wichtigen Flüsse. In der Stadt Chang Rai weiter flussabwärts sollen erhöhte Arsenwerte bereits im Trinkwasser nachgewiesen worden sein, schreibt die «Tagesschau».

In den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl der Minen zugenommen

Die Forschenden analysierten Satellitenbilder in der ganzen Region, die die Ausbreitung der Minen in den vergangenen zehn Jahren zeigen. Auf der Webseite des Projekts erklären sie ausführlich, welche Verschmutzungen verschiedene Arten der Erzgewinnung erzeugen. Seltene Erden werden meist mit Dünger und Wasser ausgewaschen, das in Bohrlöcher gefüllt wird. Die Ammoniumverbindungen aus dem Dünger lösen die Erze aus dem Tonboden. Das Wasser wird gesammelt, der Schlamm aufbereitet, das Restwasser mit allen Nebenprodukten in die Umwelt gespült.

Stimson Center Minen SOAsien
In Südostasien liegen nach Daten des Stimson Center zahlreiche Minen, in denen unterschiedliche Metalle mit verschiedenen Methoden gewonnen werden.

Bei Tha Ton liegen nicht die einzigen Minen der Region. Mancherorts wird auch nach Gold gesucht, aber vor allem die Nachfrage nach Seltenen Erden ist gross. Die gar nicht so seltenen Elemente werden zum Beispiel für Magnete verwendet, die in Elektrofahrzeugen oder Windrädern eingebaut werden. Nach dem Abbau werden die Erze nach China transportiert und dort weiter verarbeitet.

Das Gift bedroht eine Lebensader Südostasiens

Der giftige Bergbaumüll bedroht nicht nur die Menschen in der Grenzregion. Wie viele Flüsse im Norden Thailands fliesst der Kok in den Mekong, einen der grössten Flüsse der Welt. Der Mekong fliesst durch sechs Länder, neben Thailand ist er auch für Laos, Kambodscha und Vietnam bedeutend.

Newsletter Balken gelb

Die giftige Fracht könnte sich auf Millionen Menschen auswirken. Menschen, die vom Wasser des Flusses abhängig sind, darin fischen, baden und ihre Felder damit bewässern. Brian Eylers vom Stimson Center sieht eine Bedrohung für die ganze Region und darüber hinaus. Fast jeder Anwohnende konsumiere Produkte, die entlang der grossen Flüsse wie dem Mekong angebaut würden, erklärt er. Von toxischem Bergbauabfall noch mehr bedroht, ist nach den Stimson-Daten nur noch der Fluss Irrawaddy, die Lebensader Myanmars.

Produkte aus der Region gelangen bis in US-Supermärkte

Für CNN beschreibt Eylers, wie Produkte aus dem Mekongdelta bis in US-Supermärkte gelangen. Dem gegenüber stehen laut CNN mehr als 2400 vom Stimson Center identifizierte Minen in Südostasien, viele davon unreguliert. «Mit potenziell katastrophalen Auswirkungen», sagt Regan Kwan, der Leiter der Studie.

Die thailändischen Behörden hatten bisher nicht viel Erfolg damit, im Nachbarland zu intervenieren. In Myanmar herrscht Bürgerkrieg, über das Gebiet in der Nähe der thailändischen Grenze hat das Militärregime nur wenig Einfluss. Niemand übernimmt die Verantwortung für die unregulierten Minen.

Zu viele Profiteure in der Region

Womöglich auch deshalb, weil zu viele profitieren. Die Ausbeutung von Mensch und Natur in der Region hat eine lange Vorgeschichte. Wirklich kontrollierbar war die Gegend an den Rändern von Myanmar, Thailand, Laos und China nie.

Die Gegend ist geprägt von hohen Bergen und dichten Wäldern, sie ist unwegsam und abgelegen. Der Norden Myanmars steht in Teilen unter der Kontrolle von bewaffneten Oppositionsgruppen. Auch chinesische Mafiabanden hätten ihre Hand im Spiel, schreibt die «New York Times» (NYT).

Von der rechtsfreien Situation profitierten nicht nur chinesische Unternehmen, schreibt die Zeitung, die mit Insidern gesprochen hat. Auch die Militärjunta in Myanmar fülle ihre Kassen durch illegale Geschäfte im Grenzgebiet, beispielsweise durch den Handel mit Opium und synthetischen Drogen.

Bergbau im Niemandsland

Myanmar wiederum hat eine lange Bergbautradition. Seltene Erden sind eines der wichtigen Exportprodukte des Landes. Der Abbau in den abgelegenen Gegenden im Nordosten geschieht unter obskuren Bedingungen. Keine Umweltauflagen, keine Arbeitssicherheitsgesetze, vermutlich auch keine umständlichen Genehmigungen. Wer sollte sie auch erteilen?

Umweltschädlich ist der Abbau von Seltenen Erden allemal, auch wenn mit den Abfällen sorgsam umgegangen wird. Da sie meist als Beimischung in anderen Erzen vorkommen, muss sehr viel Boden bearbeitet werden, um sie zu gewinnen. Das heisst meist auch: Es wird viel Wald abgeholzt.

Mine für seltene Erden Tagesschau
Für die Gewinnung von Seltenen Erden muss meist viel Wald abgeholzt werden.

Durch Satellitenbilder sind die zunehmenden Bergbauaktivitäten im Gebiet der ethnischen Minderheit Wa gut sichtbar. Die Wa führen in den bewaldeten Bergen am Rande Myanmars einen autonomen und faktisch unabhängigen Staat im Staat. Die Grenze zu China verläuft durch ihr Gebiet – sie besteht vor allem auf dem Papier, so unsicher und unwegsam ist die Gegend.

Die grösste nationale Minderheit in Myanmar, die Shan, versucht sich zu wehren. Auch die Shan Human Right Foundation hat etliche Satellitenbilder analysiert, um die rasante Ausbreitung der Minen zu dokumentieren. Die Minen, sagt die Organisation, würden von chinesischen Unternehmen und chinesischen Vorarbeitern geführt. «In die Gewinnung von Seltenen Erden in Myanmar und Laos sind immer chinesische Staatsangehörige verwickelt», sagt auch Kwan zu «CNN». Das Know-how und der politische Einfluss kämen von dort.

Die betroffene Bevölkerung ist machtlos

80 Prozent der unregulierten Minen in den Daten befänden sich in Myanmar, fasst CNN die Daten des Stimson Center zusammen. Das Land war einst bekannt für seine reichen Edelsteinvorkommen, nun sind es Seltene Erden. Bergbau habe Tradition, zusammen mit seinen weniger schönen Begleiterscheinungen wie Drogenschmuggel, Menschenhandel, Armut und Ausbeutung.

Die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Tha Ton haben derweil fast alles probiert, um die giftige Flut einzudämmen. Sie haben sich schriftlich an Behörden gewandt, an den thailändischen Premierminister, die Behörden im Nachbarland und sogar an Xi Jinping. Er fühle sich machtlos, sagte ein Lokalpolitiker im Video der «Tagesschau» auf einem Podium. Beteiligt seien mehrere Behörden, geschehen sei bisher nichts. Alles, was er tun könne, ist, die Leute aufzufordern, vorsichthalber abgefülltes Wasser zu trinken. Die chinesische Botschaft in Thailand, immerhin, zeigte sich laut der «NYT» «sehr besorgt».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

SolaranlageBauernhof-1

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...